THE OCEAN: Contradictio in adjecto

THE OCEAN: Contradictio in adjecto

Je tiefer das Gewässer, desto größer ist die Gefahr darin zu ertrinken. Das ist mir im Falle von Precambrian, dem neuen Meisterwerk von THE OCEAN mehr als nur einmal passiert. Nach einem großartigen Konzert im Münchner Orangehouse stand mir zu sehr später Stunde Gitarrist und Mastermind Robin Staps zur Verfügung und gab bereitwillig Auskunft über schwierige Arbeit mit klassischen Musikern, Plagiarismus und Myspace. Was zwischen 3:00 Uhr und 4:00 Uhr morgens alles gesprochen wurde, lest ihr in diesem ausführlichen Interview.

 

Hallo Robin, erstmal herzlichen Glückwunsch zu Precambrian“. Das musikalische Konzept ist enorm ungewöhnlich – wie kommt man darauf ein Album über das Präkambrium zu erschaffen?

Das Präkambrium stellt die ersten anderthalb Milliarden Jahre der Erde dar und begann, als die Erde enstand, vor circa viereinhalb Milliarden Jahren. Wir kamen darauf, da wir schon immer ein Konzept-Doppel-Album veröffentlichen wollten, diese Idee hatten wir schon vor Fluxion“ und Aeolian“. Diese Scheiben waren auch schon als Doppelalben konzipiert, was aber nicht klappte, da es dazwischen zu einem Labelwechsel kam und unser ehemaliges Label das nicht machen wollte.

Wir suchten nach einem Konzept, das es uns ermöglichte, die beiden sehr unterschiedlichen Seiten der Band zu verbinden. Auf der einen Seite sind die eher ruhigen, orchestralen, von klassischen Instrumenten begleiteten Stücke vertreten. Dem gegenüber stehen die brutalen Sachen, die man von unserem letzten Album Aeolian“ her kennt. Wir haben versucht ein Album zu erschaffen, auf dem wir diese beiden Seiten sehr rigide trennen und den Kontrast dazwischen sehr groß machen. Wir haben ein Konzept gesucht, diese beiden Seiten zu verbinden. Als ich die Musik komponiert habe, hatte ich stets Bilder von Lavaströmen vor Augen, von ausbrechenden Vulkanen. Eine Zeit, in der dies das Bild der Erde geprägt hat, war das Präkambrium. Dazu muss man erwähnen, dass ich Geologie studiert habe, mit der Terminologie war ich durch mein Studium bereits grundlegend vertraut, also musste ich nicht erst groß recherchieren.

Wir haben dann nach einer Epoche gesucht, die zu den Songs passt, denn wir hatten die Songs fertig als wir auf die Idee des Präkambriums kamen: Fünf kurze, heftige Stücke und neun lange, epische Songs. Dann gaben wir dem Album den Titel einer Äone, den beiden Scheiben den Titel einer Epoche und den Songs den Titel von Perioden. Ich habe ein wenig geschaut, wo es denn passt und beim Präkambrium hat es funktioniert. Die erste Scheibe ist zusammengefasst unter Hadean / Archean“, die übrigens wissenschaftlich umstritten ist, denn einige Forscher lehnen das Hadaikum ab und lassen nur das Archaikum gelten. Wir haben das ganze Album daran daraus entwickelt, zusammen mit dem Artwork und dem Rest.

Ich habe über diese ganze Sache in letzter Zeit noch ziemlich viel sinniert, ihr packt anderthalb Milliarden Jahre der geologischen Erdgeschichte in 80 Minuten – mir kommen allein die letzten 25 Jahre schon sehr lange vor. War das eine Anspielung von euch, eventuell, dass sich der Mensch nicht wie die Krone der Schöpfung fühlen sollte?

Das haben wir nicht bewusst bezweckt, aber ich kann deinen Gedanken nachvollziehen. Bereits Einstein hat ja dieses Prinzip, Zeit ist relativ, erkannt. Wir Menschen bemerken das ja auch tagtäglich, manche Epochen wirken langwierig, andere vergehen wieder wie im Fluge. Mir geht es genauso, im Bereich der Musik ist in den letzten 25 Jahren so viel passiert, während es in den ersten 500 Millionen Jahren der Erde immer noch nichts gab außer Steine und glühende Lava. Der Gedanke daran lässt an Unveränderlichkeit denken – aber Veränderungen sind natürlich auch passiert, nur über wesentlich längere Zeitrahmen hinweg. Der Gedanke, darüber ein Album zu machen, war dann doch sehr faszinierend.

Das ist auch wieder eine Art Contradictio in adjecto. Wenn Musik emotional wirken will, was wir beanspruchen, dann muss sie sich mit menschlichen Belangen auseinandersetzen. Während des Präkambrium gab es noch kein menschliches, tierisches oder pflanzliches Leben, während des Proterozoikums traten erste Formen des primitiven Lebens auf, insofern gab es alle Dinge, die uns heute bewegen, damals noch nicht.

Textlich geht es ja in eine ganz andere Richtung.

Das knüpft genau daran an, was ich gerade schon gesagt habe: Wenn man emotionale Musik machen will, dann muss man sich mit menschlichen Dingen auseinander setzen, das hat dann mit dem Präkambrium wieder eher wenig zu tun, vielleicht ist das auch ein Schwachpunkt des Konzepts. Es gibt aber dennoch lyrische Referenzen zur Urzeit, auf die Entstehungszeit der Erde hin, aber natürlich nur im metaphorischen Sinne. Es macht wenig Sinn, Texte über brodelnde Lava zu singen.

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Wir haben schon immer versucht fremde Elemente einfließen zu lassen und das ganz unverholen umgesetzt. Robin Staps (rechts) ist ein Befürworter des Plagiarismus.

Du hast aber nicht nur Texte selbst geschrieben, sondern auch bestehende Werke vertont, wie von Lautréamont, Baudelaire und Georg Trakl. Ich denke, dass diese Autoren auch heute noch durchaus Relevanz zeigen.

Durchaus. Auch auf Aeolian“ gab es ein Gedicht, das wir vertont haben – The City in the Sea“ von Edgar Allen Poe. Wir haben immer schon versucht fremde Elemente einfließen zu lassen und das ganz unverhohlen umgesetzt. Wir haben nur ein paar Zeilen gestrichen oder umgestellt, aber ansonsten ist es eins zu eins übernommen. Genauso ist es bei Man and the Sea“ von Baudelaire, das wurde einfach nur ins Englische übersetzt.

Ich denke, Plagiarismus ist eine großartige Sache. Wir versuchen Dinge aus verschiedensten Epochen in unsere Musik einfließen zu lassen und versuchen somit ihnen neue Bedeutung zu verschaffen. Viele Leute, die heutzutage auf Metal oder Hardcore-Shows gehen, kennen Schriftsteller wie Trakl, Lautréamont oder Baudelaire gar nicht mehr. Die Dinge, die diese Menschen geschrieben haben, sind zeitlos, ich denke auch, dass sie modernde Dichter waren, was für die heutige Zeit noch Relevanz zeigt. Indem wir das vertonen, wollen wir das ganz einfach unseren Zuhörern deutlich machen. Warum sollten wir uns gedanklicher Auswürfe bemühen, wenn es bereits großartige Formulierungen gibt, die man einfach nehmen und vertonen kann? Das haben wir von Anfang an gut geheißen. Dadurch erstrahlen auch diese Leute, die längst verschieden und vergessen sind in neuem Licht.

Wir haben übrigens viele Reaktionen zu The City in the Sea“ erhalten, man sieht immer wieder, dass Leute diese Texte kennen, wenn wir sie spielen. Es ist schön und ergreifend, dass Gedichte, die 100-200 Jahre alt sind, Platz im modernen, extremen Metal haben. Wir haben mit so etwas eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht.

Schreibst du gerne selbst Texte?

Ich hasse es. (lacht) Das ist der schwierigste Teil im gesamten Kompositionsprozess. Eigentlich mache ich es schon gerne, es ist eine Herausforderung. Ich schreibe die gesamte Musik, tüftle die Drumspuren aus, arrangiere, und so weiter. Aber das Texten ist das Schwierigste, weil es da auf so viele Sachen ankommt. Das Versmaß muss stimmen, was bei vertrackter Musik ja sehr schwierig ist. Es müssen Reime enthalten sein, inhaltlich muss es Sinn machen, und das Gefühl muss stimmen. Diese Punkte müssen alle erfüllt sein und das ist eine ziemliche Knobelei. Vielleicht bin ich aus diesem Grund darauf gekommen, mich anderer Quellen zu bedienen.

Wenn ich mir heutzutage anschaue, was die Bands textlich fabrizieren, dann finde ich das sehr eindimensional und langweilig. Das denke ich hat auch einen Grund, denn heutzutage interessiert sich kaum mehr jemand für die Lyrics, außer es geht um HATEBREED-Niveau, bei dem man schön mitgröhlen kann. Dadurch verkümmert auch der Anspruch der Hörer und der Bands daran, sinnvolle und gute Texte zu schreiben. Auf der anderen Seite gibt es genügend Musiker, die mit teuren Worten um sich werfen und gar nicht wissen, was sie damit ausdrücken möchten.

Ich habe mir sagen lassen, das Komponieren geht bei dir recht schnell, nur die Arrangements haben viel Zeit in Anspruch genommen.

Ich habe einen starken Ideenfluss und immer irgendwelche Ideen, die ich mir versuche zu notieren. Aber zwischen der ursprünglichen Idee und dem fertigen Song liegen Welten, da vergeht viel Zeit. Das Rumarrangieren ist sehr aufwändig, es beginnt mit Gitarren und Drums, dann kommen Basspuren und ganz zum Schluss Vocals und Streicher. Manchmal gibt es Stücke, die funktionieren wunderbar, da gibt sich ein Teil nach dem anderen die Klinke in die Hand und er ist schnell fertig. Aber oftmals gibt es auch Nummern, die ein, zwei wahnsinnig geile Ideen drin haben, aber man kommt nicht zum Ende, es passt nicht wirklich. Entweder wird der Song dann verworfen oder trotzdem auf das Album gepackt, was wir in der Vergangenheit auch schon gemacht hatten, bei Precambrian“ allerdings nicht mehr. Das ist auch so eine Art Lernprozess. Deshalb sind wir dieses Mal auch viel zufriedener als zuvor. Die Arrangements, die Songs, der Fluss, alles passt jetzt viel besser. Jeder Song hat seinen Platz im großen Ganzen, fügt sich so ein, dass man das Album wunderbar am Stück durchhören kann, was auch unser Anspruch war. Ich stehe zwar nicht so auf Konzeptalben, aber ich mag es, wenn ich eine Scheibe anmache, dass ich nicht aufhören kann, ehe sie zu Ende ist.

Trotzdem höre ich auch einige Songs gerne einzeln, Precambrian ist kein Album, das am Stück gehört werden muss.

Nein, finde ich auch nicht, ich habe sie auch auf dem I-Pod im Shuffle-Modus gehört und auch die EP mit dem Album vermischt, das ist kein Problem. Es soll nicht zwingend sein, das Werk am Stück zu hören, aber es soll möglich sein. Der Gedanke, einen Film zu sehen, spielt da natürlich mit. Es sind immer noch Songs auf diesem Album zu hören, mit einem Anfang und einem Ende, nur dass der Schluss immer weiter nach hinten verlegt wird. Ob und wie der Hörer da mitmacht, überlassen wir ihm gänzlich selbst.

Hattest du die klassischen Arrangements so konzipiert, wie sie auf dem Album gelandet sind, oder hatte die Musiker Gelegenheit, Teil des kreativen Prozesses zu werden? Ich denke speziell an die Piano-Passagen, weil die absolut nicht so klingen, als hätte sie ein Metalhead geschrieben.

Da muss ich deine Illusionen leider etwas trüben. Ich habe die Piano-Parts nämlich zu 100% selbst geschrieben und die Pianistin hatte damit sehr zu kämpfen. Was an zwei Dingen lag. Zum Ersten, ich schreibe alles an meinem Rechner und die Stimmtrennung hat bei dem Programm versagt. Teilweise waren auf der rechten Hand sieben Noten, auf der linken nur zwei und das kann ein Pianist so nicht spielen. Das war ein sehr großes Problem und wir mussten alle Parts umschreiben. Zum Anderen ist die Dame glücklicherweise die Schwester meines Kumpels, ein Star der deutschen Klassik-Szene. Diese ausgebildeten Musiker sehen zum Beispiel ein Notenblatt und setzen dies gedanklich in etwas Motorisches um. Das können sie perfekt, darauf trainiert sie ja auch ihr Studium. Aber einen Rhythmus halten, sei es ein ganz normaler 4/4tel Takt, das macht oft Probleme und das hatte ich so auch nicht erwartet.

In der Klassik ist Ausdruck immer eine Sache der Interpretation. Die Noten sind immer vorgegeben, Improvisation in dem Sinne lernen sie gar nicht, das ist nur ein rudimentärer Bereich des Studiums. Das ist nicht wie im Jazz. Die Klassiker werden auf technische Perfektion trainiert. Was kreative, künstlerische Freiheit betrifft, das ist immer Interpretation. Ich habe im Aufnahmeprozess zu Precambrian“ viel darüber gelernt, was künstlerische Freiheit eigentlich bedeutet, denn bis dahin dachte ich, es gäbe keine in dieser Musik. Die Definitionen von legato, piano und so weiter sind ja nicht festgelegt, deshalb ist es die Kunst, das wurde mir in den Gesprächen mit Katharina Sellheim, der Pianistin, klar, ein Stück das ja bis zu 20 Minuten dauern kann, über seine gesamte Dauer im Auge zu behalten und die italienischen Begriffe kreativ zu interpretieren. Insofern würde ich sagen, dass die Pianistin sich sehr wohl künstlerisch ausdrücken konnte.

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Einen Rhythmus halten, sei es ein ganz normaler 4/4tel Takt, das macht oft Probleme und das hatte ich so auch nicht erwartet. Robin über überraschende Komplikationen bei der Arbeit mit ausgebildeten Musikern.

Bei den Streichern war es genauso?

Da war es genauso, ja. Aber da war es wesentlich einfacher, das Klavier war wirklich das Schwierigste. Ich bin ja selbst kein Pianist, ich komponiere die Stücke am Rechner und weiß wie das für mich klingen soll. Ich habe irgendwann auch rudimentär Klavierspielen gelernt, aber ich kann keine Partituren, die recht komplex sind umschreiben, so dass ein Pianist das auch umsetzen kann. Die Musiker müssen das hören, verstehen und dann umsetzen. Das ist bei Streichern viel einfacher, denn eine Geige oder Bratsche spielt selten Akkorde, im Vergleich zum Klavier, bei dem es Gang und Gäbe ist, vier oder fünf Töne gleichzeitig anzuschlagen, sind Streichinstrumente viel eindimensionaler. Diese Musiker haben ihre Notenblätter gesehen und das einfach gespielt.

Das Cello und die Bratsche in De Profundis klingt sehr nach MY DYING BRIDE – das war aber wohl eher unbeabsichtigt, richtig?

Wir werden oft mit MY DYING BRIDE verglichen, aber ich habe sie nie wirklich gehört. Ich habe sie mir zwar in den letzten Jahren etwas zu Gemüte geführt, aber retrospektiv kann ich sagen, dass sie meinen musikalischen Werdegang nicht beeinflusst haben. Die Parallelen sehe ich aber auf jeden Fall.

Auf Precambrian ist ein fantastischer Cleansänger vertreten, er hört auf den Namen Rene. Hat der Junge auch eine eigene Band?

Ja, sie heißt THE GREAT WHITE VOID und ich bin auch in dieser Band aktiv. Er macht da ausschließlich die Vocals, ich spiele Gitarre und zwei andere Jungs aus Berlin spielen Bass und die andere Gitarre, das Schlagzeug hat der Trommler von 3 INCHES OF BLOOD eingespielt, den wir schon lange kennen und der ein guter Freund von uns ist. Wir sind rübergeflogen und haben im letzten Dezember die Drums aufgenommen. Wir sind gerade dabei das Album fertig zu stellen, bestehend aus elf Songs. Die letzten Monate hatten wir nur wenig Zeit an diesem Album zu arbeiten, aber es wird in nächster Zeit fertig gestellt werden.

Hast du eigentlich auch Cleangesang auf Precambrian beigesteuert? In den Credits steht es jedenfalls.

Ja, bei drei Songs. Bei Untimely Meditation“, De Profundis“ und Lake Disappointment“ habe ich gesungen, aber bei letzterem ist hauptsächlich Rene zu hören.

Ich will ja nicht klugscheißen, aber der letztgenannte Track heißt Mount Sorrow.

Ach ja, stimmt. (lacht) Mit den Namen ist das immer so eine Sache. Zuerst gibt es einen Song, ohne Titel. Dann erinnert er uns an irgendeinen unserer Einflüsse, dann heißt er zum Beispiel Der KING CRIMSONer“ oder Der PINK FLOYDer“. Später kommt dann ein Frauenname dazu, Mount Sorrow“ heißt zum Beispiel Waltraud, De Profundis“ heißt obskurerweise Requiem“, weil er mich an den Soundtrack zum Film „Requiem for a Dream“ erinnert. Dann gibt es den wissenschaftlichen Titel, der sich auf die geologische Epoche bezieht, wie Stenian“ oder Ectasian“ und schließlich ist da noch ein Titel der sich auf den Text bezieht. Ich glaube ich bin der einzige, der wenn er nachdenkt alle Titel kennt, die anderen kennen nur den Frauennamen, oder den der sich auf die Texte bezieht. (lacht)

Ich finde es übrigens sehr mutig für eine Doppel-CD, die kurze Scheibe an erste Stelle zu platzieren. Normalerweise wird eine EP als Bonus angehängt.

Warum findest du das mutig?

Weil es sehr ungewöhnlich ist. Wenn jemand an Precambrian denkt, wird ihm wohl eher die zweite CD in den Kopf schießen, als die Erste.

Das ist eine interessante Aussage. Stellen wir sie wirklich an die erste Stelle? Ja, weil sie oben im Package liegt und chronologisch als erstes kommt. Für mich macht dies alles Sinn, da die EP auch eher an Aeolian“ anknüpft und den Leuten zeigt, wie es weiter geht, danach kommt der große Schritt in neue Gefilde. Insofern war das logisch zwingend. Ich denke auch, das sie gerade wegen der Kürze richtig platziert ist – sie ist nach 22 Minuten schon wieder vorbei, man merkt es gar nicht richtig, ist ideal zum auspowern. Für Proterozoic“ braucht man viel mehr Geduld, zum hineinfinden ist also Hadean / Archean“ genau richtig. Nach der EP sind auch die Leute, die Aeolian“ mochten bedient, auf die Fresse zu kriegen und sind dann hoffentlich offen für Neues. Für uns ist es ja dasselbe, die EP hat Spaß gemacht und bringt live Bock, aber es ist nicht unsere größte musikalische Herausforderung, auch wenn sie ja relativ komplex ist.

Die Aufnahmen waren bestimmt nicht nur zeitverschlingend und sicherlich auch nicht gerade billig. Das Artwork von Martin Kvamme bestimmt sauteuer und die Aufmachung ist sehr aufwändig.

Ja, das war es. Gut, das Artwork und das Design zahlt unser Label, damit haben wir nichts zu tun. Wir sind auch sehr froh, dass sie das tun. Ich habe lange mit ihnen gekämpft, denn jedes kleine Detail – den innen bedruckten Karton, den Foliendruck, die schwarze Full-Length CD und die mit Plastik umrahmte EP – für alles habe ich ungefähr 25 E-Mails verfasst, warum das alles sein muss. Am Ende bin ich sogar erstaunt, dass sie alles bejaht und bewilligt haben. Das ist toll und dafür bin ich auch sehr dankbar. Das zeigt, dass sie nicht nur zahlen im Kopf haben, sondern auch irgendwo noch Liebhaber sind. Die Amis hingegen machen das nicht, diese Version ist extrem abgespeckt. Da ist Precambrian“ nur als Jewel Case erhältlich, kein Foliendruck, keine schwarze CD. Darüber bin ich sehr enttäuscht, deshalb werden wir wenn mit dem nächsten Album unser Vertrag ausläuft, nicht mehr bei Metal Blade USA unterschreiben, ohne sicher zu gehen, dass unsere Artworkvorstellung umgesetzt wird. Wenn sie das nicht machen wollen, dann können sie uns mal und wir suchen uns ein kleines Liebhaber-Label. Aber die Europäer sind großartig, ich bin ihnen zutiefst dankbar, dass sie das alles gemacht haben.

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Letzendlich bin ich sogar erstaunt, dass sie alles bewilligt haben. Hartnäckigkeit zahlt sich aus – das Label hat sämtliche Designwünsche für Precambrian realisiert.

Die andere Seite der Medaille sind die Produktionskosten und da haben wir das Budget hoffnungslos überzogen. Das Budget war ausgelegt für ein Einzelalbum, zu dessen Preis es ja auch verkauft wird, plus ein oder zwei Euro. Aber wenn eine CD mit 40 Minuten 14 € kostet, dann bieten wir 80 Minuten, also müsste sie eigentlich 28 € kosten. Das ist aber nicht der Fall, Precambrian“ kostet 16 €, insofern hatten wir auch nur das Produktionsbudget für ein normales Album. Das hat hinten uns vorne nicht gereicht, auch wenn wir große Teile des Werks in unserem eigenen Studio aufgenommen haben, wobei ich meine Zeit als Toningenieur überhaupt nicht berechnet habe. Wir mussten einen satten Betrag aus eigener Tasche nachzahlen, also können wir nur hoffen, dass sich das Album auch gut verkauft. Wir haben alles getan, was man dafür tun kann, damit es sich die Leute nicht nur runterladen – weil die Aufmachung etwas Besonderes ist, weil die Band etwas geschaffen und realisiert hat, das unterstützenswert ist. Und natürlich weil es immer noch den Charakter der Ware gibt, wie der olle Karl Marx seiner Zeit gesagt habt. Ich als altmodischer Musikkonsument möchte natürlich auch etwas physisches in den Händen halten, etwas das ich anfassen kann. Insofern hoffen wir, dass die Leute das sehen und mitmachen, so dass die Kosten wieder reinkommen. Wir hatten kein schlechtes Budget von Metal Blade, aber wir mussten dennoch 7000 € – 8000 € aus eigener Tasche nachzahlen. Precambrian“ muss einschlagen wie die Bombe. In der Presse tut es das bereits, darüber bin ich sehr erfreut. Aber das heißt noch lange nicht, dass es sich auch gut verkauft.

Ihr habt euch im Zuge der Veröffentlichung von Precambrian kontrovers über Myspace geäußert. Segen und Fluch?

Genau. Das sollte aber niemand missverstehen, denn wir sind ja selbst Teil von Myspace, es wäre absurd wenn wir das verteufeln würden. Ich habe nichts gegen Myspace, die Grundidee finde ich großartig. Es ist im Grunde ein basisdemokratisches Werkzeug um Bands ohne große Hilfe von Plattenfirmen und Industrie zu promoten. Es hat auch bei einigen Künstlern geklappt, groß zu werden. Nur über Myspace. Und das ist großartig, denn im Endeffekt entscheiden die Endnutzer, wer unterstützenswert ist.

Die andere Seite der Medaille ist, dass das bloße Format der Seite gewisse Dinge impliziert, die ich nicht gutheiße. Zum Beispiel, dass nur vier Songs pro Band erlaubt sind. In beschissenster Streaming-Qualität. Warum invenstiert man 20000 € in die Aufnahme eines Albums, wenn es dann auf Myspace klingt wie für 50 Pfennig auf dem Flohmarkt aufgenommen. Das macht keinen Sinn. Es macht nur Sinn, wenn Leute dadurch auf Musik aufmerksam werden und sich dann das Album kaufen. Aber das sehe ich nicht mehr. Ich sehe viele Leute heutzutage, auch in meinem Freundeskreis, die Myspace nicht als Mittel benutzen, sondern als Zweck. Die diese Plattform quasi als Endglied der Kette bezeichnen, die sich nicht mehr das Album kaufen, sondern nur noch die vier Songs hören. Es ist ja auch verführerisch: Das Angebot ist unglaublich groß. Ein wenig wie Theodor Adorno in seinem Aufsatz über Kultur geschrieben hat: Man hat eine amorphe Angst etwas zu versäumen, wenn man nicht alles mitnimmt. Dadurch lernt man nichts richtig tief kennen. Das finde ich schade. Die meisten Leute hören sich die Songs an, nehmen dich in die Freundesliste auf und verfolgen maximal noch, was du machst. Tiefer geht es nicht.

Dagegen richtet sich dieses Konzept-Doppel-Album, mit der ganzen Aufmachung. Wir wollen den Leute mehr anbieten und fordern, dass sie sich mit der Musik auseinandersetzen. Es war für uns unheimlich schwierig, zwei Songs für unsere Myspace-Seite auszusuchen, um das Album repräsentativ zu vertreten. Es sind Legions of Winged Octopi“ von Hadean / Archean“ und For the Great New Cold Now Reigns“ von Proterozoic” geworden, wobei es heftige Diskussionen gab, weil ich sie selbst nicht uneingeschränkt repräsentativ finde. Das empfinde ich aber als positiv. Es zeigt, dass Precambrian“ ein Gesamtes ist, aus dem man nur schwer etwas herausbrechen kann. Wie gesagt, ich habe nichts gegen Myspace an sich, aber es wird auf Musik und Musikkonsum Auswirkungen haben, da sich viele Bands nur noch darauf beschränken den einen perfekten Song zu schreiben, was zur Folge hat, das man bitter enttäuscht wird, wenn man das Album kauft. Es gibt zwei Hits und das war es. Auch dagegen wendet sich unser neues Album.

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Ich weiß selbst nicht mal, wie viele Leute das Kollektiv zählt. Die Menschen mit den Fechtmasken symbolisieren THE OCEAN COLLECTIVE.

Themawechsel. Auf euren neuen Bandfotos sind Leute mit Fechtoutfits zu sehen. Wer ist das? Symbolisieren sie die verkleideten klassischen Musiker und die im Hintergrund arbeitenden Teile eures Kollektivs?

Genau das ist der Gedanke. Wir sind ein Kollektiv, nicht in kreativer Hinsicht, denn die Songs schreibe ich. Aber wir haben so viele Leute, die irgendetwas zu THE OCEAN beitragen, seien es nur Grafikdesigner, Webdesigner oder T-Shirt-Designer. Diese Fechtmasken repräsentieren diese ganzen Menschen. Ich weiß selbst nicht mal, wie viele Leute das Kollektiv zählt. Auf Precambrian“ haben 26 Leute gespielt. Da sind aber nicht die ganzen Grafiker dabei. Ich denke, es werden so an die 50 Leute sein, die uns etwas abgewinnen können und sie tragen zum Ganzen unentgeltlich etwas bei. Diese Fechtmasken haben wir vor einiger Zeit gekauft, weil wir die auch Live tragen wollten. Aber das hat sich nicht wirklich bewährt, weil diese Dinger sind groß und schwer, man kann damit nicht wirklich moshen. (lacht) Ich meine, die Teile sind dafür gemacht, dass dir einer mit einem Stahldegen ins Gesicht haut und du dabei nicht verletzt wirst. Insofern ist das sicherlich keine kosmetische Gesichtsmaske. Aber ich will das live trotzdem noch mal machen, denn das sieht schon saubrutal aus, wenn da Typen mit Gittermasken auf der Bühne stehen.

Apropos Kollektiv. Meta ist ja auf euren Touren nicht mehr dabei, aber auf Platte ist er nach wie vor sehr präsent.

Dadurch zeigt es sich sehr deutlich. Wir haben uns nie von Meta getrennt nach dem Motto: Du bist nicht mehr in der Band.“ Meta hat ein Kind, ist kürzlich nach Hamburg gezogen und will sich da ein Leben aufbauen, weshalb er nicht mehr Touren kann. Trotzdem hat er eine absolut mächtige, allerdings etwas eindimensionale Stimme. Ich kenne niemanden, der so eine ähnlich tiefe und brutale Stimme hat wie er. Deshalb wollte ich das auch unbedingt noch mal auf einem Album haben. Auf Fluxion“ gab es fast nur Meta, das war ein wenig viel, heute sind wir weiter. Insofern ist es cool, dass Meta für die Parts, die ich für ihn vorgesehen habe, noch verfügbar ist, aber dass wir auch mehr zu bieten haben. Er hat auch gestern auf unserer Release-Show mitgesungen. Auf Tour sind aber Mike (Pilat – Anm. d. Verf.) und Nico (Webers – Anm. d. Verf) unsere Sänger und gerade Mike hat durch seine sehr unglaublich Spannweite auch 60% – 70% aller Vocalparts auf Precambrian“ eingesungen.

Bevor wir in unsere Betten schlüpfen: Im April kommt ihr wieder auf Tour – als Main-Support von ROTTEN SOUND. Werdet ihr nur die harten Nummern spielen?

Nein, wir werden nur die ruhigen Stücke spielen. Wir haben lange überlegt und uns letztendlich dafür entschieden, da wir davon überzeugt sind, dass die Leute gelangweilt davon sind, sieben Mal an einem Abend dieselbe Metalcore-Band zu sehen. Ich persönlich mag ROTTEN SOUND nicht, diese Musik gibt mir nichts, auch wenn ich sie als Musiker respektiere. Wir werden auch als Support unsere Videos und unser Licht haben und ruhige Stücke spielen. Wir werden was ganz anderes machen, als das, was den restlichen Abend geboten wird. Und wenn das nicht funktioniert und die Crusties uns mit Tomaten und Eiern bewerfen, dann können wir uns immer noch überlegen andere Songs zu spielen, wir sind ja in dieser Hinsicht sehr flexibel. Aber ich bin zuversichtlich, dass dieses Konzept aufgeht.

Wir waren ja im Sommer auch mit THE BLACK DAHLIA MURDER auf Tour. Das Publikum war weitgehend sehr, sehr jung. Jünger als unser normales Publikum auf jeden Fall. Die Kids gehen da hin, zahlen 12 € Eintritt, kaufen ein T-Shirt und müssen dann teilweise nach Hause, bevor THE BLACK DAHLIA MURDER überhaupt gespielt haben, weil ihre Eltern ihnen gesagt haben: „Um 23:00 Uhr musst du zu Hause sein.“ Bei ROTTEN SOUND ist das glaube ich anders, ihr Publikum ist älter, ein alteingesessenes Crust- und Grindcore-Publikum. Diese Leute hören auch oftmals Bands wie NEUROSIS und das ist ja nicht wirklich weit von uns entfernt. Da wir auch nicht als erstes spielen, sondern eine gute Position haben, werden diese Fans uns auch den nötigen Respekt entgegen bringen.

Robin, vielen Dank für das Interview!

Captain Chaos
Ehemann, Vater, Musikenthusiast, Plattensammler, Trauerbegleiter, Logistiker, Autor, Wandergeselle