AC/DC, MEGADETH, BRINGS – 17.6.2001 Hannover, Niedersachsenstadion

AC/DC, MEGADETH, BRINGS – 17.6.2001 Hannover, Niedersachsenstadion

Ich dachte eigentlich die Zeit der großen Konzertarenen sei für Hardrock- und Metalbands gestorben. Monsters Of Rock ist tot. Wo spielen sie denn alle, die Dios, Deep Purples, Iron Maidens und Kiss dieser Welt? In Europa können sie mit Mühe und Not noch halbwegs größere Hallen füllen. Doch eine Band widerstrebt diesem Trend: AC/DC!!!

56.000 Musikfreaks tingelten ins ausverkaufte (!) Niedersachsenstadion zu Hannover. Und das zu einem Eintrittspreis von knapp 100 DM. Der zweite Deutschlandabstecher zum aktuellen Album „Stiff Upper Lip“ wurde so euphorisch begrüßt, dass zu den geplanten Freiluftkonzerten eilig noch Zusatzgigs (u.a. Hamburg, Köln) anberaumt wurden.

Und während sich die Tribünenplätze und der Innenraum in Hannover noch kontinuierlich füllte, erklommen die kölnischen Deutschrocker Brings die Bühne. Es kommt leider viel zu oft vor, dass der Stil der Vorgruppe überhaupt nicht mit der Musik des Headliners harmoniert. Und auch Brings passen eher auf eine Tour mit Bap, Pur oder Westernhagen – nicht aber zur wilden ungeschliffenen Energie von AC/DC. Zu allem Überfluß überschüttete eine fette Regenschauer das partyhungrige Publikum und die Stimmung sank. Von einem ganz anderen Kaliber waren erwartungsgemäß Megadeth. Der rote Dave hatte aus den mißglückten Versuchen der Vergangenheit gelernt. Die Matte war länger, die Axt schärfer und die Songauswahl eindeutig old school. ‚Wake Up Dead‘, ‚Holy Wars‘, ‚In My Darkest Hour‘, ‚Peace Sells…‘ – wem läuft bei diesen Titeln nicht das Wasser im Mund zusammen? Auch die jüngeren Alben wurden nicht vergessen und deren Stücke in überraschend harter Qualität dargeboten. Vom neuen Album „The World Needs A Hero“ kamen ‚Return To Hangar‘ und ‚Moto Psycho‘ zum Zuge. Mir ist nicht bewußt, ob das restliche – aus Metalheads, Normalos und Altrockern gemischte – Publikum auch so empfand, aber für mich waren Medadeth ein echter Gegenwert für den sehr hohen Eintrittspreis und der Rolle einer AC/DC-Vorband würdig.

Aber letztendlich quetschten sich alle doch wegen fünf australischen Opas in die Reihen gegenüber der sehr großen und auf der breiten Nordseite des Stadions aufgestellten Bühne. Es gab kein Halten mehr, als über die Videowände das witzige Intro der Band anlief (der Godzilla-ähnliche BlechAngus vom „Stiff Upper Lip“ Cover verwüstet die Großstädte dieser Welt). Und dann kam er durch die Bühnenrückwand gebrochen. Um seine Füße tummelten sich die fünf australischen Musiker und nahmen ihre Plätze ein. Allen voran stürmte das Original, der Gitarrist, der vielen Moralaposteln als leibhaftiger Deibel in Erinnerung ist: Angus Young. Er stellte in den nun folgenden zwei Stunden Show wieder eindrucksvoll unter Beweis, warum er nicht wie seine Kollegen Malcom Young und Cliff Williams mit Kabel an seiner Gitarre spielen kann – er würde sich selbst strangulieren. „Now I warn you ladies, I shoot from the hip, I was born with a stiff – stiff upper lip!“ – so ertönten die ersten Klänge aus Brian Johnsons Reibeisenkehle. Der Titelsong blieb auch das einzige Stück vom neuen Album. Wer die Karriere von AC/DC verfolgt weiß, dass einige Elemente und Songs mit ganz typischen Gimmicks begleitet werden. ‚You Shook Me All Night Long‘ wurde über die Videoscreens mit dem entsprechenden Kultvideo begleitet. Bei ‚Hells Bells‘ baumelte Brian an der Riesenglocke. Während sich Angus bei ‚Bad Boy Boogie‘ seiner Kleidung entledigte. Zu „Whole Lotta Rosie“ bäumte sich die übergewichtige Riesen-Rosie im Hintergrund auf und in der Zwischenzeit sorgten zahlreiche Echtzeitkameras für den ultimativen Sichtkontakt selbst bis in die letzte Reihe. Entlang eines Stegs fanden Angus und Brian wie auf einer Zunge den Weg bis in die Mitte des Innenraums. An dessen Ende der wildgewordene Derwisch Angus auf einem Podest während der Zugabe seine legendären „nicht von dieser Welt“ Soloeskapaden ausleben konnte. Jeder Moment wurde von einer Kamera, befestigt an einer Seilbahn quer durchs Stadion im Bild festgehalten.

Wie bereits auf der letzten Tour waren auch in Hannover die Sicherheitsmaßnahmen vorbildlich. Der Innenraum war durch einen weiteren Graben zweigeteilt. In den vorderen Bereich wurden ca. 2000 Fans durch einen separaten Eingang geschleust. Wer zu diesen „privilegierten“ Zuschauern gehören durfte, war allerdings keine Frage besonderer Eintrittskarten, sondern hing einfach vom Glück der Fans zur richtigen Zeit an besagtem Eingang zu stehen, ab. Damit wurde der Druck auf die vorderen Reihen entspannt und auch der Druck hinter der zweiten „Front“ war nicht unmenschlich (ich hab genau dort gestanden). Trotzdem hatten die zahlreichen Ordner genug zu tun. Nach dem 5. Trunkenheits- oder Kreislaufopfer, das neben mir über den Zaun gereicht wurde habe ich aufgehört zu zählen. Eigeninitiative bewiesen die Fans, indem sie kurzerhand die typischen Drängler und pöbelnden Vollidioten gemeinsam in den Graben entsorgten und der Security übergaben. Und währenddessen zelebrierten AC/DC auf der Bühne voller routinierter Inbrunst ihren Rotznasen Rock. Phil Rudd trieb die Band durch sein präzises Schlagzeugspiel immer weiter voran. Solange, bis nach der Zugabe von ‚TNT‘ die Artillerie auf die Bühne rollte und mit Feuer aus sechs Kanonen dem Publikum Tribut zollte: ‚For Those About To Rock … We Salute You‘. Die Fans gaben die Komplimente durch ihre Chöre zurück und feierten den immer traditionell letzten Song der AC/DC Konzerte frenetisch ab. Kaum war die letzte Note verklungen, explodierte hinter den Boxentürmen ein Feuerwerk, dass den Abschluß dieses Events definitiv machte. Als ich mich umdrehte, sah ich die Teufelshörnchen auf den Köpfen vieler tausend Fans in der Dunkelheit rot blinken und ein sehr zufriedenes Gefühl machte sich breit. That´s Rock And Roll!