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ASHBRINGER: Subglacial

Schon seit 2015 veröffentlichen ASHBRINGER aus Minneapolis ihren Black Metal US-amerikanischer Prägung, aber da diese Stilrichtung bei mir erst seit wenigen Jahren hoch im Kurs steht, ist mir bisher nur „Yügen“ von 2016 bekannt, und das fand ich damals eher so mittel. Wie sieht’s nun zehn Jahre später aus?

Ja, was soll ich sagen, ich hab da wohl was nachzuholen. Denn ASHBRINGER zeigen mit „Subglacial“  eine Band in der Blüte ihres Schaffens und trotzdem wild und unberechenbar: Musiker, die zwar wissen und zeigen, wie man Atmosphäre und Naturromantik musikalisch darstellt, die aber weitaus mehr zu sagen haben und vor allem ihr Vorhaben auch umsetzen können.

Und so fühlt sich „Subglacial“ an, als würdest du morgens in deiner gemütlichen Waldhütte aufwachen, die Eiskristalle am Fenster im Blick, wie die Sonne sie erstrahlen lässt. Nach dem Spaziergang in der kristallklaren Winterluft gibst du dir trotzdem erstmal die Nachrichten, und die zeigen dir nicht nur, dass dein Refugium bedroht ist, sondern auch, dass der Krieg, auch der Bürgerkrieg, immer näher rückt:

Enraptured in the cruel embrace of silence once more
Waltzing with the bastard child of dread, inaction
While the spectre seizes ground
I hear it call me, I feel it beckoning
Tightening its grip on my neck

Aber du gibst nicht auf, du bist mehr als dein Trauma, mehr als deine Angst und Wut:

When the sun shines bright
And defeats the night
I’ll feel humble, at peace
When the lake is still
And the waters are clear
I’ll know I’ve found safe passage
I can feel life’s embrace
Unearthing light I’ve been craving

Die Musik dazu – der Titeltrack – ist hymnisch, verspielt und einfach wunderschön, und es ist eine wahre Wonne, die direkt dem Punk und Hardcore entlehnten Shouts da drüber zu vernehmen. Ja, ASHBRINGER spielen „False Minneapolis Black Metal“, mithin eine Musik, die im Grunde gar nichts mit dem Black Metal aus Nordeuropa zu tun hat, dafür aber sehr viel mit tiefem, authentischem Gefühlsausdruck, und ich bin sehr froh, dass ich nach dreißig Jahren Metal-Begeisterung endlich so richtig Zugang dazu gefunden habe.

False Minneapolis Black Metal! Oder?

Denn Weltflucht und Naturverklärung gut und schön, aber wenn jemand voller Inbrunst „I’m more than my trauma!“ brüllt, über einem Fundament aus perfekt komponierter und dargebotener Musik, gibt mir das inzwischen doch ein bisschen mehr, ganz zu schweigen davon, dass wir es hier offenbar mit einer Gruppe sympathischer Nerds zu tun haben, die sich nicht zu schade dafür sind, ein Musikvideo zu drehen, in dem sie mit nicht eingesteckten E-Gitarren im Schnee stehen, was – seien wir mal ehrlich – dann doch wieder ganz schön trve ist, oder?

Trotzdem hören wir erstaunlich viel Dur auf diesem Album: ASHBRINGER wollen Kraft geben, die Sonne in ihr Leben lassen, und das hört man. Und da sie auch rhythmisch eine Menge Abwechslung in ihrer Musik haben und der Mix nicht nur erfrischend leise, sondern auch sehr warm und organisch klingt – ja, hier muss ich es auch mal schreiben: Es ist, als ob die Band direkt vor dir spielt -, wird „Subglacial“ niemals langweilig, sondern bewegt und bestärkt uns über die komplette Spielzeit hinweg: Atmosphäre wird nicht bis zum Gehtnichtmehr ausgewalzt, sondern immer wieder gebrochen.

Traumabewältigung durch Konfrontation und Leidenschaft

Exemplarisch für dieses Vorgehen steht der Song „Fleeing Into Portals“: Zunächst mag man denken, die Band wolle Bands wie SKAGOS imitieren mit einem langsamen, melancholischen Aufbau, aber dann kommt plötzlich ein klassischer Black-Metal-Part, Tremolo-Riffing über Blast Beats, eine schöne Akkordverschiebung drin, die auch textlich passend interpretiert wird: „My past – my future – my trauma“. Und dann der Bruch mit dem Schlagzeug: Ich liebe den Tom-Sound auf diesem Album und auch das Spiel mit der Lautstärke der einzelnen Instrumente, die sinnvoll variiert zwischendurch. Ganz stark!

Apropos Trauma: Das ist oft Thema hier, das ganze Album wirkt wie (erfolgreiche) Traumabewältigung durch Konfrontation und Leidenschaft, und damit schaffen ASHBRINGER es, die Stilelemente von Hardcore und Black Metal tatsächlich sinnvoll zu vereinen und emotional zum Schwingen zu bringen. „Send Him To The Lake“ ist das zweite perfekte Beispiel dafür, die experimentelle Passage in der Mitte ein Traum – wieder dieses fantastische Getrommel auf den Toms, dazu ein zutiefst emotionaler Text -, gefolgt vom wütenden Höhepunkt: „I REMEMBER IT ALL!!“, „SEND HIM TO THE LAKE!!!“, und doch bleiben wir mit einem tröstlichen Gefühl zurück, das in „Vessels“ schließlich noch genial aufgefangen wird (hallo, Akustik-Gitarren über Blast Beats? Ja, bitte!).

Ja, ich bin gespannt, ob ASHBRINGER auf ihren letzten beiden Alben auch schon dieses Niveau erreicht hatten. „Subglacial“ jedenfalls berührt mich erstaunlich tief und kommt zur richtigen Zeit, wenn man weiß, was gerade so in Minneapolis abgeht. Unterstützt ASHBRINGER, unterstützt ihr kleines Label, das Bölverk Collective, sie haben es verdient.

Spielzeit: 39:57 Min.

Veröffentlichungsdatum: 13.02.2026

Label: Bölverk Collective

https://ashbringermusic.bandcamp.com/album/subglacial

Tracklist – ASHBRINGER – „Subglacial“

1. My Flesh Shows Its Weakness
2. Waning Conviction
3. Subglacial (Video auf YouTube)
4. Fleeing Into Portals
5. Send Him To The Lake
6. Vessels (Video auf YouTube)