LULLACRY: Crucify My Heart

Neue Sängerin, altes Rezept: eingängiger, melodischer Heavy Rock mit Frontfrau ohne überflüssige Kinkerlitzchen – wo nehmen die Finnen nur all diese Bands her?

LULLACRY : Crucify My Heart

LULLACRY sind wieder da – und eine neue Sängerin haben die Finnen auch im Gepäck. Tanya verließ die Band, und die Neue heißt – na? Tanja! Toll. Ob außer dem einen Buchstaben noch nennenswerte Unterschiede zwischen den beiden bestehen, kann ich mangels Besitzes der ersten beiden Alben leider nicht sagen.
Die Musik selbst hat sich wohl ohnehin nicht großartig verändert – `Gothic Heavy Rock` heißt das in Promosprache. Naja, wie will man es auch nennen? Rocken tut die Scheibe jedenfalls von der ersten bis zur letzten Minute; die Songs überschreiten selten die 4-Minuten-Grenze (Ausnahme: Das auch als einziges etwas ruhiger geratene Stück Unchain mit 5:26) und strotzen nur so vor fett bratenden, aber sehr melodisch gespielten Gitarren. Das treibende Schlagzeug drückt alles schön gleichmäßig in die Marschrichtung `geradeaus, immer einfach nur geradeaus`; Keyboardgeklimper, vertrackte Breaks oder Rhythmuswechsel sucht man hier vergebens. Und wozu auch? Hey, das sind Finnen – `n bisschen Rock, `n bisschen Alk, `n bisschen Sex, mehr wollen die Euch nicht erzählen. Über Schopenhauers Thesen wird in den Texten dementsprechend nicht philosophiert. `Heavy` geht auch definitiv in Ordnung, aber `Gothic`? Nee, nee, rotweinschlürfende Rüschenhemdträger sind bestimmt nicht die ersten Adressaten des Quintetts aus Helsinki. Verträumte Romantik oder Düsterdrama-Atmosphäre gibt`s auch auf Anfrage nicht. Allein Tanjas Stimme würde auch gar nicht dazu passen, für Gothic Metal klingt die Frau nämlich zu sehr nach Miststück und zu wenig nach Engel. Selbst wenn sie harmlose Textpassagen wie `Open up your heart and let love in` singt, klingt sie ungefähr so engelmäßig wie ein laszives Latexluder mit angeklebten Plastikflügeln, das immer eine Schachtel Präservative unters Strumpfband ihrer zerrissenen Nylons geklemmt hat und gerade einen auf Unschuld vom Lande macht, um an Deine verdammten Autoschlüssel zu kommen. Im Song Pitch Black Emotions passt es besser: `The only reply I have is `fuck you` anyway` – ja, das trifft´s. DAS nimmt man ihr ab. Dabei kann sie auch anders: Im bereits erwähnten Unchain dringt dann mal die finnische Melancholie durch, und schon klingt sie auch dazu passend. Gut bei Stimme, die Frau.
Einer Aussage im Promotext stimme ich übrigens zu: Dort heißt es nämlich, dass LULLACRY auch bei Crossover- und Alternative-Fans durchaus punkten könnten, und ich denke, diese Prognose ist so weit hergeholt nicht. Die Gitarren haben einen durchaus Alternative-kompatiblen Sound drauf, und zur Stimme habe ich mich ja schon mehr als genug ausgelassen… Würde mich noch nicht einmal über alle Maßen wundern, LULLACRY eines Tages auf einem dieser unsäglichen Crossing All Over-Sampler zu sehen, wer weiß? Hängt auch immer davon ab, welche Kreise die Band so für sich entdecken.
Also, wer so schnörkellos eingängige, melodische und gerade herausgespielte Mucke mag, die einfach nur von vorn bis hinten rockt und groovt und dabei auch ganz gut kracht, so dass im Equalizer alle Balken konstant zwischen minimum 80% und Vollausschlag pendeln, der wird sich nach dem Kauf dieses Albums mit Sicherheit kein zweites Loch in eine gewisse Körperregion ärgern – und als Automucke müsste das Scheibchen auch verdammt gut taugen. Aber nicht in der Tempo-30-Zone…

Spielzeit: 43:11 Min.

Line-Up:
Tanja – Vocals
Sami Vauhkonen – Lead Guitar
Sauli Kivilahti – Guitar
Heavy – Bass (yeah, ein heißer Anwärter auf das Pseudonym des Jahres!!)
Jukka Outinen – Drums

Produziert von Mikko Karmila (Finnvox Studios)
Label: Century Media, under Exclusive License from Spinefarm Records

Homepage: http://www.lullacry.com

Tracklist:
Alright Tonight
Crucify My Heart
Don`t Touch the Flame
Every Single Day
Pitch Black Emotions
Unchain
Nothing to Lose
Heart of Darkness
This Time
Over Me
Better Days