IOMMI: Fused

Wer wie ich auch heute noch mindestens einmal im Monat die erste BLACK SABBATH-Scheibe hört und dabei immer noch eine Gänsehaut bekommt, der träumt von dem großen Wunder der neuen "alten" BLACK SABBATH. Wer realistisch genug ist, dies als Wunschtraum zu sehen greift ohne Zweifel zu "Fused" und verstopft für Tage den heimischen CD-Player

Es gibt einen Musiker, bei dessen reiner Namensnennung ich schon eine Gänsehaut kriege. Bedingt durch sein körperliches Handicap, den Verlust zweier Fingerkuppen, entwickelte er Ende der 60er eine ganz eigene Art des Gitarrenspiels, welche dem Grundsatz weniger ist mehr entwuchs. Entgegen der Entwicklung, für damalige Verhältnisse immer schneller und voller zu spielen, erbaute sich sein Sound aus einem weichen Tembre, unüblicher Weise auch in den Riffs genutztes Vibrato und teilweise schon tiefer gestimmten Saiten. Mit fettem Sound gemäß seinem Motto Halb so schnell, dafür doppelt so schwer prägte dieser Mann die Art von Musik, die sicher nicht nur für mich der Grundstein für das war, wofür auch heute noch der Begriff Heavy-Metal steht. Zudem gesegnet mit einer starken persönlichen Ausstrahlung und einer unglaublichen Bühnenpräsenz stellt er auch heute noch etwas Besonderes dar. Die Rede ist natürlich von Mr. Anthony Tony Iommi (BLACK SABBATH, IOMMI)!

Nachdem sich Iommi und Co wohl damit abgefunden haben (die Fans eher nicht), dass BLACK SABBATH bedingt durch volle Terminpläne und die anderen Verpflichtungen speziell von OZZY OSBOURNE für die Musiker mehr ein Tour-Spaßobjekt ist, beehrt uns Iommi nun wie schon kürzlich BLACK SABBATH-Basser Bill Geezer Butler (GEEZER, GZR) mit einem Solo-Werk. Verstärkt durch Drummer Kenny Aronoff (JOHN MELLENCAMP) hat sich Iommi diesmal nicht von einer bunten Sammlung von Sängern begleiten lassen wie auf seiner letzten 2000er Solo-Scheibe Iommi, wo unter anderem Henry Rollins (ROLLINS, BLACK FLAG), BILLY IDOL, Skin (SKUNK ANANSIE), Phil Anselmo (PANTERA) und andere Größen ihr Bestes gaben. Inspiriert durch die Arbeiten an The 1996 DEP sessions, dem offiziellen Release einer Just for Fun-Session, entschied sich Iommi erneut für die Zusammenarbeit mit GLENN HUGHES (DEEP PURPLE). Die beiden hatten bereits auf dem ersten 86er Iommi-Solo-Album Seventh star zusammen gearbeitet und eben bei den Aufnahmen zu The 1996 Dep Sessions, welches einige Zeit als Bootleg unter dem Titel 8th star kursierte. Hughes hat dann gleich noch den Bass bedient. Nun denn: das große Namen nicht automatisch ein gutes Album garantieren, dafür gibt es sicher genug Beispiele, für die man nicht lange nachdenken muss. Die Musik eines alten Mannes oder doch ein Geschenk des Urvaters des Metal?

Nun, diese Frage ist dann mal nach wenigen Takten bereits erledigt: der Opener Dopamine knallt mit einem typischen Iommi-Riff mit fettem Sound aus den Boxen. Irgendwie durchaus modern mit amtlichem Groove, old-school BLACK SABBATH-Riffs, den typischen Iommi-Leads und den klasse Vocals von Hughes wird schnell klar, dass hier keine Vergangenheitsbewältigung abgeliefert wird. Mit omnipräsenter musikalischer Persönlichkeit gibt es hier soviel Iommi wie möglich und soviel Gespür für den aktuellen musikalischen Zeitgeist wie nötig. Wer eine altbackene Rentnerscheibe erwartet hatte wird mehr als überrascht sein. Wer die 2000er Scheibe Iommi kennt, weiß natürlich, dass Herr Iommi keine Berührungsängste hat mit etwas moderneren Klängen. Umso erstaunlicher ist es da, wie selbstverständlich Iommi bei Wasted again oder Saviour of the real klassische SABBATH-Riffs verbrät und sie in diesen zeitgemäßen Sound integriert. Hughes singt wie ein junger Gott, bringt Emotion und Gesangsleistung beeindruckend rüber. Der Resolution song ist Doom pur, bringt ein tonnenschweres Riff, viel Raum für den Gesang und ist jetzt schon eines der Highlights auf der im Herbst geplanten Tour. Dem steht auch Grace nicht viel nach. Deutlich wird bei diesem sehr melodischen Stück wieder, wie viel Raum Tony Iommi für Hughes`s Vocals lässt. Und Hughes nimmt sich diesen entsprechend. Hört man sich heute Seventh star an, wo Hughes stellenweise doch gelegentlich durch seinen extremen Lebenswandel an seine Grenzen stieß, man würde kaum erwarten, dass hier der gleiche Sänger am Mikro steht. Geschickt spielt Hughes mit hochmelodischen Passagen, seiner teils fast jungenhaften Stimme und den Screams, die ihn schon zu DEEP PURPLE-Zeiten den Ruf eines exzentrischen Sängers bescherten. Der Bass läuft songdienlich mit, hier und da würde man sich aber doch die Fingerpickings und Läufe eines Geezer Butler wünschen. Auch die Drums erscheinen auf der Scheibe songdienlich und unspektakulär, erzielen aber gerade dadurch einen eindringlichen Groove. Deep inside a shell kommt sehr melodisch und entspannt, What you`re living for zieht das Tempo an und könnte auf den SABBATH-Scheiben mit Dio stehen. Face your fear drückt mit schwerem Riffing herrlich auf`s Gemüt, löst sich in einem klasse Refrain der sich sofort im Kopf festsetzt. Das Riff zu The spell macht deutlich, woher CANDLEMASS ihre Einflüsse haben. Ein Kontrastprogramm bietet der über 9-minütige Rausschmeißer I go insane: das Stück beginnt zart und zerbrechlich und erinnert fast an The power of love von FRANKIE GOES TO HOLYWOOD, wächst melodisch immer weiter, fällt in sich zusammen um sich dann in Iommi-Riffs zu erheben wie man sie einfach nur lieben kann. Ohne viel Firlefanz leben diese Riffs von ihrer Einfachheit, erreichen dadurch ihre Eindringlichkeit wie sie wohl nur Mr. Iommi himself erzeugen kann. Um dem noch einen draufzusetzen haut man noch ein deftiges Uptempo-Riff hinterher, um das Ganze dann wieder in einem hoch melodischen Solopart aufzulösen und zu den balladesken Anfangsklängen zurückzukehren. Ein Hammersong und vielleicht das Highlight dieser Scheibe. Produzent Bob Marlette, der schon für das Iommi-Werk hinter den Reglern saß, verpasste Fused einen kraftvollen und zeitgemäßen, aber zum Glück nie zu modernen Sound.

Nein, Fused ist ganz sicher keine müde Revue alter Männerträume. Randvoll mit Iommi-Riffs seiner kompletten Vergangenheit, von doomigen tonnenschweren Walzen über die melodischen Momente seiner 80er BLACK SABBATH-Releases bis hin zum dezenten Annähern an modernere Sounds findet man all das, was man von der original SABBATH-Besetzung seit langem erwartet. Wo die alten Herren nicht aus Mangel an Interesse, sondern einfach aus Zeit- und Vertragsgründen, nicht weit über Live-Aktivitäten hinaus kommen, schafft es Iommi mit seinen beiden Mitstreitern auf dieser Soloscheibe ansatzlos nach intakter Band zu klingen. Sicher: Glenn Hughes ist nicht Ozzy, hat aber mindestens genauso viel Charisma und die bessere Stimme. Die Riffs und die Songs des Großmeisters der schweren Gitarrenklänge sind da und der Gedanke, Fused als würdige BLACK SABBATH-Scheibe zu sehen, liegt gefährlich nahe. Stellt Geezer Butler an den Bass und…

Wer wie ich auch heute noch mindestens einmal im Monat die erste BLACK SABBATH-Scheibe anhört und dabei immer noch eine Gänsehaut bekommt, der träumt von dem großen Wunder der neuen alten BLACK SABBATH. Wer realistisch genug ist, dies als Wunschtraum zu sehen greift ohne Zweifel zu Fused und verstopft für Tage den heimischen CD-Player. Wenn die Herren die Klasse der Songs im Herbst auch auf die Bühne transportieren können, sollten wir uns schon mal auf ein Konzert-Highlight freuen.

Veröffentlichungstermin: 11.07.2005

Spielzeit: 49:34 Min.

Line-Up:
Tony Iommi – Guitars

Glenn Hughes – Vocals, Bass

Kenny Aronoff – Drums

Produziert von Bob Marlette
Label: Sanctuary Records

Homepage: http://www.iommi.com

Tracklist:
1. Dopamine

2. Wasted again

3. Saviour of the real

4. Resolution song

5. Grace

6. Deep inside a shell

7. What you`re living for

8. Face your fear

9. The spell

10. I go insane