FULL OF HELL: Garden Of Burning Apparitions

Dekonstruktion als Kunstform: „Garden Of Burning Apparitions“ festigt FULL OF HELLs Ruf als Poeten des hyperaggressiven Deathgrind.

Spätestens seit der Kollaboration mit MERZBOW sind FULL OF HELL der hellste Stern am Firmament des zeitgenössischen Grinds. Wobei FULL OF HELL deutlich weniger leicht verdaulich sind als andere Bands der Szene. Brutaler Deathgrind, Hardcore, Powerviolence, Harsh Noise, Chaos, aber auch eine sehr prägnante surreale Ästhetik zeichnet die vierköpfige Band aus Maryland aus. Das Albumdoppel „Trumpeting Ecstasy“ (2017) und „Weeping Choir“ (2019) setzte den Maßstab schier unerreichbar hoch, getreu dem Motto: das Schöne im Hässlichen, gleichermaßen poetisch wie instinktgetrieben. „Garden Of Burning Apparitions“ hat somit einen schweren Stand, denn die beiden Vorgänger sind, wie sagt man so schön, unfuckwithable.

Und natürlich sind sich FULL OF HELL dem auch gewahr. Somit weicht „Garden Of Burning Apparitions“ stilistisch nur wenig von dem auf „Trumpeting Ecstasy“ und „Weeping Choir“ erprobtem Rezept ab. Entsprechend zaubern FULL OF HELL die Kunst der Dekonstruktion, fordern sich selbst und die Hörerschaft mit poetischem Lärm und fast schön zärtlicher Destruktivität und Wildheit heraus. FULL OF HELL sind eindeutig mehr als nur eine hyperaggressive Lärmtruppe mit verstörender Bildsprache, sie malen surreale Bilder aus Riffs, Blast Beats, Gebrüll, Geschrei und kratzigem Noise, der hinter dem unmöglichen Klang stets faszinierende, kluge Strukturen verbirgt.

FULL OF HELL sind mehr als nur eine hyperaggressive Lärmtruppe: „Garden Of Burning Apparitions“ ist klug und avantgardistisch.

Was „Garden Of Burning Apparitions“ ein wenig von den Vorgängern abhebt, sind die eingängigen Songs, die FULL OF HELL jetzt bieten. Das Riffing ist teilweise sehr prägnant, wie „Guided Blight“, „Asphyxiant Blessing“, „Eroding Shell“ und „All Bells Ringing“ zeigen. Versteckt unter chaotischen Blast Beats zwar, aber immer noch mitreißend. Mit „Industrial Messiah Complex“ und dem abschließenden „Celestial Heirarch“, das in seinen drei Minuten ein kleines Epos darstellt, denken FULL OF HELL Deathgrind noch ein wenig weiter. Hit des Albums ist aber eindeutig „Reeking Tunnels“, das mit seinem brillanten Noiserock-Riff und dem kraftvollen Groove an einen energetischen Banger von CONVERGE denken lässt. Geil!

Auch die Noise-Stücke gehen unter die Haut: „Derelict Satellite“ klingt tatsächlich wie ein Satellit, der aus dem All abstürzt und bei dem sich im Eintritt in die Atmosphäre sämtliche Metallstücke lösen und in einer Symphonie des Vergehens verglühen. Das Stück drückt mächtig auf die Ohren, gerade bei Erkältungsbeschwerden. Nicht unbedingt schmerzlindernd, aber die Erfahrung ist es wert. Ähnlich intensiv wirkt „Non-Atomism“, in dem sich, wie der Titel schon vermuten lässt, unter dem Heulen der Moleküle eine Minute lang sämtliche Form auflöst.

Zahlreiche Kontraste stimmig verwoben: FULL OF HELL zeigen sich auf „Garden Of Burning Apparitions“ als routinierte Klangkünstler.

Davon abgesehen hat „Garden Of Burning Apparition“ kein so besonderes Stück wie „Aria Of Jewelled Tears“ und wirkt nicht so reich an Kontrasten wie „Weeping Choir“, was aber nur auf den ersten Eindruck schade ist. Denn FULL OF HELL schaffen es anno 2021, all ihre Einflüsse stimmig zu verweben. Deshalb ist dieses Album auch noch kürzer und kompakter als die Vorgänger. Gerade mal zwanzig Minuten dauert diese fast schon barock anmutende Höllenfahrt, auf der permanent das Vergehen neben dem Sein und dem Werden steht. Das ist es, was FULL OF HELL zu Künstlern macht, die sich vom stumpf provozierenden, infantilen Groß der Death-Grind-Szene so wohltuend abheben, auch im zwölften Jahr ihrer Existenz.

Somit ist es erfreulich, dass FULL OF HELL das Niveau von „Trumpeting Ecstasy“ und „Weeping Choir“ halten kann. Mehr konnte man von „Garden Of Burning Apparitions“ eh nicht erwarten. Das obskure Artwork grenzt sich von den ikonischen Covers der letzten Alben ab, und so ist es auch mit der Musik. Aggression trifft auf Klugheit. Es geht in dieser Richtung weiter, aber es bleibt nebulös. So wie die Tatsache, dass das Maximum an Aggression, was es hier zu hören gibt, ist auf eine besondere Art und Weise auch sehr erfüllend. FULL OF HELL sind die Avantgardisten des Genres, sie sind furchtlos und visionär. Spannender und intensiver geht diese Musik nicht. Wer nur irgendwas mit extremen Musik anfangen kann, muss sich diesem zum Mahlstrom gewordenen Klängen hingeben.

Wertung: 10 von 12 Auflösungserscheinungen

VÖ: 1. Oktober 2021

Spielzeit: 20:45

Line-Up:
Dylan Walker – Vocals, Electronics, Noise
Spencer Hazard – Guitars, Electronics
Sam DiGristine – Bass, Vocals
Dave Bland – Drums

Label: Relapse Records

FULL OF HELL „Garden Of Burning Apparitions“ Tracklist:

  1. Guided Blight
  2. Asphyxiant Blessing
  3. Murmuring Foul Spring
  4. Derelict Satellite
  5. Burning Apparition
  6. Eroding Shell (Official Video bei Youtube)
  7. All Bells Ringing
  8. Urching Thrones
  9. Industrial Messiah Complex (Official Video bei Youtube)
  10. Reeking Tunnels (Official Video bei Youtube)
  11. Non-Atomism
  12. Celestial Heirarch

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