FRIEDEMANN: Ich glaube, dass wir mehr können als: „Geht nicht.“ (Interview Teil 3)

Im letzten Teil des Interviews mit FRIEDEMANN sprechen wir über die Prinzipienlosigkeit des Populismus, wer in der Coronakrise am meisten verliert und wie man trotz allem nicht den Glauben an das Gute in der Welt verliert.

 

„G-Land“ ist sehr unmissverständlich. Hast du aus Kreisen von AFD und so weiter schon mal Hassbotschaften bekommen?

Nö. Ich wollte mit diesem Lied nicht nur die AFD ansprechen, aber der Titel passt natürlich gut wegen Gauland und Deutschland. Ich singe am Schluss auch an „Erdoganland“, „Orbanland“ und so weiter. Es geht in diesem Lied um die machthungrigen Menschen, die diese Welt in den Abgrund treiben. Ich will das nicht, ich bin da nicht dabei. Ich will, dass Frauen gleich gestellt sind, ich will, dass wir empathisch miteinander umgehen. Ich will nicht, dass jemand, nur weil er rote Haare hat oder ein Albino ist, beleidigt wird oder gar um sein Leben fürchten muss. Ich möchte bitte, dass wir eine Basis haben, auf der wir miteinander reden können und wo wir klug mit uns, unseren Nächsten und der Welt umgehen. Und deshalb sage ich, überlegt euch, was ihr wählt, ob ihr wählt, wie ihr wählt und engagiert euch. Sonst habt ihr einen Trump oder sonst wen vorne, für den nichts zählt, außer sich selbst zu bereichern. Das sieht man bei Gauland ja ganz gut. Diese Leute sagen Corona gibt’s nicht. Dann erwischen sie vor zwei Monaten den Fraktionschef der AFD, wie er sich beim Impfen vorgedrängelt hat. Und Gauland ist jetzt auch geimpft. Wenn er schon solche Positionen vertritt, müsste er den Kelch auch bis zum Ende austrinken und eben dann an Corona sterben. Aber das gibt’s ja laut ihm nicht. Das ist so eine Prinzipienlosigkeit, die diese Leute vertreten… Das sollten wir als Menschen nicht hinnehmen.

Ich verstehe eh nicht, warum so viele Menschen auf diese Bauernfängerei reinfallen. Schimpfen über Homosexualität und haben Alice Weidel vorne stehen.

Bei uns gab es bei der letzten Wahl ein AFD-Plakat mit Mann, Frau und Kind. Der Slogan war: „Wir retten die Familie.“ Und im Vorstand sitzt eine lesbische Frau. Das ist doch paradox. Da muss der Wähler doch erkennen, dass die lügen. Fertig, aus. Das hat uns auch die Trump-Zeit gelehrt. Man kann irgendwas erzählen, ist doch sowieso egal. Hauptsache den Leuten gefällt’s. Ich kann mich auch hinstellen und sagen: “Ich bin Friedemann Hinz, ich trete an zur Bundestagswahl, ich werde dafür sorgen, dass jeder Bürger 1.500 Liter Freibier im Monat kriegt, 2.500 € monatliche Grundrente, 10 Freiflüge nach Mallorca pro Jahr, inklusive Besäufnis.” Und wenn mich wer fragt, wie das bezahlt werden soll, sag ich einfach: „Mir doch egal“. Selbst wenn solche Lügengeschichten aufgedeckt werden, interessiert es keinen. Es bleibt immer was liegen davon. Das ist auch die Politik der AFD: Ich erzähle irgendwas, Hauptsache das nützt mir für den Moment, und die Konsequenz – dass ich dafür gerade stehen muss – findet gar nicht mehr statt. Es gab Zeiten, da hättest du für solche Lügen eine Anzeige bekommen und wärst aus dem Amt geflogen. Wir haben uns an diese Lügen gewöhnt. Und nachdem wir uns daran gewöhnt haben, machen wir es irgendwann alle so. Ich könnte auf der Straßen rumposauen, dass irgendwer kleine Kinder angefasst hat und zehn Leute würden sagen: „Das hab ich bei dem schon immer gewusst!“ Mit dem würde nie wieder wer was machen wollen, da bleibt immer was hängen. Kuck dir mal Kachelmann an, der wurde mit Dreck und Scheiße beworfen, und am Schluss kam raus, dass seine Ex wohl doch gelogen hat. Und jetzt sagen die Leute: „Kachelmann? Mit dem kann man nichts mehr machen.“ Ich denke für die Moral einer Gesellschaft ist es nicht gut, wenn die Lüge enttarnt wurde, es aber dann keine Konsequenzen gibt.

Das erinnert mich an den Song „Flugzeug Liebe Volkszorn“ von deinem Album „Ich leg mein Wort in euer Ohr“.

Genau. Da habe ich diese gaulandsche Boateng-Geschichte verarbeitet, deshalb heißt die Person im Lied auch Jerome. Ja, es gibt objektophile Menschen. Das geht mich gar nichts an. Wenn ein Typ sagt, er liebt den Eiffelturm in Paris, und er möchte da unten sitzen und ihn anschauen, geht mich das gar nichts an. Das ist doch wurst. Und wenn wer schwarz ist, ist er schwarz. Und wenn wer krause Haare hat, hat er krause Haare. Solange man mit dem, was man macht, nicht massiv andere einschränkt oder schädigt, hat man dazu den Mund zu halten und das zu akzeptieren, ob es gefällt oder nicht. Das finde ich persönlich. Da muss man Toleranz lernen, auch wenn es schwierig sein kann.

Das ist das Thema: „Ich bin Zentrum des Universums und meine Werte sind als einzige maßgeblich.“

Genau. Und wenn mir was nicht passt, schreien wir uns alle an und der andere ist total bekloppt und total doof. Das war auch so mit dieser #allesdichtmachen-Geschichte. Ich weiß, das ist ein heikles Thema, aber ich hab mir da zwei, drei Sachen angekuckt. Ich fand es nicht sonderlich intelligent, aber da so einen riesen Bohei drum zu machen… da haben wir wichtigere Dinge zu tun. Ich kenne ein paar Schauspieler, die sind natürlich nicht in der Liga mit diesen #allesdichtmachen-Leuten, aber die haben alle massive Probleme, die sind am Ende. Und ein Künstler wie Ulrich Tukur ist ein sensibler Mensch, der ist eingesperrt, für den gibt’s momentan keine Lösung und dem hilft sein Geld gerade auch nicht. Der will spielen, der will raus. Ich denke, wir alle sind uns einig, dass es mehr geben muss, als nur Verbote und die Leute einschließen. Die Impfungen hätten schon weiter sein können. Da denkt man sich, man ist in einer Bananenrepublik, oder irgendwo am Arsch der Welt. Aber nein, wir sind in Deutschland und kriegen es nicht gebacken, Impfdosen zu besorgen. Die USA haben das halbe Volk durchgeballert, die Israelis waren schon im Gazastreifen mit dem Impfstoff und die Deutschen sagen, wir wissen nicht, wir können nicht, keine Ahnung. Und dass dann mal Leute um sich beißen kann ich irgendwo nachvollziehen. Es ist halt nicht meine Art und Weise.

Corona hat uns auch voll getroffen. Ich habe zwei Touren abgesagt, meine Platte verkauft sich schlecht, der Tätowierladen, in dem ich hier sitze, hat schon wieder zu, Mecklenburg-Vorpommern hat einen harten Lockdown gemacht. Vom letzten Jahr März und April müssen wir alles komplett zurück zahlen, uns fehlen aus dem letzten Jahr wahnsinnig viele Euros. Und ich kann sagen, dass ich zwischendurch auch sarkastisch und zynisch bin und die Fresse bis hier oben voll habe. Ich denke mir, dass es andere Möglichkeiten geben muss. Bei uns war es so, dass die Kinder alle zwei Tage in der Schule getestet wurden. Das lief super. Aber die, die sich nicht testen lassen wollten, durften auch in die Schule. Warum ist es nicht möglich, dass die, die sich testen lassen in die Schule gehen und die, die das nicht wollen, zu Hause von den Eltern unterrichtet werden müssen? Aber nein, es wurde alles wieder zu gemacht. Und ich denke, dass Kinder und Jugendliche gerade so richtig verlieren. So lange man einer Industrie Milliarden in den Arsch blasen kann, die jetzt schon wieder die Wachstumsprognosen nach oben korrigiert hat, sollte man das Geld denen wegnehmen und in Kinder und Jugendliche investieren. Die Bundesliga läuft, diese ganzen Tests, die verbraten werden, um die erste Liga am laufen zu halten, hätten mal besser an Schulen, Krippen und Kinderheime geliefert werden sollen, damit die Kids wenigstens vernünftig weiter leben können und wir Erwachsenen die Scheiße ausbaden, die wir uns eingebrockt haben. Wir sind keine Coronaleugner, Corona gibt es, und wir müssen was dagegen tun. Meine Frau und ich haben nächste Woche auch endlich einen Impftermin. Nur finde ich es lächerlich, wie die Politik und Teile der Gesellschaft damit umgehen. Sorry, wenn ich so viel rede, aber mich bewegt das wahnsinnig. Es sagt auch viel über dieses Land und unsere Diskussionskultur aus, wie wir mit Leuten umgehen, die keine Querdenker sind, aber Politik kritisch hinterfragen. Ich finde es grenzwertig, dass wir in dieser Krisensituation nicht in der Lage sind, einen gesellschaftlichen Diskurs finden, der auch Leuten, die eine andere Meinung haben, Luft lässt. Vielleicht kommt ja doch noch eine bessere Idee auf, verglichen mit dem, wie wir es seit einem Jahr machen.

Zum Thema Tests: Meine Frau ist Grundschullehrerin. Bei ihr an der Schule ist es so, dass viele Eltern den Tests nicht zugestimmt haben, weil sie fürchten, dass im Falle eines positiven Tests die Kinder stigmatisiert und separiert werden.

Bei uns ist das ähnlich. Da müsste der Staat Kapazitäten schaffen, sodass jedes Kind, das in den Kindergarten oder die Schule geht, beim Hausarzt oder in einem Testzentrum einmal pro Woche einen Test bekommt. Und die Kinder und Jugendliche sollen einfach Vorrang haben. Wir haben zwei Pflegekinder. Die haben im Leben sowieso schon Probleme. Der Junge sitzt zu Hause, aber der braucht das soziale Erleben. Und es gibt Lösungen, das charmanter zu machen. Wie gesagt, ich dachte, dass Deutschland eine Hochkultur ist, aber ich muss doch schwer schlucken, wie bei uns mit der Krise umgegangen wird. Jetzt haben wir ein Bundesinfektionsschutzgesetz und Mecklenburg Vorpommern macht sein eigenes Ding weiter. Ich hab letzte Woche mit dem Schweriner Wirtschaftsministerium telefoniert, weil ich wissen wollte, was mit unserem Verdienstausfall im Tätowierladen ist, weil unsere Bücher voll sind. Wir haben einen Einzelladen, da könnte der Kunde kommen, macht einen Schnelltest und dann könnten wir sicher arbeiten. Oder er kommt mit Attest vom Arzt. Ich wollte wissen, wie das für uns als Familie mit drei Kindern aussieht. Aber die haben keinen Plan. Und das entsetzt mich.

Ich warte auch schon lange auf meine Impfung. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal einen Termin bekomme.

Wir haben das Glück, dass wir Pflegeeltern sind und dadurch für das Jugendamt arbeiten. Wir haben Kontakte nach außen, weil die Kinder gefördert werden müssen. Und dadurch fallen wir in die Kategorie 3 . Deshalb haben wir sofort einen Impftermin gekriegt. Das hat uns aber auch keiner gesagt, das musste ich selbst rausfinden. Wir kämpfen weiter, auch wenn wir uns alleingelassen fühlen. „Bleib dem Frohsinn treu“. (lacht)

Ein passendes Lied zu dieser Zeit. Überhaupt ist es toll, wie sehr die Lieder zum Zeitgeschehen passen. „Bleib dem Frohsinn treu“ kam als Abosong gerade raus, als es mal wieder hitzig wurde mit Hildmann, Naidoo und dem Wendler.

Ich les mir den ganzen Rotz nicht mehr durch, das wird mir immer nur erzählt. Oh Gott, ich weiß auch nicht…

Das war auch so ein Grund, warum ich meinen Facebook-Account endgültig gelöscht habe. Ich neige zu diesem Doomscrolling und das war eine Erlösung.

Ich mach das Internet nur an, wenn ich damit arbeiten muss, ansonsten ist es den ganzen Tag aus. „Bleib dem Frohsinn treu“ ist auch so ein Appell an mich selbst. In dieser Zeit war es echt schwer. Der Tattooladen, der ein Vierteljahr zu war, die Angst ihn zu verlieren… Bei euch in Bayern geht ja durchgehend immer noch nichts, oder? Ich meine, da gehen Existenzen zugrunde. Und es muss doch Möglichkeiten geben, dass man trotzdem arbeiten kann, in diesem technisch hochentwickelten Land. Ich könnte hier eine Plexiglasscheibe einbauen, dann steckt da einer seinen Arm unten durch und wir tätowieren ihn dann. Da würd ich mir Pioniergeist wünschen. Darum geht’s in „Bleib dem Frohsinn treu“. Nicht verzweifeln, nicht diesen ganzen Verschwörungstheorien auf den Leim gehen, in diesem Wirrwarr an Informationen durchblicken, kämpfen und fröhlich zu sein. Ich bin ja auch nicht immer fröhlich, eher so fifty-fifty. Aber ich möchte gerne fröhlich nicht total verzweifelt sein.

Und obwohl alles schwierig ist, engagierst du dich. Ich lese ich auf der Rückseite der LP, dass du Partner für das Naturprojekt Nossentiner Heide und Schwinzer Heide ist. Und optimal Media (das Presswerk – Anm. d. Verf.) macht da mit.

Ich hab ungefähr 150 € oder 200 € mehr für das Pressen bezahlt, und Andreas als Label auch. Und davon werden Bäume gepflanzt. Ich wollte nicht in Afrika oder Australien Bäume pflanzen, sondern zu Hause, weil hier auch genug im Argen ist. Die Platte ist auch aus 100% recyceltem Vinyl, deshalb ist das Grundrauschen zwischen den Songs ein bisschen höher. Das meinte ich mit „Pioniergeist“. Es gehen Sachen. Das ist nur eine Sache des Wollens. Andreas hat mich angerufen und gesagt: „Pass auf Friedemann, ich weiß, dass du so ein Ökoheini bist, was sagst du zu 100% recyceltem Vinyl? Wollen wir ein Projekt unterstützen, auch wenn’s ein bisschen teurer wird?“ Ich sagte natürlich zu. Ich bin auch einer von den Heinis, die im Internet als Suchmaschine Ecosia verwenden, obwohl man nur die Hälfte findet, aber ich hoffe, dass wirklich jemand diese 1,5 Milliarden Bäume gepflanzt hat. (lacht) Wir pflanzen auch. Ich glaube, letztes Jahr haben wir auf dem Hof über 100 Gewächse gepflanzt. Ich hab auf Bergen noch ne Ranch, da pflanzen wir gerade viel Waldahorn. Einfach was machen, nicht immer nur rumheulen, sondern auch für neue Ideen offen sein. Eigentlich glaube ich ja an die Menschen. Ich glaube, dass wir mehr können als: „Geht nicht.“ Doch, es geht. Es muss einfach weiter gehen. Das ist jetzt eine kurze Krise und dann geht es weiter und wir haben neue Ideen.

 

“Das ist auch eine Idee hinter der Akustiknummer, Menschen zusammen zu führen, die sonst nicht zusammen kommen würden und Ideen auszutauschen. Von der CSU zum Rügener Bauernburschen ist es ja doch weit, und trotzdem haben wir eine Ebene gehabt.” – FRIEDEMANN will die Menschen zusammenführen und nicht trennen.

 

Das bringt mich zu deinem Podcast „Wovon wir träumen“. Bei der ersten Folge dachte ich mir gleich: „Oh Gott, da gehts um Aktien“, aber das war alles total spannend und Du hattest wirklich viele inspirierende Gesprächspartner.

Das ist total krass, oder? Von denen sieht und hört man normal nichts. Bei den Aktien bin ich auch total voreingenommen rangegangen. Und auch bei den Genforschungssachen von Robert hatte ich zuerst Vorbehalte. Das sind ja keine Freunde von mir, aber ich hab mir gedacht, dass ich einfach wissen will, was die machen und welche Idee dahinter steckt. Ich war erstaunt, wie viele gute Leute es gibt, die viele gute Ideen haben. Und das ist wichtig für unsere Zukunft. Deshalb mach ich das, weil es ein Kraftgeber ist. Ich verdiene damit auch nichts, und will das auch nicht. Ich will, dass die Menschen fröhlich sind und die Welt zu einem besseren Ort machen. Und wenn das geschieht, hab ich was verdient und freue mich. (lacht)

Ich bin in einem Gesprächskreis mit ganz unterschiedlichen Männern, und wir treffen uns alle zwei Wochen, aktuell nur online, und wir haben diese Erkenntnis, dass der Einzelne nur dann gewinnen kann, wenn alle gewinnen.

Richtig. Und wenn alle verlieren, verliere ich auch. „Kein Mensch ist eine Insel“. Aber das glauben viele. Sie glauben, dass sie alleine mit ihren ganzen Schweinereien durchkommen. Kein Millionär ist Millionär geworden, weil er so fleißig und klug war. Der hat die Infrastruktur benutzt, die Menschen benutzt, die Welt benutzt. Man ist immer Teil einer Gemeinschaft. Immer. Und so einen Gesprächskreis hätte ich auch gerne. Das ist ne super Idee.

Wir sind halt leider alle aus Bayern.

Ich bin da leider nicht so oft. Ich bin auch ein großer Freund der Schweiz und Österreich. Im Süden gibt’s viele gute Leute. An Bayern finde ich diese Verbindung aus Moderne und Tradition spannend. Ich hab das Gefühl, dass es da eine engere Bindung zur Natur gibt. Vielleicht ist das auch nicht so, und mir kommt das nur als Außenstehendem so vor. Ich war mal im Allgäu, da hab mit einem CSU-Stadtrat gesprochen. Der war auf meinem Konzert und er hat mir erzählt, wie er mit seiner kirchlichen Gemeinde den Asylsuchenden hilft. Und da hab ich mir gedacht: Christlich-Soziale Union, da habt ihr einen Vertreter, der das wirklich so sieht. Er ist von seinen christlichen Grundwerten und seiner sozialen Verantwortung ausgegangen. Er meinte, sie hätten das selbst in die Hand genommen, jeder der ankam, hat einen Paten gekriegt, er sagte, was läuft und was nicht, und das war ein so spannender Abend. Er war ganz schick angezogen, ich mit meinen Tätowierungen daneben, und hab mir gedacht, krass wie gleich wir denken. Das hat mich total bewegt. Es ist mir oft passiert in den letzten Jahren, dass ich Menschen kennen gelernt habe, von denen ich nicht erwartet hätte, dass sie so denken wie ich. Und denen ging es wohl so wie mir. Das ist es, was ich mit der leisen Musik erreiche. Menschen, die sich von COR und dem Lärm abgestoßen fühlen sagen, dass sie das verstehen können. Das ist auch eine Idee hinter der Akustiknummer, Menschen zusammen zu führen, die sonst nicht zusammen kommen würden und Ideen auszutauschen, wie in deinem Redekreis. Von der CSU zum Rügener Bauernburschen ist es ja doch weit, und trotzdem haben wir eine Ebene gehabt. Das hat mich an dem Abend sehr bewegt.

Ich glaube auf dem Livealbum „Unterwegs“ machst du dazu auch eine Ansage, vor dem „Lampedusa Blues“.

Ja, stimmt. Ich glaube, das war damals in Sonthofen, der Saal war voll. Das war von jemandem aus dem Ort organisiert, und da war überhaupt nicht das Publikum, das zu COR kommt, sondern viele interessierte, ältere Damen und Herren und mittelalte Leute, so wie ich. Das war eine Hammergeschichte und hat mich wirklich bewegt. Ich hab dann da nochmal gespielt, in einem anderen kleinen Laden, und da haben wir während des Konzerts diskutiert, zwischen den Liedern und da wurde auch mal kritisch nachgefragt. Das war ein ganz langer Abend. Sonthofen hab ich als sehr lebendig erlebt. So soll es sein.

Ich finde es super, wenn die Leute aufeinander zugehen. Ich sehe mich auch als linksdenkender Mensch, aber die Szene ist halt oftmals limitiert. Seit ich merke, ich kann mich öffnen und mit anderen wertschätzend diskutieren, auch wenn sie nicht meine Meinung haben, bin ich gelassener. Das ist konstruktiv und viel mehr Wert, als diese Links-Gut-Rechts-Schlecht-Glaubenssätze.

Ich finde auch, dass das zu einseitig ist. Eine Welt besteht immer mehr aus den Zwischentönen. Vielleicht ist das bei uns eine Altersfrage, dass wir das erkannt haben. Ich war früher auch dogmatischer und schwieriger. Ich habe in den letzten Jahren auch gelernt, dass es Sinn macht den Menschen zuzuhören. Auch ich bin voller Vorurteile und du wahrscheinlich auch. Und ich verurteile manchmal Leute mit Sakko und Schlipps und denk mir: Wahnsinn, was für ein Prolet. Und dann hör ich ihm zu und denke: Wow. Und dadurch, dass ich in den letzten Jahren mehr zugehört habe, habe ich gelernt, dass es viele kluge Menschen in der Mitte der Gesellschaft gibt.

Eine schöne Erkenntnis. FRIEDEMANN, weißt du, dass ich auf den Fragenkatalog überhaupt nicht mehr geschaut habe, sondern es einfach hab laufen lassen. Aber ich glaube, dass wir alles wesentliche in diesen anderthalb Stunden angesprochen haben. Es hat mich sehr gefreut mich dir zu reden.

Danke, es hat mich auch gefreut. Dass sich jemand in Bayern für mich interessiert und dass ihm meine Musik was bedeutet, das sind die Sachen, die mir Kraft geben. Und wenn ich nachher zu meiner Frau rübergehe und ihr das erzähle, sagt sie: „Das hab ich dir doch gesagt. Mach mal weiter, mach noch ne schöne Platte.“ Und das berührt mich auch, wenn sich Leute wie du Zeit nehmen und sich damit auseinander setzen.

Was ich noch sagen wollte: Ich verschenke übrigens gerne deine Diskografie-USB-Sticks zu Geburtstagen. Das ist eine tolle Merchidee.

Ich hab mir das ausgedacht, und mir gesagt, mach alles drauf da. Die Leute freuen sich, nehmen das Teil mit und wenn sie mich nicht mehr mögen, können sie es löschen und was anderes drauf machen. Eine CD kannst du nicht löschen. Meine Kinder haben die auch und wenn sie auf den Alten wütend sind, löschen sie wieder alles runter. (Lacht)

Solange sie nicht die TOTEN HOSEN drauf machen…

Das können sie auch alles machen. Was mich halt stört ist, dass die HOSEN mit gespaltener Zunge sprechen. Mir fällt da das Wort Wahrhaftigkeit ein. Einfach wahrhaftig sein, zu dem stehen, was man fühlt und denkt. Das fällt mir auch oft schwer, aber eine gewisse Wahrhaftigkeit würde uns allen gut tun. Dass wir Kompromisse machen müssen, wissen wir alle. Aber so grundlegend halt. Und an einer Stelle, wo man den Luxus hat, sich anders entscheiden zu können. Und die TOTEN HOSEN haben glaube ich eine Stellung, wo sie das könnten. Ich würde mir aus dieser Richtung mal ein Zeichen wünschen. Ich hab da zwei, drei Freunde, die recherchieren immer sowas und schicken mir das dann.

Bei dieser Amazon-Verbandelung muss ich übrigens an „Yanqui U.X.O.“ von GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR denken, wo auf dem Artwork auch drauf stand, welcher Rüstungskonzern mit wem zusammenhängt. Das hat mich als junger Mann ganz schön verstört.

Ja, das ist echt krass. Wir hatten heute Abend auch so eine Diskussion beim Abendessen. Meine Schwiegereltern und meine Mutter waren da. Meine Schwiegermutter meinte, dass sie einen Film über Indien und die hohen Coronazahlen gesehen hat: “Und dann waren die Leute eng zusammen im Ganges, wie kann das sein, nur wegen der Religion, die führt sie ins verderben.” Ich sagte: „Weißt du, unsere Religion führt uns auch ins Verderben, und das ist der Glaube ans Geld.“ Dieser Gott führt uns sehenden Auges in den Abgrund. Ich wünschte mir manchmal, dass wir die Kuh nicht melken, bis sie zusammenbricht. Auch für die Kinder. Das ist, woran ich arbeite, dafür brauch ich noch ein paar Jahre Kraft. Was zu hinterlassen, das für möglichst viele Menschen lebenswert ist. Wenn ich mit Kraft meiner Musik die Leute dazu motivieren kann, sich dafür einzusetzen oder dass sie auf bestimmte Dinge verzichten, würde ich mich freuen. Das wäre schön.

Ich hoffe diese Seiten lesen einige Leute.

Das fände ich auch schön.

FRIEDEMANN, ich wünsche dir alles Gute. Bis bald!

Danke, dir auch!