LOCRIAN: New Catastrophism

Eine verstörende Meditation als Manmahl und ein Funken Hoffnung: LOCRIANs Rückkehr „New Catastrophism“ zeigt eine Band nach langer Pause mit neuem Ansatz und alter Stärke.

An dem Tag im Jahr 2018, als ich erfuhr, dass ich Vater werden würde, las ich wieder besonders besorgniserregende Nachrichten darüber, wie lebensfeindlich unser Planet werden wird, wenn wir Menschen nicht endlich Einsicht gewinnen und unser Verhalten ändern werden. Kurz: Das war ein Scheißgefühl, das eigene Kind sowas auszusetzen. Damals lag das Album „Infinite Dissolution“, in dem LOCRIAN die „sechste Auslöschung“ thematisieren, bereits drei Jahre zurück. Im Jahr 2022 hat sich die Lage nicht entspannt – im Gegenteil. Ich bin mittlerweile zweifacher Vater und trage in dieser Hinsicht die doppelte Last auf meinen Schultern. Ich würde meinen Kindern gerne einen lebenswerten Planeten hinterlassen. Ich flehe geradezu, dass Kinder die Hoffnung sind und nicht hoffnungslos verloren. Und dass die kommende Generation der meinen gnadenlos in den Arsch tritt. Immerhin, hier steht das nächste, bitter nötige Mahnmal.

Sieben Jahre nach „Infinite Dissolution“ zeigen LOCRIAN „New Catastrophism“ – und entsetzen und begeistern damit zugleich.

LOCRIAN sind nach sieben Jahren wieder da. „New Catastrophism“ ist der passende Titel für ein überraschend stilles, aber ungleich tiefes Album. Während sich das Trio seit „The Crystal World“ immer mehr vom Drone wegbewegt hat, hin zu einem Mix aus (Black) Metal, Postrock, Krautrock, Noise und Drone, ist „New Catastrophism“ eine Rückbesinnung auf die Reduktion der früheren Alben, mit der kompositorischen Kraft der letzten Arbeiten. Ein bisschen simpler scheinen die vier Tracks nun schon, aber die Komplexität eröffnet sich schon nach wenigen Durchgängen. Und so laden LOCRIAN wieder zum Innehalten ein, stoßen Gedanken an, geben Raum zur Besinnung.

Es ist eine relativ kurze Reise, auf die uns LOCRIAN mitnehmen, vor allem aber eine kurzweilige. Fünfunddreißig Minuten dauert „New Catastrophism“, und deren vier Songs sind auch trotz ihrer beachtlichen Länge wirklich kompakt und kurzweilig. Wie in einem Film von Tarkowski beginnt die Betrachtung von „Mortichnia“, dem Todesmarsch. Was bleibt übrig von uns, welche Fossilien werden gefunden werden? Nun, wenn sie jemals gefunden werden. Der Todesmarsch – in kargen Tönen mit melancholischen Drones bewegen wir uns hin zu dem Punkt, an dem wir enden, bis wir nur noch als Abdrücke in Stein zu erahnen sind. Das klingt ziemlich final, richtig?

„New Catastrophism“ ist eine Rückbesinnung auf Reduktion; trotzdem agieren LOCRIAN ausnehmend komplex.

Während ich dieses Stück höre, gehe ich in den Wald, da ist eine Ameisenstraße, die über einen Schotterweg führt. Der nächste Jäger wird mit seinem Auto dutzende Insekten töten, die Straße wird bleiben. Sollten wir Menschen es eher wie die Ameisen machen und das Kollektiv über das Individuum stellen? Der Siegeszug des Individuums ist auch der Motor für Wettbewerb, für das Höher-Schneller-Weiter? Zumindest ist da diese Entfremdung der Natur, die und auch den Planeten zerstören lässt. Weil der Mensch die Natur nicht liebt. Er hasst die Natur, so sehr, sie macht ihm so sehr Angst, dass er sie beherrschen und zähmen will. Dominum terrae, macht euch die Erde untertan, und so weiter. Danke, Genesis 1,28.

Wir sind im zweiten Kapitel. „The Glare Is Everywhere And Nowhere Our Shadow“ ist ein wütendes Stück, das sehr leise beginnt, sich unter der rauschenden Wand aus Noise aufbäumt. Drummer Steven Hess hat seinen ersten wirklich perkussiven Einsatz, Terrence Hanum schreit und speit Galle, links und rechts neben mir wachsen Mannshoch Neophyten wie Springkraut und Riesenbärenklau. Ich bin auch nicht frei von der Bewertung, von dem Abscheu gegenüber Teilen der Natur, die ich meiner Konditionierung wegen als schlecht erachte. Zwei Tage später finde ich auf meiner Wade eine vollgesaugte, tote Zecke. Ekel überkommt mich, als wäre ich in der Romantrilogie Southern Reach gefangen.

LOCRIAN lassen die Gedanken treiben zwischen Hoffnung und Fatalismus: „New Catastrophism“ bietet auch Raum für ein wenig Licht.

Ich weiß genau, dass mich die Gedanken forttragen, weil das Artwork mit ikonischer Kraft genau zeigt, um was es geht. Das Eis schmilzt, es geht immer schneller. Wieder Angst um meine Kinder. Die Brutalität des Albedo-Effekts. Wenn es ein Album gibt, in dem meine Sorge vor der veränderten Umwelt beschrieben wird, dann dieses. Glücklicherweise laden LOCRIAN auch zur Besinnung ein. Wieder das Kollektiv, weg vom Individuum. 4,5 Milliarden Jahre hat diese Welt schon gesehen, ich lebe 40 Jahre. Was mache ich für einen Aufriss? Die Erde wird sich nach uns – in ihrem Maßstab – schnell erholen und noch für knapp 4,5 Milliarden Jahre weiter existieren und weiter Leben beherbergen können.

Ich stehe am Waldrand, an den sanft geschwungenen Hügeln mit weitem Blick über die Pferdekoppeln eines Einsiedlerhofes. Hier kann ich wieder Atmen, das zweiteilige, sanfte „Incomplete Map Of Voids“ schafft die im Untertitel beschworene neue Atmosphäre wie eine Wiedergeburt. Vereinzelte Gitarren, Synthesizer, Pumporgel breiten sich aus, verschaffen nach zehn Minuten etwas Erleichterung. LOCRIAN klingen hier ein wenig wie HORSEBACK, in die futuristischen Flächensounds webt André Foisy Americana-Klänge ein. Nach etwas mehr als der Hälfte des Stücks finden sich langsam eine Struktur, eine Melodie und ein Rhythmus mit einem intensiven Finale, das wieder Terance Hannums Geschrei beherbergt. Das Stück schwillt an zu einem ein alles vereinnehmenden Crescendo und hinterlässt Schönheit und Schrecken zugleich.

Auch ohne Metal-Versatzstücke sind LOCRIAN auf „New Catastrophism“ weit mehr als nur eine Drone-Band.

Das Konzept des Albums wird am besten repräsentiert durch das abermals zweiteilige „Cenotaph To The Final Glacier“. Die irgendwie schöne Atmosphäre zuvor wird durch verzerrte Gitarren, unheimliche Synthesizer, die über an „Elevation And Depths“-erinnernde Akustikgitarren gelegt werden zersetzt, und gleicht einem abschließenden Trauermarsch, auch wegen rituell anmutendem Drumming. Die Klänge verlieren sich, Synthesizer und Beats übernehmen die Führung und lassen LOCRIANs erstes Album in sieben Jahren kalt und unverwandt enden. Es schmerzt, und das muss es auch.

„New Catastrophism“ nimmt gefangen und reißt mit. Es beweist, dass diese Musiker, die seit so vielen Jahren in der experimentellen Musik wildern, tatsächlich einen haushohen Unterschied machen im Gegensatz zu Hobbyambientkünstlern. LOCRIAN zeigen kompositorisches Können und packen ihre Musik voll mit spannungsgeladenen Elementen. Das ist viel mehr als einfach nur Noise, Ambient und Drone. Die Tiefe, die André Foisy, Terence Hannum und Steven Hess erzeugen, ist bemerkenswert. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Musik erschaffen ebenso. „New Catastrophism“ klingt dabei zu keiner Sekunde so, als hätte die Band mit billigen Tricks gearbeitet, oder hätte versucht, ein Album aus reiner Selbstüberschätzung aufzubauen – dies ist die organische Zusammenarbeit dreier Musiker, die alle ihren Teil für ein großes Gesamtwerk beitragen.

Fern vom Metal sind sie Könige in ihrer Nische: Mit „New Catastrophism“ heben LOCRIAN das Niveau im experimentellen Musikbereich.

Nicht nur an dieser Stelle heben sich LOCRIAN vom entertainmentgetriebenen Teil der Metalszene ab. Logisch also, dass „New Catastrophism“ ein Album für die Nische ist. Gerade deshalb stellt ihr Publikum einen hohen Anspruch an die Musiker, den sie mit Leichtigkeit erfüllen können – und sprengt locker sämtliche Erwartungen. LOCRIANs Rückkehr hebt das Niveau im experimentellen Musikbereich. Einfach weil sie es schaffen, dass ihr Konzept vom Rezipienten aufgenommen und fortgesponnen werden kann. Insofern ist „New Catastrophism“ ein durch und durch politisches Album, ein Mahnmal und Friedensarbeit, damit wir Frieden mit uns selbst und unserer Umwelt schließen können. Dieser Frieden könnte die letzte Rettung sein. Und da ist er, der nicht totzukriegende Optimist: Ich will immer noch daran glauben, dass meine Kinder die Welt ein bisschen besser von mir erben, als ich sie bekommen habe.

Addendum: Wem die Klimakrise psychisch zusetzt, kann sich vom Verein „Psychologists for Future“ beraten lassen: https://www.psychologistsforfuture.org/

Wertung: 4 von 4 Eis-Albedo-Effekte

VÖ: 12. August 2022

Spielzeit: 35:01

Line-Up:
André Foisy – Guitar, Bass, Electronics, 12-String Acoustic Guitar
Terence Hannum – Vocals, Lyrics, Synthesizers, Drum Machine, Bowed Metal
Steven Hess – Drums, Electronics, Pump Organ

Label: Profound Lore Records

LOCRIAN „New Catastrophism“ Tracklist:

1. Mortichnia
2. The Glare Is Everywhere And Nowhere Our Shadow (Official Visualizer auf Youtube)
3. Incomplete Map Of Voids
Part I: Appear To Disappear Part II: New Atmosphere
4. Cenotaph To The Final Glacier (Official Visualizer auf Youtube)
Part I: At The Ablations Edge Part II: Dead Ice Necropolis

Mehr im Netz:

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