MONO: Pilgrimage of The Soul

Mit MONO auf Seelenreise: „Pilgrimage of The Soul“ zelebriert Pathos, Leichtigkeit, Schönklang, Lärm, die Luft und das Universum – und ist das beste Album der Band seit über zehn Jahren.

Die Diskrepanz zwischen dem Jetzt und der Unendlichkeit wird so richtig klar, wenn die Nacht hereinbricht, abseits von aller Lichtverschmutzung, der kleine Mensch im nassen Gras liegend, die Sterne betrachtend und wenn die Seele ins Universum fällt, wohlwissend, dass es mehr Sonnen im Universum gibt, als Sandkörner in der Sahara. Und allein dieser Gedanke, dass das ganze Universum endet, wenn das Ich endet, aber gleichzeitig das Ich so egal ist für den Fortbestand des Universums, sollte jeden Sterblichen vor Demut schaudern lassen. Wem das zu abstrakt ist, laden MONO zu einer Seelenreise ein, passend zu Albumtitel und Artwork, und lehren uns eine Stunde lang, wie das mit der Transzendenz eigentlich funktioniert.

Das klingt nach einem blöden Witz, aber denk mal bitte nach. MONO, die seit über zwanzig Jahren die weltweit geübtesten Vertreter von instrumentalem Pathos im Breitwandformat sind und mit „Hymn To The Immortal Wind“ und „You Are There“ zwei absolute Alben für die Ewigkeit geschaffen haben, sind prädestiniert für eine derart cineastische Reise. MONO, die sich in den letzten zehn Jahren eher im Kleinen verändert und neu definiert haben, scheinen mit „Pilgrimage Of The Soul“ nicht nur den passenden Stoff für eine stilistische Rückkehr zu den Alben aus den 2000ern gefunden zu haben, sondern zeigen sich etwas breiter aufgestellt als zuletzt. „Pilgrimage Of The Soul“ klingt also auf allen Ebenen vertraut und ist so warm und einladend, dass es völlig egal ist, dass das Album nichts wirklich Neues bietet.

„Pilgrimage Of The Soul“ ist eine Rückkehr zum Breitwandsound der 2000er – MONO zaubern eine weitere, poetische Geschichte.

Der Start ist noch relativ heavy und eruptiv, als würden MONO mit „Riptide“ einer tosenden Brandung gleich mit der ersten Klimax das irdische Leben vom seelischen trennen, nur um im Anschluss allen Raum zu haben, um durch die Zeit zu stromern. Luftig, leicht, schwebend, melancholisch und sehr orchestral zeigen sich MONO im weiteren Verlauf von „Pilgrimage Of The Soul“. Eine poetische Geschichte ohne Gesang, nur mit Hilfe von Musik und kleinen Assoziationshilfen – das schaffen wenig andere. Mit dem schwebenden „Imperfect Things“, das sich mit einem von STEVE REICH inspirierten Minimal-Thema schön in Richtung eines treibenden Post Rock-Songs mit leidenschaftlichen Streichern steigert, beginnt das Album dann richtig. Diese sechseinhalb Minuten haben etwas Berührendes und Erlösendes – schöner und origineller wird dieses Album im weiteren Verlauf nicht mehr.

Und doch bleiben MONO auf sehr hohem Niveau, „Heaven In A Wild Flower“ ist ein reines Orchesterstück, bei dem gerade die Bläser besondere Akzente setzen – es darf an „Takk“ von SIGUR RÓS gedacht werden. Die weiteren Stücke sind dann sehr typisch für MONO: Flirrende Gitarren, ausufernde Dynamik, Orchester, Streicher, Glockenspiel, viele Steigerungen und das Kollabieren von Lärm. Das mag nach Selbstkopie klingen, aber mit diesem Konzept im Hinterkopf, sei es tausendfach verziehen. „Innocence“ ist wunderbar zart und steigert sich in ein lärmendes Finale, bis es danach sanft mit Streichern ausklingen darf. „The Auguries“ hat einen ähnlichen Aufbau, bleibt aber eher schwelend und mystisch. Richtig stark das letzte Epos „Hold Infinity In The Palm Of Your Hands“. Das zwölfminütige Stück mit über zehn Minuten Länge, mit seinen großen Spannungsbögen und Arrangements, die es meisterhaft schaffen, das Publikum zu berühren, zeigt MONO voll und ganz in ihrem Element. Aber auch das vierminütige „To See A World“ ist so geschrieben, dass es großformatig für Erstaunen sorgt. Und da es sehr schwierig ist, so eine Kompaktheit in dieser Art von Musik umzusetzen, wird hier besonders deutlich, was für ein hervorragender Komponist Takaakira „Taka“ Goto eigentlich ist.

Weniger Rock, mehr Streicher: MONO zeigen sich auf „Pilgrimage Of The Soul“ von ihrer cineastischsten Seite.

„Pilgrimage of The Soul“ endet dann wieder beinahe ohne Beteiligung der Kernband. Klavier und Streicher zirkulieren über ein simples Thema, schwellen kurz an, verlieren sich dann wieder in dieser Melodie. Das klingt nach den sanften Werken von ÓLAFUR ARNALDS, allerdings ist die Handschrift ganz klar MONOs. Überhaupt, „Pilgrimage of The Soul“ ist so typisch MONO, dass es nach wenigen Sekunden erkennbar ist. Und genau von diesem Punkt aus, haben sie ihre Stärken ausgebaut: Die emotionale Ebene, die Tiefe, und ja verdammt nochmal auch den Hang zum Pathos, zur Poesie und zum Kitsch. Dass zu Beginn der zweiten Hälfte die anfängliche Intensität etwas abfällt, ist dabei zu verkraften. Und dass es kitschig, aber schön wird, verdeutlicht ja schon das Artwork. Wer das nicht erträgt, kann nicht behaupten, dass er nicht gewarnt wurde.

Dazu kommt, dass „Pilgrimage of The Soul“ so etwas wie der Gegenentwurf zum letzten Studioalbum „Nowhere, Now Here“ ist. Das letzte Studioalbum war eher introspektiv und voller düsterer Dramatik. 2021 setzen MONO viel mehr auf das Äußere, Sphärische, Tröstliche. Somit ist „Pilgrimage of The Soul“ wieder ein Album, das tief bewegt und beglückt, dessen zahlreiche Details aber auch erst entdeckt werden wollen, sodass das japanische Ensemble abermals Stoff für viele Imaginationen und Seelenreisen bietet. Und weil mir persönlich die reale Welt sowieso dauernd zu brutal und hart vorkommt, ist so eine träumerische, einstündige Realitätsflucht oftmals genau das Richtige. MONO geben uns also mit ihrem elften Album mehr noch als in den letzten zehn Jahren die Möglichkeit, Transzendenz zu erfahren und lassen uns, wie der Titel des letzten Stückes es schon sagt, meisterhaft in eine einstündige Ewigkeit eintauchen.

Wertung: 7 von 8 Nahtoderfahrungen

VÖ: 17. September 2021

Spielzeit: 57:26

Line-Up:
Takaakira „Taka“ Goto – Guitar
Tamaki – Bass, Piano
Yoda – Guitar
Dahm – Drums

Label: Pelagic Records

MONO „Pilgrimage Of The Soul“ Tracklist:

1. Riptide (Official Video bei Youtube)
2. Imperfect Things
3. Heaven In A Wild Flower
4. To See A World
5. Innocence (Official Video bei Youtube)
6. The Auguries
7. Hold Infinity In The Palm of Your Hand
8. An Eternity In An Hour

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