ILL NINO: Operation: Revolución?

ILL NINO: Operation: Revolución?

Manchmal sind Bands ein Zusatzinterview wert, vor allem, wenn sie nicht nur hervorragende Scheiben veröffentlichen, sondern der Welt auch noch einige interessante Dinge mitzuteilen haben. Nach der herausragenden Veröffentlichung des „Confession„-Albums und einem sehr interessanten Interview wurde man sich einig, dass man mit ILL NINO auf jeden Fall ein Special machen sollte. Und so trudelte man dann vor dem Konzert an der Live Music Hall in Köln ein, wo ein völlig verfeierter und verschlafener Cristian Machado, Sänger und Frauenvernichter der Band, noch damit beschäftigt war, sich den Sand vom Festival vom Vortag aus der Nase zu holen. Doch die Bedenken, wo man so schnell so viel Kaffee herholen könnte, um den Herrn noch wachzubekommen, konnten schnell beiseite geschoben werden, da Senor Machado bei einigen Themen doch sehr schnell wach wird. Und so begaben wir uns dann hinein in politische Verschwörungstheorien, Idioten, die Länder regieren bis hin zur Rettung der Metalszene…


Rückblickend: wie wichtig war es für euch, einen Song zum Freddie vs. Jason-Soundtrack beigetragen zu haben?

Cristian: Es war schon sehr wichtig für uns, aber ich muss sagen, dass der ganze Fokus auf dem Soundtrack lag und nicht so sehr auf unserem „Confession„-Album. Es war dennoch ein Vorteil für uns, etwas zu diesem Soundtrack beigesteuert zu haben, da die Leute so darauf aufmerksam gemacht wurden,
dass wir zu diesem Zeitpunkt ein neues Album am Start hatten. Es war sicherlich eine gute Werbestrategie für uns.

Glaubst du, dass die Band dadurch bekannter wurde?

Cristian: Das weiß ich wirklich nicht. Ich weiß nur, dass wenn wir den Song spielen, sehr viele Leute ihn kennen, und deshalb nehme ich an, dass sie den Song kennen gelernt haben, als sie das Video sahen oder eben das Stück auf dem Soundtrack hörten. Insofern nehme ich schon an, dass einige Kids uns durch diese Sache entdeckt haben.

Ihr habt zu diesem Song, ebenso wie für „This Time’s For Real“, ein Video gemacht – wie viel Einfluss hattet ihr auf die Skripte, d.h. inwieweit hattet ihr Einfluss auf die in den Videos gezeigten Thematiken?

Cristian: Lass mich dir erst eine Frage stellen – welches Video magst du mehr?

Hm… ich denke, „This Time’s For Real“. Hier gibt es eine Story am Rande, die gut gemacht ist und auch filmisch gut umgesetzt wurde…

Cristian: Beim ersten Video war es so, dass der Song bereits geschrieben war und die Texte natürlich auch nicht von Freddie oder Jason handeln. Wir sind nicht die Art von Band, die Texte über solche Themen schreibt. Jedenfalls war das Stück bereits fertig und so konnten wir auch nichts tun, um die Lyrics dem Inhalt des Filmes anzupassen. Wir mussten also in einem Kontext arbeiten, in dem der Text nichts mit dem Inhalt des Filmes zu tun hatte, wir aber dennoch ein Video machen mussten, das sich irgendwie auf den Film bezog, also eine horrorfilmartige Atmosphäre enthielt, und gleichzeitig einen Bezug zu den eigentlichen Lyrics hatte. Wir versuchten also, beides so gut wie möglich zu verbinden. Wie gesagt: hätten wir die Chance gehabt, ein Video zu machen, das ausschließlich den Inhalt des Textes wiedergespiegelt hätte, wäre es ein völlig anderes Video geworden. Aber wir sollten halt ein Video für den Freddie vs. Jason-Film machen, und deshalb mussten wir diesen Kompromiss schließen.

Das Video hat aber nicht wirklich etwas mit dem Film zu tun…

Cristian: Es war ein Kompromiss zwischen beiden Dingen, dem Text und dem Film. Es war die einzige Möglichkeit, es so zu machen, ohne uns selbst zu betrügen. ‚Okay, wir machen dieses Video für diesen Film, für den wir den Text wirklich nicht geschrieben haben, aber wir wollen uns doch einigermaßen an den Inhalt des Textes halten‘. Bei „This Time’s For Real“ hatten wir die Chance, ein Video zu machen, ausschließlich basierend auf dem, worum es in dem Song geht. Der Regisseur kam zu uns mit einem Skript. Er hatte den Text sehr gut gelesen und ihn auch wirklich sehr gut verstanden. Es geht um jemanden, der sein ganzes Leben lang kämpfen musste, der immer in eine Ecke gedrängt wurde, aus der man ihn nicht entkommen ließ. Und diese Person möchte sich selbst höhere Ziele stecken und etwas erreichen, nachdem er sich sein ganzes Leben lang gesehnt hat. Und wir dachten, die Idee, die Geschichte eines Boxer zu thematisieren, der immer erniedrigt und als Loser betrachtet wurde, letztlich aber seinen Traum verwirklicht und ein Gewinner wird, sei eine gute Art, den Inhalt des Textes wiederzugeben. Auch wenn es in dem Stück nicht um einen Boxer geht, steht diese Story in einem starken Bezug zu dem Gefühl, immer und immer wieder gepusht und erniedrigt zu werden, bis endlich ein Sieg erreicht wird.

Die thematische Basis ist also der Kampf…?

Cristian: Das gesamte Album dreht sich um einen Kampf, aus dem man aber letztlich seinen Seelenfrieden und Wissen zieht. Selbst bei „This Time’s For Real“ wird die Frage gestellt: „Is there anything I wanted, is there anything I needed?“. Vielleicht war es schon die ganze Zeit da. Man muss sich sein Leben genau betrachten und sagen: ‚Ich muss dieses oder jenes haben‘. Wenn man sich aber zurücklehnt und sein Leben als das akzeptiert, was es ist, und die Dinge für wichtig erachtet, die wirklich von Bedeutung sind – wie Familie – anstatt andauernd nach Geld zu streben… man muss danach streben, was im Herzen ist, nicht danach, was die Gesellschaft als wichtig erachtet und dir als wichtig aufoktroyiert. Die Gesellschaft sagt einem die ganze Zeit, dass Geld wichtig ist, ein teures Auto, ein teures Haus, aber manchmal muss man diese Dinge etwas differenzierter betrachten. Jeder Mensch ist anders und jeder denkt anders, so sehe ich das. Und mir gefiel die Idee, dass wir diese Gedanken in einem Video thematisieren konnten. Bei dem Text zu diesem Song dachte ich an mich und meine Kämpfe, die ich im Leben durchzustehen hatte, aber letztlich realisierte, dass ich in einer sehr guten Position bin, wo es nichts gibt, das ich wirklich möchte oder brauche. Ich bin in der Lage, ein glückliches Leben zu führen, und die Geschichte dieses Boxers spiegelte das ganz gut wieder.

Ein Weg, seinen Frieden mit sich selbst zu finden?

Cristian: Wenn man zuallererst in sich selbst danach sucht, dann ja. Wenn man sich die Personen betrachtet, die man liebt, den Ort anschaut, wo man herkommt und wohin man geht, dann ja. Es macht aber nicht sehr viel aus, woher man kommt, aber es hat einen Einfluss darauf, wo man letztlich landen wird. Wenn man die Vergangenheit soweit die Oberhand gewinnen lässt, dass man nicht mehr fassen kann, was man in der Zukunft machen wird, wird man fehlgeleitet und man setzt sich selbst Hindernisse in den Weg.

Glaubst du, dass es heutzutage noch wichtig ist, Videos zu machen?

Cristian: Nein, ich denke nicht, dass es wichtig ist, Videos zu machen. Früher war es das sicherlich, heute nicht mehr. Deshalb ist die Situation der gesamten Videoindustrie auch sehr unvorhersehbar. Die Bands geben einfach nicht mehr so viel Geld für Videos aus. Im HipHop-Bereich wird noch viel Geld für Videos ausgegeben, die Labels stecken Unsummen dort hinein. Aber es ist mittlerweile eine unsichere Sache. Man kann eine halbe Million Dollar in ein Video stecken, es wird aber nicht gespielt. Es kann aber sein, dass du ein Video für 40.000 Dollar machst und irgendwelche Programmierer bei TV-Sendern mögen es und spielen es andauernd. Insofern verliert man eigentlich ständig. Man kann es einfach nicht voraussehen, ob das Video von irgendeiner Seite akzeptiert werden wird oder nicht. Wir haben innerhalb der Band eine gemeinsame Entscheidung gefasst, dass wir keine Notwendigkeit sehen, wirklich teure Videos zu drehen. Wir haben von der Filmgesellschaft sehr viel Geld für das „How Can I Live“-Video bekommen, aber bei „This Time’s For Real“ haben wir uns dazu entschlossen, nicht sehr viel Geld dafür auszugeben und den Director seine Arbeit einfach so gut wie möglich machen zu lassen. Und das Video ist wirklich sehr gut geworden und deshalb denke ich, dass es für diese Band einfach die beste Art und Weise ist, Videos zu machen.

CRISTIAN: Alles, was man mit dem Gerede über den 'wahren Metal’ erreicht ist, die gesamte Szene kaputt zu machen.
CRISTIAN: Alles, was man mit dem Gerede über den ‚wahren Metal’ erreicht ist, die gesamte Szene kaputt zu machen.

Du hast in einem Interview gesagt, dass MTV Headbangers‘ Ball in den Staaten eigentlich nur noch Traditional Metal-Videos zeigt und gar keinen Nu Metal mehr…

Cristian: Ja, das schon. Sie spielen unsere Videos aber noch. Bei Headbangers‘ Ball konzentrieren sie sich mittlerweile wirklich auf Traditional Metal, aber es gibt bei MTV noch andere Shows, die unsere Videos spielen. Wir sind halt eine Band, von der sie das „How Can I Live“-Video bei Headbangers‘ Ball zeigen, ein anderes wird dann halt bei 2 Rock gezeigt. Headbangers‘ Ball konzentriert sich mittlerweile mehr auf extremeren Metal, aber ich sage dir die Wahrheit: ich liebe Metal, jede Art von Metal. Mir ist es egal, ob es älterer oder neuerer Metal ist. Das ist ein Thema, das ich in der Presse auf jeden Fall ansprechen will und das mir wirklich wichtig ist. Viele Bands und viele Presseleute gehen daher und erzählen viel Mist über andere innerhalb der Metalgemeinschaft. ‚Die spielen keinen wahren Metal, wir spielen den wahren Metal‘. Ich möchte wirklich jeden wissen lassen, und das sage ich jetzt ein für allemal: indem so miteinander umgegangen wird, zerstören wir langsam aber sicher die gesamte Metalszene. Alle Musiker, die in einer Metalband spielen, sollten glücklich sein, dass dieser Szene Aufmerksamkeit geschenkt wird und sie sollten aufhören, mit dem Finger auf andere zu zeigen, nach dem Motto: ‚Ich spiele aber mehr Soli als du, und wir sind sowieso viel traditioneller als ihr‘. Damit macht man nur die gesamte Szene kaputt und durch diese Differenzen wird alles geteilt und zerstört.

Meinst du nicht, dass Bands, die das machen, irgendeinen Minderwertigkeitskomplex haben?

Cristian: Vielleicht haben sie einen Minderwertigkeitskomplex, aber ich kann es wirklich nicht ertragen, wenn Metalbands andere Metalbands niedermachen, ausschließlich auf Grund der Tatsache, dass sie ihr Ding ein wenig anders durchziehen. Ich meine, was zum Henker geht in Leuten vor, die hingehen, und ihre eigenen Einflüsse, ihre eigenen Erfahrungen und ihre eigene Wahrnehmung von Metal anderen Metalbands aufdrücken müssen? Warum muss es so sein wie der Metal, den jeder in den 80er Jahren spielte? Warum? Muss sich Rock’n’Roll so anhören wie THE BEATLES? Ich denke, es gibt ganz hervorragende Bands da draußen, und es ist eine andere Art von Metal. Für mich ist traditioneller Metal SLAYER , VENOM , POSSESSED. Gestern Abend haben wir JUDAS PRIEST auf der Bühne gesehen – das ist Traditional Metal. Und wenn einige Bands sagen: ‚Nur wir spielen traditionellen Metal‘ – ich sage diesen Bands eines: wisst ihr was? Dann spielt ihr keinen traditionellen Metal; Ihr habt traditionellen Metal genommen und ihn mit einigen anderen Dingen vermischt und es klingt sicherlich traditioneller als der Metal, den wir beispielsweise spielen, aber letztlich ist jeder anders und es gibt zurzeit so viele Bands, die diese Sache für sich in Anspruch nehmen, die einzige wahre traditionelle Metalband auf diesem Planeten zu sein. Das einzige, was sie damit erreichen, ist die Metalszene kaputt zu machen, indem sie schlecht über Bands wie KORN oder andere sprechen, die geholfen haben, die gesamte Szene zurück in den Blick der Öffentlichkeit zu bringen. Als die Metalszene ziemlich am Boden lag, waren PANTERA und METALLICA die einzigen Bands, von denen man noch etwas hörte. Als KORN und andere begannen, etwas Anderes zu schaffen, entschieden sich viele, Metal zu machen. Und durch diese Entwicklung sind wir am heutigen Status angelangt, wo Metal zurück ist, und ich finde es sehr traurig, wenn die ganze Arbeit, die andere Bands geleistet haben, von anderen niedergemacht wird, indem sie schlicht und einfach Mist erzählen. Es ist sehr traurig. Alles, was man damit erreicht, ist die gesamte Szene kaputt zu machen. Ich hoffe wirklich, die Leute realisieren diese Entwicklung, bevor es zu spät ist.

Ich denke nicht, dass die Fans diesen Aussagen folgen; ihnen ist es egal, ob es sich um traditionellen Metal handelt oder nicht…

Cristian: Nein, ich denke auch, dass sie das nicht tun. Gestern haben wir auf einem Festival in Belgien gespielt. Wie selbst sehen uns als Metalband, aber wir sehen uns als eine andere Art von Metalband. Wir behaupten nicht, den einzig wahren Metal zu spielen. Wir sind Metalheads, sicher. Wir wuchsen damit auf, Metal zu hören. Wir alle hatten Lederjacken, diese hohen Nike-Turnschuhe, sind zu Konzerten gegangen und haben mit allen anderen Headbanging betrieben. Aber wir waren Musik gegenüber immer sehr aufgeschlossen.

Hat diese Offenheit gegenüber Musik auch damit zu tun, dass ihr einen anderen kulturellen Hintergrund habt?

Cristian: Absolut, ja. Ich meine, ich bin nicht mit einem älteren Bruder aufgewachsen, der mir gesagt hat: ‚Das ist Metal, das sind die einzig wahren Bands und du wirst für den Rest deines Lebens nichts anderes mehr hören‘. Ich bin mit meiner Mutter und meiner Großmutter aufgewachsen. Und ich bin zuerst in einem Land, in Venezuela, aufgewachsen, in dem Metal praktisch nicht existierte, abgesehen von KISS. Ich bin mit der Prämisse aufgewachsen, dass man nichts zu beweisen hat. Musikalisch folgt man einfach seinem Herzen, nicht dem, was jemand anders dir sagt, was er als cool empfindet, etc. Musik ist Musik, in all ihrer Vielfalt, und es existieren verschiedene Formen nebeneinander. Es gab Anfang der 80er Jahre in Venezuela keine große Metalszene wie beispielsweise in den USA. Und als ich in die USA kam und das erste Mal eine IRON MAIDEN -Scheibe hörte, wurde ich sofort zum Metalfan. Es war etwas, dass ich in meinem Leben noch nie erlebt hatte, und es war eine einzigartige Erfahrung für mich. Und die Tatsache, dass ich einen Großteil meiner Kindheit in einer anderen Kultur verbracht habe, hatte einen großen Einfluss auf diese Entwicklung. Ich war 11, fast 12 Jahre alt, als ich in die USA kam; ich erinnere mich daran, dass ich meinen 12. Geburtstag bereits in den USA feierte, ich war da aber erst seit kurzem in den USA.

CRISTIAN: Ich musste auf den ersten beiden Alben meinen Verstand öffnen und reinigen, um alles loszuwerden, was in mir abging.
CRISTIAN: Ich musste auf den ersten beiden Alben meinen Verstand öffnen und reinigen, um alles loszuwerden, was in mir abging.

Du hast eben von traditioneller lateinamerikanischer Musik gesprochen – ich nenne sie mal ‚Folk Music‘ – die sich doch sehr von anderen Musikarten unterscheidet, in der das ausschlaggebende Moment das Herz, Leidenschaft und Gefühle sind, die diese Form der Musik bestimmen. Hatte diese generelle Haltung, diese Einstellung zur Musik einen großen Einfluss auf dich?

Cristian: Ja, hatte sie. Wie du sagtest, ‚Folk Music‘, denn so würde ich sie auch nennen, denn ich wuchs in einem Land auf, wo man generell diese Musik hörte. Venezolanische Musik, lateinamerikanische Musik im allgemeinen ist bestimmt von den Herzen der Menschen, sehr stark sogar. Schmerz, Leid, den Schmerz durchzustehen – wenn ihr Spanisch verstehen würdet und würdet mal einem karibischen Salsa-Song zuhören, dann würdet ihr sehen, dass die meisten Songs von Beziehungskisten handeln, mit zwei Frauen gleichzeitig was anzufangen, oder damit, wie es ist, wenn deine Freundin dich mit deinem besten Freund betrügt. Es handelt von Dingen des wirklichen Lebens. Auch mit Differenzen, die du mit deiner Mutter hast, weil sie mit deinem Lebensstil nicht klarkommt. In einer seltsamen Art und Weise schreibe ich über ähnliche Dinge. Man kann durchaus sagen, dass ich von dieser Art Texte zu schreiben ziemlich beeinflusst wurde. Aber das heißt nicht, dass es auf der nächsten Scheibe auch um solche Themen gehen wird. Ich habe angefangen, die Texte für die neue Scheibe zu schreiben, und es geht um einen völlig anderen Sachverhalt. Es ist eine ganz andere Art, das Leben zu betrachten. Ich glaube, ich habe den Punkt in meinem Leben überschritten, wo ich permanent über mich geschrieben habe. Und ich fühle, dass ich auf den ersten beiden ILL NINO-Scheiben viele von den Emotionen und Aggressionen herausgelassen habe, die ich in mir hatte. Textlich gesehen werde ich mich mehr auf das konzentrieren, was in der Welt passiert. Ich möchte mich wirklich darauf fokussieren, was abgeht und ich möchte erreichen, dass die Leute ihren Verstand diesen Dingen gegenüber öffnen, im Gegensatz zu vorher, wo ich meinen Verstand öffnen und reinigen musste, um alles loszuwerden, was in mir abging.

Glaubst du, dass du für dich persönlich diese beiden Alben gebraucht hast, um diese Art von Reinigungsprozess zu beenden?

Cristian: Ja, vielleicht brauchte ich es. Vielleicht hat es mich aber sogar noch ein wenig verrückter gemacht. Ich kann es dir aber nicht wirklich beantworten. Ich bin kein Arzt oder Psychologe, der sich selbst analysieren kann, das ist unmöglich. Man ist immer subjektiv. Man kann immer sagen: ‚Wer bin ich, warum denke ich so, wie ich denke?‘, aber dann bist du dir selbst im Weg, wenn du Entscheidungen triffst. Ich weiß es wirklich nicht. Ich hoffe, dass es auf eine gewisse Art einen therapeutischen Effekt hatte und dass ich durch das Schreiben selbst ein besseres Verständnis entwickeln konnte, die Gründe zu verstehen, warum meine Mutter und ich aus Brasilien flüchten mussten und zuerst in Uruguay Zuflucht suchten, und danach von Uruguay nach Venezuela flüchten mussten, wo ich schließlich aufwuchs; warum ich meinen Vater niemals getroffen habe; warum ich als Kind hin- und hergeschoben wurde. Vielleicht half es mir, das alles ein bisschen besser zu verstehen, aber ich denke, ich bin über diesen Punkt hinaus. Ich bin erwachsen genug, um Dinge und Erklärungen so zu akzeptieren, wie sie sind. Mittlerweile habe ich mich auf andere Dinge konzentriert, oder zumindest möchte ich das gerne.

Also diese Art von Seelenfrieden, den du eben erwähnt hast?

Cristian: Ja, ich denke schon. Ich fühle mich weitaus erwachsener als vorher. Obwohl ich nicht weiß, ob ‚erwachsen‘ der richtige Begriff ist, denn sehr oft sind Erwachsene sehr ignorant. Aber bevor ich diese Texte geschrieben habe, fühlte ich mich wirklich wie ein Kind, immer noch sehr unentschlossen. Jetzt bin ich erwachsen und weiß, was wirklich wichtig ist in meinem Leben, und obwohl meine Familie mich durch ziemlich viel Mist geschickt hat, weiß ich aber, dass wenn es sie nicht gäbe, ich heute nicht hier wäre. Und deshalb – ich kann nicht ständig in der Vergangenheit leben, ich muss in die Zukunft schauen. Wie ich eben gesagt habe – auch innerhalb der Metalszene ist es so, dass es nicht zählt, woher du kommst, sondern nur, wohin du gehst. In einer Familie ist es auch so – wenn ich nur in der Vergangenheit lebe, werde ich nicht weiterkommen. Ja, ich denke, ich habe all das überwunden und die Welt will und muss andere Dinge hören. Es gibt sehr viele kontroverse Dinge, die momentan abgehen, und das nächste ILL NINO-Album wird einige dieser Kontroversen thematisieren. Auch viele Sachen, die Leute sagen wollten, sich aber nicht zu sagen getraut haben. Als RAGE AGAINST THE MACHINE herauskamen, haben sie nicht den Wandel bewirkt, den sie hätten bewirken sollen, aber sie schafften es, viele Menschen für bestimmte Themen zu sensibilisieren, zumindest hinsichtlich bestimmter Inhalte. Und ich denke, sie haben es auf ihre Weise gemacht. Die konzentrierten sich auf mexikanische, indianische Traditionen, auf Stämme, die verraten, getötet, weggeschoben wurden, Indianerstämme, die betrogen wurden, die nur sehr wenig Land erhielten, wobei sich die Amerikaner ihrer Besitztümer bereicherten. Ich möchte noch einen Schritt weitergehen und über noch heftigere Dinge sprechen, über die sich sehr viele Menschen nicht mal bewusst sind. Ich habe einige Bücher gelesen, die mich diesbezüglich sehr beeinflusst haben. Und es sind momentan höchstens drei andere Alben zu finden, auf denen ähnliche Aspekte zu finden sind. Das erste ist PINK FLOYDs „The Wall“, dann QUEENSRYCHEs „Operation: Mindcrime“ und vielleicht noch TOOLs „Aenima“. Diese drei Scheiben schafften es, kontroverse Dinge anzusprechen. Und man muss diese Texte wirklich verstehen, um die damit verbundenen Kontroversen zu überblicken. Aber genau darum geht es mir.

Das erinnert mich an das, was du bei eurem letzten Konzert in Köln den Kids im Publikum gesagt hast: ‚Fuck politics, fuck politicians, in zehn oder fünfzehn Jahren wird euch diese Welt gehören‘.

Cristian: Ja, absolut, denn diese Kids, die vor uns stehen, sind diejenigen, die letztlich die Entscheidungen treffen werden. Und mittlerweile geht es mir so, dass ich mich wirklich absolut mies fühle, mich ständig in allen Ländern, in denen wir spielen, für diesen Vollidioten zu entschuldigen, den wir als Präsidenten haben. Und die Sache ist – wenn wir in die USA zurückkehren, werden wir eine ‚Military Tour‘ machen. Die machen wir aber, weil wir in unseren Herzen fühlen, dass diese ganzen Kids in der Armee irgendwohin geschickt werden, um zu sterben, für einen Grund, den sie gar nicht kennen.

Aber ich denke, dass das genau der Punkt ist, den viele Amerikaner missverstanden haben, sich aber auch haben aufhetzen lassen durch Bush und Konsorten – Europa ist nicht gegen die USA, sondern gegen Bush und seine Administration…

Cristian: Ich habe mich unendlich oft für all das entschuldigt. Wenn du dir die Credits unseres ersten Albums „Revolution Revolución“ anschaust – diese Credits wurden geschrieben, bevor Bush zum Präsidenten gewählt wurde. Unsere Scheibe wurde fünf Tage nach dem 11. September veröffentlicht, und alles – abgesehen von den Lyrics, um die geht es auch nicht – die Danksagungen wurden geschrieben, weit bevor er zum Präsidenten wurde. Und am Ende der Danksagungen haben wir ‚Fuck Bush‘ geschrieben, weil ich wusste, dass dieser ‚Motherfucker‘ alles zerstören würde, was Clinton versucht hatte aufzubauen – ein universelles Amerika, ein internationales Amerika, ein Amerika, das anderen Ländern hilft, aber eine ganz klare Linie zieht: ‚Hier ist unser Land, da ist euer Land; wir helfen euch, aber wir werden keinen Einfluss auf die Art und Weise nehmen, wie ihr euer Leben lebt‘. Und meiner Ansicht nach ist Bushs Außenpolitik absolut daneben. Die Leute um ihn herum, sein Kabinett, die Leute, die die Entscheidungen für ihn treffen, die Leute, die er dafür aussuchte – es sind alles Leute des Militärs. Weißt du, jedes Land braucht ein Militär, und ich respektiere Leute, die zum Militär gehen und ihrem Land dienen, genauso, wie ich einen deutschen Soldaten respektiere, der zur Armee geht und seinem Land dient, aber das Traurige ist, dass man unter der Diktatur eines Menschen steht, der einem sagt, was man tun soll. Es sind Soldaten und wenn sie ihren Patriotismus so auslegten, dass sie dem Militär dienen wollen, um so ihrem Land zu helfen und es zu verteidigen, ihre Landsmänner zu verteidigen, heißt das nicht automatisch, dass man diesen Typen unterstützt, der oben an der Spitze steht. Sie sind in der Armee und tun das, was auch ein deutscher Soldat tun würde, der für seinen Bruder neben ihm kämpft. Das heißt nicht, dass er für euren Bundeskanzler kämpft, sondern nur für denjenigen, der neben ihm kämpft, damit er nicht stirbt.

Noch mal zurück zur USA und zur Außenpolitik – gerade wenn man sich ansieht, wie oft die USA in Lateinamerika Diktatoren einsetzen und Tausende von Menschen starben, wie z.B. in Chile…

Cristian (unterbricht): Kennst du „Operation: Mindcrime„?

Ja, sehr, sehr gut…

Cristian: Ja, und genau da hast du es: ‚Politicians say no to drugs while we pay for wars in South America‘ (Textzeilen aus „Spreading the Disease“ – Anm. d. Verf.)…

…was sich auf Reagan und seine Verhandlungen mit lateinamerikanischen Drogenbossen bezog, während seine Frau scheinheilig die ‚Just say no‘-Kampagne startete…

Cristian: Genau das. Und genau deshalb möchte ich es auf der nächsten Scheibe auf die nächste Ebene führen. Du weißt genau, wovon ich rede. Und ich bin der festen Überzeugung, dass man es ansprechen muss. Und es geschieht auch auf der weltweiten Ebene, es sind nicht nur die Vereinigten Staaten. Alle Leute meinen, die USA regierten die Welt. Wenn sie aber wüssten, dass es eine Gemeinschaft von 33 Personen aus allen Regionen der Welt gibt, die die Entscheidungen darüber treffen, was in der Welt passiert, wäre das vielleicht anders. Es sind nicht nur Präsidenten, sondern auch Leute, denen Ölgesellschaften gehören, Menschen, die behaupten, direkt von Jesus Christus abzustammen. Sie sind organisiert in einer geheimen Gesellschaft, die sich die ‚Jesuitengesellschaft‘ nennt. Sie treffen Entscheidungen von globaler Bedeutung. Die meisten haben davon noch nie was gehört, es gibt aber Bücher darüber. Wenn du mal danach suchst, wirst du herausfinden, wer wirklich diese Welt regiert. Ja, die USA sind daran beteiligt. Aber auch Russland ist immer noch involviert, ebenso wie Japan und Nordkorea und einige Länder im Nahen Osten, z.B. Israel. Ich weiß, dass die meisten glauben, die Vereinigten Staaten wären für alles verantwortlich. Ja, Bush und seine Regierung sind für vieles verantwortlich. Er ist es aber nicht alleine, sondern es sind Menschen weltweit daran beteiligt. Deshalb war „Operation: Mindcrime“ ein solch herausragendes Album und er (Geoff Tate/ QUEENSRYCHE – Anm. d. Verf.) schaffte es, sehr viele Dinge, die damals passierten, zwischen die Zeilen zu setzen.

CRISTIAN: Man muss danach streben, was im Herzen ist, nicht danach, was die Gesellschaft als wichtig erachtet.
CRISTIAN: Man muss danach streben, was im Herzen ist, nicht danach, was die Gesellschaft als wichtig erachtet.

Also kannst du es nachvollziehen, dass Bands auch politische Statements abgeben, denn gerade dieses Album war sehr wichtig, vor allem auch deshalb, weil sich eigentlich gar keine andere Band an solche Themen herantraute…

Cristian: Es war sehr wichtig zu dieser Zeit. Es war auch sehr wichtig, als RAGE AGAINST THE MACHINE ihre Statements abgaben. Und ich bin der Ansicht, dass es erneut gemacht werden muss.

Es ist sehr wichtig gewesen, aber ich denke, dass die meisten Bands einfach Angst haben, Farbe zu bekennen und sich zu politischen Themen nicht nur zu äußern, sondern bestehende Strukturen und Vorgänge aufzuzeigen und zu kritisieren…

Cristian: Weißt du, man kann nicht sein gesamtes Leben in Angst verbringen, vor allem nicht, weil jemand dir sagt: ‚Wenn du dieses oder jenes tust oder sagst, kommt der Typ mit den Hörnern und schickt dich in die Hölle‘. Das Traurige ist, dass die meisten Leute in ihrem Leben nicht das Richtige tun, nicht die richtigen Entscheidungen treffen, obwohl sie tief in ihrem Herzen fühlen, dass etwas Anderes richtig wäre. Sie tun nicht das Richtige, weil sie Angst haben, dass etwas Schlimmes passiert. Deshalb muss man immer zuerst in sich hineinhorchen, bevor man eine Entscheidung trifft, man darf nicht zuerst nach außen schauen. Ich würde schon sagen, dass die meisten Menschen ihr Leben so führen. Und das sollte nicht so sein. Man kann nicht immer nur das Gefühl haben, so eben mit bestimmten Dingen einfach nur davongekommen zu sein. Man sollte das tun, was man im Herzen für richtig hält und was das Beste für einen selbst ist.

Laz hat in einem Interview gesagt: ‚Wir sind Latinos und wir sind stolz auf unsere Herkunft‘. Wie würdest du selbst die Beziehung zu eurer lateinamerikanischen Herkunft beschreiben und auf was seid ihr stolz?

Cristian: Ich würde sagen, dass es bedeutet, die Fähigkeit zu besitzen, völlig neutral zu sein und völlig zu verstehen, was es heißt, neutral zu sein in einer Situation, in der 99 Prozent der Leute dazu übergehen würden, eine Position zu beziehen. Die Tatsache, dass ich in so vielen Ländern gelebt habe, gibt mir die Möglichkeit, zurückzublicken und zu sehen, wie es dort ist und zu vergleichen, wie es hier ist. Ich kann das Positive und das Negative gegenüberstellen, eine neutrale Position beziehen, mir aber trotzdem meine eigene Meinung bilden. Die meisten Leute wachsen nur in einem Land auf und dieses Land ist alles, was sie kennen lernen. Sie haben nie etwas anderes gesehen. Deshalb ist es auch nicht ihre Schuld, wenn sie sich nicht der Dinge bewusst sind, die in anderen Ländern vonstatten gehen. Multikulturell zu sein ist schon wichtig, um eine andere Perspektive zu haben. Hier in Europa gibt es so viele Staaten, die multikulturell sind. Ihr habt hier so viele Länder, die eng beieinander liegen. Morgen werden wir in Luxemburg spielen, wo sie mehrere Sprachen sprechen. Und gerade in Luxemburg leben viele Menschen aus allen Teilen Europas. Die USA sind dem ähnlich, aber es gab dort sehr wenig Präsidenten, die das anerkannt haben und versucht haben, dies alles zusammenzufügen. Multikulturell zu sein ist etwas, das ich bei anderen Menschen sehr schätze, und ich bin froh, ebenfalls die Einflüsse verschiedener Kulturen in mir zu haben.

In Lateinamerika ist die politische Realität auch in traditioneller Musik und Literatur sehr präsent. Es gab dort praktisch permanent Diktaturen, und diese Situation hat natürlich das Bewusstsein der Menschen stark geprägt. Würdest du sagen, dass dein politisches Bewusstsein von dorther geprägt wurde?

Cristian: Ich denke, dass politisches Bewusstsein etwas ist, das man in sich trägt oder nicht. Es geht darum, wie sehr man selbst in Dinge involviert werden möchte. Du musst es in dir selbst finden. Viele Leute leben ihr ganzes Leben, ohne zu wissen, was eigentlich passiert. Sie verbringen ihr ganzes Leben damit zu glauben, was man ihnen erzählt. Das meiste jedoch, was einem vermittelt wird, sind unbrauchbare Informationen. Die Regierung ist der Ansicht, dass 99,9 Prozent der Bevölkerung keine Details über das Funktionieren der Außenpolitik und der Regierung wissen muss. Sie glauben, dass wenn die Leute diese Details erfahren würden, es überall zu einer Revolution kommen würde. Manchmal denke ich, dass ich diese Details auch gar nicht wissen möchte, denn es würde mich an einen Punkt bringen, einem Politiker wirklich etwas anzutun. Aber politisches Bewusstsein ist etwas, das man tief in sich selbst finden muss. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich alleine in dieser Welt keinen Wandel erreichen werde, egal, was ich auch immer und immer wieder sagen werde. Solange es nicht jeder in sich selbst entdeckt, wird es keine Veränderungen geben. Alles, was ich versuchen kann ist, vielleicht politisches Bewusstsein durch die Texte auf dem nächsten Album zu wecken, aber ich sage nicht, dass ich damit irgendetwas erreichen könnte. Ich denke halt, dass es das ist, was ich tun sollte, da ich dieses Bewusstsein in mir gefunden habe. Ich denke schon, dass die meisten Leute sich gar nicht bewusst sind, was in dieser Welt vor sich geht. Sie glauben wahrscheinlich wirklich, dass ihre Steuergelder wirklich komplett für die Bildung und nicht für das Militär ausgegeben werden. Aber das muss jeder für sich selbst entdecken. Sieh dir RAGE AGAINST THE MACHINE an – sie haben es jahrelang gepredigt, aber was ist letztlich passiert? Es hat nichts wirklich geändert.

Denke ich aber schon, denn viele Leute, die Fans der Band waren, wurden auf bestimmte politische Dinge aufmerksam gemacht…

Cristian: Ja, sicher, sie hörten es sich an und sie verstanden, was die Band versuchte zum Ausdruck zu bringen. Aber haben sie diesen zusätzlichen Schritt gemacht und sind zur Wahl gegangen oder haben einem verantwortlichen Politiker einen Brief geschrieben, um bestimmte Dinge zu kritisieren oder sie aufzufordern, Missstände zu beseitigen? Sie haben ihre Sache großartig gemacht, aber was haben sie letztlich erreicht? In den späten 60er, frühen 70er Jahren schafften es bestimmte Leute, politisches Bewusstsein zu wecken. Während des Vietnamkrieges gab es viele Künstler, die sich der politischen Situation bewusst waren, sie verarbeiteten dies in ihren Texten und schafften es, einen Wandel zu erreichen. Heutzutage ist es etwas schwieriger, das zu erreichen, und es liegt an einzelnen, das zu tun. Es ist auch schwieriger, heutzutage ein Land zu regieren, als es noch vor 30 Jahren war. Es gibt das Internet, Fernsehen, die Menschen finden mittlerweile die Wahrheit heraus. Und ich denke, es ist Zeit, dass dies jemand zur Sprache bringt, denn die Menschen beginnen durch eben diese Medien zu realisieren, was wirklich in der Welt vor sich geht, wohingegen vor 30 Jahren alle auf das angewiesen waren, was ihnen im Fernsehen mitgeteilt wurde, und sie hatten gar keine Möglichkeit, Hintergründe zu erschließen oder zu erfahren, was irgendwo 30.000 Kilometer weg gerade passiert. Ich denke, dass die Welt durch politisches Bewusstsein zusammengeführt werden kann, aber dies muss jeder selbst in sich entdecken. Die Bush-Regierung hat alles, was sie getan hat, unternommen, um die Glaubwürdigkeit Amerikas zu zerstören. Es gab Zeiten in meinem Leben, da sah ich Amerika als eines der großartigsten Länder der Welt; Amerika hatte viele Handelspartner, man half vielen anderen Ländern, und ich bin der Ansicht, dass die Bush-Administration all das zerstört hat. Woran er eigentlich interessiert ist… das kann nur er selbst beantworten. Wenn ich seine Gedanken lesen könnte, wüsste ich auch endlich ganz genau, warum wir wirklich im Irak sind. Alles, was ich weiß ist, dass Osama bin Laden nicht im Irak ist. Ich weiß es wirklich nicht. Ist es wegen des Öls? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es aus den falschen Gründen ist. Es ist so – als Saddam Hussein Kuwait angriff, war es das Richtige, Kuwait zu verteidigen, das sich in dieser Situation ohne Unterstützung von außen nicht hätte helfen können.

Glaubst du, die USA wären am ersten Golfkrieg beteiligt gewesen, wenn Kuwait nicht einer der Hauptlieferanten für Öl wäre?

Cristian: Sieh es so – wenn die USA damals Kuwait nicht verteidigt hätten, würde heute jeder in der Welt darunter zu leiden haben, eben weil Kuwait eines der ölreichsten Länder der Welt ist, und nicht nur die USA brauchen das Öl.

Das ist ja genau der Grund, warum sich damals praktisch alle europäischen Länder beteiligt haben…

Cristian: Ganz genau. Aber ob es heute darum geht, weiß ich wirklich nicht. Aber ich bin froh, dass das Bewusstsein und das Nachdenken über solche Vorgänge steigt. Um miteinander leben zu können, muss man sich wirklich verstehen.

Dieses Bewusstsein wird aber sicher auch durch die Umgebung geprägt – in Lateinamerika – darauf wollte ich eben hinaus – ist diese Bewusstsein einfach ausgeprägter als in anderen Ländern eben durch die Realität, die sehr oft geprägt war von Diktaturen, Militärputschs, Juntas, etc. – insofern hat dich dies doch sicher sehr geprägt?

Cristian: Natürlich. Wenn du in einem Land aufwächst, in dem du nichts anderes siehst als Militärpolizei, die Maschinengewehre tragen und überall auf der Strasse patrouillieren, hast du keine andere Wahl als dich zu fragen, warum es so ist, woher sie kommen und warum das gerade passiert. Wenn du dieses Land dann nie verlässt, glaubst du, dass es überall auf der Welt so ist. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem du Militär mit Maschinengewehren auf der Strasse patrouillieren siehst; es gibt sonst keine Polizei, das Militär ist die Polizei. Als ich dann in die Vereinigten Staaten gekommen bin, sah ich auf einmal, dass das Militär das Militär ist und die Polizei ist die Polizei, es gibt einen Unterschied. Es hängt alles davon ab, ob du etwas anderes kennenlernst oder nicht. Wie ich eben gesagt habe – viele Leute sehen ihr ganzes Leben lang nur etwas sehr Eingeschränktes, nur das, was in ihrem Land passiert, und kennen nichts anderes. Lateinamerikaner zu sein, dann in ein anderes Land zu ziehen und auch in der Welt herumzureisen, zu sehen, wie es in anderen Ländern ist und funktioniert, hat sicherlich das politische Bewusstsein in mir wachgerufen. Wäre ich in Venezuela gewesen, wo im Grunde eine Diktatur vorherrscht, die sich mit Chavez als Präsidenten hin zu einem kommunistischen Staat entwickelt, vielleicht wäre das alles gewesen, was ich kennen gelernt hätte und ich würde denken, dass das alles richtig für mich ist und so zu sein hat. Aber ich habe sehr viele verschiedene Dinge gesehen und kennengelernt. Ich habe gesehen, wie die US-Regierung funktioniert, wie zentralamerikanische Regierungen funktionieren, aber auch die schwedische Regierung, und das ist etwas ganz anderes. In Holland ist es auch wieder anders. Sicher gibt es positive Dinge bei allen, aber es gibt einen besseren Weg, eine neue Weltordnung herzustellen. Das ist es, was diese Welt braucht, eine neue Weltordnung.

CRISTIAN: Das ist es, was diese Welt braucht: eine neue Weltordnung.
CRISTIAN: Das ist es, was diese Welt braucht: eine neue Weltordnung.

Bei vielen Amerikanern hat sich im Laufe der Zeit die Ansicht über das, was am 11.9. passierte, geändert. Es gab sehr viele Spekulationen, warum welche Gebäude angegriffen wurden und mittlerweile hat ein Untersuchungsausschuss auch der amerikanischen Regierung und den Geheimdiensten eine Mitschuld attestiert, weil sie untätig geblieben waren trotz konkreter Hinweise. Erst hieß es, es sei ein Angriff auf das amerikanische Volk, was aber unwahrscheinlich ist, da im WTC Menschen aus allen Ländern gearbeitet haben…

Cristian: Sicher, es gab keinen Angriff auf das Weiße Haus, welches DAS Symbol für die amerikanische Regierung und somit auch das amerikanische Volk ist…

Das haben sie versucht, letztlich konnte aber ’nur‘ der Angriff auf das Pentagon ausgeführt werden…

Cristian: Aber das Dubiose ist ja, dass im Pentagon auch Iraker und Kuwaiter arbeiten. Es gibt dort sehr viele Menschen, die aus allen Ländern der Welt kommen, aber für die amerikanischen Dienste tätig sind. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was wirklich die Absicht hinter den Angriffen am 11.9. war. Ich weiß nur, dass sie es geschafft haben, dass sie New York City in Angst und Schrecken versetzt haben. Ich habe das alles mit eigenen Augen gesehen. Ich will jetzt ganz ehrlich sein – bis heute habe ich Zweifel an den Aussagen, dass ’nur‘ El Kaida für die Anschläge verantwortlich war. Bis heute denke ich, dass noch andere daran beteiligt waren, das aber bisher nicht entdeckt wurde. Ob es Leute in der amerikanischen oder einer anderen Regierung sind, die darin involviert waren, weiß ich nicht. Die Saudis waren daran beteiligt. Warum wurde Geld aus Saudi-Arabien an die Attentäter überwiesen, die die Flugzeuge in die WTC-Gebäude gesteuert haben? Und zum Teil überkommt mich wirklich der Gedanke, dass Personen aus der US-Regierung daran beteiligt sind, denn sie wussten von diesen Plänen. Es hat sich mittlerweile herausgestellt, dass die Regierung ausreichende Informationen über die Pläne hatte. Aber anscheinend hielten sie es nicht für wichtig genug, einzugreifen und etwas zu tun, um die Anschläge zu verhindern. Insofern ist es die Schuld von allen. Es ist die schuld der Terroristen, die die Angriffe ausführten, aber es ist die Schuld der amerikanischen Regierung, zu wenig Sicherheitsmassnahmen erhoben zu haben, obwohl es diese konkreten Hinweise und Informationen gab. Es gab zu der Zeit kaum Sicherheitsmassnahmen an den Flughäfen. Es ist auch unsere Schuld, weil wir eine derart fatale Außenpolitik haben. Es ist eine Situation, die schwer nachzuvollziehen ist. Ich befürchte, dass die wahren Hintergründe des 11. September niemals herausgefunden werden. Genau wie weltweite Verschwörungstheorien. Man kann drüber lesen und lesen und versuchen, alle Informationen herauszufinden, aber wird man wirklich an den Kern der Wahrheit gelangen? Wahrscheinlich nicht. Und das ist das Traurige. Und deshalb sagte ich eben, dass es für mich schon ein wichtiges Anliegen ist, mit dem nächsten Album die Leute auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen, ihnen die Augen zu öffnen und zu sagen: ‚Hey, was man euch bisher glauben machte, entspricht nicht der Wahrheit‘.

Glaubst du, dass die Leute überhaupt gewillt sind, die Augen für bestimmte Dinge zu öffnen? Vielleicht ist es sicherer, an dem festzuhalten, was sie bisher geglaubt haben…

Cristian: Leute haben generell ein fast verzweifeltes Bedürfnis nach Führung, und sie wollen diese Führung. Patriotismus – was ist das? Patriotismus ist nichts anderes als von jemandem geführt zu werden, um etwas zu lieben – dein Land zu lieben. Menschen werden mit diesem natürlichen Instinkt geboren, zu etwas hingeführt zu werden, was sie lieben. Leute wollen geführt werden, deshalb suchen sie nach solchen Dingen, Patriotismus, oder auch Religion. Ich sage nicht, dass ich daran etwas ändern kann. Das haben schon ganz andere Bands versucht, und „Operation: Mindcrime“ war diesbezüglich eines der großartigsten Alben überhaupt, da sehr viel zwischen den Zeilen enthalten ist. Ich habe vor einiger Zeit Geoff Tate getroffen und wir haben längere Zeit miteinander gesprochen. Wir haben bei vielen Dingen die gleiche Ansicht und es war schon sehr überwältigend, dieses festzustellen. Die Ansichten über die Art und Weise, wie Regierungen geführt werden, wie die Gesellschaft von der Regierung aufgeteilt wird und sie versucht, die Trennung beizubehalten, dass wir im Grunde wie Ameisen in einer Kolonie sind, die kontrolliert wird. Man ist ein einzelner unter einer Million Menschen und sie scheren sich einen Dreck um dich, sie scheren sich um gar nichts. Und all das muss erneut angesprochen werden und ich werde mein Bestes geben, das auf dem nächsten Album zu erreichen. Zumindest ist das zum derzeitigen Augenblick der Fall.

Noch mal kurz zurück zur Musik – ihr habt mehrfach betont, dass ihr stolz darauf seid, Latinos zu sein und es euch besser gefallen würde, als Latin Metal-Band bezeichnet zu werden als in die Nu Metal-Ecke geschoben zu werden…

Cristian: Ich denke schon, dass es uns eine größere Identität gibt. Aber, wie gesagt, Musik ist Musik. Und alles, was es im Grunde ist, sind Einflüsse, die du während deiner Kindheit gesammelt hast, und sie mit Bandkollegen zu etwas Neuem zusammenfügst. Bei uns ist es so, dass die meisten in der Band aus hispanischen Familien kommen, deshalb passt der Begriff ‚Latin Metal‘ schon ganz gut. Aber ehrlich gesagt ist es mir schon egal, wie die Leute uns bezeichnen. Gestern haben wir auf diesem Festival gespielt, und es waren Bands aus allen Genres vertreten. Unsere Show war super. Aber wir behaupten nicht, heavier als irgendjemand anders zu sein. Wir sind ILL NINO, werden es auch immer sein, und wir behaupten nicht, besser als die anderen zu sein. Es gibt so viele Bands, die sich für besser als andere halten, aber solches Verhalten ist destruktiv. Und diese Kategorisierungen – es ist cool, dass man uns als Latin Metal-Band bezeichnet, während andere dann doch wieder auf Nu Metal zurückgreifen – was immer sie wollen. Das Wichtigste ist, dass wir anders als andere sind. Sicher haben wir Einflüsse in unserer Musik, aber wenn du ILL NINO hörst weißt du, dass es ILL NINO ist. Wir klingen nicht wie SOULFLY , SEPULTURA oder SLIPKNOT. Wir hören auch immer wieder, dass wir wie LINKIN PARK klingen – ich meine, hallo, klingen wir etwa wie LINKIN PARK? Das glaube ich nicht, denn sie sind nicht so heftig vom Sound her. Insofern – ich mag den Begriff Latin Metal schon, obwohl ich auch nichts gegen Nu Metal habe. Das einzige Problem mit diesem Begriff ist, dass viele andere versuchen, diese Bands niederzumachen, was zu Lasten der ganzen Szene geht.

Beim letzten Mal sagte Laz, dass ihr schon stolz seid, dass die lateinamerikanische Gemeinschaft in den USA euch schon der ‚Latin Culture‘ zurechnet und dass sie auch stolz sind, dass ihr eben genau diesen Latin Metal spielt…

Cristian: Ja, sehr stolz. Einige Lateinamerikaner in den USA, die normalerweise gar kein Metal hören, hören sich unsere Scheiben an und kommen zu unseren Konzerten, weil sie es gut finden, dass wir Latinos sind und es schaffen, in einem Land einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht zu haben, welches eben kein lateinamerikanisches Land ist. Und das gleiche kann man auch über andere Bands sagen, die Sprachbarrieren überwunden haben, wie z.B. RAMMSTEIN. RAMMSTEIN haben es geschafft, in anderen Ländern sehr bekannt zu werden, obwohl sie Songs in einer völlig anderen Sprache singen. Und das finde ich sehr cool. Die Tatsache, dass die Musikindustrie nicht darauf begrenzt ist, welche Sprache du sprichst oder woher man kommt, oder wie viele Hochhäuser es in deiner Stadt gibt oder was auch immer, ist großartig. Musik ist für Massen, nicht für Leute, die eine gemeinsame Sprache sprechen. Aber die lateinamerikanische Gemeinschaft in den USA steht hinter uns und darauf sind wir wirklich sehr stolz.

ILL NINO von links nach rechts: Dave Chavarri (Schlagzeug), Jardel Paisante (Gitarre), Cristian Machado (Gesang), Ahrue Luster (Gitarre), Danny Couto (Percussion) und Laz Pina (Bass)
ILL NINO von links nach rechts: Dave Chavarri (Schlagzeug), Jardel Paisante (Gitarre), Cristian Machado (Gesang), Ahrue Luster (Gitarre), Danny Couto (Percussion) und Laz Pina (Bass)



Fühlt ihr euch als Teil dieser ‚Latin Culture‘? Wir kennen hier in Deutschland nicht sehr viele Bands, außer CYPRESS HILL vielleicht…

Cristian: Ja, wir kommen sehr gut mit diesem Bands klar. Wir bekommen auch sehr viel Unterstützung von diesen Bands. Vorgestern haben wir auf einem Festival mit CYPRESS HILL gespielt, auf dem auch noch andere Latino-Bands spielten. Wir verbringen dann schon Zeit miteinander und es ist immer eine großartige Zeit, die wir miteinander haben. Es ist ein gutes Gefühl, Lateinamerikaner zu sein, aber auch eine Art ‚Nebenkultur‘ zu haben. Wir sind Lateinamerikaner, aber wir leben auch in den USA. Wir verstehen sowohl das Negative als auch Positive an diesen Dingen.

Der spanische Text von „How Can I Live“ vermittelt etwas Anderes als die englische Version, ich würde die spanische Version schon als persönlicher, intimer bezeichnen als die englische. Ist es für dich anders, wenn du auf Spanisch Texte verfasst?

Cristian: Es ist für mich viel einfacher, mich auf Spanisch auszudrücken. Darum habe ich auch immer spanische Texte verfasst. Spanisch ist eben meine Muttersprache, es ist die Sprache, mit der ich aufgewachsen bin, deshalb ist es für mich einfacher das, was ich fühle, auszudrücken, wenn ich es auf Spanisch tun kann. Aber ich lebe in den Vereinigten Staaten, ich bin auch US-Bürger, und obwohl ich woanders geboren und aufgewachsen bin, ist auch dies nun Teil meiner eigenen Kultur. Und ich versuche immer zu glauben, dass die amerikanische Kultur multikulturell ist. Denn wenn man es sich genau betrachtet – was ist die amerikanische Kultur? Wenn man das wirklich festlegen wollte, dass muss man sagen, dass es die indianische Kultur ist, denn sie waren dort, bevor überhaupt jemand anders dort hingekommen ist. Für mich selbst ist es natürlicher, mich auf Spanisch auszudrücken. Der spanische Text zu „How Can I Live“ ist aber definitiv noch persönlicher als die englische Version, er beschreibt die Dinge genauer.

Vor allem gibt es dort auch die Zeilen: ‚Y ya lo puedo ver, nacido sin querer‘, was schon ein sehr heftiges Statement ist…

Cristian: Ja, es sagt aus, dass ich eigentlich nur ein Unfall war. Aber das war ich nun mal. Es sollte eigentlich nicht passieren. Aber das ist die Art und Weise, wie viele Kinder zur Welt kommen. Ich sollte wohl schon hier sein, es ist aber durch etwas passiert, was nicht hätte passieren sollen. Deshalb habe ich auf dem „Confession“-Album sehr viel darüber geschrieben. „Te Amo – I Hate You“, „Lifeless… Life“, „Re-Birth“, denn so ist es nun mal – Yin und Yang, Positives und Negatives hängen zusammen und das eine beeinflusst das andere. Und obwohl ich durch etwas entstanden bin, was negativ war und nicht hätte passieren sollen, bin ich hier und das ist etwas Positives.

An der Verschwörung beteiligt waren an diesem Abend: Claudia Feldmann und Frank Kuhnle…

Layout: Uwe (hat während des korrekturlesens und der Layouterstellung tonnenweise Orangen-Eis, Beck’s Gold, Chips und Cola-Light vernichtet … )