ALITOR: II

Serbien ist wie die meisten Länder Osteuropas nicht gerade im Fokus des durchschnittlichen Metalheads. Dass in jedem dieser Länder aber eine vitale Metalszene mit starken Bands existiert, sollte nicht überraschen. Aber auch dreißig Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs hat man als Band aus Osteuropa immer noch einen Standortnachteil. So hörte ich, genau wie von den ebenfalls sehr empfehlenswerten Landsmännern von QUASARBORN, dieses Jahr zum ersten Mal von ALITOR, die bereits 2011 gegründet wurden. Damals waren die Bandmitglieder zwischen sechzehn und zwanzig Jahren alt. Das Debüt “Eternal Depression” erschien 2014 und bot einen Mix aus frickeligem Thrash und etwas Death Metal. Nun kommt über Ragnarök (CD) und Doc Gator Records (Vinyl) der Nachfolger mit dem pragmatischen Titel “II”.

ALITOR spielen technisch anspruchsvollen, zeitgemäßen Thrash Metal mit einem Schuss Melo Death

Auf diesem Album ist als zweiter Gitarrist Igor Marinić zu hören, der jedoch inzwischen wieder aus der Band raus ist. Für ihn ist Gründungsmitglied Aleksandar Stevanović, der von 2011 bis 2017 in der Band war, wieder zurückgekehrt. Im Vergleich zum Debüt hat die Band sich merklich entwickelt. Zum einen klingt der Sound des neuen Albums eine ganze Ecke fetter. Das Debüt klang noch deutlich trockener und roher, auch wenn hier erneut Luka Matković für die Produktion zuständig war. Auch klingt der technisch anspruchsvolle Mix aus Thrash Metal und melodischem Death Metal auf “II” ein Stück zeitgemäßer als noch auf “Eternal Depression”. Manche Band des Modern Metal der 00er Jahre kommt mir in den Sinn, wobei ALITOR insgesamt doch etwas old schooliger klingen.

ALITOR feuern auf “II” ein instrumentales Feuerwerk ab, schreiben dabei aber auch starke, eingängige Songs

Schon mit dem sechsminütigen Opener “The Tempest Within” feuern ALITOR ein Feuerwerk aus Riffs, Breaks und Soli ab. Dabei klingt alles aber deutlich stringenter und weniger frickelig als auf “Eternal Depression”. Man hat die vorhandenen musikalischen Skills also etwas mehr dem Song untergeordnet, könnte man wohl sagen. Trotzdem ziehen ALITOR wie schon erwähnt ganz schön vom Leder. Der Gesang von Marko Todorović kann da nicht ganz mithalten. Nicht, dass er schlecht wäre – man könnte sagen, der Gesang erfüllt seinen Zweck. Sowohl die aggressiven Shouts als auch der normale Gesang klingen solide und nerven nicht, stechen aber eben auch nicht hervor. Und so geben ALITOR auch auf den nächsten Songs ordentlich Gas, geizen neben rasiermesserscharfen Thrash Riffs nicht mit jeder Menge melodischer Harmonien und Soli sowie dem einen oder anderen akustischen Intermezzo.

Auch ohne Verzerrung erschaffen ALITOR packende Musik

Am Ende von “Fall.Ing” zeigen die Gitarristen, dass sie auch unverzerrt mit ziemlich flotten Fingern zupfen. Das hat schon große Klasse. Besagtes Ende geht nahtlos in “Euphoria” über, welches erstmal komplett instrumental und lediglich mit unverzerrten Gitarren sowie ein paar Streichern die Ohren umschmeichelt. Ein wunderschönes Stück Musik, bei dem man den fehlenden Gesang überhaupt nicht vermisst. Nach vier Minuten hauen ALITOR dann doch noch mal die Verzerrung rein, bleiben aber melodisch und hauen noch mal ein richtig geiles Gitarrensolo raus. Ein sehr gelungenes Instrumental, welches zu den Höhepunkten des Albums gehört. Bei “The Warm Wind” hat QUASARBORN-Sänger Luka Matković, der “II” auch produziert hat, einen Gastauftritt am Mikro. Seine Stimmlage ist deutlich höher als die von Marko Todorović, dafür gibt es als Kontrast ein paar Death-Grunts dazu. Auch durch seinen Gesang ist “The Warm Wind” wohl der melodischste Song des Albums. Gegen Ende gibt es noch eine richtig nach old school Metal klingende Gitarrenharmonie.

Nichts erwartet – viel bekommen. ALITOR begeistern mit Energie, Spielfreude und Talent

Da ich die Band vorher überhaupt nicht kannte, hatte ich natürlich auch keinerlei Erwartungen. Umso mehr haben ALITOR mich mit “II” positiv überrascht. Das Teil wächst immer noch mit jedem Durchlauf und zählt für mich zu den Highlights in Sachen Thrash Metal dieses Jahr. Man spürt einfach die unbändige Energie und Spielfreude der Band, gepaart mit dem hohen technischen Niveau. Auch Schlagzeuger Stefan Đurić muss man hier mal erwähnen. Der Mann verdrischt sein Drumkit wirklich nach allen Regeln der Kunst. Manchmal könnte man meinen, er hätte mehr als nur zwei Arme. Mit ihrem Sound dürften ALITOR eigentlich sowohl bei klassischen Thrash Metal-Fans als auch bei Anhängern des moderneren Metals Anklang finden. Ich behaupte mal, wenn die Band aus Deutschland, den USA oder Schweden stammen würde und ein großes Label hinter sich hätte, wäre da einiges möglich. Man kann nur hoffen, dass die Jungs auch so ihren Weg gehen. Das Talent dafür haben Sie fraglos. Lasst euch dieses starke Album nicht entgehen!

Veröffentlichungsdatum: 27.11.2020

Spielzeit: 41:24

Line Up:
Marko Todorović – bass, vocals
Jovan Šijan – guitars
Aleksandar Stevanović – guitars
Stefan Đurić – drums

Produziert von: Luka Matković

Label: Ragnarök Records (CD) / Doc Gator Records (LP)

Bandhomepage: http://www.alitor.net/
Facebook: https://www.facebook.com/AlitorOfficial
Bandcamp: https://alitor.bandcamp.com/

ALITOR “II” Tracklist:

01. The Tempest Within (Video bei YouTube)
02. Present Tense
03. Homo Ignoramus (Lyric Video bei YouTube)
04. Fall.Ing (Audio bei YouTube)
05. Euphoria
06. Consecration
07. The Warm Wind
08. Some Sort of Truce