NINE INCH NAILS: Year Zero

NINE INCH NAILS: Year Zero

Es gibt Alben, die entstehen, weil ein paar Typen Bock auf Mucke haben und gemeinsam bei ein paar Bierchen zehn, elf Songs schreiben und aufnehmen. Und es gibt Alben, die entstehen aus der künstlerischen Vision eines getriebenen Musikers, dessen höchstes Ziel es ist, Musik, Texte und Artwork zu einem einzigen großen Gesamtkunstwerk zu verbinden. Ihre Berechtigung haben sicherlich beide Herangehensweisen, für Trent Reznor käme aber vermutlich nie eine andere als die letztere in Frage. Beim neuen Album geht er sogar so weit, im Rahmen der viral promotion-Strategie schon lange vor VÖ etliche multimediale Steinchen für´s große Year Zero-Mosaik durch die Fangemeinde geistern zu lassen. Doch besitzt die Grundlage – also das Album selbst – das Potential, ein Gesamtbild entstehen zu lassen?

Diese Frage kann mit einem klaren Ja beantwortet werden. Eingängige Hits wie Closer fehlen zwar ebenso wie zerbrechliche Gebilde Marke Hurt, doch dafür ist dieses Mal die Mannschaft der Star. Jeder Song trägt sein Scherflein dazu bei, dass vorm inneren Auge eine beängstigend intensive Dystopie entsteht. Schon das Artwork verweist auf aktuelle politische Entwicklungen: Ein amerikanisches Moralitätsministerium bittet da um Spitzeldienste, einer Hand mit einer Bibel wird eine Maschinenpistole gegenübergestellt und unter einem düsteren Himmel trennt eine hohe Mauer Slums und Industrieödnis vom Neuen Jerusalem aus der amerikanischen Gründungsmythologie. In den Texten finden sich zudem Anspielungen auf die Amtsführung von George W. Bush und Egoismus in der Gesellschaft. Das mag nicht mehr sonderlich originell sein, in seiner Konsequenz und seiner kunstvollen Umsetzung erhält Year Zero jedoch immerhin eine deutlich höhere Durchschlagskraft als die üblichen Bush-bashing-Arien.

Dazu trägt glücklicherweise die Musik auf Year Zero den größten Teil bei. Wild pulsierendes Stakkato und getriebener, zerhackter Gesang machen beispielsweise Survivalism zu einer würdigen, wenn auch sperrigen Single-Auskopplung, während Capital G mit seinem triolischen Stampfrhythmus am ehesten an Industrial-Standards erinnert, diese jedoch wuchtig und überzeugend interpretiert. Darüber hinaus dominieren Keyboards und Drumcomputer, während die Gitarren höchstens als Farbtupfer im spartanischen, effizient arrangierten Klangskelett eingesetzt werden. Mag der ein oder andere Fan aus der härteren Ecke darüber auch verärgert sein, für die Atmosphäre auf Year Zero wären mehr Schreddergitarren Gift gewesen. Die Keyboardflächen strahlen eine Kälte nahe dem absoluten Nullpunkt aus, bevor sie von Disharmoniekaskaden verhackstückt werden. Dazu donnern äußerst variable, vielschichtige und doch immer groovende Rhythmusloops aus den Boxen, die gleichermaßen für Nachvollziehbarkeit und maschinelle Härte sorgen. Schon all dies könnte für ein Industrial-Highlight sorgen, doch dazu kommt noch die einzigartige Stimme von Trent Reznor. Er sorgt für eine unverwechselbare emotionale Komponente inmitten der synthetischen Klangwüste und brilliert mit wütenden Hooklines, finsterem Flüstern und dem abschließenden Flehen nach Vergebung von Zero-Sum – nur um einen nach dem Hörgenuss voller Gedanken, widersprüchlicher Gefühle und Zweifel zurückzulassen in der Gewissheit, einem Kunstwerk gelauscht zu haben, das Lichtjahre von netter Hintergrundberieselung entfernt ist.

Veröffentlichungstermin: 13.04.2007

Spielzeit: 63:52 Min.

Line-Up:
Trent Reznor – Gesang, Instrumente

Produziert von Trent Reznor & Atticus Ross
Label: Interscope/Universal

Homepage: http://www.nin.com

Tracklist:
Hyperpower
The Beginning Of The End
Survivalism
The Good Soldier
Vessel
Me, I´m Not
Capital G
My Violent Heart
The Warning
God Given
Meet Your Master
The Greater Good
The Great Destroyer
Another Version Of The Truth
In This Twilight
Zero-Sum