JETHRO TULL: A Passion Play – An Extended Performance [2CD/2DVD]

JETHRO TULL: A Passion Play – An Extended Performance [2CD/2DVD]

Denkt man als Rockfan an JETHRO TULL, dann doch oft erst mal an das Hitalbum Aqualung mit dem Genreklassiker Locomotive Breath oder als Freund früher progressiver Klänge natürlich an Thick As A Brick. Das siebente Album A Passion Play hingegen war trotz Charterfolg Grundlage für endlosen Diskussionen, nur beinharte Prog-Fans erkannten damals den Wert des Albums. Heute kann man nun diesem Prachtwerk in einem passend prächtigen Package die Aufmerksamkeit schenken, die es immer schon verdient hatte. Dabei hatte das Album anfangs eh keine Chance, die geplanten Aufnahmen in Frankreich wurden zum Hexentanz. Dabei hatte man endlich mal ein stabiles Lineup, und das Château d´Hérouville nahe Paris schien perfekt zu sein, auch PINK FLOYD und ELTON JOHN hatten dort bereits gefeierte Alben aufgenommen. Das erwies sich im fast wörtlichen Sinne als Griff ins Klo, neben zahlreichen technischen Problemen gab es Ungezieferalarm im engen, ungepflegten Wohnbereich, und zur Krönung passend zur Unterbringung eine gemeinsam geteilte Lebensmittelvergiftung. Wirklich verständlich, dass die Band ihre Koffer packte und die bisherigen Aufnahmen in die Tonne kippten. Man nahm zuhause ein komplett neues Album, unter derbem Zeitdruck, bis zur anstehenden Tour verblieben gerade mal neun Tage. Dass man in dieser Zeit so ein Album zusammenbauen kann, bleibt bis heute unglaublich!

Thema des Albums ist der Zyklus um Wiedergeburt und ewiges Leben, die Erkenntnis, dass die Entscheidungen des Lebens bis in das Nachleben reichen. Die altbekannte Geschichte von Gut gegen Böse, Gott gegen Teufel, umgesetzt in komplexen Geschichten, die ein genaues Zuhören benötigen, um auch der komplexen Musik folgen zu können. Die beruht wie bei JETHRO TULL üblich auf akustisch erarbeitete Ideen von IAN ANDERSON, die dann von den Kollegen laut passend umgesetzt wurden. Nur dass hier auf A Passion Play alle Extreme der damaligen Zeit ausgereizt wurden. Wer seit auch schon über 20 Jahren Fan des Prog-Metals ist, der findet genau hier viele Zitate, die eben jene Frickel-Metaller verbaut haben. Würde es ohne A Passion Play Jahrhundertalben wie Images And Words geben? Hm… !

So schwer die Geburt des Albums, so schwer das Erklären der Songs, die beim Zuhören viel zu viel Aufmerksamkeit erfordern, um sie in Worte zu fassen. Klar prägt die Kauzigkeit des Bandleaders Anderson die Songs, selbst hier klingt der folkige Barde durch. So ist der Auftakt noch getränkt von Altenglischen Tanzmelodien, die aber auch schon recht fordernd kommen und auf ein durchaus anstrengendes Album deuten. Da taucht einen The Silver Cord in eine herrlich düster-melancholische Stimmung, um dann mit spinnigen Jazzeinlagen zu erschrecken inklusive Saxophon, das auf dem Album immer wieder mal auf sich aufmerksam macht. Wie zart kommen da kurze Momente wie das Instrumental Re-Assuring Tune oder das mystische Forest Dance #1, herrlich hardrockig kommt das leider sehr kurze Best Friends. Wie krass ist dagegen das Minihörspiel The Story Of The Hare Who Lost His Spectacles , vorgetragen in einem so derben Akzent, dass man der schrägen Geschichte nur mit einem fetten Grinsen folgen kann. Das ist krank und macht irre Spaß, wer jetzt an Monthy Python-Humor denkt, der liegt gar nicht so falsch! Danach wird es immer wilder. Anfangs machen die Songs Hoffnung, um dann doch im Verlauf mit komplexen Rhythmen und wilden Spinnereien zu verwirren oder zu begeistern – je nach Geschmack. Wer ungebetene Gäste loswerden will, der hat hier die perfekte Scheibe dafür, damit kommt nicht jeder klar! Nebenher beim Hausputz oder bei Umbauten im Terrarium funktioniert A Passion Play definitiv nicht, selbst ausprobiert. Hinsetzen, zuhören, gern und fast zwingend unterm Kopfhörer – anders geht es nicht. Dann entfalten die Songs eine irre Größe, die man ihnen nach kurzem Reinhören – entweder neu oder wieder nach vielen ungehörten Jahren – niemals zugesprochen hätte. Mag sein, dass das Album damals oft negativ bewertet wurde, weil es seiner Zeit voraus war. Aber heute ist man halt auch andere Extreme gewöhnt, gerade auch aus der Prog- und Metal-Ecke.

Die vom Starproduzenten Steven Wilson von den originalen16-Spur-Bändern komplett neu gemasterten Aufnahmen klingen angenehm authentisch, sind aber sehr stark aufpoliert. Es wurden Tonspuren gelöscht oder nach vorn gemischt, hat man das Original, dann fällt das deutlich auf. Auf die Wärme des Originalsounds muss man verzichten, gerade wenn man auch die Original-LP hat, der Vinylklang ist nun mal einmalig. Hält man den Sound der alten CD dagegen, so sind die neuen Mixe natürlich viel feiner und dynamischer, bringen zudem durch den klaren Sound auch die Hektik im Studio und Frustration der letzten Monate zur Geltung. A Passion Play klingt hier in der neuen Version durchaus aggressiv, die Songs auch mal etwas kopflos und übermotiviert. Aber eben hier liegt der Reiz von A Passion Play, es ist extrem und erfordert tiefes Eintauchen. Und dafür bietet sich diese toll aufgemachte Extended Version perfekt an.

JETHROZudem das mächtige Package in Buchformat ja noch weitaus mehr zu bieten hat. Eingearbeitet ist ein Buch mit 80 Seiten, tollen Bildern, Stories zur Band, den Aufnahmen, der Tour, Texte, wirklich sehenswert. Selbst die auf DVD auftauchende Balletttänzerin bekommt ihre eigenen Seiten. Als musikalisches Goodie hingegen gibt es die damals verworfenen Aufnahmen aus Frankreich, die mehr sind als nur Bonus, da sie ja ein komplett anderes Album enthalten. Auch hier hat Steven Wilson ordentlich geschraubt, auch wenn man den Charme und die Rauheit von alten Aufnahmen immer noch ausreichend heraushören kann. Auch hier macht es wenig Sinn, auf die ebenso komplexen Songs einzeln einzugehen, Anhören ist Pflichtprogramm. Die Songs wirken im Vergleich zum Originalalbum trotz aller Progressivität merklich entspannter, durchdachter, in sich harmonischer. Man hat hier halt gewachsene Songs, während das Original unter derbem Zeitdruck entstand. Alles wirkt etwas verspielter, erzählerischer, so sind Songs wie Sailor oder das folkige Only Solitaire einfach wunderschön. Wird es komplex bis abstrakt wie beim langen, sperrigen Zweiteiler Critique Oblique, dann wirkt es runder und durchdachter. Das soll nicht die Songs des Originalalbums abwerten, sondern zeigen, wie wichtig der Release der Château d´Hérouville-Sessions ist. Und auch hier gibt es wieder ohne Ende Momente, an denen man sofort an DREAM THEATER denken muss. Wer diese als Ur-Väter des Prog-Metals sieht, der wird in JETHRO TULL sozusagen die Opas dieses Genres erkennen. Auch die knackig rockenden Momente gefallen, wäre aus diesen Songs tatsächlich das ursprünglich geplante Album geworden, es wäre garantiert ein Meilenstein geworden und wäre sicher nicht den trotz Charterfolgen teils negativen Kritiken des veröffentlichten Albums ausgesetzt gewesen. Gut, dass man diese Songs nun genießen kann, ohne auf schlecht klingende inoffizielle Mitschnitte aus Tapetrader-Zeiten zurückgreifen zu müssen.

Als weiteren Bonus gibt es zwei DVDs: Nummer 1 zeigt die Videos zum spinnigen The Story Of The Hare Who Lost His Spectacles sowie dem Intro und Outro. Diese wurden auf der 1973er Tour zum Album live gezeigt wurden. Ersteres eine schräge Fantasy-Geschichte mit entzückenden Balletteinlagen, schrägen Figuren in lustigen Kostümen, alles ist so überdreht, das kann man nur lieben!  Intro/Outro wirkt bedrückend, gerade weil fast nichts passiert. Zudem gibt es das Album A Passion Play sowohl im alten Originalsound sowie für Soundfetischisten im ebenfalls von Steven Wilson gezauberten 5.1-Surround Sound, auf den ich mangels passendem Equipment leider verzichten muss. Aber selbst hier auf dem Notebook klingt das Ganze im Dolby-Sound schon sehr spannend. Selbiges erlebt man auf der zweiten DVD mit den Château d´Hérouville-Aufnahmen, wieder im Originalsound, 5.1 Surround und 5.1 Dolby Sound, unterlegt mit den aus dem Buch bekannten Bildern, sehr stimmungsvoll, das Ganze!

In dieser Extended Performance-Edition ist A Passion Play ein Must Have für JETHRO TULL und Prog Rock-Fans! Das Album kann sich fast aus dem mächtigen Schatten von Thick As A Brick lösen, kann seine teils lange verkannte Größe zeigen, und erhält durch die tolle Aufmachung und die fantastischen Zugaben, vor allem die verschollenen Château d´Hérouville-Aufnahmen so viel Mehrwert, dass es den fairen Mehrpreis absolut rechtfertigt.

Veröffentlichungstermin: 27.06.2014

Spielzeit: 45:31 / 59:51 plus DVDs Min.

Line-Up:
Ian Anderson – Gitarre, Flöte, Saxophon
Martin Barre – Gitarre
Jeffrey Hammond – Bass
Barriemore Barlow – Drums, Percussion
John Evans – Keyboards

Produziert von Steven Wilson
Label: Chrysalis/Rhino/Warner

Homepage: http://jethrotull.com

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/officialjethrotull

Tracklist:
CD 1 – A Passion Play:
1. Lifebeats/Prelude
2. The Silver Cord
3. Re-Assuring Tune
4. Memory Bank
5. Best Friends
6. Critique Oblique
7. Forest Dance #1
8. The Story Of The Hare Who Lost His Spectacles
9. Forest Dance #2
10. The Foot Of Our Stairs
11. Overseer Overture
12. Flight From Lucifer
13. 10.08 To Paddington
14. Magus Perde
15. Epilogue

CD 2 – The Chateau D´Herouville Sessions:
1. The Big Top
2. Scenario
3. Audition
4. Skating Away On The Thin Ice Of The New Day
5. Sailor
6. No Rehearsal
7. Left Right
8. Only Solitaire
9. Critique Oblique (Part I)
10. Critique Oblique (Part II)
11. Animelee (1st Dance)
12. Animelee (2nd Dance)
13. Law Of The Bungle (Part I)
14. Tiger Toon
15. Law Of The Bungle (Part II)

DVD 1 – A Passion Play:
Videos:
1. The Story Of The Hare Who Lost His Spectacles
2. Intro/Outro Passion Play Film Footage
Audio:
A Passion Play in 5.1 Dts, Dolby Digital Surround Sound, 96/24 Pcm Stereo

DVD 2 – The Chateau D´Herouville Sessions:
Audio:
The Chateau D´Herouville Sessions in 5.1 Dts, Dolby Digital Surround Sound, 96/24 Pcm Stereo

Frank Hellweg
Frank (“WOSFrank”) ist seit 2002 bei vampster und alt genug, um all die spannenden Bands live gesehen zu haben, als die selber noch jung und wild waren! Er kümmert sich um Reviews, News und andere Artikel sowie um interne Hintergrundarbeit. Lieblingsbands: TROUBLE, CANDLEMASS, BLACK SABBATH, SWALLOW THE SUN. Genres: Doom, Stoner, Classic/Retro/Hard Rock, US/Power Metal, Southern/Blues Rock, Psychedelic/Progressive Rock, Singer/Songwriter.