TERAMAZE: Sorella Minore

TERAMAZE von “down under” waren für mich bislang mehr ein Terra incognita. Dabei lungert jene Formation bereits 28 Jahre lang in der südöstlichen Millionenstadt Melbourne herum, hat schon acht Alben eingesackt, von denen das brandneue “Sorella Minore”  nun den Weg in meine Anlage gefunden und dadurch die Aussie-Truppe endlich meine ungeteilte Aufmerksamkeit erhalten hat.

Eventuell verhinderten auch kleinere “Störungen” im Historieverlauf, dass sie bislang unter meinem Radar liefen: da wäre zum einen die Umbenennung vom originären Terrormaze zu der jetzt geläufigen Abwandlung, nachdem man die christliche Gesinnung nicht mehr mit dem Prä-VÖ-Namen in Einklang bringen konnte. Oder vielleicht auch am baldigen stilistischen Wandel vom technischen Thrash des TERAMAZE-Debüts “Doxology” bis zum darauffolgenden melodischen Progressive Metal, für den sich die Australier auch heute noch auszeichnen. Dazu gab’s im neuen Millennium noch ein kleines Bandpäuschen.

‘Sorella Minore’ ist ein unaffektiertes Prog-Epos

Aber all das ist altgrauer Schnee von gestern, denn die “kleine Schwester”, so die deutsche Übersetzung des italienischen Albumtitels, wird das einzig verbliebene Gründungsmitglied Dean Wells (v., g.) und seine drei Kompagnons mit Sicherheit in größerem Stil nach vorne pushen. Das ungewöhnliche Manöver, den 26-minütigen Titelsong auf die Pole Position zu stellen, zeugt von großem Selbstbewusstsein: TERAMAZE zeigen aber keine Spur von Nervenflattern und stricken hier über weite Strecken mit großer Sorgfalt ein unaffektiertes Prog-Epos mit DREAM THEATER-Architektur. Auf der Reise durch die verschiedenen Gebiete innerhalb des Songs, die mit meist sinnig platzierten Übergängen ausgestattet sind, werden auch dank dreier Gastsänger:innen (Nathan Peachey, Silvio Massaro (Vanishing Point) und Jennifer Borg (Divine Ascension)) unterschiedliche Themafärbungen durchwandert. Dabei kann sich ‘Sorella Minore’ durchaus an renommierten Genre-Acts wie THRESHOLD, REDEMPTION, SYMPHONY X, aber auch EVERGREY messen lassen: Mit dunkelweichem Unterton und Wells songdienlichen Soloausflügen kann der melodische Prog-Metal, bei denen Geigen, Cello oder auch ein Klavier für die sinfonische Akzentierung sorgen, in punkto gefühlvollen Arrangements den genannten Referenzcombos erstaunlicherweise oft das Wasser reichen. Im Gegensatz zum amerikanischen Traumtheater sind hier kaum großangelegte Egofrickeleien auszumachen, was zur Folge hat, dass sich die mit Streichern unterlegten, butterweichen Melodien und die im Vordergrund stehenden Gesangslinien auf ‘Sorella Minore’ unbeschwert und frei entfalten können.

Bei TERAMAZE bleiben verwundbare Stellen nicht unberührt

Und endlich sind TERAMAZE gegenüber den letzten, im Jahresrhythmus herausgebrachten, aber eher flachbrüstigen Tonträgern “I Wonder” und “Are We Soldiers” in der Lage, prächtige und emotionsgeladene Auftritte hinzulegen: nach dem stellenweise sogar äußerst imposanten, jedoch gegen Ende hin etwas langatmigen Mammutopener, welcher inhaltlich die auf “Her Halo” begonnene und dort von besagtem, ehemaligen TERAMAZE-Vokalisten Nathan Peachey intonierte Geschichte weiterspinnt, folgen drei Stücke, die um die fünf Minuten angesiedelt sind und deutlich kompaktere Strukturen aufweisen: ‘Stone’ ist eine zielsicher herzrüttelnde und kraftvolle Schmachtballade (ein Start mit “I Feel You In My Heart…” lässt da keine Zweifel aufkommen) mit einem gewollt cheasigen Refrain, der die portioniert-abgepackte Melancholie auf dem Silbertablett an den Mann/die Frau/divers bringt.

Definitiv zu offensichtlich, trotzdem bleiben die verwundbaren Stellen nicht unberührt.

‘Take Your Shot’, teils mit (Autotune?) verzerrtem Gesang, zieht dann das Tempo an und ist eine mit seinem groovenden Elan ein angenehm hart rockender Kontrapunkt, bevor die Singleauskopplung ‘Between These Shadows’ den zuckersüß-harmonischen Abschluß bildet.

Mit “Sorella Minore”, die eine moderne Produktion auffährt und für Klangfetischisten und -perfektionisten kaum Wünsche offen lässt (THRESHOLD setzen diesbezüglich ja seit Jahren Maßstäbe), ist den Jungs vom fünften Kontinent auf jeden Fall ein großer Fang geglückt, der die seit wenigen Jahren neu zusammengewürfelte Truppe um Fronter Dean Wells in bestechender Form zeigt. Die kompositorisch bislang ausgefeilteste Liedersammlung von TERAMAZE sollte auf der 2021-”Nice To Have”-Liste eines jeden Progressive Metal-Begeisterten unbedingt seinen Platz finden.

VÖ: 11. Mai 2021

Spielzeit: 40:42

Line-Up:

Dean Wells – Vocals, Guitars, Keys
Andrew Cameron – Bass Guitar
Chris Zoupa – Guitars, Keys
Nick Ross – Drums

Guest Vocals on ‘Sorella Minore’: Nathan Peachey, Silvio Massaro, Jennifer Borg

Label: Wells Music

Mixed and Mastered by Dean Wells

 

TERAMAZE „Sorella Minore“ Tracklist

1. Sorella Minore
2. Stone
3. Take Your Shot
4. Between These Shadows (Video bei YouTube)

Mehr im Netz:

teramaze.com.au

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teramaze.bandcamp.com