EVANESCENCE: Evanescence

EVANESCENCE: Evanescence

Während das düstere und etwas verkopfte 2006er-Werk „The Open Door“ dokumentierte, dass Amy Lee seinerzeit schwer zu tragen hatte, und ihrer neuen Rolle als Mädchen für alles mit etwas zu großer Verbissenheit begegnete – ihr langjähriger Weggefährte Ben Moody (WE ARE THE FALLEN) hatte sich bereits kurz nach dem Release des hitgespickten Millionensellers „Fallen“ von EVANESCENCE verabschiedet, präsentiert sich die Band auf ihrem neuen, selbstbetitelten Machwerk als frische und selbstbewusste Einheit. Kein Wunder, waren dieses Mal doch erstmalig alle Bandmitglieder an der Entstehung der Songs beteiligt und nach der mehrjährigen Pause entsprechend hungrig. Amy Lee hat wirklich gut daran getan, sich und damit auch EVANESCENCE eine Auszeit zu gönnen. Zwei Megaseller, ausgiebige Tourneen und Besetzungswechsel an allen Positionen jenseits des Gesangspostens im überschaubaren Zeitraum von 2003 bis 2007 mussten schließlich auch einmal verarbeitet werden.  

Das EVANESCENCE-Klangfundament besteht nach wie vor aus einem melodischen Gebräu aus Modern Metal und Alternative-Rock. Vielschichtige, sowohl von Pop/Electro-Avantgardisten wie BJÖRK und PORTISHEAD, als auch von Filmmusik und Klassik beeinflusste Arrangements, bilden weiterhin das Mauerwerk. Zu guter Letzt liefert Amy Lee mit ihren starken Gesangsdarbietungen und zauberhaften Melodien erneut das über allem thronende, schützende Dach, das dem Gesamtkunstwerk EVANESCENCE erst so richtig Leben einhaucht. „Evanescence“ klingt trotzdem anders als seine Vorgänger. Das liegt vor allem daran, dass sich die Band beim Songwriting durchgehend auf die Attribute straight und eingängig fokussiert hat. Gerade mal vier der neuen Songs überschreiten die Vier Minuten Grenze. Dies hat unter anderem zur Folge, dass die für den Bandsound so signifikante Drama-Bombast-Schublade (mittlerweile ohne Chor) auf „Evanescence“ wesentlich pointierter zum Einsatz kommt als zuletzt. Das bedeutet allerdings nicht, dass den neuen Klangergüssen der epische Charakter abhanden gekommen wäre.
  
Die erste Albumsingle „What You Want“ eröffnet das Album mit wuchtigen Stadion-Drums und kleinen Elektrospielereien. Amy Lee singt mit „Do what you what you want, if you have a dream for better“ kraftvoll ihre ersten Lyrics ins Mikro, die Klampfenabteilung gesellt sich mit einem heavy Stakkato-Riff dazu und so langsam melden sich auch die ersten Piano- und Streicherklänge zu Wort. In der Summe macht das einen poppigen Groove-Rocker, der mit seinem coolen DEPECHE MODE-Vibe und seiner positiven Message (Sei du selbst, geh raus und leb dein Leben!), eine Sonderstellung im Gesamtrepertoire der Band einnimmt. Ach, was hätten die GUANO APES auf ihrem Comeback-Desaster („Bel Air“) nicht gerne einen Tanzflächenfeger dieser Güteklasse gehabt. Der Midtempo-Rocker „Made Of Stone“ liefert den Fans schon wieder vertrauteres Kraftfutter. Insbesondere der leidenschaftliche Gesang, das kurze aber schöne Gitarrensolo und die geschmackssichere Auswahl stimmiger Sound-Assesoires wissen zu gefallen.

Beschäftigt man sich eine Weile mit dem Album, fällt auf, dass die typische EVANESCENCE-Melancholie zwar nach wie vor omnipräsent ist, anno 2011 aber irgendwie süßer schmeckt als bisher. So schimmert selbst bei härteren „Evanescence“-Nummern wie „The Other Side“, „End Of The Dream“ oder „Never Go Back“, das neben seinem satt-treibenden Riff, sogar einen echten SAVATAGE-Gedächtnis-Moment vorweisen kann, immer wieder der Optimismus bunter Regenbogenkleckser durch, die den mittlerweile nicht mehr ganz so düsteren EVANESCENCE-Bau mit Hoffnung zieren. In Amy Lees Gefühls-ABC scheint b wie befreit das b wie bedrückt ein Stück weit abgelöst zu haben. Man glaubt dem Energiebündel anzuhören, mittlerweile besser mit ihren dunklen Zeiten klar zu kommen. Dieser Eindruck beruht allerdings nicht auf den, nach wie vor überwiegend schwermütigen, recht offen gehaltenen Lyrics, die insbesondere die Themen Verlust und Zerrissenheit behandeln, sondern ist vornehmlich der positiven Energie geschuldet, die „Evanescence“ musikalisch vermittelt.

Die (einzige!) Herz-Schmerz-Power-Ballade „Lost In Paradise“ zählt zu den stärksten der Bandkarriere. Schön, dass die opulent arrangierte Nummer den Streichern Gelegenheit gibt, sich mal so richtig auszutoben. Natürlicher Bombast statt pseudo-epischer Plastik-Keyboard-Wände. Der Song erinnert zusammen mit „Oceans“ am meisten an die Vorgängerwerke der Band. Wenn ich im Piano-Intro nur nicht immer an diese unsägliche, vor ein paar Jahren überall zu Tode gedudelte Til-Schweiger-Schmalzetten-Film-Untermalungsnummer (TIMBALAND-„Apologize“…der Titel passt ja) denken müsste. Höchste Zeit für eine Neukonditionierung. Am Ende gibt´s mit „Swimming Home“ noch eine ruhige, verträumt wirkende Nummer, die im wesentlichen von Amy Lees Stimme und den Programmierkünsten von William B. Hunt, der auch am Songwring dreier weiterer Songs maßgeblich beteiligt war, getragen wird. Die Band zeigt sich hier von ihrer experimentierfreudigen Seite. Kein Highlight, aber nicht schlecht gemacht.

Unterm Strich muss man sagen, dass es EVANESCENCE auf „Evanescence“ gelungen ist, wieder an die Hitdichte vergangener Tage („Fallen“) anzuknüpfen. Wer die weniger kommerzielle Ausrichtung von „The Open Door“ bevorzugt hat, sollte also besser vorher reinhören.

Kommen wir zum ärgerlichen Teil. Das Trio Infernal der Klangveredelung (Producer: Nick Raskulinecz / Mix: Randy Staub / Mastering: Ted Jensen) hat wieder zugeschlagen. Am gemeinsamen, mit vielen Dollarsmileys verzierten Büchlein (Arbeitsitel: „Suboptimal-klingende-Platten-großer-Bands-bei-denen-wir-dabei-waren“), in dem man bereits so illustre Namen wie ALICE IN CHAINS („Black Gives Way To Blue„) oder STONE SOUR („Come (What)ever May„, „Audio Secrecy“) verewigt hat, wird leider fleißig weitergeschrieben. „Evanescence“ hätte, wie all die anderen Opfer/Täter des „Loudness War“ auch, sehr gut auf den viel zu gepressten Sound verzichten können.
Quo vadis Klangdynamik? Stumpf ist Trumpf bis der Arzt kommt? Ich hoffe nicht.
 
In der ewigen Landesgartenschau kommerziell erfolgreicher Rockmusik sind EVANESCENCE nach wie vor ein Gewächs, das die Blicke auf sich zieht. Schade, dass sich nicht mehr Bands den Luxus leisten (können), zwischen ihren Releases auch mal mehrere Jahre ins Land ziehen zu lassen, wenn die Batterien aufgeladen werden wollen. Gut Ding will eben doch häufig Weile haben. 

Wer damit liebäugelt sich „Evanescence“ anzuschaffen, sollte unbedingt zur Limited Edition des Albums greifen, welche zusätzlich die Bonus-Songs „New Way To Bleed“, „Say You Will“, „Disappear“ und „Secret Door“ enthält.

Veröffentlichungstermin: 07.10.2011

Spielzeit: 47:20 Min.

Line-Up:
Amy Lee – Vocals, Piano, Keyboards, Harp
Terry Balsamo – Guitar
Troy McLawhorn – Guitar
Tim McCord – Bass
Will Hunt – Drums

Additional Musicians:
Chris Vrenna – Programming and additional keyboards
William B. Hunt –  Additional programming on „Swimming Home“
David Campbell (String Consultant)
Antoine Silverman (Contractor / Concertmaster)
Maxim Moston (violin)
Claire Chan (violin)
Suzy Perelman (violin)
Michael Roth (violin)
Sarah Pratt (violin)
Hiroko Taguchi (violin/viola)
Jonathan Dinklage (violin/viola)
Entcho Todorov (violin)
Dave Eggar (cello)

Produziert von Nick Raskulinecz
Label: EMI

Homepage: http://www.evanescence.com
Mehr im Netz: http://www.myspace.com/evanescence

Tracklist:
01. What You Want
02. Made Of Stone
03. The Change
04. My Heart Is Broken
05. The Other Side
06. Erase This
07. Lost In Paradise
08. Sick
09. End Of The Dream
10. Oceans
11. Never Go Back
12. Swimming Home

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