EMMA RUTH RUNDLE: Sisyphos und der Blechmann

Woran erkennt man echte Künstler? Sie fordern sich und ihr Publikum stets aufs Neue heraus, und doch ist so etwas Vertrautes in ihrer Kunst, sodass sie schon ab dem ersten Moment zu erkennen sind. Das gilt gleichermaßen für die besten Filmemacher*innen, Autor*innen und selbstredend auch für Musiker*innen. In letztgenannter Kategorie ist EMMA RUTH RUNDLE ganz, ganz groß. Weg von der Heaviness, die sie vergangenes Jahr mit der Kollaboration mit THOU auslebte, weg von den Shoegaze-Experimenten von „On Dark Horses“, ist ihr fünftes Soloalbum nackt und pur und erzeugt bei aller songschreiberisch klarer Handschrift eine ganz andere Form der Heaviness – emotionale Heaviness. So wird „Engine Of Hell“ zu einem der eindringlichsten und läuterndsten Alben des Jahres, eben intensive Kost für Menschen, die auch in den leisen Momenten Tiefe brauchen. Wir verabredeten uns mit Emma am 5. November, dem Tag der Veröffentlichung des Albums via Zoom zum Gespräch.

Hallo Emma, vielen Dank, dass du dir am Release-Tag Zeit für dieses Interview nimmst.

Danke dir, dass du mit mir reden willst. (lacht)

Es ist mir eine Freude! Ich höre „Engine Of Hell“ nicht auf repeat, weil es eben so emotional ist. Aber wenn ich es höre, geht es total unter die Haut. Das Erste, was ich von „Engine Of Hell“ mitbekommen habe, war das Cover. Da wusste ich sofort, dass dieses Album tief und bedeutsam werden würde. Wie schon bei „Marked For Death“, da ist so etwas Echtes und Pures darin. Die Cover deiner Alben scheinen immer ein Spiegel der Musik zu sein. „Marked For Death“ hatte so ein dunkles Artwork, dass dich sehr verwundbar gezeigt hat, und so klang auch die Musik. „On Dark Horses“ empfand ich als froher, was auch das Cover zeigte. Bilde ich mir das nur ein?

Ja, in jedes Artwork meiner Alben fließt viel Arbeit ein. Es ist mir wichtig, mit jedem Album diese bestimmte Schaffenszeit zu reflektieren. Jedes Album ist ein Kapitel. „Marked For Death“ hat ein Selbstportrait von mir, das mich zu der Zeit zeigt, als ich das Album geschrieben habe. So sah ich damals eben aus. Ich war damals ziemlich am Ende, das war sehr intensiv. „On Dark Horses“ war dann eben viel farbiger und obskurer mit diesem Pferd mit kaputten Beinen vor meinem Gesicht. Ich wende für jedes Album viel Zeit auf. Das Cover von „Engine Of Hell“ zeigt Fotos von meinem Freund George Clarke (DEAFHEAVEN; Anm. d. Verf). Normalerweise versuche ich im visuellen Bereich alles zu kontrollieren, aber ich habe ihm vertraut. Wir haben uns abgesprochen, wie diese Bilder eingesetzt werden sollten, und ich finde seine Fotos auch wirklich schön. Aber dafür habe ich alles, was im Album steht, von Hand geschrieben. Ich habe alles ganz analog ohne Computer mit Stift und Tinte geschrieben. Ich wollte, dass alles von mir und aus meiner Welt kommt, beziehungsweise hier aus meinem Apartment. (lacht)

Ich finde, dass „Engine Of Hell“ das heavieste Album ist, das du bisher gemacht hast – zumindest emotional.

Ja, das finde ich auch.

Ich frage mich da, ob du dir deine alten Alben nach dem Schaffensprozess nochmal anhörst, oder steckst Du sie in eine sprichwörtliche Box?

Es gibt einen gewissen Punkt, an dem ich aufhöre, mir die Alben anzuhören. Die Schritte im Prozess sind Schreiben, Aufnehmen, Mixing, Sequencing und Mastering. Alleine das Sequencen ist schon eine Kunstform. Es gibt Menschen, die allein schon im Bereich des Sequencens von Alben genial sind. Es ist wirklich wichtig zu wissen, wo ein Album beginnt und endet, in Bezug auf den Spannungsbogen. Das ist mir sehr wichtig, da ich kein Mensch bin, der Singles hört, sondern immer ganze Alben. Jede Station, bis das Album auf Vinyl oder in der digitalen Welt erscheint, benötigt sehr viel Bewusstheit und Aufmerksamkeit. Daher braucht es sehr viel Zeit, das Album immer wieder und wieder und wieder zu hören, damit es so nah wie möglich an dem ist, wie es ursprünglich gedacht war. Wenn ich dann zu diesem Album zu Ende getourt habe, höre ich auf, es mir anzuhören, weil ich an etwas Neuem zu arbeiten beginne. Es wird zu einem Teil meiner Geschichte. Ich höre mir heute auch nicht mehr „On Dark Horses“ oder „Marked For Death“ an. Wenn ich aktiv daran arbeite, höre ich mir es an, aber nur so lange, bis es fertig ist.

Ich frage deshalb, weil „Engine Of Hell“ wie ein Album klingt, das die Türe zur Vergangenheit verschließt. Du singst über vieles, was passiert ist, als du ein Kind oder Teenager warst.

Einiges ist aus dieser Zeit und einiges behandelt eher aktuelle Themen. Die Ausnahme sind „Return“ und „In My Afterlife“, die eher existenzielle Gedichte sind.

Auf „Some Heavy Ocean“ steht ein Song namens „Living With The Black Dog“, bei dem es sich offensichtlich um das Thema mentale Gesundheit handelt. Das gesamte Album „Engine of Hell“ scheint sich um den Kampf gegen den schwarzen Hund zu drehen. Ich kenne diesen Kampf auch gut. Ist er immer noch an deiner Seite?

(c) Emma Wondra

Man kann es Depression nennen, oder psychische Krankheiten, aber bei mir ging es noch weiter, bis hin zu Psychosen. Bevor ich das Album aufnahm, war ich an einem extrem dunklen, mentalen Ort gefangen. Ich musste auch für einige Tage in eine Klinik. Das geht nicht einfach so weg. Ich habe eine Liste mit To Dos an meinem Kühlschrank hängen. Viele können sich nicht vorstellen, dass es einer Erinnerung bedarf zu essen, spazieren zu gehen oder Musik zu hören, also die Dinge zu tun, die den Serotoninausstoß anregen. Man muss sich selbst behandeln, wie man sich um ein Haustier oder eine Pflanze kümmert. Ich persönlich denke nicht, dass das jemals weggehen wird. Ich bin 38 und habe das schon mein Leben lang. Es ist wie ein Wesen, das immer da ist.

Es wird ein Video zum Song „The Company“ geben (mittlerweile veröffentlicht – Anm. d. Verf), in der die Personifikation der Depression eine Rolle spielt. Sie steht da immer hinter meiner linken Schulter und sagt: „Hi, wie geht es dir heute?“ Manchmal möchte mich dieses Wesen mit einem Kissen erdrücken, manchmal ist es nicht so schlimm. Es ist nicht unbedingt eine tägliche Schlacht, vielmehr eine Beziehung. Ich versuche mich täglich dagegen zu wehren, ich weiß ja auch, dass die extremen Ausreißer nicht von Dauer sind. Aber manchmal wird es echt schlimm und es fühlt sich an, als würde es für immer so bleiben.

Ich bin recht dankbar, dass es bei mir nicht so extrem ausgeprägt ist, es ist halt regelmäßig wiederkehrend.

Was tust du dagegen?

Ich habe mit einer Therapie angefangen, nehme täglich Johanniskraut und habe angefangen, mich intensiv um mein inneres Kind zu kümmern – was aber auch nicht immer klappt. Ich glaube, dass „Engine Of Hell“ auch eine intensive Beziehung zu deinem inneren Kind etabliert. Daher hatte ich auch sofort eine Bindung zu diesem Album.

Ja, selbst wenn unsere Erfahrungen nicht die gleichen sind, wir Menschen können unsere Gefühle teilen, auch wie sie sich auf unsere Erfahrungen beziehen und wie sie uns betreffen. Das erzeugt eine emotionale Reaktion und durch den Ausdruck eines anderen Menschen fühlen wir uns verbunden, weil dieser Mensch durch etwas Ähnliches ging wie wir. Das fühle ich auch, wenn ich die Musik von anderen Künstlern höre oder Bilder sehe. Das hilft mir auch, meine eigenen Gefühle zu verstehen oder eine Ordnung in meine chaotischen Gedanken zu bringen. Das mag ich sehr an der Kunst und das ist auch ein Grund, warum ich selbst Künstlerin bin. (lacht)

Machst Du das also auch für dein inneres Kind?

Ja, das betrifft aber nicht nur die Musik, sondern auch die Videos. „Blooms Of Oblivion“ handelt direkt davon. Dieses kleine Mädchen erbt diesen Mantel. Der ist ihr zu groß und zu schwer und sie fällt durch Chaos und das Nichts. Ich als Erwachsene trage den Mantel auch, und dadurch zeigt sich, wie wir durch so etwas gezeichnet werden und durch unser Leben tragen. Da ist diese Stelle im Video, wo sie umarmt werden will und ich nach unten blicke und ihr sage, dass ich sie liebe, mit diesen Textzeilen – oh je, ich fange gleich wieder an zu weinen.

Als ich diesen Moment im Video zum ersten Mal gesehen habe, musste ich auch weinen. Weil ich durch das Lied und das Video mich mit dem kleinen Mädchen in mir verbinden konnte. Am Ende werfen wir diesen alten Mantel ab und es zeigt sich etwas glänzend Neues, das ist auch eine Referenz auf den Blechmann im „Zauberer von Oz“. Das war wirklich ein kathartisches Stück Kunst und ich hoffe, dass es anderen auch helfen wird.

Dem kann ich zustimmen, dieses Ende hat etwas sehr befreiendes, vielen Dank dafür.

Danke, dass du es angeschaut hast.

„Um ehrlich zu sein ist das Erschaffen von Dingen das einzige, das mich aus dem dunklen Ort im Kopf heraus bringt.“ – EMMA RUTH RUNDLE nutzt ihr kreatives Pozenzial im Kampf gegen Depressionen.

In gewisser Weise ist „Engine Of Hell“ auch ein Familienalbum, immerhin spielt auch deine Schwester eine Rolle im gesamten Konstrukt. Sie spielt im Video zu „Return“ mit. Ihr müsst euch sehr nahe stehen, nehme ich an. Habt ihr zum ersten Mal zusammen gearbeitet?

Im Video haben wir tatsächlich zum ersten Mal zusammen gearbeitet. Meine Schwester hat mich aber auch schon auf Tour begleitet. Sie hat meine Arbeit immer sehr unterstützt. Das ist interessant, weil es in meiner Musik um Dinge geht, die unser beider Leben betrifft. Ich versuche sie aber nicht zu sehr in mein Leben zu bringen, denn sie hat ihre eigene Welt. Es wurde irgendwann schräg, als Fremde anfingen, sie über die sozialen Medien zu verfolgen. Sie trat im Video auf, weil wir uns sehr ähnlich sehen und sie hat mir damit einen großen Gefallen getan. Die Figur in „Return“ stellt die beiden Seiten der Schöpfung dar, stehen sich als Leben und Tod gegenüber und interagieren. Meine Schwester konnte den anderen Teil spielen, wenn wir gleichzeitig zu sehen sind. Ich war der Engel, wenn sie der Tod war und ich war der Tod, wenn sie der Engel war.

Wir konnten uns keine Schauspieler leisten und für sie tat mir damit einen Gefallen. Es hat Spaß gemacht mit ihr zu arbeiten. Ich wollte mit ihr proben, weil ich viel an der Choreografie gearbeitet hatte. Sie sagte, dass sie einfach zum Dreh kommen würde und dass es schon passen würde, sie müsse nicht proben. In dieser Hinsicht sind wir sehr unterschiedlich. Sie hat als Kind Theatererfahrung gesammelt und war gar nicht nervös. Ich bin ihr sehr dankbar und bin froh, dass wir das zusammen gemacht haben. Ich wünschte, sie würde immer mit mir an künstlerischen Projekten arbeiten.

Vielleicht passiert das in der Zukunft ja. Du schriebst, dass „Engine Of Hell“ das Ende von zehn Jahren des Schreibens und Aufnehmens von Musik bedeutet. Klingt als würdest du weniger aktiv im Musikbereich sein wollen und dich eher auf andere Dinge konzentrieren wollen. Du interessierst dich ja sehr für Filmemacherei.

Die Arbeit an den Visuals und Videos für dieses Album haben mir gezeigt, dass es andere Formen der Kreativität gibt, die meinen Geist positiv beeinflussen. Ich fand das sehr kathartisch. Ich würde liebend gerne im Filmbereich arbeiten. Ich finde es schön, als Künstlerin zu wachsen und mich zu verändern. Es gibt überhaupt keinen Grund, bei nur einem Ventil wie bei der Musik zu bleiben. Ich habe schon immer gemalt, gezeichnet, fotografiert und geformt. Um ehrlich zu sein ist das Erschaffen von Dingen das Einzige, das mich aus dem dunklen Ort im Kopf heraus bringt. Es stimmt, als ich fertig war, „Engine Of Hell“ aufzunehmen, fühlte es sich an, als wäre es mein letztes Album gewesen. Ich fühlte mich, als hätte ich mit diesem Lebensabschnitt abgeschlossen. Aber nun sind die Aufnahmen fast ein Jahr her, da konnte ich mich von diesen Gefühlen etwas erholen. Nun ja, niemand weiß, was die Zukunft bringt. (lächelt)

Immerhin gehst Du bald wieder auf Tour.

Ja, das werde ich. Es ist also noch nicht vorbei. (lacht)

Hoffentlich! Übrigens, es gibt auch Momente auf dem Album, die mir etwas leichter vorkommen, ich denke da an „Razor’s Edge“. Zumindest habe ich das gedacht, bis ich den Text gelesen habe. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.

(lacht) Dieser Song hat einen optimistischen Klang zur Melodie auf der Gitarre. Es fühlt sich wirklich aufmunternd an, aber das ist es nicht. Es gibt aber solche Momente in „Dancing Man“ und „In My Afterlife“.

Stimmt, ich finde, das klingt nach einem Abschluss von allem, was schwer und dunkel war. Und dass es in etwas Leichteres, Helleres transformiert wird. Daher ist dieses Gefühl von einer Erleichterung da.

Ja, man ist einfach froh, dass das Album vorbei ist. (lacht) Wir werden ein Stern irgendwo da draußen im All, und das ist auch, wo wir herkommen.

Ja, ich glaube das ist wirklich so. Glaubst du, dass alles miteinander verbunden ist?

Auf irgendeine Weise schon, ja. Das muss so sein. Ich glaube daran.

Ich fühle auch ein gewisses Gleichgewicht auf „Engine Of Hell“. Die Hälfte der Stücke basiert auf Klavier, die andere auf Gitarre. Jetzt sagt der analytische Teil in mir, dass die Klavierstücke deine Kindheitsgeschichten behandeln, weil es ja auch das Instrument deiner Jugend ist, und dass die Gitarrensongs eher die aktuellen Themen behandeln. Bitte sag mir, dass ich nicht recht habe.

Ja, es ist ein Mix. Die Pianosongs handeln wirklich von den Kindheitsgeschichten, aber nicht nur. Das war einfach das Instrument, das ich lernte, als ich jung war. Und so kam es, dass mich das Klavierspielen mit dieser Zeit verband. Aber „In My Afterlife“ ist das letzte Stück, das ich schrieb, und es ist auch ein Klavierstück und handelt von eher existenziellen Themen. Es gibt noch viele Songs, die es nicht auf das Album geschafft haben, und ein Teil von mir wollte ein reines Klavieralbum machen, aber ich bin froh, dass es so zu dem geworden ist, was es ist: Eine schöne Balance.

Du hast viel von der Musik in Wales geschrieben, richtig? Hast du dort mit Jo Quail zusammen gearbeitet? Sie ist eine von nur zwei anderen Musiker*innen, die auf „Engine Of Hell“ zu hören sind.

Wir haben 2018 einige Konzerte zusammen gespielt. Sie ist ein wundervoller Mensch und eine unglaubliche Musikerin. Im Studio fragte ich mich bei einigen Songs, wie es klingen würde, wenn Jo dazu spielen würde. Ich schickte sie ihr, sie nahm zu Hause ihre Parts auf und schickte sie zu mir zurück. Der andere Gast ist Troy Zeigler. Er ist einer meiner ältesten Freunde, und wir waren vor ungefähr zwanzig Jahren zusammen in einer Band namens EXIT STRATEGY. Er hatte auch auf „Marked For Death“ den Bass gespielt. Er ist für mich wie ein Familienmitglied. Aber auch er war nicht im Studio, sondern nahm seinen Gesang zu Hause auf uns schickte es uns. Im Studio waren wirklich nur der Tontechniker und Koproduzent Sonny Diperri und ich. Ich meine, wir nahmen mitten im Dezember letzten Jahres auf, da war es eine schwierige Phase mit Covid. Er hat wieder tolle Arbeit geleistet und machte Recherchen für die Aufnahmen. Er kontaktierte zum Beispiel den Produzenten von NICK DRAKEs „Pink Moon“. Wir waren zuvor auch separat voneinander in Quarantäne und haben uns getestet vor dem Studioaufenthalt. So haben wir eine Blase für ein paar Wochen gebildet.

Ihr habt auch nur One-Takes aufgenommen.

Ja, obwohl es bei den Pianosongs mehr Möglichkeiten für Gesangsoverdubbing gab, weil es ein komplizierterer Aufbau war. Aber die Gitarrensongs sind wirklich nur One-Takes. Ich wollte es so, weil es Dinge gibt, die während der Performance nicht geplant werden können. Da gibt es keine totale Kontrolle, aber genügend Raum für Einzigartiges und Magisches, das passieren kann – aber auch für Fehler. Und Fehler sind ein wichtiger Bestandteil auf einem ehrlichen Album, weil es dadurch viel menschlicher wird.

Das lässt es auch emotional zugänglicher werden, weil das auch eine persönliche Note ist. War es dann auch zeitintensiver als das Album auf gewöhnliche Art aufzunehmen? Ich habe gehört, dass du jeden Song sehr oft aufgenommen hast, um die stimmigste Variante zu finden.

Nein, wir hatten am Ende sogar Zeit übrig. Es war überhaupt nicht zeitaufwändiger. Mit der Band ist schon mal ein Tag für das Setup da, dann zwei oder drei Tage für die Drums und so weiter. Wir waren zehn Tage im Studio, aber wir hatten drei Tage für Overdubs, an denen wir auf den Keyboards im Regieraum nur herumgedüdelt haben. Wir haben das alles dann weggeworfen, weil es dem Album nichts brachte. Aber auch wenn es viele Takes gab, die dauern maximal fünf Minuten und da nehmen drei Takes dann auch weniger als eine Stunde ein. Es war eher so, dass ich mir die Zeit für einige emotionale Zusammenbrüche nehmen musste. Deshalb war es auch wichtig, mal zwischendurch einen Kaffee zu trinken oder spazieren zu gehen. Ich bin sehr froh, dass wir diese Zeit hatten, und ich bin es auch nicht gewohnt, so viel Freiraum beim Aufnehmen zu haben. Normalerweise müssen die einzelnen Schritte nach und nach erledigt werden, immer eins nach dem anderen. Sonnys Entscheidung, wie viele Tage er gebucht hatte, war sehr klug. Wir konnten uns Zeit lassen.

„Ich fühle große Leidenschaft und Überzeugung und mich dieser Kunstform – dazu gehört auch die Poesie – sehr verpflichtet  gegenüber. Ich liebe Musik, ich liebe es, sie mir anzuhören, aber es ist kein Spaß.“ – EMMA RUTH RUNDLE ist jenseits von reinem Entertainment.

OK, das macht Sinn. Für mich klang das Statement so, als hättest du jeden Song fünfzig Mal komplett aufgenommen.

Nein. Sonny und ich arbeiteten schon bei „Marked For Death“ zusammen. Die Rollen waren ja auch anders. Sonny ist nicht nur Tontechniker und Koproduzent, er ist auch Freund und Kollege. Er konnte mir genau sagen, wann es Zeit war, es gut sein zu lassen. Im Studio ist es oft so, dass Künstler in einer Spirale gefangen sind. Manche Musiker machen vielleicht fünfzig Takes, aber ich hatte bei manchen Songs maximal fünfzehn Takes. Aber da waren einige dabei, wo ich das Stück nicht mal fertig spielte. Sonny hat nicht zugelassen, dass ich mehr als drei volle Takes hintereinander einspielte. Er stoppte mich, wenn ich zu viel machte und sagte mir, wenn ich mich im Kreis drehte. Da ist es echt wichtig, jemanden im Studio zu haben, dem man vertraut. Das kann einen wahnsinnig machen, das Album würde niemals fertig werden. Es gibt keinen perfekten Take und das ist der Sinn von dieser Herangehensweise. Ab einem gewissen Punkt muss man es stehen lassen und einfach weitermachen. Fünfzig Takes für einen Song hat es niemals gegeben.

Da habe ich auch etwas übertrieben. Aber es gibt ja diese technischen Progressive Metal-Perfektionisten.

Davon bin ich das genaue Gegenteil. Ich liebe technische Perfektion, das erstaunt mich oft und ich finde es dann auch echt toll, aber ich kann sowas nicht. Ich nehme lieber meine Schwächen an. (lacht)

Hat dir diese Arbeitsweise mit Sonny gefallen?

Es war richtig, so zu arbeiten, aber diese Momente waren nicht unbedingt erfreulich. Es war schmerzhaft und schwierig. Am Ende der Aufnahmetage, vor allem gegen Ende der Studiozeit, waren wir oft im Regieraum. Wir hörten uns die Musik an und spielten diese dämlichen Overdubs auf den Keyboards, und lachten einfach nur die ganze Zeit, bis uns die Tränen kamen. Es stauten sich über die Tage so viele Emotionen und Intensität auf, dass wir alles rauslassen mussten. Wir machten Sounds mit dem Titel „Draculas Castle“ und Sonny sang mit komischer Stimme über die Songs und wir hatten einfach Spaß. Es gab fröhliche Momente. Es war lange so still, da musste es einfach aus uns herausbrechen mit Gelächter.

Ich kann mir gut vorstellen, dass nach so einer intensiven Zeit erstmal kein Bedarf an Musik mehr da ist.

Musik ist für mich kein Spaß. Ich fühle große Leidenschaft und Überzeugung und mich dieser Kunstform – dazu gehört auch die Poesie – sehr verpflichtet gegenüber. Ich liebe Musik, ich liebe es, sie mir anzuhören, aber es ist kein Spaß. Es gibt eine Zufriedenheit und eine gewisse Art der Freude, aber ich fühle mich manchmal wie Sisyphos, wenn ich immer wieder diesen emotionalen Felsen auf den Berg rollen muss. Deshalb bringen mir andere Kunstformen auch mehr Freude, größeren Reiz und mehr Leichtigkeit. Ich bin wirklich sehr dankbar, die Musik in meinem Leben zu haben und zu tun, was ich tue, aber es ist kein Spaß. (lacht)

Verdienst du eigentlich deinen Lebensunterhalt mit Musik?

Mittlerweile ja. Ich wurde kürzlich engagiert, die Musik für einen Film zu machen und ich habe über das Touren ein paar Jahre vor Covid meinen Lebenunterhalt damit bestritten. Und ich habe meine Bilder verkauft. Ich denke, ich kann mich sehr glücklich schätzen. Aber ich weiß nicht, ob das für immer so weiter gehen wird. Ich bin definitiv nicht reich, aber ich denke dass niemand solche Musik des Geldes wegen macht. Ich habe früher in einem Gitarrenladen gearbeitet, das vermisse ich manchmal. Manchmal frage ich mich, was ich ansonsten noch tun könnte.

Ich habe das gefragt, weil ich mir gut vorstellen kann, welchen Druck es auf Künstler ausübt, wenn sie von der Musik leben müssen.

Ich weiß es nicht. Speziell „Engine Of Hell“ ist schon ein mutiges Album, weil es sich von meinen anderen Werken abhebt. Es sind keine elektrischen Gitarren darauf, es ist sehr direkt. Ich könnte mir vorstellen, dass es einige meiner Hörer verärgert und dass sie sich abwenden. Es gibt die relativ große Möglichkeit, dass niemand dieses Album mag. Am Ende des Tages darf ich mir darüber nicht zu viele Sorgen machen. Diese Stimme im Kopf muss schweigen, auch wenn die Sorge stets da ist. Ich bin da auch in einer glücklichen wie unglücklichen Situation. Ich habe keine Familie, für die ich sorgen muss, nicht mal Haustiere. Da bin nur ich. Aber ein Job würden schon Druck rausnehmen. Ich würde auch gerne noch eine Schule besuchen, wenn es da ein Programm gäbe, das kaum Schulgeld verlangen würde.

Warum nicht? Ich meine, wir sind nicht sechzig oder so.

Das werden wir bald sein.

Ich habe noch etwas mehr als zwanzig Jahre bis dahin. Andererseits sind die letzten zwanzig Jahre auch verflogen.

(c) Emma Wondra

Ich weiß, das meine ich auch. Ich glaube, wir sind in einem ähnlichen Alter. Und die Zeit verfliegt.

Das bringt mich zu meiner Bonusfrage. Ich habe zum ersten Mal den Namen EMMA RUTH RUNDLE gehört, als ich „The Fear Is Excruciating, But Therein Lies The Answer“ von RED SPAROWES hörte. Das ist fast zwölf Jahre her. Was ist der Unterschied zwischen Emma damals und Emma heute?

Wow. Ich würde zurück gehen und die alte Emma umarmen. Das ist wirklich lange her. Es war eine ganz besondere Zeit. Ich war großer Fan von RED SPAROWES und ich kam zu ihnen über ein Vorspielen. Ich habe mein eigenes Songwriting und den Gesang ad acta gelegt, um bei der Band mitzumachen. Ich konnte zum ersten Mal nach Europa reisen, um dort zu touren. Ich durfte mit diesen Musikern spielen, die ich so sehr bewunderte. Und ich habe so viel in dieser Zeit gelernt. Ich habe Joshs Parts übernommen, weil er nicht mehr in der Band war und viel davon gelernt. Ich glaube, ich musste mir einiges hart erarbeiten in dieser Zeit, aber meine Brüder in der Band lernten mir trotzdem so viel. Das war eine wundervolle Erfahrung. Oh je, das macht mich ein wenig traurig.

Oh je, sorry.

Nein, das ist okay. Ich habe aus dieser Zeit viel Gutes gezogen. Ich nahm mein erstes Soloalbum „Electric Guitar One“ im Van auf, als wir auf Tour waren. Ich habe so viel über mein Gitarrenspiel gelernt und wie ich als tourendes Mitglied funktionieren musste. Bis dahin habe ich nur ein wenig hier an der Westküste getourt. Ich kann dir eine Bonusgeschichte zu deiner Bonusfrage erzählen. Als ich RED SPAROWES beigetreten bin, hatte ich solche Angst vor dem Fliegen. Mein Plan, um nach Europa für die erste Show zu kommen war, von Los Angeles nach New York City mit dem Zug zu fahren und dann mit einem Frachtschiff nach Europa zu reisen. Ich erzählte den anderen, was ich vorhatte, und sie sagten, ich würde die Band verlassen müssen, wenn ich nicht in das Flugzeug mit ihnen steigen würde. So seltsam war ich damals mit 26. Ich brauchte diese Erfahrungen mit ihnen, um von dem L.A.-Menschen, der im Gitarrenladen arbeitet, zu einer professionellen Musikerin zu werden. Na ja, das ist meine Geschichte.

Ich finde das nicht seltsam. Ich würde gerne mal mit einem Schiff fahren und ich hasse fliegen auch.

Aber es wären zwei Monate mehr gewesen, um zu reisen. (lacht)

Aber Du hättest jede Menge Abenteuer in dieser Zeit erleben können.

Ja, es hätte der Beginn eines völlig neuen Lebens werden können.

Oder aber auch verdammt langweilig. Aber dafür gibt’s Bücher.

Vielleicht sollte ich das jetzt tun, wo es mir niemand mehr verbietet. (lacht)

Emma, vielen Dank für diese Geschichte und für deine Zeit.

Vielen Dank auch Dir!

Fotos: Emma Ruth Rundle