GAAHLS WYRD: The Humming Mountain [Mini-LP]

Eine geradezu märchenhafte, archetypische Welt ist es, die GAAHLS WYRD zweieinhalb Jahre nach dem Debüt entstehen lassen: „The Humming Mountain“ ist eine exzellente Mini-LP geworden.

Dass Kristian Eivind Espedal alias Gaahl mehr kann, als kryptisch inhaftiert ein legendäres Zwei-Worte-Interview abzuliefern, wurde mir ehrlich gesagt erst seit „GastiR – Ghosts Invited“ so richtig bewusst, vielleicht weil ich von GORGOROTH nie allzu viel hielt. Das aktuelle Projekt von Gaahl bestach schon mit besagtem Debütalbum durch wahnsinnig gutes Songwriting, und dachte Black Metal weiter gedacht, ohne krass damit zu brechen. „The Humming Mountain“ mag nun nur eine Mini-LP mit etwas weniger als einer halben Stunde Spielzeit sein, aber sie erweitert das Gesamtbild von GAAHLS WYRD locker und sprengt die eh schon losen Grenzen von „GastiR – Ghosts Invited“ mit Leichtigkeit.

„The Humming Mountain“ mag im Black Metal verwurzelt sein, GAAHLS WYRD bieten aber viel, viel mehr.

Allein der Titel „The Humming Mountain“ regt schon die Phantasie an und lässt an eine archaische, märchenhafte Welt denken – und schon das neunminütige „The Seed“, das eher an Gaahls Vergangenheit bei WARDRUNA erinnert, reißt die Hörer durch die unglaublich dichte Atmosphäre mit. Keine Spur von Black Metal oder Metal im Allgemeinen hier, das hat eher Soundtrackpotenzial. Ein dunkler Sog geht von dem Stück aus, das um eine morbide Melodie zirkuliert, das Percussions statt Rhythmen bietet und mit schauerlichen Keyboards unterlegt ist. Und allein schon Gaahls gehauchte, dunkle Performance ist es wert, dieses Stück zu hören.

Es wäre völlig okay, würde „The Humming Mountain“ in diesem Stil weiter gehen, aber GAAHLS WYRD fokussieren sich ab diesem Zeitpunkt auf die angeschwärzte Version des Metals, die schon das Debüt so faszinierend klingen ließ. Der Titelsong ist mindestens so hypnotisch wie das Stück zuvor, besticht aber durch repetitive Riffs und das stoische Drumming, über dem Gaahls Gothrock-Gesang verführerisch thront. Überhaupt, diese Gesangsperformance. Gaahl singt, flüstert, heult, aber seine Black Metal-Stimme gibt es nicht zu hören. Das macht auch einiges vom Reiz von „The Humming Mountain“ aus, denn „The Dwell“ mit seinem thrashigen Einstiegsriff und seinem treibenden Refrain bekommt so einen starken Kontrast.

Von soundtrackartigem Neofolk hin zu thrashigem Black Metal: „The Humming Mountain“ hat ein gewaltiges stilistisches Spektrum.

GAAHLS WYRD wissen um die Vorzüge dieses Mini-LP-Formats. Den Norwegern gelingt nämlich der Spagat im kompakten Format sowohl extrem variantenreiche, düstere Musik zu spielen, als auch einen hervorragenden Gesamteindruck zu bieten. Dabei sind die experimentellen Teile des Albums mindestens ebenso prägnant wie die scharfe Black Metal-Kante, die in „Awakening Remains – Before Leaving“ dargeboten wird. Generell wird „The Humming Mountain“ von Lied zu Lied schwarzmetallischer, verweigert sich aber auch an diesen Stellen Kitsch und Klischees, bevor es mit dem dunklen Ambient-Outro „The Sleep“ die plötzlichen Eruptionen enden lässt.

GAAHLS WYRD beweisen mit „The Humming Mountain“, dass sie mehr als nur ein weiteres Projekt von ein paar Black Metal-Promis sind. Sie zeigen echten künstlerischen Anspruch und haben sich quasi schon mit der Gründung eine eigene Nische im Bereich des dunklen Metals geschaffen. „The Humming Mountain“ mag nur eine Mini-LP sein, ist aber definitiv ein Highlight in diesem Herbst und ist passgenau für die kommenden, langen, dunklen Nächte.

VÖ: 5. November 2021

Spielzeit: 29:14

Line-Up:
Gaahl – Vocals
Lust Kilman – Guitars
Eld – Bass
Spektre – Drums

Gastmusiker:
Iver Sandøy – Keyboards

Produziert von Iver Sandøy

Label: Season of Mist

GAAHLS WYRD „The Humming Mountain“ Tracklist:

1. The Seed (Official Audio bei Youtube)
2. The Humming Mountain (Official Audio bei Youtube)
3. The Dwell
4. Awakening Remains – Before Leaving
5. The Sleep

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