SINEAD O’BRIEN: Time Bend and Break the Bower

Die irische Postpunk-Poetin SINEAD O’BRIEN kommt mit vielen Vorschusslorbeeren über den Teich. Ihr Debüt „Time Bend and Break The Bower“ verbindet kluge Spoken-Word-Texte mit Post Punk und Indie-Rock. Dass sie es dem Hörer nicht zu einfach macht, gehört zu ihrer Lebenseinstellung: spröde Ruppigkeit paart sich mit schönen Melodien und verschroben-tanzbaren Gitarrenklängen.

Über fehlende Aufmerksamkeit musste sich SINEAD O’BRIEN zuletzt nicht beklagen. In ihrer britischen Heimat reichten ein paar Songs und EPs seit 2019 aus, um die blasshäutige Musikerin mit den markanten Wangenknochen als Stilikone und Zukunft des Postpunk zu empfehlen. Nicht von ungefähr: hauptberuflich als Designerin tätig und bei Vivienne Westwood ausgebildet, verströmt die junge Frau schon rein äußerlich viel Extravaganz und Eigensinn. Und tatsächlich kommt auch die Musik ein wenig daher wie ein Kleidungsstück ihrer Mentorin Westwood: stilistisch nicht zu fassen, mit ordentlich Reibungsfläche und einer unterschwellig wütenden Punk-Attitüde. Auftritte bei der BBC waren ebenso eine Folge wie euphorische Kritiken unter anderem im NME und Rolling Stone Magazin. Mit „Time Bend and Break The Bower“ liegt nun ihr lang erwartetes Debüt vor.

SINEAD O’BRIEN: Spoken Word trifft auf Postpunk und psychedelische Momente

Will man sich der Musik von O’BRIEN nähern, so fällt zunächst auf: Sie ist sehr textlastig. Mit breitem irischen Akzent trägt sie ihre Poeme vor, eine Mischung aus Sprechgesang und melodischem Singen. Mitunter erinnert ihr raspeliges Organ an PATTI SMITH. Was beide Musikerinnen vereint: Sie verstehen sich auch als Lyrikerinnen. Zuerst entstehe der Text, Gedichte frühmorgens in ein Notizbuch geschrieben, wie O’BRIEN im Interview mit der Webseite prsformusic.com verriet. Die Texte speisen sich aus Alltagsbeobachtungen und Jugenderinnerungen, sind oftmals sehr assoziativ, beschwören auch surreale Bilderfluten herauf. „Manchmal stelle ich mir Lieder wie Kammern oder Zimmer in einem Haus vor, durch die man selbst hindurchgeht“, sagt sie. Auch ANNE CLARK ist aufgrund des Sprechgesangs eine Referenz, die in den Sinn kommt. Es gibt wiederkehrende Motive: die Großstadt, der Tanz, die Nacht, die Gosse. Alltagsmomente brechen auf und geben den Blick frei auf Abgründe und existentialistische Bedrohungen.

Die Stimme ist monoton, doch langweilig klingt O’BRIENs Gesang nie. Das liegt auch am Vortrag. Nur beim ersten Hören scheint er unterkühlt zu sein, doch klug streut sie melodische Momente ein, singt theatralisch, lässt die Stimme an- und abschwellen, auch mal bedrohlich grollen. Jede Silbe scheint bewusst betont und gesetzt. Und auch die musikalische Untermalung trägt dazu bei, dass die Songs weit eingängiger sind, als es das Label „Spoken Word“ zunächst vermuten lässt. Für diese sind Gitarrist Julian Hanson und Schlagzeuger Oscar Robertson verantwortlich. Sie unterlegen die Stimme mit teils tighten, teils luftigen Grooves, die sich in Richtung Postpunk der 80er verneigen, aber auch mal funkig auf den Dancefloor bitten oder gar psychedelisch den Raum für sphärische Momente öffnen. Der Sound ist klar und transparent, die Stimme weit in den Vordergrund gemischt und mit viel Hall versehen.

“Immer wieder Wege finden, meinen Lebensweg zu stören”

Das Ganze verströmt viel britischen Charme und kommt mit Haltung daher. Punk ist mehr als Attitüde: politische Themen wie Konsumkritik und Feminismus sind in den Texten, wenn auch oft verklausuliert, präsent. Als wichtigen Einfluss nennt die Musikerin Mark E. Smith, sich prügelndes Raubein, Hooligan und Alkoholiker. Und Frontmann der Postpunk-Legende THE FALL, der seine Musik sperrig und experimentierfreudig mochte, mitunter an der Grenze der Hörbarkeit. So macht es auch O’BRIEN dem Hörer nicht immer einfach, präsentiert zwischen eingängigeren Nummern fragmentarische Songs, die nach kurzem Moment abbrechen – und auch ein wenig fragend zurücklassen.

Das Widerborstige hat bei der Irin System. Sie selbst ist eine Suchende, liebt das Unterwegssein. Geboren wurde sie im westirischen Limerick (richtig: die Stadt, nach der die Nonsens-Gedichte benannt wurden), studierte in Dublin und Paris, lebt aktuell im hektischen London. Ihr meistgehasstes Wort ist “gemütlich”, wie sie im Interview mit dem NME betont. Und weiter: “Ich mag die Vorstellung nicht, sesshaft zu sein. Es fällt mir sehr schwer, mir Dauerhaftigkeit vorzustellen, und ich weiß auch nicht genau, warum. (…) Ich muss immer wieder Wege finden, mich zu entwurzeln und meinen Lebensweg zu stören”.

Zwischen Indie-Dancefloor und Sperrigkeit

Bereits der Einstieg in das Album ist ein Statement. „Pain Is The Fashion of the Spirit“ kommt als spärlich instrumentiertes Sprechstück daher, der Bass schlägt monoton einen dumpfen Vierklang an, das Schlagzeug schreitet ebenfalls monoton im Hintergrund. Fast loopartig wiederholt die Irin immer wieder dieselben Sentenzen: „Two silent seas divide us/ Two silent seas retreat/ It’s the end of all good things/ There is nothing good to keep“. Variation findet fast nur über die Betonung der Silben statt. Es ist eine Art düsterer Begräbnis-Marsch, Anti-Pop. Schon hier wird ein häufiges Stilmittel von O’BRIEN deutlich: in den Texten wird ein fiktives „Du“ angesprochen, geradezu beschworen und oft auch beobachtet. Unklar ist, ob es sich um ein Selbstgespräch handelt oder eine zweite Person adressiert wird. Geht es um Entfremdung? Das Ende einer Beziehung? Fast sloganhaft der Titel: „Schmerz ist die Mode des Geistes“.

Der Opener geht ohne Pause über in das hektische „Salt“. Ein Song, den man sich schon eher in einer Indie-Disko vorstellen kann, aber auch dies ist kein einfacher Track. Nervös scheppert das Schlagzeug in einem verschrobenen Rhythmus, der Bass pulsiert, der Song ist rockig. Und schräg-schroff hungrig. O’BRIEN scheint mit ihrer Stimme dem Rhythmus der Begleitband immer einen Schritt vorauszueilen, der Text verortet sie in einer unwirtlichen Gegend zwischen Lebenshunger und apokalyptischer Zerstörungswut. Vielleicht ihre irische Heimat? „Die Hoffnungen sind hier hart wie Stein,/ wie geopfert im Namen der Hitze“, singt sie, und wenig später: „Bewahre etwas von der Musik/ Ich habe ein göttliches Verlangen/ Mich auf die Straße zu legen/ Das Wasser der Gosse über mich fließen zu lassen“. Die Texte bleiben kryptisch.

Song Numero drei, das bereits vorab bekannte GIRLKIND, packt dann das aus, wofür O’BRIEN im Vorfeld gefeiert wurde: ein eingängiger Song mit Hit-Appeal, der auf die Tanzflächen schielt. Die Gitarre spielt ein bluesiges Riff, der Klang ist warm, man könnte fast an Classic Rock denken. Auch an Funk, 70s-Style. Wenn nicht wieder diese typische Sprechsang-Stimme wäre, die zwischen Sinnsuche, Lebenslust und Apokalypse die Bestandsaufnahme einer jungen Frau versucht. „Die Ewigkeit ist so viel weniger, als ich gedacht hatte/ Ein lang andauernder einzelner Moment/ Ein uneingestandener Akt/ Ein Bein gefangen in der Falle/ Und würde der Knöchel brechen/ Um die Schlinge vom Kitz zu befreien/ Oder den Gedanken von der Uhr/ Kommt Neonlicht und verbrennt den gefrorenen Nebel“, singt und spricht sie. „Alle Zeichen, die ich sehe, weisen in die falsche Richtung/ Und wir haben noch nichts gesehen.“

Von diesen eingängigen Dancefloor-Fillern gibt es mehrere auf dem Album. „Like Culture“ kommt als Indie-Pop mit Synthie-Einschlag daher, der schon im Refrain die Aufforderung zum Tanzen beinhaltet. Ein „Du“ wird aufgefordert, sich im Rhythmus zu bewegen: Wenn auch die Aufforderung eher eine verzweifelte ist: „Tanze, als ob alles normal wäre“. Und weiter: „Der Raum hat uns aufgesogen/ Unseren Körper geschluckt und unseren Verstand verzehrt“. Der Club als gefräßiges Biest, als schwarzes Loch gar. „Denke an deine Lebenszeit,/ Und was du zu geben hast/ Denke über diese Nacht nach…“. Selbst der Rausch der Disco ist nicht ohne existentialistisches Grübeln zu haben. „Spare for My Size, Me“ ist dann sogar eine Verneigung vor dem Hi-NRG der 80er und glitzert Synthie-getränkt unter der Diskokugel. Wer mit diesem Begriff nichts anfangen kann: Es ist der Sound, der auch MODERN TALKING beeinflusst hat. Oder die PET SHOP BOYS in ihrer frühen Phase.

Zitatreich und eigen

Was SINEAD O’BRIEN hervorhebt: Dass sie aus Zitaten einen eigenwilligen Mix gestaltet und dabei trotz des jungen Alters ein enormes Selbstbewusstsein ausstrahlt, auch Persönlichkeit. Ja, die Zutaten sind bekannt. Hallende Gitarren, dezenter Funk-Bass, synkopisches Schlagzeug. „End of Days“ zitiert THE CURE. „Multitudes“ startet fast als 70s-Softrock, eine sanfte Violine ist zu hören, bis auch dieser Song sich ändert, in einem nervösen Refrain aufgeht. Doch dann ist da diese Sprechstimme, drängend und hungrig. Die Nuancen sind mitunter überraschend, weil widerborstiger als bei der Konkurrenz. Zuletzt verfolgten DRY CLEANING auf der Insel einen ähnlichen Ansatz, Postpunk mit Sprechgesang und Poesie zu verbinden. Auch Fontaines D. C., die wie O’BRIEN aus Irland stammen. Doch O’BRIENs Intonation ist eine andere, der Rhythmus betonter und die Stimme präsenter. Stärker noch legt sie den Fokus auf die Poesie.

Man muss sich auf diesen Sound einlassen. Man muss akzeptieren, dass Texte und Intonation gleichberechtigt neben der Musik stehen. Aber dann kann das Album eine spannende Erfahrung sein. In England gibt es gerade eine Bewegung, die den britischen Postpunk-Sound in die Jetztzeit hebt, ohne sich in Nostalgie zu ergießen. Die Irin ist ein Teil davon – und könnte gar ihr Aushängeschild werden.

Veröffentlichungstermin: 10.06.2022

Line-Up

Sinead O’Brien – Vocals
Julian Hanson – Gitarre
Oscar Robertson – Schlagzeug

Label: Chess Club

mehr im Netz: Sinead O’Brien bei Bandcamp

SINEAD O’BRIEN “Time Bend and Break The Bower” Tracklist

1. Pain Is The Fashion Of The Spirit
2. Salt
3. GIRLKIND (offizielles Video bei Youtube)
4. End of Days
5. Like Culture (offizielles Video bei Youtube)
6. The Rarest Kind
7. Holy Country
8. Spare For My Size, Me
9. There Are Good Times Coming (offizielles Video bei Youtube)
10. Multitudes
11. Go Again