PARADISE LOST: ´Kreative Leere tötet deine Seele´

PARADISE LOST: ´Kreative Leere tötet deine Seele´

PARADISE LOST sind wieder da – und zwar besser denn je. Das neue Album Faith Divides Us – Death Unites Us schließt den Kreis zwischen Death Metal, Gothic und Melancholie. Gitarrist Gregor Mackintosh plauderte im Interview über die neuen und alten Einflüsse der Band, über Zukunftspläne und verriet, warum er als Musiker keine Angst vor finanziellen Problemen haben muss.

Bevor wir über euer neues Album Faith Divides Us – Death Unites Us sprechen, würde ich gerne etwas mehr über euer geplantes Buch erfahren: Ihr  wollt eine Biografie veröffentlichen, bislang gibt es die Info, dass  das Buch No Celebration heißen und recht aufwändig gestaltet sein soll. Angekündigt habt ihr diese Biografie mit der Internetseite www.paradiselostbook.com.  Auf dieser Seite fordert ihr eure Fans auf, sich mit ihrer E-Mail-Adresse zu registrieren, wenn sie Interesse an einem solchen Buch haben. Das bedeutet, ihr müsst erst herausfinden, ob es genügend Käufer für dieses Buch geben würde, bevor irgendetwas gedruckt wird?

Ja, das stimmt. Wir machen gerade eine Art Marktforschung.  Bei unserem 20-Jahre-PARADISE LOST-Jubiläums-Konzert im September 2008 in London sprach uns ein Verleger an. Er zeigte uns ein Buch über THE CLASH, das er veröffentlicht hat, und fragte uns, ob wir uns vorstellen könnten, etwas ähnliches zu machen. Uns gefiel diese Idee.  
Die Literaturszene funktioniert allerdings ganz anders als das Musikbusiness. Der Verlag macht erst einmal eine ausführliche Marktanalyse  –  sie versuchen herauszufinden, ob ein Buch gekauft werden würde. Was unser Buch angeht, so untersuchen sie noch, ob es sich lohnen würde. Wenn wir ein solches Buch machen, dann soll es auch etwas Edles werden; es wird kein billiges Paperback. Ende des Jahres wissen wir mehr – ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Biografie tatsächlich veröffentlichen könnten. In meiner Vorstellung wird es darin auch nicht nur um die Musik gehen, sondern darum, was mit uns in 20 Jahren PARADISE LOST geschehen ist. So im Stil von Anvil! The Story Of Anvil, einer Doku über ANVIL. Wir wollen mehr über das Leben als Metalband erzählen und einige wirklich exklusive Inhalte bieten!

Ihr nutzt in erster Linie das Internet und Dienste wie Twitter, um die Idee des Buches bekannt zu machen – eigentlich ist das Netz doch ganz praktisch, oder?

Das Internet ist ein zweischneidiges Schwert. Du erreichst über das Internet viel mehr Leute, auch in entlegenen Winkeln der Welt.  Inzwischen kommst gar nicht darum herum, das Internet zur Promotion zu nutzen. Aber die CD-Verkäufe sind gleichzeitig eingebrochen – und das liegt auch an den Möglichkeiten, die das Netz bietet.  
Nun, meine Arbeit für die Band betrifft das Internet weniger, wir schreiben nach wie vor Songs, nehmen Alben auf und gehen auf Tour. Aber das ganze Drumherum hat sich sehr verändert,  die Promotion läuft inzwischen ganz anders als noch vor zehn Jahren. 

Euer ehemaliger Schlagzeuger Jeff Singer ist im Sommer vergangenen Jahres ausgestiegen, er hat damals auch angedeutet, dass die Probleme der Musikindustrie daran nicht ganz unschuldig seien  -in seinem Statement zum Ausstieg kann man zwischen den Zeilen herauslesen, dass auch die finanzielle Unsicherheit für Berufsmusiker ein Grund für ihn war, die Musik aufzugeben. Kennst du solche Überlegungen?

Nein, eigentlich nicht. Ich hatte nie mehr Existenzangst als Leute, die in ganz anderen Bereichen arbeiten. Als wir begonnen haben, Musik zu machen, sind wir davon ausgegangen, dass immer alles ein Hobby bleiben wird. Ich hatte einen ganz normalen Job. Irgendwann war es dann doch soweit: Ich musste mich entscheiden, da ich Arbeit und die Band nicht mehr unter einen Hut bekommen habe. Ich habe meinen Job gekündigt – und alle Kollegen sagen, dass es nicht lange dauern würde, bis ich wieder zurückkäme. Ich war nie wieder dort. Ich kenne Leute, die in den letzten Jahren 15 mal den Arbeitgeber gewechselt haben. Wirklich sichere Jobs gibt es heute nicht mehr. Ich mache mir da auch nicht viele Gedanken, das bringt ohnehin nichts. Aber ich weiß ich absolut zu schätzen, in welch glücklichen Lage ich bin – ich konnte mein Hobby zum Beruf machen! Was Jeff angeht: Ich glaube, sein Ausstieg hatte vielmehr damit zu tun, dass er Vater wurde und mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen wollte.  Verständlich, wie ich finde – eine eigene Familie verändert dein Leben völlig. 

PARADISEZurück zu eurem Buchprojekt: Die Biografie heißt No Celebration  – es gibt auch einen gleichnamigen Song. In den Liner-Notes der Anatomy Of Melacholy-Live-DVD schrieb PARADISE LOST-Sänger Nick, dass dieser Song eigentlich ein Anti-Weihnachtslied werden sollte, das sich gegen den Kommerzterror des Weihnachtsfests und andere Zwangsfeiern zum Beispiel bei Jubiläen richtet. Ist das nun eure Art von Humor, dass das Buch, mit dem ihr das 20-jährige Jubiläum eurer Band feiern wollt, eben jenen Titel trägt?

Ja, irgendwie schon. Unser Schlagzeuger Ade zum Beispiel wuchs ohne Geburtstagsfeiern auf, in seiner Familie gab es sowas nicht. Er wundert sich immer über unsere Feierwut und wird dann ein wenig depressiv. Es steck schon ein wenig Ironie dahinter…

Es scheint gerade eine gute Zeit für Rückblicke zu sein – Ende 2007 erschien die Retrospektive Over The Madness und eure ersten Demos wurden im Mai 2009 unter dem Titel  Drown In Darkness  von Century Media auf CD veröffentlicht.  Wie fühlt es sich an, in der Vergangenheit zu wühlen?

Oh, keine Ahnung – ich weiß gar nicht genau, wie das ist, wenn man sich intensiv mit seiner Vergangenheit befasst. Immer wenn wir ein neues Album aufnehmen, tun wir so, als ob wir eine völlig neue Band mit neuer Besetzung wären. Das hat einen Vorteil: Wir fühlen keinen Druck, weil uns in diesem Moment unsere alten Alben egal sind.
Diese ganzen Rückschauen wurden von Leuten aus unserem Umfeld initiiert. Wir freuen uns, dass wir noch immer eine Bedeutung haben in der Musik-Szene, aber wir überschätzen uns nicht. Es sind immer andere Leute, die auf diese Ideen kommen. Der Regisseur von Over The Madness  ist ein alter Fan und wollte einfach etwas über uns machen, Century Media sagten, zum 20-Jährigen muss ein besonderer Release her. Es ist schön, auf diese Dinge zurückzublicken, aber ich beschäftige mich nicht jeden Tag mit der Vergangenheit von PARADISE LOST.

Dann hast du die beiden Demos auch lange Zeit nicht mehr angehört? Was denkst du über ihre Neuauflage?

PARADISEUnser erstes Demo Paradise Lost müsste ich 1990 zum letzten Mal angehört haben, das zweite, Frozen Illusion, vielleicht vor drei Jahren. Frozen Illusion  ist sehr roh, sehr  primitiv – und wahrscheinlich auch sehr naiv. Aber ich mag es lieber als unser erstes Album! Ich glaube aber kaum, sich die Leute, die den Re-Release gekauft haben, ihn allzu oft anhören. Es ist mehr ein Sammlerstück. Du musst nun nicht mehr die Kassetten vom Dachboden holen, sondern hast die Tapes jetzt auch auf CD. Und wir zeigen mit dieser Veröffentlichung unseren jüngeren Fans, wo unsere Wurzeln sind. Wahrscheinlich sind einige, die nicht alles von uns kennen, überrascht, wie brutal und düster wir mal klangen!  Es war übrigens gar nicht so einfach, diese Veröffentlichung zu realisieren: Wir haben nämlich zunächst die Mastertapes der Demos nicht gefunden. Keiner von uns hatte sie, wir haben gesucht wie verrückt – ohne Erfolg. Er stellte sich dann heraus, dass Hammy von Peaceville Records (bei diesem Label erschienen die ersten PARADISE LOST Alben) es einem französischen Musikjournalisten geschenkt hat, der es als Sammlerstück in einer Vitrine in seiner Wohnung ausgestellt hatte. Er hat sie uns dann netterweise zur Verfügung gestellt… 

Genug über die Vergangenheit geredet.  Eurer neues Album heißt Faith Divides Us – Death Unites Us. Ich mag den Song I Remain sehr.  Er beginnt mit einem wunderbar altmodische Riff.

Es gibt auf dem Album einiges, das altmodisch klingt. Wir haben in letzter Zeit alle wieder viel Musik von früher gehört, Death Metal- und Doom Metal-Bands, die wir mit 15 oder 16 gut fanden.  Einiges davon findet sich auf dem aktuellen Album wieder, so manch verstecke Hommage hat sich eingeschlichen.  Faith Divides Us – Death Unites Us hat auch ein bisschen etwas von der Stimmung von Gothic oder  Shades Of God, unserem zweiten beziehungsweise dritten Album.  Gleichzeitig sollte es kein reines Retro-Album werden, wir wollten auch etwas Neues, Frisches auf dem Album bieten – verschmolzen zu einem einheitlichen Sound.

Ich denke, das ist gelungen.  Mit  Faith Divides Us – Death Unites Us schließt sich ein Kreis. 

The Rise of Denial war der erste Song, den ich für dieses Album geschrieben habe. Er ist ziemlich altmodisch. Je älter du wirst, umso mehr kehrst du zu den Dingen zurück, die du wirklich magst. Meine drei absoluten Lieblingsalben sind  Within the realm of a Dying Sun von  DEAD CAN DANCE, “Retaliation” von CARNIVORE und “To Mega Therion” von CELTIC FROST. Mir ist etwas aufgefallen: Je älter ich werde, umso häufiger lege ich diese Platten auf. Oder die ersten drei BATHORY-Alben und eine Menge alten Death Metal von MASSCAREMASTER und so weiter. Ich mag auch gerne Punk. Ich bin mit DISCHARGE groß geworden. Und natürlich kann man  diese Einflüsse in meinen Songs auch manchmal raushören, obwohl ich für PARADISE LOST ganz andere Musik schreibe.

paradiseWürdest du gerne mal eine  fröhliche oder punkige Nummer schreiben? PARADISE LOST sind bei aller Variabilität und stilistischer Vielfalt doch immer recht düster.

Nein, ich mag keine fröhliche Musik. Sie deprimiert mich. Traurige Musik hingegen gibt mir ein gutes Gefühl. Epicus Doomicus Metalicus von CANDLEMASS zum Beispiel ist sehr trist, aber ich liebe dieses Album bis heute. Ich habe mit PARADISE LOST so vieles ausprobiert und damit bestimmt auch eine Menge Leute vor den Kopf gestoßen und sie verärgert. Ich fühle mich nicht limitiert bei PARADISE LOST. Wir haben alles, was wir brauchen, in unserer Musik. Der wichtigste Grund für mich in einer Band zu spielen ist, sich selbst treu bleiben zu können und das auszudrücken, was man fühlt. Es geht nicht darum, ein Erfolgsrezept immer und immer wieder zu wiederholen. Das zerstört dich, deine Seele und deine Kreativität. Die Musikindustrie lockt dich ganz bestimmt nicht mit Geld. Man wird ein Teil davon, weil man sich im Idealfall ausleben kann.

Eine kleine Wiederholung gibt es doch:  Das Riff von Universal Dream erinnert an  Pity The Sadness vom Shades Of Gods-Album .

Universal Dream war ganz sicher vom klassischen Metal inspiriert, wie auch Pity The Sadness.  Der Song enthält noch andere Riffs, die eine Referenz an alte Tage sind. Es ist eine verdrehte Verbeugung vor alten Helden.

Habt ihr nun die perfekte Verbindung zwischen Härte und Dunkelheit gefunden?

Keine Ahnung, das kann ich nicht beurteilen. Was ist schon perfekt? Wir haben immer versucht, beides zu verbinden. Faith Divides Us – Death Unites Us ist wohl das härteste Album, das wir je gemacht haben, aber es hat auch viel Tiefe, viel Licht, viel Schatten, viele Höhen und Tiefen – kurz: viel Dynamik. Wenn du ein Album machst, das nur heavy ist, verschenkst du etwas. Es gibt keinen Kontrast. Es gibt viele Alben, die trotzdem so funktionieren. Das gilt aber nicht für PARADISE LOST als Band. Wir brauchen die Gegensätze, die sich gegenseitig betonen.

Faith Divides Us – Death Unites Us ist nicht besonders catchy, ihr habt schon eingängigere Stücke geschrieben.

Das ist richtig, das wollten wir auch so. Das Album sollte vielschichtiger werden. Wir wollten interessante Songstrukturen bieten. Wir haben uns entscheiden, ein weniger kommerzielles Album zu schreiben. Wir haben ein Album geschrieben und keine Singles.

Ich habe gelesen, dass ihr keine Singles mehr veröffentlichen wollt.

Ich habe darin noch nie einen Sinn gesehen, wir werden ohnehin nicht im Radio gespielt. Mir erscheint es wie Geldverschwendung. Ein Video zu machen, ist ok, aber Singles….  Ich will Alben, die von vorne bis hinten interessant sind. Das ist vielleicht auch eine Frage des Alters, all die Alben die ich als Jungendlicher mochte, sind kleine Einheiten – da gibt es keinen Singlehit. Und auch heute interessiere ich mich nicht für Einzelsongs, ich will ganze Alben mit allem, was dazugehört!

cdreview Zum Konzept: Der Albumtitel sagt ja, dass vor dem Tod alle Menschen gleich sind. Das Cover zeigt einen mittelalterlichen Holzschnitt mit derselben Aussage. Ist es eine Art Konzeptalbum?

 

 

Es ist kein Konzeptalbum. Wir fanden es ziemlich ironisch, das das Artwork und die Musik von Religion inspiriert ist – obwohl wir ja gleichzeitig eine ganz weltliche Idee zum Ausdruck bringen: jeder stirbt.  Wir haben hier eine Dichotomie, ich mag diese Ironie. In den Texten geht es um die Welt im Allgemeinen, aber da soll jeder selbst etwas für sich herausziehen.  Wir geben keine Bedienungsanleitung mit unserem Album heraus! 

 

Fotos: CENTURY MEDIA RECORDS

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...