Interview mit LaBrassBanda: Yoga trifft Bläsermusik

Das Thema ist Blasmusik. Aus Bayern. 2007 gegründet, touren LaBrassBanda von den Alpen bis nach Zimbabwe … und mischen Bierzelte, Rock-Open-Airs und Großstadtclubs gleichermaßen auf. Ihre Shows sind wild, laut und schweißtreibend, doch nun hat die Band aus Übersee am Chiemsee eine „Yoga Sinfonie“ aufgelegt. Karin Rabhansl hat bei Sänger, Trompeter und Bandchef Stefan Dettl nachgefragt.

Als alles stillstand, habe ich in dieser verrückten Zeit – wie so viele – Yoga für mich entdeckt. Jetzt bringt Ihr mit LaBrassBanda eine Yoga-Sinfonie raus. Witzig! Wie kam’s?
Ungefähr vor einem Jahr haben wir uns überlegt, was können wir machen, was ist möglich. Und haben rausgefunden: Kontaktlose Sportveranstaltung mit 100 Leuten sind erlaubt. Also eine Yoga-Klasse, jeder auf seiner Matte – das geht. Und wir liefern die Hintergrundmusik. Also ruhige Melodien, die bei einem normalen LaBrassBanda-Konzert nicht so gut ins Programm passen. Es wurde geplant, Noten wurden geschrieben und wir machten testweise eine Sportveranstaltung mit Hintergrundmusik zusammen mit einem Yoga-Lehrer im Festspielhaus in Füssen. Bläsermusik geht einfach ganz tief rein. Ganz viele Leute haben gelacht und geweint, es war total emotional. Danach wollten ganze viele Leute die Musik zum Nachhören. So entstand über die Winterzeit das Album.

Habt Ihr für „Yoga Symphony No. 1“ alte LaBrassBanda Stücke recycelt? Die ein oder andere Melodie kam mir bekannt vor.
Der Grundplan war: Wir haben die Lieder und packen sie in ein anderes Gewand. Dann hat sich rausgestellt, dass es ganz spannend ist, wenn das Lied die Form etwas verlässt und in einen groovigeren oder Legato-Teil geht. Als Reprise wird das Ganze dann noch mal aufgegriffen. Ungefähr 30 Prozent auf der Platte sind Stücke, die es schon gibt, der Rest ist neu entstanden und dazugekommen.

Machst Du selbst Yoga?
Bläser machen viele Atemübungen, autogenes Training und spezielle Methoden wie die Alexander-Technik. Da sind schon viele Elemente vom Yoga dabei, die wir tagtäglich machen, damit wir fit bleiben. Du spielst einfach viel besser, wenn du ein schönes Körpergefühl hast und die Lunge offen ist. Ich mache jetzt aber nicht jeden Tag explizit eine Stunde Yoga.

In Eurem Pressetext wird betont, dass Ihr keinen Bock auf einen esoterischen Ansatz hattet …
Wenn wir einen esoterischen Ansatz haben, dann der, dass es cool ist, wie’s ist (lacht). Bei dem Yoga Konzert in Füssen waren viele Leute da, die Yoga sehr ernst nehmen. Sie haben sehr cool ausgesehen und haben alle Übungen perfekt mitgemacht, waren aber total offen und nett. Neben den Profis war dann aber auch einer auf der Yoga-Matte, der den Schneidersitz nur fünf Minuten ausgehalten und sich dann wieder hingelegt hat. Der wurde aber genauso willkommen geheißen. Also kein ausgrenzendes „Hey ich bin der super Yoga-Typ und hab schon die Stufe Sechs und du hast Minus-Eins“, sondern es war ein großes Miteinander und das haben die Leute auch uns gegeben. Wenn jemand richtig gut Yoga macht und alles kapiert hat, dann ist er glaube ich einfach nett und offen.

Die „Yoga Symphony No. 1“ ist eine Instrumental-Platte. Ist es kein Problem für Dich, dass Du diesmal kein Sänger bist?
Nein, das ist eher ein Riesenvorteil (lacht). Ich glaube, wenn ich auf ruhige Nummern singen möchte, bräuchte ich noch mal vier Jahre eine Gesangsausbildung. Das ist eine ganz andere Welt.

Die Lieder haben alle englische Titel. Wollt Ihr Euch globaler aufstellen?
Eher umgedreht: Wir wollen uns nicht bayrisch aufstellen. Ganz viele Leute aus dem Ausland haben uns geschrieben, dass sie unsere Yoga Stories in den Sozialen Medien immer wieder angeschaut haben. Wir wurden gefragt, was das für Musik ist – die wollten sie unbedingt haben! Bayrische Bläsermusik für Yoga kannten sie nicht. Da war uns ziemlich schnell klar, dass wir die Musik für alle Menschen auf der Welt machen möchten. Insofern: Englisch.

Was hältst Du von Modererscheinungen wie Bier-Yoga?
Ich glaube, wenn man an den Ursprung von Yoga zurück geht, hat jeder Stamm auf dieser Welt seine Droge. Ob das Blätter zum Kauen, eine Pflanze zum Lutschen oder ein Bier zum Trinken ist, da hat jeder seins. Religion und Droge funktioniert meistens wunderbar, nimm etwa die katholische Kirche: In jedem Kloster wird Bier gebraut – eine hervorragende Kombination. Ich glaube, auch bei entspannenden oder bewusstseinserweiternden Übungen ist das manchmal ganz wichtig, dass man seinen Geist ein wenig lockert und offen macht.

Wie erlebt Ihr die Yoga-Shows als Musiker?
Für uns ist das ein brutaler Kampf auf der Bühne. Das Allerschwerste auf der ganzen Welt sind lange Bläsertöne, die ganz locker stehen und die sich leicht anhören sollen. Da bist du völlig fertig, der Tuba-Spieler braucht danach immer ein Sauerstoff-Zelt. Für uns ist das richtiger Sport auf der Bühne, dass sich das so leicht anhört. Das ist die eigentliche Herausforderung, die uns viel Körperbeherrschung abverlangt, uns aber auch unfassbar Spaß macht.

Interessant! Dann ist ein Yoga-Konzert anstrengender für Euch als ein energetisches LaBrassBanda-Konzert?
Ungefähr doppelt so anstrengend.

Wenn ich das Bayrische Fernsehen einschalte, läuft gefühlt ständig LaBrassBanda im Hintergrund. In Filmen, bei Dokus, unter Trailern … eigentlich dauernd.
Mich wundert das. Ich bin eher immer Feind mit dem BR. Mein großer Kampf geht darum, dass die großen Popsender unsere Kultur so stiefmütterlich behandeln. Die Aussichten, dass Dialekt im Radio läuft, sind überhaupt nicht rosig, ganz im Gegenteil: Es wird immer noch schlimmer. Das verstehe ich nicht. Neben meinen Konzerten ist das mein zweites großes Projekt: Ob man da nicht was anstoßen kann. Bayern ist nicht der Jugendkulturförderer und Nachwuchspool Nummer 1, wie sich das Land gerne darstellt. „Hey, wir haben doch so Wahnsinns Schuhplattler… das ist alles Killer!“. Aber was die Förderung der Jugendkultur angeht, ist Bayern ein komplettes Entwicklungsland, das sieht immer keiner. Das ist meine größte Sorge. Da hilft es auch nichts, wenn man nur eine Band nimmt und diese fördert, sondern es geht um die Vielfalt. Auch uns als LaBrassBanda wäre mit dieser Vielfalt geholfen.

Deshalb auch die Idee, mit Radio BUH einen eigenen Radiosender zu starten?
Das war total aus der Not heraus. Der Intendant vom BR wollte nicht mehr mit mir reden. Da habe ich mir gesagt, es hilft ja nix. Es kann doch nicht sein, dass es keinen Radiosender in Bayern gibt, der die jungen Bands aus Bayern spielt. Ein Armutszeugnis. Ich hoffe, dass sich da in den nächsten Jahren noch mehr tut.

Mit „Bayern Sound“ hat Antenne Bayern jetzt einen Websender ins Leben gerufen, der rund um die Uhr ausschließlich bayrische und österreichische Dialektbands spielt.
Das ist das gleiche Problem. Es ist sehr ehrenwert, dass sie das machen. Aber man müsste das Ganze einfach ins normale Programm einfließen lassen, wie’s auf der ganzen Welt passiert. Ohne vorgeschriebene Quote, einfach als Selbstverständlichkeit im normalen Popkosmos. Im Ausland werden LaBrassBanda wahrgenommen, weil’s schön ist, dass es noch was anderes dazu gibt. Zur australischen Punkband gibt es eine bayrische Blasmusikband. Genauso sollten wir in Bayern auch sagen: Hey super, dass es eine bayrische Blasmusikband gibt, aber daneben auch eine australische Punkband. Das fehlt mir.

Mit LaBrassBanda kennt Ihr keine Berührungsängste. Ihr tretet auf großen Festivals mit harten Rockbands wie Limp Bizkit, NO FX und The Prodigy auf, spielt in Schottland mit den alten Punkhelden von The Damned. Und überall kommt Ihr gut an.
Außerhalb von Bayern funktioniert das wunderbar. Hier bei uns bleibt es aber schwierig, so lange es skurrile Geschichten gibt, wie wenn man hergeht und sagt: „Also wir fördern jetzt die Jugendkultur, aber bauen erst mal ein Haus, mit Angestellten, die bearbeiten das Thema und nach drei Jahren wird’s wieder eingestellt, weil’s so schwierig war“. Anstatt dass man die Läden, die eh schon da sind, fördert. Die Veranstalterszene in Bayern – da gibt’s so viele lustige Vögel und Clubs. Denen müsste man Unterstützung geben und ihnen helfen. Weil die Szene, die Leute, die Orte – das ist ja alles schon da. Du musst da gar nichts Künstliches ins Leben rufen, sondern einfach nur die Barrieren aus dem Weg räumen.

Also ist der nächste logische Schritt: Stefan Dettl macht seinen eigenen Club auf?!
Nein, bei mir ist der Käse gegessen. Radio BUH krieg so viel schönen Zuspruch. Das ist so eine lebendige Community, alleine die am Leben zu halten, dass wir da nicht zusperren müssen, das ist Aufgabe genug. Darauf will ich mich lieber konzentrieren, so gut es geht. Es gibt so viele coole Clubs und Club-Besitzer, da sehe ich mich jetzt nicht.

Mit LaBrassBanda bist Du unglaublich breit aufgestellt. Hat das Wacken Open Air schon angefragt?
Es hat schon Gespräche gegeben. Als Blasmusik. Es gibt auf Wacken eh immer Blasmusik zur Festivaleröffnung, und da kam die Anfrage, ob wir da nicht auch spielen wollen. Aber so als ernstzunehmende Band – auch dort dauert es noch, bis sie uns als solche wahrnehmen.

Du willst nicht die zweite Blasmusik neben der Feuerwehkapelle sein, sondern Du magst auf die große Bühne?
Eher umgekehrt: Wenn alle fertig sind, könnten wir um 3 Uhr früh noch einen draufsetzten, wie im Club. Es ist super, dass die Feuerwehrkapelle da spielt, das wollen wir nicht ersetzten. Aber sind wir sind halt was anderes. Wenn’s voll brutal zugeht, dann stellst du uns auf die Bühne, gerne auch im kleinen Zelt, es muss nicht die Hauptbühne sein. Wir sind einfach keine normale Blasmusik.

Und dann reißt Ihr alles nieder?
Ja – wenn wir noch stehen können. Ich habe das Gefühl, dass da wieder viele lustige Leute unterwegs sind. Da könnte es natürlich sein, dass das wieder kein so glorreicher Auftritt wird … (lacht)

Du hast eine Weile in Nürnberg gewohnt, als Du Trompeter bei den Nürnberger Symphonikern warst. Vermisst Du etwas aus dieser Zeit?
Das Essen. In Franken hat die Brotzeit viel mehr Stellenwert. Die Würste sind besser, der Presssack ist besser. Das ist bei uns leider nicht so. Ich freue mich immer auf das fränkische Essen, aber auch auf die Leute und die Konzerte. Das Bardentreffen war natürlich auch immer saucool!

“Yoga Symphony No. 1” – der Titel impliziert, dass da noch ein zweiter Teil kommt …
Wir sind schon in der Planung für Nummer zwei – weil das so viel Spaß gemacht hat. CDs und Alben wird’s in Zukunft immer weniger geben. Vielleicht ist dann die Yoga-Symphony-Reihe der Zufluchtsort für die ruhigen LaBrassBanda-Nummern.