SWALLOW THE SUN: Moonflowers [2CD]

SWALLOW THE SUN, die Finnen begleite ich seit „Out of This Gloomy Light“, spätestens mit „The Morning Never Came“ hatten sie mich. Und sind seither bei den persönlichen Lieblingsbands ganz vorn. Muss ich auf die Hintergründe der letzten Jahre eingehen? Nein, ich hatte das Glück, Aleah Liane Stanbridge persönlich kennen zu lernen. Dem Krebs zum Opfer gefallen, die Welt von Bandkopf Juha zerstört. Was für ein tolles Paar, zusammen und jeder für sich. Ich hab mit HALLATAR gelitten, mit TREES OF ETERNITY geweint. Juha braucht SWALLOW THE SUN, um darin weiterzuleben, das ist deutlich. Auch die Isolation und Unsicherheit, die uns alle die Pandemie gebracht hat, hat sicher Spuren hinterlassen. Da tat immer wieder der Vorgänger „When A Shadow Is Forced Into The Light“ (2019) gut, wenn man denn zu denen gehört, die sich gern von dunkler Musik runterziehen lassen, um sich daraus zu erheben. Ob „Moonflowers“ da anknüpfen kann war fraglich, dachte man doch, der Vorgänger hätte alles gesagt. Und das Live-Werk „20 Years Of Gloom, Beauty And Despair – Live in Helsinki“ hätte dies stimmig abgerundet. Aber nein, „Moonflowers“ spricht seine eigene Sprache, erzählt seine eigenen Geschichten, die sich um Verzweifelung, Depression, innere Zerrissenheit, Selbstverachtung drehen. Willkommen zurück in der Dunkelheit von Juha und seinen Jungs von SWALLOW THE SUN.

Willkommen zurück in der Dunkelheit von SWALLOW THE SUN

Melancholie macht sich sofort breit, „Moonflowers Bloom In Misery“ nimmt den Raum ein, zurückhaltende Gitarren, der typische traurige Gesang von Mikko – und ja, man weiß schon im Voraus, wann der Song wild ausbricht, und wann er wieder zusammenfällt. Die Streicher erheben den Song, der keinerlei Überraschungen bietet, aber jeden STS-Fan sofort bei der Hand nimmt und in dunkelste Stimmung versetzt. Schön und passend das Aufeinandertreffen der derben Growls und dem Gekeife mit den alles zurückziehenden Streichern. Immer wieder dieser Moment, wo man dank der Boshaftigkeit der Vocals und der inneren Zerrissenheit, die sie zum Ausdruck bringt auch an HALLATAR denkt. Auch „Enemy“ wirkt nicht wirklich neu, aber deutlich derber, als man es nach dem 2019er Album „When A Shadow Is Forced Into The Light“ erwartet hätte. Hier rücken eher frühe Doom Death-Tage der Band in den Sinn oder das entsprechende Drittel vom fantastischen Multipack „Songs From The North“, was ein erkennbares Ziel der Jungs war. Man mag auch kurz an MY DYING BRIDE zu ihren besten Zeiten denken.

Viel Vertrautes auf „Moonflowers“, aber auch neue Klänge

„Woven Into Sorrow“ überrascht dann doch etwas. Grundsätzlich ein typischer langsamer STS-Tränendrücker, aber bald hat man das Gefühl, Juha hätte irgendwann mal wieder QUEENSRYCHEs „Empire“ gehört, zumal auch die Vocal-Lines klar an dessen Überballade erinnert. Als Zuhörer kommt man nicht raus aus dem Song. Ins Leere starren? Heulen? Geht alles! Oder einfach zuhören, niemand wird dieses Album so nebenher hören. Wenn sich der Song dann böse aufbaut ist das wieder nicht überraschend, aber zutiefst wirkungsvoll. Und auch wenn alles irgendwie berechenbar bleibt, kopieren die Finnen nicht einfach das Vorgängeralbum, das irgendwie theatraler und offensichtlicher agierte und weitaus weniger böse. „Keep Your Heart Safe From Me“ startet entsprechend mit einem energisch groovenden 90er Doom Metal-Part, um dann wieder zurückzufallen in zarte Klänge. Die hier fast psychedelisch wirken mit wabbernder Gitarre und sphärischen Vocals. Ja ja, auch hier weiß man, wann was kommt, aber der Schlag in die Magengrube ist willkommen. Und die beschwichtigenden Klänge zeigen wieder, dass man SWALLOW THE SUN am besten Nachts hört, da wirkt ihre Musik am besten. Ganz kurz, statt traurigen Melodien echte Gitarrenleads! Das letzte Drittel des Song nimmt einen bei der Hand, wieder tieftraurige, wunderschöne Gitarren, richtig eingewobene Gitarrenläufe können so viel erzählen.

Tieftraurige Gitarren, richtig eingewobene Gitarrenläufe können so viel erzählen

„All Hallows’ Grieve“ zeigt es wieder, die Jungs haben 70er-Effektpedals für sich entdeckt. Gastsängerin Cammie Gilbert gibt sich weitaus zahmer als bei OCEANS OF SLUMBER und bietet einen schönen Gegenpart zu Mikko´s ebenfalls ruhig gehaltenem Gesang. Die Streicher des N O X-Trios füllen den Songs aus, der sich mit einem dezenten Groove auch mal zäh in Bewegung setzt. Aber hier steht klar das starke Gesangsduett im Mittelpunkt. Glöckchen, wabbernde Keyboards, dann knurrt der Bass von Matti „The Void“ nach vorn, nicht schnell aber eindringlich. Die Gesangsmelodien catchy, vor allem der sich groß machende Refrain. Fast zu positiv klingend für die Lyrics, aber letztendlich bringt es das hin und her der Emotionen zum Ausdruck.

Ein wunderschönes Gesangsduett und psychedelische Vibes

„The Fight Of Your Life“, es machen sich gar ein paar PINK FLOYD/DAVID GILMOUR-Vibes breit, zart, ruhig, wieder diese berührenden Streicher, das holt viel Verborgenes nach oben. Jeder hat sicher diesen einen Kampf zu kämpfen, der tiefe Narben hinterlässt. Da zeiht man sicher bald auch mal wieder das zweite, ruhige Album von „Songs From The North“ raus. Ein wunderschöner Song, der unter dem Kopfhörer oder auch gern richtig laut gehört werden möchte. Meine Nachbarn können ihn sicher schon alle mitsingen. Und wieder echte Leads, ein echtes, schnittiges Gitarrensolo! Kurz, aber dadurch besonders wirkungsvoll. Und doch wieder der innere Dämon, der sich bitterböse zu Worte meldet. Ganz groß „This House Has No Home“, ein bedrückend gezupftes Cello, ein kurzer melodischer Einwurf, und ab geht der Jäkel. Raserei, eiskalt, zerrend, böse und unvermeidbar. Da täuschen auch die immer mal eingeschobenen schönen melancholischen Parts nicht drüber hinweg.

Auch die Streicher des N O X-Trios füllen die Songs aus

Der allererste Durchlauf war ganz klar: Typisches SWALLOW THE SUN-Album, nicht so packend wie der Vorgänger „When A Shadow Is Forced Into The Light“, und eigentlich weiß man sofort, wann welcher Part kommt. Das bleibt auch, aber warum auch nicht, die Finnen haben ihr eigenes Ding und als Langzeit-Fan braucht man da keine großen Überraschungen. Die tun sich erst nach und nach auf, wenn „Moonflowers“ mit jedem Durchgang wächst und auf seine eigene Art viel intensiver wird als der Vorgänger, von dem man dachte, dass er kaum zu toppen sein wird. Statt das zu versuchen oder ihn gar zu kopieren, haben SWALLOW THE SUN die Veränderungen wie Schatten ins Verborgene gepackt. Hört man sich die Gitarren an, das Bassspiel oder auch die Drums, dann haben die Herren hier ihre ganz eigenen Ecken gefunden, mal was anderes oder so nicht erwartetes auszuprobieren. Mögen die Abläufe der Songs vorprogrammiert sein, der musikalische Weg dahin bietet durchaus viel zu entdecken, wenn man genauer hinhört und sich nicht von eigenen Emotionen in die Tiefe ziehen lässt.

Die klassische Version des Albums gehört dem N O X-Trio

Das zu vermeiden wird noch schwieriger bei der Bonus-CD. Hier gehören die Songs fast allein dem N O X-Trio, welches die Stimmung der Lieder nochmals anders aufgreift und zeigt, dass in ihnen dunkle Geschichten erzählt werden, die keine Vocals brauchen. Da lehnt man sich zurück, versinkt und hört nur noch zu. Streicher und Piano nehmen den Raum und den Zuhörer ein, wenn man das passende Gefühlsgerüst in sich hat. Noch mehr als das Hauptalbum laden diese live in der Feldsteinkirche von Sipoo an der Südküste Finnlands eingespielten Versionen der Songs ein, in tiefer Nacht genossen zu werden. Der Wein dazu mindestens so rot wie der Mond des Covers, den Juha mit seinem eigenen Blut gezeichnet hat. Die Songs wirken zerbrechlich wie die getrockneten Blüten darauf, die im Jahr gesammelt wurden, als  Aleahs uns verlassen musste. Eher gehauchte Vocals sorgen kurz für Gänsehaut. Die Bonus-CD steht ganz für sich, wäre für sich schon den Kauf wert. Dass das Pack zudem schön und ansprechend dezent aufgemacht ist, das spricht für sich.

Typisch SWALLOW THE SUN und doch ganz anders

Ich war mir sehr unsicher, ob mich SWALLOW THE SUN mit dem neuen Album so abholen werden wie zuvor mit „When A Shadow Is Forced Into The Light“. Aber mit „Moonflowers“ zeigen die Finnen, dass sie das eh schaffen, wieder etwas anders, aber eben auch typisch SWALLOW THE SUN. Ich kann durchaus verstehen, dass so mancher klassischer Metalhead mit dieser traurigen, melancholischen Musik seine Probleme hat oder die Band gar kitschig findet, davon kenne ich genug. Mich erreichen sie total, mit jedem Ton, mit jedem Wort, was soll man da machen? Ja genau, es eben so annehmen und sich ins Album ziehen lassen. Dafür hat man seine Lieblingsbands! Pflichtkauf, gern auch als Doppelalbum mit der klassischen Bonus-CD!

Veröffentlicht am 19.11.2021

Spielzeit: 52:42 Min.

Lineup:
Mikko Kotamäki – Vocals
Juha Raivio – Guitars
Juho Räihä – Guitars
Matti Honkonen – Bass
Jaani Peuhu – Keyboards, Vocals
Juuso Raatikainen – Drums

Cammie Gilbert – Vocals (5)

N O X-Trio:
Aino Rautakorpi – Violin
Helena Dumell – Viola
Annika Furstenborg – Cello

Label: Century Media

Homepage: http://swallowthesun.net

Mehr im Web: https://www.facebook.com/swallowthesun

Die Tracklist von “Moonflowers”:

1. Moonflowers Bloom In Misery  (Clip zur Instumentalversion bei YouTube)
2. Enemy (Video bei YouTube) (Clip zur Instrumental-Version bei YouTube)
3. Woven Into Sorrow (Clip zur Instrumental-Version bei YouTube) // (Heavy-Version bei Youtube)
4. Keep Your Heart Safe From Me (Clip zur Instrumental-Version bei YouTube)
5. All Hallows’ Grieve (Featuring Cammie Gilbert) (Clip zur Instrumental-Version bei YouTube)
6. The Void (Clip zur Instrumental-Version bei YouTube)
7. The Fight Of Your Life
8. This House Has No Home (Lyrics-Video bei YouTube)