TURIA: Degen van Licht

TURIA: Degen van Licht

2018 erschien auf Eisenwald eine Split-LP namens „De Oord“, auf der zwei Bands aus dem niederländischen Gelderland jeweils ein langes Stück epischen Black Metals veröffentlichten, die sich nicht nur perfekt ergänzten, sondern jeweils eine Atmosphäre kreierten, die ich so lange nicht mehr gespürt hatte. Sie hat etwas von EMPEROR Mitte der 90er, aber ohne den satanischen Aspekt – dieser wird ersetzt durch ein schwer zu fassendes Etwas zwischen urbaner Verzweiflung über die kalte Welt, in der wir leben, und der dennoch unbesiegbaren Liebe zu Natur und Ewigkeit. Wo FLUISTERAARS, die eine Band, die Natur repräsentierten, führte TURIA, die andere, tief hinein ins Herz der Verzweiflung.

Klar, dass ich spitz wie Nachbars Lumpi wurde, als Eisenwald von beiden Bands nahezu zeitgleich erscheinende neue Alben ankündigte. TURIAs „Degen van Licht“ erscheint zwei Wochen vor „Bloem“ von FLUISTERAARS und lässt kaum einen Wunsch offen: Die Musik ist oberflächlich einfach und primitiv, erzeugt aber einen hypnotischen Sog, dem ich mich unmöglich entziehen kann. TURIA sind bloß zu dritt – Schlagzeug, Gitarre und Gesang -, klingen und wirken aber wie ein ganzes Orchester, denn leidenschaftlicher kann man nicht Schlagzeug spielen, epischer keine Gitarrenspuren erzeugen und verzweifelter nicht schreien. Gleich zu Beginn wird klar, dass die Produktion genau den Raum erzeugt, den das Trio braucht, um zu wirken – und wie es wirkt: sphärisch leitet die Gitarre in die Finsternis, brutal bricht das Schlagzeug in das Flirren ein, und das perverse Geschrei und Gekrächze darüber bietet den perfekten Kontrast zum über allem schwebenden melodischen Zupfen der Gitarre. Ein großartiges Rezept, das TURIA hier zur Perfektion treiben.

Ein finsterer Mahlstrom aus Licht und Schatten

Nichtsdesotrotz gibt es nicht nur Licht auf „Degen van Licht“. Das Repetitive ist nämlich sowohl TURIAs Stärke als auch ihre Schwäche, kann es doch gerade in der ersten Hälfte des Albums für einige Hörer*innen ermüdend wirken: Erst nach zwei Stücken nämlich ändert sich die Stimmung grundlegend, da hätte ich mir trotz der nahezu perfekt erzeugten Atmosphäre etwas mehr Abwechslung gewünscht. Der dann folgende Titeltrack drosselt das Tempo massiv und entführt mit einer Entschlossenheit auf den das Cover zierenden finsteren Berg, dass sich das Warten auf jeden Fall gelohnt hat: allein die aus dem Doom entliehene Harmonieverschiebung im zentralen Riff ist es wert. Darauf folgt mit „Storm“ der absolute „Hit“ des Albums; hier spielt die Gitarre eine derart liebliche Melodie über den Sturm, dass der finstere Mahlstrom der ersten Albumhälfte beinahe vergessen ist. Es folgt ein Zwischenspiel, und dann geht es auch schon in den erneut tiefschwarzen Schluss.

Es wird nämlich die „Ossifrage“ gestellt. Politisch aufmerksame Gemüter mögen einwenden, dass die schon seit geraumer Zeit beantwortet ist, aber die überwiegende Öffentlichkeit fragt sich ja auch anno 2020 noch, wie es denn möglich sein kann, dass in Ostdeutschland so viele Leute…

Verzeihung. Musste sein. (Bin PARTEI-Mitglied.) Was auch sein muss: ein Kauf dieses Albums, allein, um das meines Erachtens mit Abstand beste Black-Metal-Bandfoto (siehe unten) seit vielen, vielen Jahren zu goutieren. Wer das sieht, weiß eigentlich schon, was ihn erwartet, und deshalb hör ich jetzt auch auf zu schreiben.

TURIA haben das mit Abstand beste Black Metal-Bandfoto seit langem gemacht

Veröffentlichung am 14.2.2020 auf Eisenwald
TURIA auf Bandcamp

Spielzeit: 46:16 Min.

Tracklist TURIA – „Degen van Licht“

1. I
2. Merode
3. Met sterven beboet
4. Degen van licht (Audio bei YouTube)
5. Storm
6. II
7. Ossifrage

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.