AMENRA: Wie man sich von der Dunkelheit entfernt, obwohl sie immer präsent ist

„De Doorn“ ist eine Art Neubeginn für AMENRA: Auf einem neuen Label trauen sich die Belgier zum ersten Mal ein Album in ihrer flämischen Muttersprache zu veröffentlichen und brechen zugleich mit der Tradition, die „Mass“-Titel fortzuführen. Musikalisch gesehen ist „De Doorn“ reduzierter und purer als zuvor, sodass kaum ein Werk von AMENRA in den vergangenen zwanzig Jahren intensiver einschlug. Wir bitten Sänger und Texter Colin H. Van Eeckhout an einem Dienstagabend im Juni per Zoom zum Gespräch über Muttersprache, Feuerrituale und den Umgang mit Depressionen.

 

Hallo Colin, es freut mich dich zu sehen. Wie geht es dir?

Danke, gut. Ich kann mich nicht beschweren.

Schön. Wie waren bisher die Rückmeldungen zu „De Doorn“?

Ziemlich positiv. Wir hatten schon ein wenig Angst, weil sich im Vergleich zu „Mass VI“ vieles verändert hat. Wir waren zunächst etwas unsicher, wie die Leute „De Doorn“ aufnehmen würden, immerhin ist das Album komplett in flämischer Sprache gehalten. Aber wir glauben an das Werk und finden, dass es sehr gut geworden ist. Aber man weiß im Vorfeld nie, was andere darüber denken. Es ist schön, dass nach über zwanzig Jahren Menschen noch immer unserer Seite sind und wir ihnen etwas bedeuten.

Als ich „De Evenmens“ zum ersten Mal hörte und DehnSoras Video dazu sah, hatte ich gleich im Gefühl, dass da was Großes kommt. Im Gegensatz dazu kämpfe ich auch jetzt noch mit „Mass VI“. Das war ehrlich gesagt das erste Mal, dass ich an ein AMENRA-Album nicht andocken konnte.

Ja, das verstehe ich. Entweder verbindest du dich damit, oder eben nicht. Es kommt auch immer darauf an, wann die Musik in dein Leben tritt. Da gibt es so viele Parameter, die das beeinflussen.

Absolut. Und deshalb finde ich auch, dass „De Doorn“ das passende Album in dieser Zeit meines Lebens ist. Aber ich möchte später darauf zurückkommen. Zunächst möchte ich aber über die Musik sprechen. Und da sticht heraus, dass Caro von OATHBREAKER mit an Bord ist. Ist sie nur Gast oder permanent dabei?

Die Menschen wollen sowas immer in einem größeren Rahmen sehen. Nur weil dieses Album „De Doorn“ heißt, bedeutet das nicht, dass es kein „Mass VII“ geben wird. Und nur weil Caro auf diesem Album dabei ist, heißt es nicht, dass sie auch in Zukunft bei AMENRA mitmachen wird. Wir wissen das selbst nicht. Sie ist auf jeden Fall kein festes Mitglied in der Band. Sie lebt in den USA, wir in Europa, daher ist die dauerhafte Zusammenarbeit nicht möglich. Sie ist auf dem Album, weil das für uns Sinn machte. Wir wissen auch noch nicht, wie das kommende Album klingen wird, und daher haben wir uns noch keine Gedanken gemacht, ob Caro dabei sein wird. Das ist nicht immer so einfach. Aber wenn die Zeit kommt, neue Musik zu schreiben, werden wir entscheiden, was zu tun ist. Es bot sich an, zusammen zu arbeiten, weil „De Doorn“ eben unser erstes flämisches Album ist. Und weil es Jahre her ist, dass wir die Bühne geteilt haben und diese Ära wieder aufleben lassen und unsere Zusammenarbeit festhalten wollten, sind wir jetzt auf ewig miteinander verbunden. Es ist nebensächlich, ob sie ein fester Bestandteil der Band ist. Was zählt ist, dass sie auf „De Doorn“ zu hören ist und sie großartige Arbeit leistete. Wir sind sehr froh, dass das geklappt hat.

Sie passt wirklich gut zu den Stücken und gibt ihnen einen extra Schub.

Absolut.

Noch offensichtlicher ist, dass „De Doorn“ aus der Reihe von AMENRA-Titeln heraussticht und es nur flämische Texte gibt. Ihr habt kürzlich auch eine EP mit Covers eines lokalen Liedermachers herausgebracht und auf „Mass VI“ gab es auch ein kurzes Stück in eurer Muttersprache. Spielt eure Herkunft in dieser Zeit eures Lebens eine größere Rolle für euch?

Ich glaube es liegt daran, dass ich in den vergangenen Jahren das Potential meiner eigenen Sprache erkannt habe. Unsere Herkunft und unsere Kultur war aber schon immer wichtig für uns. Ich habe immer versucht, das in die Musik zu integrieren und damit zu arbeiten. Wir haben nie versucht, das zu verstecken, das ist ein authentischer Teil unserer Identität und jetzt machte es Sinn das zu betonen – weil dies unsere größte internationale Veröffentlichung bislang ist. Es fühlte sich richtig an, dies mehr als sonst zu unterstreichen. Durch die Coversongs des Zjef Vanuytsel, und die Gedichte, die ich geschrieben habe, bemerkte ich das Potenzial meiner Sprache. Ich habe auch festgestellt, dass ich in meiner Muttersprache bessere Texte schreiben kann. Du hast es wahrscheinlich auch im Presseinfo gelesen, dass die Songs für besondere Performances in Belgien geschrieben wurden. Ich wusste, dass 90% der Besucher auch Flämen waren, deshalb wollte ich auf direkter Ebene mit ihnen kommunizieren. So trafen wir auch die Entscheidung, ein flämisches Album zu schreiben.

 

“Bis „Mass VI“ wurden die Hörer eingeladen, Zeugen unserer Geschichte zu werden. Bei „De Doorn“ geht es darum, dass jemand sich an alle wendet. Der Hörer nimmt eine aktive Rolle in der Kommunikation ein.” – Nicht nur die Sprache ist anders an „De Doorn“.

 

Ich persönlich finde, dass gerade dieser muttersprachliche Ansatz die Musik so mitreißend werden lässt, weil du die Lieder dadurch so intensiv performst. Und das ist besonders in den leisen, intimen Stellen sehr stark spürtbar. Die Spannung baut sich so viel mehr auf, und sogar wenn es laut und heavy wird, ist da noch eine Intimität zu spüren. Ich habe gerade noch das Lied „Het Gloren“ gehört und da habe ich verstanden, warum ihr das Album nicht als „Messe“ betitelt haben wolltet, sondern eher den Ansatz „Kleinkunst“ wähltest. Dabei kam mir auch das Video zu „Nowena“ in den Sinn und dass du damals im Interview schriebst, dass noch etwas nachkommen wird. Ist „De Doorn“ sowas wie ein spiritueller Nachfolger dazu?

Das hört sich spannend an. Aber ich suche nicht nach Verbindungen zwischen Alben. Was in einer bestimmten Zeitspanne in uns ist, bricht irgendwann einfach heraus. Wir sind andererseits dieselben Menschen, die diese Musik machen. Das ist also schwer für mich zu analysieren. Aber es stimmt, es gibt eine Veränderung. „Het Gloren“ hat eher einen klassischen AMENRA-Ansatz in dem Sinn, dass es da keine komplexe Struktur gibt. AMENRA stand immer für Teil A + Teil B = der ganze Song. Dabei ist es nicht wichtig, wie diese Teile zueinander geführt werden. Für uns gab es technisch nie etwas zu beweisen. „Mass VI“ war ein Album, durch das man sich durcharbeiten musste, da gab es viele vergleichsweise komplexe und vielschichtige Songs, und das haben wir meiner Meinung nach auch sehr gut gemacht. Die Essenz der Alben ist immer dieselbe, aber die musikalische Sprache ändert sich. Das gilt auch für das Akustikalbum im Vergleich zu den Alben, die heavy sind. Da sind auch nur die Farben anders. Und das ist dieses Mal auch so.

Für „De Doorn“ hat Lennart den größten Teil des Albums geschrieben, bei „Mass VI“ war es Levy und von „Mass I“ bis „Mass V“ war es Mathieu. Also gibt es logischerweise immer wieder Unterschiede. Die Akzente und Details unterscheiden sich voneinander. Wir fühlen keine großen Veränderungen, es ist für uns einfach so, als würden wir unsere Reise fortsetzen, auch wenn die Hörer gewisse Änderungen wahrnehmen. Die Dynamik und Ausrichtung des Gesangs hat sich aber durchaus verändert. Bis „Mass VI“ wurden die Hörer eingeladen, Zeugen unserer Geschichte zu werden. Bei „De Doorn“ geht es darum, dass jemand sich an alle wendet. Der Hörer nimmt eine aktive Rolle in der Kommunikation ein. Ich spreche wirklich zu dem, der zuhört. Bei den früheren Werken war es so, dass ich mich an jemand Unsichtbaren gewendet habe, da habe ich direkt zu Verlust, Trauer und Depressionen gesprochen. Auch hier gilt, dass es dieselbe Geschichte ist, nur unterschiedlich erzählt.

Amenra – © Stefaan Temmerman

Deutsch und Flämisch sind ja als Sprachen nicht so unendlich weit voneinander entfernt, ohne Übersetzungen komme ich aber nicht aus. Als ich das erste Mal „De Doorn“ hörte, war ich an einem regnerischen Abend in den Wäldern und obwohl ich die Worte eben nicht in Gänze verstand, war es die Art wie du die Worte performst, dass ich das Album auf einer spirituellen Ebene verstand.

Oder eher auf einer emotionalen Ebene?

Richtig, eher auf emotionaler Ebene.

Das ist die Kraft der Musik. Das betrifft aber auch unsere englischen Texte: Was die Texte für mich bedeuten, ist für andere Menschen vielleicht nicht wichtig. Da geht es eher darum, was der Hörer aus den Bildern und Klängen macht. Jeder erschafft eine Welt, um seine Bedürfnisse unterzubringen. Der Inhalt wird akzentuiert, auch wenn man ihn nicht versteht. Und anders funktioniert das auch gar nicht, man erschafft eine Welt mit seinen Gefühlen. Es geht darum, was man fühlt und nicht, was man versteht. Und ja, Mit Kopfhörern alleine im Wald ist mit die beste Art, dieses Album zu hören. Das ist kein Easy Listening, es verlangt eine gewisse Hingabe und Ethik. Es ist einfach seltsame Musik. (lacht)

Ja, im besten Sinne. Ich habe in einem Forum gelesen, dass AMENRA die einzige Band sind, die einen auf Flämisch zum Weinen bringen kann. Dass diese Sprache so eine Intimität und Poesie haben kann, ist für viele sicherlich etwas Neues.

Weißt du, für uns macht das ja völlig Sinn. Auf dem Sänger liegt ja meistens da Hauptaugenmerk. Wenn wir die Musik schreiben, warte ich bis 70% der Musik geschrieben ist und höre die Stücke zu Hause millionenmal und versuche herauszufinden, was ich dabei fühle und welche Bilder ich sehe. Dann kommen die Worte an die Oberfläche und werden geformt. Selbst dann, wenn 70% der Musik ohne Gesang steht, bin ich davon sehr bewegt, bekomme Gänsehaut oder weine. Bei diesem Album wird das nochmals betont. Schon die Musik allein erreicht das. Ich bin sehr dankbar, dass dies für mich der Startpunkt ist und mir Ansporn gibt, den ich brauche. Aber ich finde es wirklich sehr schön, dass die Hörer diese Entscheidungen akzeptieren, auch wenn sie die Texte nicht verstehen. Wir versuchen ja auch immer etwas einzubauen, das unser Publikum nicht erwartet und wollen die Welt der Hörer durchschütteln um sie zum Denken oder umdenken zu bringen.

Bezogen auf das Durchschütteln der Hörer möchte ich eine kleine Geschichte erzählen: Ich befinde mich in der Mitte oder vielleicht auch am Ende einer depressiven Episode. Vor ein paar Wochen lag ich an einem Sonntagmorgen im Bett mit einem totalen Leeregefühl und den üblichen Grübelschleifen. Ich hörte dann „De Doorn“ auf Kopfhörern und fragte mich, was eigentlich der sprichwörtliche Dorn in meiner Pfote ist. In den Texten erwähnst du oft ein Kind. Und da wurde mir klar, dass eben Dorn in mir, das was es oft schwer und dunkel werden lässt, das verletzte, einsame Kind in mir ist. Das habe ich in diesem Moment einmal mehr begriffen. Ich griff mir ein großes Kissen und umarmte es, sagte, ich passe auf dich auf. Das war ein sehr transformativer Moment. Ich habe danach fast geglaubt, dass AMENRA was für mich transformiert haben.

Ich verstehe was du meinst, aber AMENRA haben das nicht für dich transformiert. Wir geben Menschen eine Plattform, etwas für sich selbst umzuwandeln. Alle Entscheidungen und Einsichten kommen aus dir selbst heraus, in die Introspektion gehen, Dinge nachfragen, und nach Antworten suchen, warum man sich so fühlt, wie man sich fühlt. Die Musik, und in diesem Fall unsere Musik, liefert das Fundament dafür. Sie gibt den Menschen einen sicheren Raum dafür. Da darf man einfach eintauchen und nach dem suchen, was auch immer da gerade ist. Ich fühle mich stolz und geehrt, Teil eines solchen Instruments zu sein. Danke, dass du das mit mir geteilt hast. Darüber wird viel zu selten gesprochen. Ich hoffe, dass es den Schmerz für eine gewisse Zeit lindert.

Ich habe da auch erst kürzlich angefangen, darüber zu sprechen.

Du musst erkennen, dass es schon die halbe Miete ist, das auszusprechen. Das ist schon der Weg zur Heilung. Auch wenn es nur temporär ist. Aber wie du sagst, wenn das Kind in dir nicht gehört wird, bleibt es immer drin. Und es entscheidet selbst, wann es herausbricht. Deshalb ist es so wichtig, das Kind willkommen zu heißen und anzuerkennen.

Wie half dir deine musikalische Reise in Sachen mentaler Gesundheit in den vergangenen zwanzig Jahren?

Wir machen immer ein Kopfsprung in diese Gedanken, das macht es uns leichter, diesen Dingen einen Ort zuzuweisen. Es geht nicht ums vergessen, das ist keine Option. Da geht es um Dinge, mit denen du lernen musst zu leben. Es sind nicht immer die schönsten oder idealsten Situationen. Der Fakt, dass wir jede Woche aufs Neue beim Proben, Schreiben, bei Konzerten, bei Interviews, bei Artworks, und so weiter mit diesen Dingen konfrontiert sind, erlaubt es uns, darüber nachzudenken, es zu verstehen und ihnen den Platz zu geben, den sie brauchen. Das sind für mich wöchentliche Therapiesessions, auf die man sich sechs Tage freut, weil das die Zeit ist, in der alles ausbrechen darf. Danach schließt man die Proberaumtür und weiß, dass es einen Ort und eine Zeit für diese Gefühle geben darf. Das beruhigt uns auf gewisse Weise und macht es uns leichter, damit zurecht zu kommen. Wir arbeiten damit und akzeptieren das. Wir sind auch Freunde und füreinander da. Die Bandmitglieder und das Gefolge sind ein warmes Nest, weil wir uns darauf verlassen können. Wir fühlen uns sehr gesegnet, all das zu haben. Aber alles was zählt, lebt in jedem Einzelnen individuell. Das bedeutet diese Musik seit all diesen Jahren für uns.

Das ist viel. Und da gibt es dann auch keine Option, damit aufzuhören.

Nein, die Musik wurde zu uns und wir zu dieser Musik. Daraus hat sich entwickelt, wie wir auf das Leben und die Welt blicken. Ich trage Worte und Sätze mit mir, sie bringen mich zum Nachdenken, und es gibt Lieder, die aus dieser Welt entstehen. So arbeiten wir mittlerweile. Das ist seltsam, aber es wurde Teil unseres Systems.

Ich führte vergangenes Jahr ein Interview mit DehnSora zu „Une balle dans le pied“. Er meinte, es würde sich so anfühlen, als habe er stets eine dunkle Wolke über sich schweben, aber er lernte, damit umzugehen. Kannst du das nachvollziehen?

Ja, natürlich. (Lacht) Das ist auch mein Gefühl. Egal wie froh und glücklich du bist und auch wenn du weißt, dass du alles hast, um glücklich zu sein, ist es da. Und man kann ja auch zeitweise wirklich glücklich sein. Bruchstücke und Momente, das ist Glück an sich. Aber immer ist da diese dunkle Wolke und diese Traurigkeit und das Gewahrsein der dunklen Materie in dieser Welt. Das ist aber an sich nichts Falsches oder Schlimmes dran. Das ist es einfach, wie wir in diesem Leben stehen. Glücklicherweise haben wir diese Bands, Bilder und Kunst, um all dem eine Form zu geben. Das ist für alle Bands in der Church of Ra ein wichtiger Aspekt.

Das macht auch Sinn. Wer sich als Künstler nicht so fühlt, macht auch andere Musik.

Ja, vermutlich. Aber das alles heißt nicht, dass wir keinen Spaß haben können. Wir lachen viel wenn wir zusammen sind. Wir sind gute Freunde und da passieren auch dumme Sachen. Aber das ist es einfach, wie man sich fühlt. Das ist auch so mit der Musik. Entweder versteht man sie oder eben nicht. Und das ist auch in Ordnung.

Was sagst du zu Menschen, die euch vorwerfen, dass eure Musik sie runterzieht?

Ich würde ihnen sagen, dass sie unsere Musik nicht verstehen. (Lacht) Ich glaube, ich kann schon verstehen, wenn das jemand behauptet, aber das bedeutet für mich, dass diese Person sich nicht tief genug in die Musik, die Bilder oder die Texte vergraben hat. Ich habe so eine Aussage aber bisher nicht gehört. Und Leute runterziehen ist nicht das Ziel unserer Musik. Es geht darum, die Dunkelheit zu umarmen, aber am Ende sollten die Hörer sich von der Dunkelheit entfernt haben. Zumindest hoffe ich das.

Ich hätte gedacht, dass eure Musik was aus den Menschen rauszieht, und wer sich davon abgeschreckt fühlt, hat da eben noch nicht hingeschaut. Wie ein blinder Fleck.

Ja, ich glaube, diese Menschen ignorieren etwas.

Danke für diese Antworten, das war sehr interessant. Ich möchte etwas das Thema wechseln. Ihr seid bekannt dafür, besondere Konzerte zu spielen, ich war da auch selbst einmal dabei. Zuletzt habt ihr viele Feuershows gespielt. Was fasziniert euch am Feuer?

Es bringt die Menschen zusammen und es triggert etwas Ursprüngliches in den Menschen an, etwas das in allen lebt. Und da gibt es kein Leugnen, das hat jedes menschliche Wesen. Wenn man ein Feuer sieht, zieht es einen da hin. Ich weiß nicht warum, aber das ist einfach so. Es bedeutet auch eine Reinigung. Man kann Dinge physisch, aber auch mental verbrennen. Es bringt die Menschen zusammen in diesem Moment, mit diesen Erfahrungen. Feuer verleiht einen großen Sinn der Gemeinsamkeit und Solidarität. Und das fehlt hier in Flandern und ganz Belgien sehr. Deshalb wollten wir so etwas hier aufführen. Auf gewisse Weise sind wir dazu berufen. Wir sind eine Band, die die Musik in vollem Umfang und in der Essenz nutzt. Meiner Meinung nach ist die Magie der Musik, dass sie heilt und die Menschen zusammen bringt. Ich glaube, dass diese Rituale all das vereinen. Wir spielten Konzerten in Clubs und Konzertsälen, wo auch ein Gemeinschaftssinn entsteht und man sich hinterher befreit fühlt. Aber das ist eben immer noch ein Club. Das ist dafür gemacht, ein wöchentliches Entertainment zu bekommen. Wenn die Konzerte aus diesem Kontext gerissen und um ein großes Feuer verlagert werden und die Band sich im Hintergrund aufhält, so dass sie eher zu einem Soundtrack zu dem wird, was da passiert, fühlt es sich richtig an. AMENRA bringen unterschiedliche Kunstformen und künstlerische Sprachen zusammen, um eine bestimmte Geschichte zu erzählen: Eine Geschichte der Gefühle. Aber es bedeutet auch, Kunst mit mentaler Gesundheit zu verbinden, mit Empathie, mit dem Gemeinschaftssinn. Um sich an anderen stützen zu können. Einfach um die Vorstellung zu teilen, dass vermutlich jeder der Menschen, die dort sind, wohl diese dunkle Wolke über sich hat. Daraus kann man als Mensch Stärke ziehen. Das ist ja auch eine kraftvolle Erfahrung. Es ist schwer zu beschreiben. Und ich bin wirklich froh, dass wir das durchgezogen haben. Das gab uns das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, das wertvoll für manche Menschen ist, und es gab uns das Gefühl, dass unser Platz auf Erden Sinn macht. Das hat etwas mit Erfüllung zu tun. Aber kommendes Jahr wird es vermutlich keine solchen Rituale geben, da jetzt ein Album rausgekommen ist, in dem es genau darum geht. Wir werden sehen, was in Zukunft passieren wird.

“Und Leute runterziehen ist nicht das Ziel unserer Musik. Es geht darum, die Dunkelheit zu umarmen, aber am Ende sollten die Hörer sich von der Dunkelheit entfernt haben.” – Colin über die reinigende Wirkung von AMENRAs Musik.

Ich weiß, was du meinst, wenn ihr in Clubs spielt, wo es eher um Entertainment geht. Es gibt einen Teil des Publikums, der hingeht, obwohl die Tiefe von gewisser Musik nicht begriffen wird.

Das ist ja auch OK. Mir macht es auch nichts aus, dort zu spielen, weil es immer Leute gibt, die per Zufall dort strangen und die wir überwältigen und hineinziehen können. Für die kommen wir zur richtigen Zeit kommen. Das ist cool. Aber ja, manche Menschen sind nicht unbedingt richtig in diesen Clubs, wenn wir spielen. Und das ist auch OK, es ist schließlich jeder willkommen. Und immer sind Leute da, die Bier werfen, oder so. Aber das weiß man ja schon im Vorfeld. Je größer die Konzerthallen werden, umso mehr passiert das.

Eine eurer ersten Feuershows war auf der Neudegg-Alm in Österreich. Ich war dort auch ein paar Mal, zuletzt 2013, als PRIMORDIAL spielten. Die Feuerstelle im Video zu „Voor Immer“ sieht genauso aus wie auf der Alm.

Wir haben unsere Freunde von der Neudegg-Alm an diesen Ort in Belgien eingeladen, um das Feuer dort zu errichten. Ich habe die Zeit in Österreich sehr genossen. Das Feuer dort war kraftvoll und intensiv, aber auch seltsam für uns Belgier. Für die Österreicher findet das zweimal pro Jahr statt, sie haben sich schon daran gewöhnt. Aber ich spüre die Kraft und Energie dieses Rituals und deshalb wollte ich sowas auch hier in Belgien haben, aber es hätte sich falsch angefühlt, das einfach zu kopieren. Also fragte ich Barth und René, ob sie uns nicht besuchen und uns helfen wollten. Es war wundervoll, dass sie sich sofort bereit erklärt haben und zu uns kamen. Es ist ihr Ding und ich bin sehr dankbar dafür, dass wir ihnen einen Platz in unserer Welt geben durften.

Habt ihr das Lied dann für den Auftritt zu diesem Feuer geschrieben?

Nein, „Voor immer“ wurde für eine Zeremonie ein paar Jahre zuvor geschrieben. Das haben wir mit zwei Videokünstlern und einer schweizerischen Butoh-Tänzerin aufgeführt. Das wurde 2018 zum hundertsten Jahrestag vom Ende des Ersten Weltkriegs und zum Wiederaufbau der belgischen Städte und Gemeinden aufgeführt, und dafür schrieben wir „Voor immer“.

Eines der anderen Feuer, zu denen ihr Musik gemacht habt, hat mich sehr beeindruckt. Da wurden die Leute aufgefordert, ihre schwersten unverarbeiteten Verluste aufzuschreiben.

Das hat Tony Kanwa Adikusumah aus Indonesien gestaltet. Er machte eine Statue aus einem sehr großen Baum. Die wurde im Kunstzentrum in der Stadt für ein paar Wochen aufgestellt. Die Bürger wurden dazu eingeladen, dass sie dort hingehen und ihre schwersten unverarbeiteten Verluste aufschreiben und in Fächer, die in die Statue hineingearbeitet wurden, steckten. Nach ein paar Wochen wurde die Statue in den Park transportiert und wir haben sie dann zusammen mit vielen anderen Menschen einbalsamiert und entzündet. Und dann haben wir natürlich die Musik dazu geschrieben. Das war wirklich ein schöner Moment. Und es toll, dass so viele Menschen mitgemacht haben und etwas aufgeschrieben hat.

Verstehe. Weil jeder etwas hat, das noch offen ist.

Ja, da waren viel mehr Leute, als wir es uns vorgestellt haben. Es hätte auch sein können, wir mit diesem Projekt allein blieben, aber es haben sich viele Menschen angeschlossen.

Amenra – © Stefaan Temmerman

Die Fragmente der Musik wurden also für diese Rituale geschrieben. Wie habt ihr daraus dann ein in sich stimmiges Album gemacht? Hat Lennart einfach die Stücke dann noch etwas angepasst?

Ja, er hat das meiste davon geschrieben. Als wir all diese Stücke geschrieben hatten, wussten wir ja nicht, dass da ein Album entstanden war. Wir hatte eine gewisse Menge Musik für verschiedene Deadlines – das waren die Feuer – geschrieben. Irgendwann bemerkte Mathieu dann, dass wir eigentlich ein Album fertig war. Dann haben wir uns die Songs aus dem Blickwinkel des Songwritings für eine Platte angeschaut. Wir haben ein bisschen die Längen verändert und ein paar Dinge verformt, so dass es passte. Es war gut, dass wir eingangs nicht bemerkten, dass wir da ein Album erschufen, weil wir so sehr frei und befreit von Erwartungen waren. Und somit hatten auch Dinge keinen Einfluss auf uns, die uns eben schon beeinflusst hätten, wenn wir bewusst „unser neues Album für RELAPSE“ geschrieben hätten. Das wäre dann ein völlig anderer Blickwinkel gewesen. Wir sind jedenfalls sehr froh, dass wir so unbewusst gearbeitet haben.

Ihr habt außerdem mit Tim de Gieter auch einen neuen Bassisten, der sich in letzter Zeit schon durch echt starke Produktionen profiliert hat. Ist er einfach in eurer lokalen Szene aktiv, so dass ihr euch eh kanntet?

Nein, er kommt mehr aus der Brüsseler Ecke. Wir haben einen ganz anderen Background. Wir kennen ihn schon seit vielen Jahren. Er spielt bereits seit 2017 mit uns, wir haben ihn erst vergangenes Jahr als offizielles Bandmitglied bekannt gegeben. Trotzdem hat er unseren ehemaligen Bassisten schon immer wieder ersetzt, als dieser auf Tour mit einer anderen Band war. Daher haben wir Tim gefragt, ob er nicht mitmachen wollte, da wir auch ohne Levy aktiv sein und Musik schreiben wollten. Somit war Tim von der ersten Note an dabei. Er ist auch ein verdammt guter Produzent. Wir haben das Album so aufgenommen, wie wir es geschrieben haben, ohne so richtig zu wissen, was da entstand. Wir waren zu Hause und entspannt, in unserem kleinen Kreis der Fünf. Und Tim ist ein wundervoll getriebener, energetischer Mensch, der uns gut in seine Kraft hineinzieht. Und das ist nach 20 Jahren wirklich schön. Wir haben einen gewissen Arbeitsrhythmus, und dann kommt dieser tasmanische Teufel, bei dem immer was los ist, und das gibt den älteren Jungs wieder etwas Drive, der vielleicht etwas verloren ging.

Ich habe noch eine letzte Frage: Ihr seid von NEUROT RECORDINGS zu RELAPSE gewechselt. Auf eurem alten Label wart ihr abseits von NEUROSIS die größte Band. Generell wurde es um NEUROT etwas ruhig in den letzten Jahren, abgesehen von den STEVE VON TILL-Alben. War das der Grund für den Wechsel?

Nein, sie haben uns unglaublich gut unterstützt. Vorher kannte uns niemand, wir wurden noch nicht wirklich akzeptiert, die meisten sahen uns als „die Band, die wie NEUROSIS sein will“. Aber ab da und dadurch dass NEUROSIS uns unter ihre Fittiche nahmen, veränderte sich alles. Sie öffneten uns mehr Türen, als wir es zuvor für möglich gehalten hätten. Und es entstand eine starke Freundschaft. Aber NEUROSIS ist einfach ihr Ding, sie sind eine Band, die nebenbei ein Label haben und dadurch kleinere Bands, die sie möglich, unterstützen können. Das haben sie zwei Alben lang getan, aber es ist nicht ihre eigentliche Aufgabe. Wenn Bands wie wir dann eben größer werden, ist es schwieriger, für sie dazu sein. Wir waren beide der Meinung, dass es besser für AMENRA etwas eher adäquates suchen müssen. Und deshalb ist es super, dass wir mit RELAPSE zusammenarbeiten, die viele talentierte Menschen beschäftigen, die den Bands Vollzeit Unterstützung geben. Sie kennen die Mechanismen des Business, aber erlauben uns dennoch unser Ding durchzuziehen. Ich meine, ein flämisches Album auf einem amerikanischen Label ist auch ein Glücksspiel. Wir haben auch viele Freunde auf RELAPSE wie INTEGRITY, FULL OF HELL, YOB und KING WOMAN, die haben auch gemeint, dass das passen würde. Wir haben uns in Philadelphia dann persönlich kennen gelernt, da hat es klick gemacht und der Rest ist Geschichte.

Ich habe noch eine Frage als Zugabe. Es wurde angekündigt, dass ihr im November in Belgien eine Aufführung namens „The Mirror“ plant – geht es da etwa um den Film von Tarkowski?

Ja, wir machen einen Soundscore zum Film. Wir haben die Musik geschrieben und performen sie live zum Film.

Wow, das klingt, als müsste ich ein Zugticket nach Belgien buchen.

(Lacht) Ich bin mir ziemlich sicher, dass es da noch ein paar Shows in Deutschland geben wird.

Oder doch einen Livestream? Machen es diese Livestreams für euch leichter, solche speziellen Shows Menschen weltweit verfügbar zu machen? Also ihr habt den Aufwand einmal, könnt aber Menschen auf der ganzen Welt erreichen?

Nein, das macht es nicht leichter. Das produzieren eines solchen Streams ist nicht wirklich einträglich für uns als Band. Da fühlt man sich wie ein Schauspieler und als würde man einen Film drehen. Wir geben unser Bestes, aber das ist nichts, was wirklich mögen. Wir machen es aus Respekt für unser Publikum, um ihnen in diesen Zeiten eine Alternative zu bieten.

Colin, vielen Dank für deine Zeit, die Stunde ist wie im Flug vergangen.

Danke auch Dir. Ich hoffe, wir sehen uns bald in Deutschland.

Ich hoffe, die Tour im Herbst wird stattfinden.

Die erste Tour wird eine Akustiktour werden und daher wird es bestuhlt sein. In diesem Setting empfinden wir es unpassend, heavy zu spielen. Und die Tour wird auf April verschoben.

Na herzlichen Dank, Covid19. Bis bald Colin!