WHITE WARD: False Light

Mehr als nur nokturn und noir: WHITE WARD treten mit „False Light“ ihren endgültigen Siegeszug an.

Es ist zugegebenermaßen schwierig, dieses Album so zu sehen, wie es ursprünglich konzipiert wurde – Krieg überschattet diese unsere Welt und besonders die Heimat von WHITE WARD. Die Band aus Odessa in der Ukraine, die in der Vergangenheit bereits die Schattenseiten des urbanen Lebens porträtierte, ist nun gefangen in einem Land, in dem die großen Städte gnadenlos bombardiert werden. Währenddessen begleitet „False Light“ einen Protagonisten, der auf das Land zieht, angewidert von der Großstadt, und feststellt, dass es ihm in der Provinz keinen Deut besser geht. Leichte Kost geht anders, vor allem auf der Metaebene.

Doch gerade dieses Konzept macht es relativ leicht, die aktuelle Lage des Landes von der ursprünglichen Bedeutung von „False Light“ zu trennen. Und auch vom bisherigen Schaffen koppeln sich WHITE WARD durch ihr drittes Album ab. Wo „Love Exchange Failure“ und „Futility Report“ durch die angejazzte Saxofon-Note sehr noir wirkten, ist das dritte Album des Quintetts tatsächlich ein Ausbrechen. Zwar dominiert weiterhin die Mischung aus zeitgemäßem Post Black Metal, der durch Darkjazz erweitert wird, doch hier zeigt die Band mehr Fingerspitzengefühl. Die krassen Übergänge, die auf „Love Exchange Failure“ hier und da noch etwas grob wirkten, sind weniger geworden, dafür agieren WHITE WARD bewusster, wenn sie ihre Dynamiksprünge einsetzen.

Auf „False Light“ zeigen sich WHITE WARD nahezu grenzenlos – und brillieren auf allen Ebenen.

Neben der Verfeinerung des Signature-Sounds öffnen sich WHITE WARD nun auch in andere Richtungen. Denn stilistisch darf auf „False light“ alles einfließen, was gefällt: atmosphärische Synthesizer à la JOHN CARPENTER, Post Punk, Sludge, neofolkige KING DUDE-Momente. Es braucht somit ein wenig, selbst für diejenigen, die WHITE WARD in der Vergangenheit viel Aufmerksamkeit geschenkt haben, in dieser Fülle an Ideen nicht die Orientierung zu verlieren. Doch dadurch, dass die Band ihre Kompositionen so gut unter Kontrolle hat und sämtliche Stücke als sehr abgeschlossen präsentiert, erschließt sich „False Light“ in letzter Konsequenz doch zügig.

WHITE WARD sind gewissenhafte Songwriter geworden und verlieren nie den Fokus, auch wenn in den größten Epen „Leviathan“, „Phoenix“ und dem Titelstück eine Menge passiert. Daran haben auch die zahlreichen Gäste ihren Anteil, die auch häufig mehr als nur eine Nebenrolle spielen dürfen. Cleansänger Vitaly Havrilenko, dessen dunkle, wavige Stimme in immerhin vier Songs eine tragende Rolle spielt und gerade das kompakte „Cronus“ zu einer echten Perle werden lässt, hat ebenso großen Einfluss auf das Album wie Jerome Burns, dessen Trompeteneinsätze das Saxofonspiel von Dima Dudko ergänzt und einen Schauer über den Rücken jagt; ähnlich gut wurde dieses Instrument zuletzt von EPHEL DUATH auf „The Painter’s Palette“ im Metal eingesetzt – vor immerhin fast 20 Jahren.

WHITE WARD begleiten einen irrlichternden Protagonisten, sehen ihren eigenen Weg aber klar vor sich: „False Light“ mag überbordend sein, ist aber punktgenau konzipiert.

Generell haben die Gastmusiker, die Fender Rhodes, Piano und auch Kontrabass spielen, den größten Anteil daran, dass die jazzige Seite von WHITE WARD deutlich authentischer ist, als noch in der Vergangenheit. Interessanterweise klingen die Ukrainer dadurch weniger nach Film noir, sondern viel offener, weil organischer. Und so verwundert es nicht, dass die Musik auch emotional ins Schwarze trifft: Der bittersüße Titelsong gipfelt in einem, von LATITUDES-Sänger Adam Symonds getragenen, zerbrechlichen Finale. „Leviathan“ und „Phoenix“ sind rastlose, verzweifelte Stücke, deren Wut an den richtigen Stellen spürbar wird. Ganz besonders geht aber „Silence Circles“ unter die Haut: Als würden NEUROSIS nach einem BOHREN UND DER CLUB OF GORE-Intro ihre heavieste Seite ausspielen, steigert sich die Heaviness durch einen ganz leisen Moment, der unterlegt ist von verstörenden Samples, bevor es gegen Ende die ungezügelte Wut einsetzt.

Spätestens hier wird deutlich, welchen Sprung die fünf Musiker gemacht haben: Komponist Yurii Kazarian schafft den Spagat zwischen zündenden Riffs und komplexen Songstrukturen souverän, die Vocals von Andrii Pechatkin sind deutlich aggressiver und intensiver als zuvor. Die Performance ist on point und dennoch ist stets genug Raum da, um die Musik atmen und sich entfalten zu lassen. Knapp siebzig Minuten dauert diese wuchtig produzierte Migration aus den Städten in Richtung Einöde. Und dort kommt dann die Erkenntnis. Dem Protagonisten wird klar, dass die inneren Dämonen immer mit an Bord sind. Erlösung gibt es nur, wenn wir uns selbst Erlösung zugestehen. Vielleicht hinterlässt das bittere „False Light“ gerade deswegen einen Funken Hoffnung, den die Menschen in der vom Krieg gebeutelten Ukraine so dringend brauchen.

Wertung: 7 von 8 Umzüge aufs Land

VÖ: 17. Juni 2022

Spielzeit: 66:26

Line-Up:
Yurii Kazarian – Guitars, Vocals
Andrii Pechatkin – Vocals, Bass, Lyrics
Mykola Previr – Guitars
Ievgen Karamushko – Drums
Dima Dudko — Saxophone

Guest Musicians:
Vitaliy Havrilenko – Clean Vocals on Leviathan, Phoenix, Silence Circles, & Cronus
Jay Gambit – Clean Vocals on Salt Paradise
Adam Symonds – Clean Vocals on False Light
Jerome Burns – Trumpet
Yaroslav Tovarianskyi – Doublebass
Mykola Lebed – Piano, Rhodes Pian

Label: Debemur Morti Productions

WHITE WARD „False Light“ Tracklist:

1. Leviathan (Official Audio bei Youtube)
2. Salt Paradise
3. Phoenix
4. Silence Circles
5. Echoes in Eternity
6. Cronus (Official Audio bei Youtube)
7. False light
8. Downfall

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