QUEENSRYCHE: Geoff Tate über Hochs und Tiefs, Selbstreflektionen und exzessive musikalische Masturbationen..

QUEENSRYCHE: Geoff Tate über Hochs und Tiefs, Selbstreflektionen und exzessive musikalische Masturbationen..

Die sprichwörtlichen Hochs und Tiefs, die viele Bands in ihrer Laufbahn durchlaufen müssen und an denen viele Acts gar zerbrechen und dem Musikgeschäft ein für allemal ‘Goodbye’ sagen, machen auch vor Gruppen nicht halt, die eigentlich für Konstanz bekannt sind.

Für QUEENSRYCHE, deren Stern seit der Veröffentlichung ihrer EP stets ein aufsteigender war, mussten erfahren, dass es die Kritiker trotz des Bonus, den die Band insbesondere nach der Veröffentlichung von “Operation: Mindcrime“ erhielt, mit “Hear In The Now Frontier“ nicht wirklich gut meinten. Auch hatte die Band aus Seattle niemals Line-Up-Wechsel erfahren, doch entschied sich Gründungsmitglied Chris DeGarmo nach der Tournee zu “Here in the Now Frontier“, QUEENSRYCHE zu verlassen und auf eigenen Pfaden weiterzugehen. Und als wäre dies nicht genug, wurde das Label der Band, EMI USA, kurzfristig und ohne Vorwarnung geschlossen, so dass sie sich auf die Suche nach einer neuen Firma, einem neuen Management, einem neuen Gitarristen und einer Zukunft überhaupt machen mussten…

Dieses Interview fand im Jahr 2000 statt, auf der Tournee nach der Veröffentlichung von “Q2K“, und Sänger Geoff Tate äußerte sich zum Ausstieg von DeGarmo, dem neuen Gitarristen, den neuen musikalischen Perspektiven nach der gravierendsten Zäsur in der Bandgeschichte, und vielem mehr…

Es ist einige Zeit vergangen, seitdem Du das letzte mal in Deutschland warst…

Geoff Tate: Ja, es sind zwei Jahre her seit der letzten Promotiontour, die Chris und ich zusammen gemacht haben.

In Europa habt Ihr aber keine Tournee gemacht…?

Geoff Tate: Nein, nicht in Europa. Wir haben für das letzte Album nur eine zehnwöchige Tournee absolviert auf Grund der Tatsache, dass wir keine Plattefirma hatten. Es ist schwierig zu touren ohne Label im Hintergrund (lacht).

Wir hörten etwas darüber, dass EMI in den USA Konkurs anmelden musste, aber Details haben wir keine erfahren können.

Geoff Tate: Wir auch nicht. Die Entscheidung wurde getroffen, ohne dass wir darüber informiert wurden, dass EMI die amerikanische Gesellschaft schließen würde – und es war unser Label, also betraf es die Verkäufe unserer Scheiben, die gesamte Promotion und Publicity, alles wurde gestoppt. Ich glaube, es war einen Monat nach der Veröffentlichung der ersten Single und es war ein großes finanzielles Chaos, leider.

Aber Ihr konntet die Tour beenden?

Geoff Tate: Ja, wir absolvierten zehn Wochen, und dann entschied sich Chris, die Band zu verlassen.

Sehr interessant, dass selbst die Band eines Labels keine Informationen erhalten, wenn sie Konkurs anmelden…

Geoff Tate: Ich weiß (lacht). Die Art und Weise, wie diese Firmen arbeiten – es gibt einen Großkonzern, der mehrere Tochterfirmen hat, und diese kleineren Firmen werden individuell und unabhängig vom Mutterkonzern geführt, obwohl sie partiell natürlich miteinander verbunden sind. So können sie einen größeren Gewinn machen und sich besser schützen. Und falls eines dieser Unternehmen finanziell schlecht geführt wird, stoßen sie es ab und vermindern ihre Verluste. Dem Vorstandsvorsitzenden und dem stellvertretenden Konzernchef werden 60 Millionen Dollar Abfindung gezahlt. Dies hängt mit ihren Verträgen zusammen. Jedenfalls bekam dieser Mensch diese 60 Millionen Dollar und der Rest von uns erhielt nicht einmal einen Telefonanruf.

Aber es war für Euch natürlich nicht schwer, ein neues Label zu finden. Ihr habt jetzt bei Atlantic unterschrieben. Ihr ward seit Euren Anfangstagen an EMI gebunden – siehst Du irgendwelche großen Unterschiede zwischen Eurem alten und dem neuen Label?

Geoff Tate: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Wir waren 15 Jahre lang bei EMI. Ich dachte schon, dass sie es irgendwie vorziehen würden, einen Anruf zu tätigen und zu sagen: ‚Hey, Entschuldigung, aber wir schließen die Plattenfirma’…

Mit dem neuen Label aber habt Ihr nun wieder die Unterstützung, die eine Band für eine Tournee benötigt… wie wichtig ist Touren für Euch?

Geoff Tate: Ich denke, dass die Konversationen mit Menschen das ist, was ich am meisten genieße. Ich mag die Interaktion, die Kommunikation. Ich mag es, ihre Gedanken über Musik, Politik und andere Themen zu erfahren. Nach jeder Show haben wir ein Treffen mit unserem Fanklub. Die Fans kommen in den Backstagebereich und wir reden über Musik oder was auch immer die Leute interessiert. Es macht wirklich großen Spaß.

Wie wichtig ist Dir das Feedback, wenn es um Musik geht? Wie bedeutsam ist Dir die Meinung von anderen, welche Musik oder welches Album sie bevorzugen oder welches nicht? Hat es irgendeinen Einfluss auf Dich…

Geoff Tate: … nein, das nicht. Nicht, wenn es um Musik geht.

… Eben, denn die Musik, die man kreiert, ist etwas sehr Persönliches, vielleicht wie ein eigeneres Kind…

Geoff Tate: Ja, es ist der Ausdruck von etwas sehr Persönlichem. Es ist deine Kunst. Es hat nichts mit anderen Menschen zu tun. Es ist ein egoistisches Bestreben. Wenn man Konzerte gibt, ist es wieder etwas anderes, weil man dann die Aufgabe hat, Songs zu spielen, die das Publikum mag, aber auch die Stücke, die du selbst magst. Es gibt innerhalb der Band immer sehr viele Diskussionen darüber, welche Songs live gespielt werden sollen. Es gibt immer eine sehr feine Linie, die man nicht überschreiten will. Man will nicht, dass die Band Stücke spielt, die sie nicht wirklich aufregend findet, da sie dann auch nicht überzeugend dargebracht werden und der Abend dann nicht gut verlaufen wird. Wir versuchen immer Stücke auszuwählen, die sowohl dem Publikum als auch der Band gefallen. Wir versuchen einfach, hier eine Balance zu finden.

Fans haben immer eine gewisse Erwartung an ihre Bands und erhoffen in den wenigsten Fällen eine Änderung, vielmehr bevorzugen sie es, wenn ihre Lieblingsband ihren Stil beibehält – habt Ihr diese Erfahrungen gemacht, dass Fans auf Euch zukommen und sagen: ‚Warum macht Ihr nicht ein weiteres Album wie “Operation: Mindcrime“ oder “Empire’’?

Geoff Tate: Nein, nicht sehr oft. Ab und zu bekommt man halt zu hören: ‚Warum macht Ihr nicht ein weiteres Album im Stile von ’’Operation: Mindcrime’’? Aber wozu? Wir haben ja eines gemacht.

Was hältst Du denn allgemein von Kritiken?

Geoff Tate: Kritik ist die Meinung eines einzelnen. Ich bewerte dies nicht zu hoch, es bedeutet mir nicht sehr viel. Ich mag das, was ich mag – jemand anders bevorzugt andere Dinge. Wenn man verheiratet ist, dann ist es vielleicht etwas anderes. Aber selbst meine Frau mag andere Musik als ich. Einige Dinge mögen wir beide, aber einige Dinge, die ich mag, mag sie nicht, umgekehrt ist es genau das gleiche.

Ich habe gelesen, dass sie sich um den Fanklub kümmert?

Geoff Tate: Ja, sie leitet den Fanklub und kümmert sich auch um das Merchandise Empire.

Was eigentlich auch ziemlich ungewöhnlich ist. Man hört nicht sehr oft, dass die Familie in die Geschäfte der Band involviert ist…

Geoff Tate: Ja, meine Frau ist eine sehr gute Geschäftsfrau. Sie entstammt einer Familie mit einer langen Tradition, was Business betrifft, und sie alle waren sogar ziemlich erfolgreich. Sie sehr gut, was Geschäfte anbetrifft, viel besser als ich. Aber es ist okay, denn sie kümmert sich um das Geschäftliche, sie ist keine Musikerin.

Im Infoblatt der Plattenfirma stand, dass sich “Q2K“ ’an Euren Erfolgen der später 80er Jahre orientiert’ – was soll das bedeuten?

Geoff Tate: Das weiß ich auch nicht. Es ist Promotion, Publicity. Sie versuchen immer, irgendeinen Aufhänger zu finden. Irgendjemand fragt dich: ‚Wie ist das neue Album’, und du sagst dann: ‚Tja, ich soll Dir das jetzt beschreiben… hm, es ist eine Rückkehr zu unseren Wurzeln als Musiker’, und an diesem Statement hängen sie sich dann auf: ‚Ah ha, sie gehen zurück zu ihren Wurzeln’. Nein, ist es nicht, der vollständige Satz war: ‚Es geht zurück zu unseren Wurzeln, zu dem, wie wir eine Platte aufnehmen, der Prozess an sich ist sehr einfach, wie wir es früher eben gemacht haben. Wir sitzen alle in einem Raum, schauen uns gegenseitig an, und schreiben Musik zusammen.’ Das ist eine Rückkehr zu unseren Wurzeln in dem Sinne. Musikalisch jedoch hat es nichts mit den Dingen der Vergangenheit zu tun. Ich denke, in vielerlei Hinsicht klingt die Musik sehr modern. Es hat traditionelle Elemente, Heavy Rock-Riffs mit an Groove orientierten Rhythmen, was eine sehr moderne Kombination ist, die man zurzeit sehr oft findet. Wir verbinden in einigen Songs also Rock mit Tanzrhythmen. Es ist cool, es ist ein Aspekt, den ich sehr mag.

Das Songwriting hat sich sehr geändert, denn Ihr habt jetzt einen Proberaum und arbeitet nun zusammen an Songs. Früher habt Ihr ja mehr oder weniger Zuhause gesessen, jeder schrieb seine Parts, und irgendwann wurde es dann zusammengetragen…

Geoff Tate: Jetzt ist es vielmehr eine Zusammenarbeit im eigentlichen Sinne. Wir mussten etwas Derartiges machen, es war sehr wichtig für uns.

Also hat sich jetzt so etwas wie ein Bandfeeling entwickelt?

Geoff Tate: Was die Band sehr lange Zeit nicht gehabt hat war das Gefühl, dass wir eine Band sind. Jeder suchte und sehnte sich nach diesem Gefühl. Als wir letztlich zusammenkamen, um dieses Album zu machen, konzentrierten wir uns darauf, so etwas zu entwickeln. Es ist aber nichts, das man ganz bewusst steuern kann, es muss einfach passieren, aber man muss zulassen können, dass es passiert. Und das taten wir – wir haben zugelassen, dass es stattfindet.

Chris DeGarmo hat die Band verlassen. Ihr ward sehr lange zusammen, er war seit dem Anfang Teil der Band. War es wie eine Scheidung?

Geoff Tate: Ja, zu dem Zeitpunkt war es ein Gefühl wie nach einer Scheidung. Es war sehr emotional, eine wirklich sehr schmerzvolle Erfahrung. Wir brauchten Monate, um herauszufinden, was wir tun würden, wie wir es tun würden, oder ob wir überhaupt noch irgendetwas tun würden. Es war nichts, dass wir irgendwie in unsere Planungen einbezogen hätten, wir haben nie an so etwas gedacht. Es passierte für uns wirklich auf heiterem Himmel.

Also hat er es nicht in irgendeiner Form angekündigt?

Geoff Tate: Nein, er hat uns zu keinem Zeitpunkt wissen lassen, dass er mit dem Gedanken spielte, die Band zu verlassen. Wir hatten gerade die Tour beendet, kamen nach Hause, und er verschwand einfach. Er hat keinen von uns zurückgerufen. Während der Tour hatten wir Pläne für ein neues Album gemacht, wir wollten eigentlich gleich danach ins Studio gehen. Einen Monat Urlaub, und dann gleich ins Studio. Ein Monat verging und keiner aus der Band erhielt einen Anruf von ihm, und niemand nahm bei ihm das Telefon ab. Als wir ihn letztendlich irgendwann fanden, waren bereits zwei Monate vergangen. Er sagte uns dann, dass er die Band verlassen wolle. Es war wie ein Stich mitten ins Herz.

Es klingt, als hätte er diese zwei Monate Zeit gebraucht, um darüber nachzudenken und eine Entscheidung zu treffen…

Geoff Tate: Ja, ich denke schon, das er das getan hat in der Zeit…

Du sagtest, dass es sehr schmerzhaft war für Dich und dass es vielleicht vergleichbar mit einer Scheidung war. War es vielleicht auch ein wenig so, als hätte Dir jemand ein Teil von Dir selbst genommen?

Geoff Tate: Ja, definitiv. Wir hatten über eine sehr, sehr lange Zeit eine enge Freundschaft. Wir haben sehr viele Stücke zusammen geschrieben, wir haben sehr viel Zeit miteinander verbracht. Wir telefonierten jeden Tag miteinander. Und ganz plötzlich – nichts mehr. Es war wirklich sehr schlimm. Ich war gekränkt und verletzt. Ich war rasend vor Wut auf ihn. Wenn man mit etwas beginnt, dann entstehen diese engen Verbindungen, man gibt sich gegenseitig diese Versprechen, dass man die Band nie verlassen wird. Es ist eine große Enttäuschung, wenn auf einmal jemand seine Meinung ändert, wenn er etwas anderes machen oder etwas anderes sein möchte. Aber jetzt, nachdem all diese Zeit vergangen ist, bin ich nicht mehr gekränkt oder verärgert. Ich bin froh, dass es sich so entwickelt hat. Die Band ist glücklich. Ich mag, was wir machen, und ich arbeite gerne mit Kelly zusammen. Es macht großen Spaß. Wenn du verheiratet oder so lange Teil einer Band bist, entwickelst du eine Art und Weise, wie Dinge ablaufen. du hinterfragst es nicht mehr – du führst einfach das weiter, was du bisher gemacht hast. Und wenn dies aufhört, wenn es einen Bruch gibt, dann trittst du einen Schritt zurück und schaust es dir etwas objektiver an. Und dann bemerkst du: ‚Oh je, wir haben viele schlechte Angewohnheiten, und dieses oder jenes haben wir nicht gemacht, wir haben nicht so tiefgründig miteinander kommuniziert, wie wir es eigentlich hätten tun sollen’. Als die Verbindung mit Chris durchbrochen wurde, mussten wir und entscheiden, was wir nun tun würden, und wir alle dachten, dass es das Ende der Band wäre. Ich glaube, dass dieser Gedanke jedem von uns gekommen ist. Wir haben irgendwann darüber gesprochen, und jeder fühlte: ‚Nein, wir wollen nicht aufhören, wir wollen weitermachen’. Und wir mussten uns überlegen, wie wir dies angehen sollten. Michael (Wilton) wollte mit einem anderen Gitarristen zusammenarbeiten, also mussten wir jemanden finden. Sobald wir Kelly gefunden hatten, begann es von Neuem, und es verlief sehr reibungslos. Es war etwas Anderes, sich an seine Person zu gewöhnen, weil wir an die Zusammenarbeit mit Chris gewöhnt waren. Kelly ist eine völlig andere Person. Ähnlich in bestimmten Belangen, aber dann auch sehr anders.

Ihr Fünf habt eine sehr, sehr lange Zeit zusammengearbeitet und plötzlich kommt jemand Neues in die Band – ich denke, das war für Kelly nicht gerade einfach…

Geoff Tate: Es ist wirklich nicht sehr einfach. Aber auf eine andere Weise ist es auch sehr befriedigend, weil man die Möglichkeit bekommt, sich neu zu definieren, und das haben wir getan. Wir haben ein neues Management, eine neue Plattenfirma, und auch neue Leuten für die geschäftlichen Belange. Wir haben rationalisiert. Wir haben eine neue Crew, andere Soundtechniker, jemand Neues für das Licht – alles ist anders. Und es hat wirklich Spaß gemacht, alles neu zu gestalten. Konsolidierung ist, glaube ich, der Begriff der späten 90er: mache dein Unternehmen effektiver, profitabler, rationalisiere. Das taten wir. Auf der musikalischen Ebene betrat Kelly das Feld und er hatte bereits viele Erfahrungen als Produzent und Techniker sammeln können. Er kam mit einer objektiven Sichtweise auf QUEENSRYCHE in die Band hinein. Er war bereits seit langem ein Fan der Band. Er hat uns unser Ding machen sehen und er hörte unsere Scheiben, er kannte Leute, die mit uns gearbeitet haben, und ab und zu hatten wir bereits mit ihm gearbeitet. Er war also auf gewisse Weise involviert, jedoch hatte er auch eine objektive Sicht auf die Band. Also brachte er seine Ideen ein, wie wir es tun sollten. Ich denke, sein größer Beitrag neben dem Songwriting war, dass er den Prozess der Aufnahme und den Prozess des Komponierens beeinflusst hat. Es war sehr angenehm, seine Ideen auszuprobieren, und es funktioniert sehr gut.

Dazu ist aber erforderlich, dass die Bandmitglieder genau so aufgeschlossen sein müssen wie die Person, die in die Band hineinkommt. Es bedarf Bemühungen auf beiden Seiten…

Geoff Tate: Ja, absolut richtig. Die Menschen wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Es wird aber nie wieder so sein, es ist unmöglich, es genauso wie früher zu machen, also muss man neuen Dingen gegenüber aufgeschlossen sein.

Gab es noch andere Kandidaten neben Kelly?

Geoff Tate: Nein, Kelly war unsere erste und einzige Wahl. Kelly hat eine gemeinsame Geschichte mit der Band. Er und ich haben zusammen in einer Band gespielt, Scott (Rockenfield – d.) und Kelly sind zusammen zur Schule gegangen. Auch Eddie (Jackson – b.) hat bereits mit Kelly in einer Band gespielt. Er wohnt in unserer Nachbarschaft, er ist im gleichen Alter wie wir. Wir haben viele Dinge gemein. Sobald er seine Gitarre nahm und Michael und er zusammen schrieben, gab es keine Notwendigkeit mehr, sich nach einem anderen Gitarristen umzusehen. Wir waren sehr zufrieden, sehr enthusiastisch über die Möglichkeiten, mit ihm zusammen Stücke zu schreiben. Er schreibt großartige Sachen, er hat immer irgendwelche Ideen. Er ruft mich oft mitten in der Nacht an: ’Hey, hör Dir das mal an’ – ’Ich schlafe!’ – ’Ja, ich weiß, aber Du musst Dir das anhören! Das wird Dich echt zum nachdenken bringen’ – ’Ich will nicht nachdenken, Kelly, ich will schlafen!’ – ’Nein, nein, nein, hör Dir das an, Hör!’ (lacht).

Ein neuer Ansatz also, die Dinge anzugehen…

Geoff Tate: Das ist absolut wahr. Und ich denke, dass das eines der Dinge ist, die passiert sind. Wir alle wurden auf einmal sehr enthusiastisch, in einer Band zu sein. Nach all den Jahren fühlten wir auf einmal wirklich wie eine Band. Ich denke, dass wir alle dies wirklich brauchten.

Die Texte auf dem neuen Album sind wieder sehr persönlich. Aber verglichen mit “Promised Land“ beispielsweise, finde ich, dass es einen Unterschied gibt. Auf “Promised Land“ gab es sehr viele Reflektionen über Dich selbst und einen psychologischen Ansatz. Jetzt konzentrierst Du Dich mehr auf Beziehungen. Auf “Empire“ handelten die Texte auch von Liebe, aber es gab dort eine Distanz. Zwar legtest Du Deine Emotionen dar, aber immer aus einer Distanz heraus, und auf dem neuen Album gibt es diese Distanz nicht mehr, weder zu der andern Person noch zu Deinen eigenen Gefühlen gibt es eine Distanz– stimmst Du dieser Sicht zu?

Geoff Tate: Ich hoffte, dass das passieren würde. Guter Einblick. Du hast es verstanden. Das ist alles absolut richtig.

Ich denke, dass es immer eine gewisse Überwindung kostet, sich so weit zu öffnen und es in Texten niederzuschreiben, vor allem aber auch, diese Barriere im eigenen Leben zu überwinden und damit die Distanz zu einem anderen Menschen, also fast eine Art Verschmelzen stattfinden zu lassen, wenn man es so sagen kann – wodurch kam es zu dieser Entwicklung?

Geoff Tate: Reife vielleicht? Ich habe nach “Promised Land“ wieder geheiratet und meine jetzige Ehefrau ist die Person, mit der ich für den Rest meines Lebens zusammenbleiben möchte. Zu der Frau, mit der ich vorher verheiratet war, gab es eine Distanz. Es gab auch noch andere Menschen, die in alles involviert waren. Das war eigentlich die größte Inspiration für den Wandel.

Also hat sie Dir neue Seiten und Aspekte eröffnet?

Geoff Tate: Ja. Und wir haben gemeinsame Kinder. Das ist ein wirklich sehr großer Unterschied. Ich wollte nie mit irgendeiner Frau Kinder haben, bis ich meine Frau kennen lernte. Das hat dramatische Veränderungen in mir bewirkt in dem Sinne, dass ich weniger mit mir selbst beschäftigt war. Wenn du Kinder hast, lässt es dich Dinge in einem etwas größeren Bild sehen, größer, als es dir vorher möglich war. Das erfährt man nicht, bis man Kinder hat, und dann wird es dir offenbart. Und vom Standpunkt eines Schreibers aus gesehen – wenn dir etwas derartig Monumentales passiert, ist es definitiv eine Inspirationsquelle für dich.

Die USA sind nicht unbedingt ein sicherer Ort für Kinder, Ihr lebt ja auch in einer Großstadt – hast Du irgendwie Angst? Zuhause kannst Du Deine Kinder beschützen, sie sind sicher bei Dir, aber irgendwann wirst Du sie gehen lassen müssen…

Geoff Tate: Bevor sie gehen, werden sie gut vorbereitet sein. Es ist etwas, dass man entwickelt, wenn man Kinder hat. Meine Frau nennt es ’das wandernde Auge’. Du machst das, was du gerade tust, aber du siehst immer in alle Richtungen: Wo sind die Kinder?. Mit den Jahren werden sie älter, und du tust es immer noch. Du bereitest sie auf die Dinge vor, denen sie sich stellen müssen. Du versuchst, ihnen einen Einblick in die Persönlichkeiten anderer Menschen zu geben und wie andere Menschen sind. Sie müssen vielleicht eine Art Schutzschild aufrecht halten, aber nicht so sehr, dass sie anderen Menschen keine Chancen gebe würden zu beweisen, dass sie das sind, was sie vorgeben zu sein. Aber sie müssen noch geführt werden und sie müssen auf ihre innere Stimme hören, die sagt: ’Sei vorsichtig’. Oftmals unterschätzen wir oder zeigen keinen Respekt vor der Intuition, die wir über Dinge haben. Man fühlt es, aber wir versuchen dann, es zu rationalisieren: ’Mach Dir keine Sorgen darüber’. Aber dann stellt sich heraus, dass wir auf diese innere Stimme hätten hören sollen.

Ich denke, dass viele Leute das gar nicht mehr haben, weil ihnen während ihrer Kindheit jegliches Selbstbewusstsein genommen wurde…

Geoff Tate: Ja, das ist wahr. Man muss dieses Selbstbewusstsein entwickeln. Das ist immens wichtig.

Aber viele Eltern zerstören es, noch bevor es sich wirklich entwickeln konnte…

Geoff Tate: Das ist die Kunst, ein Elternteil zu sein, zu versuchen, diese Einsicht in sich selbst zu entwickeln und zu merken, wenn man seine Kinder in einer Ecke zurückhält. Man muss es bemerken, wenn das anfängt. Manchmal ist es sehr schwer, das zu stoppen wegen der vielen Personen, die beteiligt sind. Einige Persönlichkeiten sind unglaublich sensibel, und andere weniger. Letztere, also die, die weniger sensibel sind, sind einfach so, wie sie sind und ihnen geht es gut, während die sensiblere Person emotional misshandelt wird. Es ist manchmal sehr schwer, auf diese sensible Person zu achten und dafür zu sorgen, dass sie eine Art innerer Stärke entwickelt, oder Mauern um sie herum aufbaut – wie auch immer man es nennen will – damit sie ihr Leben leben können. Du versuchst dein Bestes. Ich glaube, ein Elternteil zu sein ist das Schwierigste überhaupt. Es gibt dir Zeiten unglaublicher Befriedigung und Freude und dann auch wieder Zeiten voller Kummer.

In “Wot Kinda Man“ geht es um diese Vaterrolle, doch im Vergleich zu “Bridge“ auf “Promised Land“ gibt es hier einen etwas allgemeineren Ansatz…

Geoff Tate: In beiden Stücken geht es effektiv um das Aufwachsen ohne Vater, um Fragen, wie es gewesen wäre, wenn ich einen Vater gehabt hätte. Wenn du als Mann aufwächst – als Frau sicherlich auch, aber ich kann mich darauf nur als Mann beziehen – gibt es soziale Bedingungen, Erwartungen, die du erfüllen musst und die einen Druck auf dich ausüben. Es gibt innere Konflikte, mit denen du dich auseinandersetzen musst. Viele Dinge müssen assimiliert werden und man muss herausfinden, wer man ist. Ich denke, es wäre einfacher gewesen, wenn ich einen Vater gehabt hätte, um mir ein Vorbild zu geben, wie man etwas erreicht oder versucht, es zu bekommen – besonders, wenn er ein positives Vorbild gewesen wäre. Wenn du das nicht hast, dann suchst du nach anderen Männern, die Teil deines Lebens sind, um einen Bezug zu ihnen herzustellen. Du musst herausfinden, wer diese Person ist. Manchmal geschieht diese Wahl auf einer unbewussten Art und Weise, weil man diese Person bewundert oder sich von ihrer Persönlichkeit angezogen fühlt. Manchmal geschieht es auf einer bewussten Ebene: ’Dieser Typ schafft es, dass ich mich gut fühle, deshalb werde ich mich jetzt an ihn halten’. Ich glaube, dass ich jetzt, wo ich selbst Vater bin, diese Dinge stärker hinterfrage. Als ich aufwuchs, hatte ich viele Fragen, aber es gab keinen Vater, dem ich sagen konnte: ’Hey, ich fühle mich so’ oder ’Was soll ich jetzt machen?’ – jemand, der mich geführt hätte. Ich erkenne dies und erinnere mich daran. Wenn meine Kinder mich während irgendeiner Tätigkeit, die mir wichtig ist, unterbrechen, höre ich trotzdem auf und höre zu, was sie mir sagen wollen. Vielleicht dauert es zwei Minuten, das Problem zu lösen oder ihnen zu helfen. Oder manchmal wird das, was ich gerade tue, auf den nächsten Tag verschoben. Es ist mir nicht so wichtig wie ihre Bedürfnisse. Ich möchte einer der Väter sein, der immer für seine Kinder da ist. Ich möchte nicht, dass es so ist wie damals, als ich aufwuchs, und niemand für mich da war. Ich denke, dass ich versuche, meine Aufgabe gut zu erfüllen. Meine Frau sagt, dass es gut läuft (lacht). Aber manchmal geht es nicht, manchmal muss man es abwiegen: ’Okay, wenn ich jetzt aufhöre und Deine Frage beantworte, helfe ich Dir damit, aber das Dach wird ins Haus fallen, wenn ich es jetzt nicht repariere. Dies ist also kein guter Zeitpunkt’. Es geht nur darum, wie man mit der Situation umgeht. Ich habe Eltern erlebt, die ihre Kinder anschreien: ’Halt die Klappe! Lass mich in Ruhe. Du siehst doch, was ich gerade mache!’ Das ist nicht die richtige Art, denn es beeinträchtigt ihr Selbstbewusstsein. Sie denken sofort: ’Okay, ich bin meinem Vater nicht wirklich viel wert; das, was er macht, ist ihm wichtiger’. Es liegt oft daran, wie man mit ihnen umgeht. Es ist besser zu sagen: ’Schatz, ich will Deine Frage gerne beantworten, ich will Dir helfen, aber ich habe gerade etwas wirklich Wichtiges zu tun. Ich werde das jetzt erledigen und sobald ich fertig bin, werden wir uns hinsetzen und miteinander reden’. Und das scheint zu funktionieren. Sie denken: ’Okay, ich bin etwas wert, er liebt mich, er muss das nur erst schnell fertig machen’. Zumindest funktioniert es bei meinen Kindern. Sie verstehen es.

Denkst Du oft: ’Was hätte mein Vater in dieser Situation getan’?

Geoff Tate: Ich frage mich sehr oft, was mein Vater getan hätte, und es gibt nie irgendeine Antwort…

Aber Du denkst noch oft daran…?

Geoff Tate: Ja, ich denke sogar sehr oft daran. In bestimmten Zeiten denke ich weniger daran, aber dann ist man wieder mit einer wirklich schwierigen Situation oder Entscheidung konfrontiert, und dann blickt man in seine eigene Vergangenheit zurück, um eine vergleichbare Situation in seinem Leben zu finden, die man erfahren hat oder in der man irgendeine Führung oder Einsicht hatte. Es ist schwierig, wenn es diese Erfahrungen nicht gab, aus denen man hätte lernen können. Es ist hart.

Wie gut kannst Du Deiner Ansicht Deinen Freunden, Deiner Familie, Deinen Fans, Deinen Geschäftspartnern, etc. deine Gedanken vermitteln?

Geoff Tate: Ich glaube, ich bin darin sehr schlecht (lacht). Ich bin nicht so gut darin, wie ich es gerne wäre. Es gibt Momente, in den die Kommunikation klappt, aber oftmals bin ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Ich gehe in den Dingen auf, mit denen ich beschäftigt bin. Mein Sternzeichen ist Steinbock, und so versuche ich, das zu erreichen, was ich mir vorgenommen habe. Und ich muss es unbedingt erreichen. Ich kämpfe sehr oft damit. Man kann es erreichen, auch wenn es nicht gleich in fünf Minuten zu schaffen ist, vielleicht morgen. Ja, damit kämpfe ich. Ich versuche zu kommunizieren und versuche, die Beziehungen zu Menschen in meinem Umfeld zu verbessern, vielmehr als vorher, bevor Chris die Band verließ. Sein Ausstieg hat mich tief getroffen, so dass ich vielleicht eine andere Sicht auf unsere Freundschaft bekam. Ich dachte, wir hätten eine enge, sehr gute Freundschaft. Aber ich fand heraus, das er seine Gedanken nicht mit mir teilte. Wenn ich ein wirklich guter, enger Freund gewesen wäre, wäre er auf mich zugekommen und hätte gesagt: ’Schau, ich denke darüber nach, aus diesen oder jenen Gründen die Band zu verlassen’. Wir hätten uns zusammensetzen und ich hätte ihm sage können: ’Okay, lass uns darüber nachdenken. Es ist ein großer Schritt, den Du gehen wirst. Er betrifft nicht nur Dich, sondern jeden in der Band, unsere Familien, alles, also lass uns zu einer gemeinsamen Schlussfolgerung oder Idee darüber kommen, was Dir auf den Wecker geht’. Aber er tat es nicht. Und danach dachte ich darüber nach, dass wir wahrscheinlich keine so engen Freunde waren, wie ich angenommen hatte. Also hinterfragte ich natürlich auch mein Verhältnis zu Michael, zu Eddie, und zu Scott. Darüber, ob ich ihnen wirklich so nahe war, wie ich angenommen hatte. Es dauerte eine ganze Weile, meine Beziehungen zu den Jungs in der Band zu entwickeln. Ich denke aber, dass wir jetzt besser dran sind. Wir konzentrieren uns meiner Ansicht nach jetzt mehr auf die anderen, weil wir realisiert haben, dass wir sehr abhängig voneinander sind, nicht nur künstlerisch, sondern auch finanziell. Wir sind alle auf verschiedenen Ebenen miteinander verflochten. Und viele von uns hatten dem keine Beachtung geschenkt.

Vielleicht gibt es jetzt – wo Chris nicht mehr in de Band ist – aber auch eine Möglichkeit, eine andere Beziehung zu ihm aufzubauen, ohne dass die Band an sich involviert ist, so dass man sich voll und ganz auf ihn als Menschen, auf seine Person konzentrieren kann…?

Geoff Tate: Wir haben darüber gesprochen. Vor dreieinhalb Wochen haben wir uns gesehen. Es war das erste Mal, dass wir nach seinem Ausstieg wirklich miteinander gesprochen haben. Es war einfacher mit ihm zu reden, einfacher als ich dachte. Wir haben auch die Telefonnummern ausgetauscht. Ich habe jetzt eine andere Nummer als die, die ich zur Zeit seines Ausstiegs hatte. Es ist ein erster Schritt.

Wir sprachen eben über das Bandgefühl, welches ja auch immer einen Effekt auf die Atmosphäre, die Stimmung des Albums hat…

Geoff Tate: Ja, ich denke es ist eine Sache der Chemie. Eine Band ist sicherlich die Summe ihrer Bestandteile. Die individuellen Persönlichkeiten, die zusammenkommen, erschaffen eine chemische Reaktion, die Ausdruck in der Musik findet. Die elf Songs, die auf der Scheibe sind, sind elf von ca. fünfzig Stücken, die wir im Laufe des vergangenen Jahres zusammen geschrieben haben. Es gibt andere Songs, die unglaublich traurig sind, einige sind wiederum komisch, wieder andere sind zehn oder zwölf Minuten lang, und es gibt Songs, die als aggressiver Punk zu bezeichnen sind – wir haben sehr viele ganz unterschiedliche Stücke geschrieben. Wir haben diese elf ausgesucht, weil sie unserer Ansicht nach gut zusammen auf eine Platte passten. Und es reichte, um einen Plattenvertrag zu bekommen. Ich denke, die Stimmung auf dem Album ist nicht traurig oder melancholisch, obwohl es einige melancholische Stücke auf dem Album gibt, die aber nicht überwiegen, und so fühlt sich die Band auch momentan. Wir sind enthusiastisch, sehr positiv. Wir genießen es, live zu spielen. Früher war es so, dass sich jeder nach einem Konzert in einen anderen Teil des Tourbusses verzog, jetzt aber verbringen wir noch lange Zeit nach einem Auftritt zusammen, trinken etwas und reden stundenlang. Es gibt jetzt eine andere Form der Kameradschaft.

Wirst Du eigentlich noch durch andere Musik inspiriert? Wenn Du z.B. Radio hörst, denkst Du manchmal: ‚Das ist eine gute Idee für einen Song’? Ich meine damit nicht abkupfern, sondern Inspiration in dem Sinne…

Geoff Tate: Ja, das ist das, woraus Musik besteht, und das ist der eigentliche Trick: Es gibt keine ursprüngliche Musik. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Noten und eine begrenzte Anzahl von Variationen. Was man als Musiker macht ist, man nimmt das, was man in verschiedenen Stilen am interessantesten findet, und wendet es auf seine eigene Art und Weise an. Man filtert es gewissermaßen und bringt es in seine eigene Form. Unsere ersten beiden Scheiben waren sehr inspiriert von einigen Bands, die uns zu der Zeit, als wir sehr jung waren, stark beeinflusst hatten. Und das hört man den Alben auch an. Erst mit “Rage For Order“ begannen wir unseren eigenen musikalischen Weg und wurden die, die wir heute sind. Erst da begann QUEENSRYCHE wirklich. Aber man muss erst einmal an diesem Punkt ankommen. Viele Bands schaffen es nicht, diesen Punkt zu erreichen. Sie veröffentlichen zwei Alben und das war’s. Ich denke, dass Bands erst beginnen, wirklich einzigartige Musik zu schaffen, je länger sie zusammen spielen, denn so überwindet man alle offensichtlichen Einflüsse und man verbessert sich, was Kompositionen betrifft, und erst dann werden die Stücke wirklich interessant und man entwickelt seine eigene Art, durch Musik etwas auszudrücken. Aber es ist hart, wenn Musikkritiker und Fans das manchmal nicht zu würdigen wissen, weil ihre Ohren nicht so sensibel sind wie die eines Musikers. Sie werden automatisch von Dingen angezogen, die sie bereits früher einmal gehört haben. Sie mögen das erste Album einer Band, weil es in 99% der Fälle etwas ist, was sie vorher schon mal gehört haben. So ist das eben.

Es gibt aber auch andere Kritiker. Es gibt Musiker, die auch Kritiken schreiben, und die teilweise einen sehr ’klinischen’ Ansatz haben, Musik zu bewerten.

Geoff Tate: Sind es erfolgreiche Musiker, die Millionen von Platten verkauft haben?

Wahrscheinlich nicht…

Geoff Tate: Und das ist es, was mich immer aufregt. Lass uns mal eine Analogie heranziehen – Du hast ein Auto? Würdest Du Dein Auto, wenn es nicht mehr funktioniert, direkt zu einem Zahnarzt bringen, damit er es repariert? Nein! Würdest Du es irgendeinem Typen in einer Kneipe bringen, obwohl er nichts von Autos versteht? Nein! Warum denken Kritiker, dass irgendjemand Wert auf ihre Meinung legt, wenn sie selbst keine Musiker sind? Es ist nichts weiter als eine Meinung, oder? Man kann schreiben: ‚Das mag ich, weil ich mich dadurch so oder so fühle’, aber wenn Kritiker wirklich versuchen, ein Album zu rezensieren – wen interessiert ihre Meinung eigentlich? Welchen Hintergrund haben sie, welche Ausbildung, welchen Erfolg haben sie selbst erzielen können im Leben? Den haben sie nämlich nicht.

Man kann Musik aber durchaus analysieren…

Geoff Tate: Ja, Analysieren ist etwas anderes…

Fans und Leute, die selbst keine Musiker sind, haben generell eine emotionale Herangehensweise an Musik. Sie beschrieben ihr Gefühl, das ihnen ein Stück vermittelt. So gehe ich auch an Musik heran…

Geoff Tate: Aber wenn Du Dir mal eine Heavy Metal-Kritk einer Scheibe in eines der einschlägigen Magazine durchliest, wo sie etwas als ‚chrunchy riff’ bezeichnen – was soll das denn bedeuten?

Ich denke, der versteht darunter etwas anderes…

Geoff Tate: Ja, aber das ist keine Wertschätzung von Musik, das ist gar nichts.

Liest Du eigentlich noch Kritiken?

Geoff Tate: Nein! Auf gar keinen Fall. Es gibt weitaus Besseres zu lesen als Kritiken. Es ist interessant, die Ansichten anderer Leute zu hören, aber es gibt so viele Menschen mit so vielen unterschiedlichen Perspektiven und Ansichten, und wenn du allen zuhörtest, würdest du in deinem Leben nichts anderes mehr machen. Man würde so überschwemmt werden mit den Ansichten anderer Leute über das, was man tut, dass man sehr schnell den Faden verlieren würde. Man muss sein Ding machen und damit weitermachen.

Aber manchmal kommt jemand auf Dich zu und gibt Dir eine neue Perspektive auf etwas. Du hast gesagt, dass Kelly in die Band kam, und Du auf einmal eine neue, objektivere Sicht auf Eure Arbeit hattest…

Geoff Tate: Ja, aber ich respektiere seine Meinung. Er ist ein erfolgreicher Mensch und er weiß, wovon er redet.

Ja, aber ich denke, dass das auch bei Menschen außerhalb des eigenen Bekanntenkreises der Fall sein kann, dass Du jemanden triffst, mit ihm redet und Du denkst: ’Ja, das ist ein wichtiger Aspekt, so habe ich es noch gar nicht gesehen’ – das ist es, was ich meine…

Geoff Tate: Ich verstehe, was Du meinst. Es hat etwas mit Auswahl zu tun. Es gibt einfach Menschen, denen man zuhört, und andere, wo das nicht der Fall ist. Einige Leute kommen auf mich zu und sagen: “Promised Land“! Diese Scheibe half mir, eine Zeit in meinem Leben zu meistern, wo ich Dinge erlebte, die Du anscheinend auch erfahren hast, als Du die Scheibe geschrieben hast. Und das Stück “Someone else“ sagt für mich alles aus. Danke’! Das vermittelt mir ein gutes Gefühl, wenn jemand das, was ich mache, mag und es versteht und auch gut zum Ausdruck bringen kann. Und dann kommt der nächste zu mir und sagt: ’Ja, ‚“Queen Of The Ryche“, das ist Euer bester Song’, und ich denke nur: ’Hmmm, ah ja?’ Was soll man da sagen? Man sagt einfach: ’Dank Dir vielmals. Ich bin froh, dass Dir der Song gefällt’. Und ich bin wirklich froh, dass Menschen dieser Song gefällt, aber aus anderen Gründen. Dieses Stück war eines der ersten, die ich je geschrieben habe, und es war irgendwie nichts. Es war nicht einzigartig, es war nicht einmal QUEENSRYCHE, es war hergeleitet aus anderen Dingen, die es zu dieser Zeit gab. Auf der einen Seite bin ich froh, dass viele Leute diesen Song mögen und ihn hören möchten. Sie kauften die Platte, hören sie ab und zu, und es gibt ihnen etwas. Auf der anderen Seite aber mag derjenige, der “Someone else“ bevorzugt, gerade eben dieses Stück aus anderen Gründen, und das finde ich auf gewisse Weise befriedigender.

Du meinst also, es ist Dir wichtiger, wenn Dir jemand sagt: ‚Ich kann einen wirklichen Bezug zu dem herstellen, was Du auf “Promised Land“ vermittelst, weil es genau das ist, was ich selbst fühle oder fühlte’, da “Queen Of The Ryche“ diese Botschaft, diese persönliche, selbstreflektierende Seite nicht hatte?

Geoff Tate: “Queen Of The Ryche“ ist überhaupt nicht kommunikativ, es ist eher eine Form von exzessiver Masturbation, einer musikalischen Masturbation. Aber diese Einschätzung beruht auf einer zwanzigjährigen Erfahrung, was Komponieren betrifft. Es ist, als würden deine Eltern die Bilder, die du als Kind gemalt hast, aufbewahren. Du brachtest sie nach Hause, du bist ganz stolz uns sagtest: ’Hey, Mum, schau Dir das mal an!’, und sie sagt: ’Das ist ein so schönes Bild’. Und sie hängt es an die Kühlschranktür, und jedes Mal, wenn Du die Küche betrittst, bist du sehr stolz. Das ist es, was “Queen Of The Ryche“ für mich ist. Es war der ultimative Beginn für diese Band.

Du hast die 20 Jahre der Bandgeschichte erwähnt, die guten und schlechten Erfahrungen, die Ihr gemacht habt – gibt es irgendetwas, was Ihr anders gemacht hättet oder ändern würdet, wenn Ihr die Möglichkeit dazu hättet?

Geoff Tate: Nein, alles ist ein Lernprozess. Die Zeit, als Chris die Band verließ, war das Schlimmste, was mir seit langem passiert war. Ich war emotional eng an diese Band gebunden und an die Beziehungen innerhalb der Band. Es war für mich persönlich sehr, sehr schwer, dieses Jahr durchzustehen. Erst musste ich mit all diesen Gefühlen klar kommen. Ich fühlte mich betrogen von ihm, und ich glaube, die anderen in der Band hatten das gleiche Gefühl. Aber ich fühlte mich emotional auch von mir selbst unter Druck gesetzt. Es dauerte lang, bis ich mit diesen Emotionen fertig wurde, sie aus dem Weg zu räumen und mich darauf zu konzentrieren, was ich als nächstes tun musste. Ich konnte nicht vier Jahre warten und mich darin suhlen. Ich musste wieder Platten machen, einen neuen Vertrag bekommen, ein Management auf die Beine stellen. Man muss sich dort hineinbegeben. Daraus habe ich viel gelernt. Vorher habe ich mich sehr auf das Management verlassen, wenn es ums Geschäft ging. Wenn man es so macht, ist man ziemlich abhängig von deren Perspektive und wie sie mit Dingen verfahren. Im Grunde stellen sie Beziehungen im Geschäftsbereich für dich her. Jetzt verfahren wir nicht mehr so. Wir kümmern uns jetzt selbst um unsere Geschäftspartner und telefonieren täglich mit ihnen, und damit geht es mir persönlich besser. Ich fühle mich nicht mehr so isoliert von allem. Es gibt dir viel Mut, Stärke und Charakter, es gibt dir ein Gefühl der Unabhängigkeit. Man kann alles machen, was man machen will, aber dazu muss man erst einmal diese Hürde überwinden. Viele Bands denken über sich, dass sie Musiker seien, dass sie Musik schreiben und jemanden dafür bezahlen, sich um ihre Geschäftsangelegenheiten zu kümmern, damit sie sich auf ihre Musik konzentrieren können. Aber ich denke, man kann beides machen. Ich glaube, dass man Musik machen, sehr kreativ sein kann, zugleich ein Vater, ein Ehemann, aber auch ein Geschäftsmann sein kann. Ich kann es machen, andere wiederum vielleicht nicht. Und ich fühle mich gut dabei. Aber das beantwortet Deine Frage nicht (lacht). Nein, es gibt nichts, was ich bereuen würde, ich würde nichts ändern wollen. Ich habe aus allem, was passierte, gelernt. Wenn alles glatt lief, würde man als Person wachsen, würde man mehr werden, als man bereits ist? Wahrscheinlich nicht. Aber wenn ein Unglück oder Missgeschick passiert, muss man dies überwinden, um weiterzukommen. Man wächst, wenn man sich ändert. Man wird entweder ein besserer oder verbitterter Mensch. Ich versuche, ein besserer Mensch zu werden.