THE HAUNTED: Unseen

THE HAUNTED: Unseen

Reisen wir zurück ins Jahr 2006. Das relativ uninspirierte Pflichtalbum „Versus“ existierte damals noch nicht einmal auf dem Papier und THE HAUNTED hatten mit „The Dead Eye“ gerade einen ebenso mutigen wie fantastischen Neuanfang gewagt. Die Art und Weise, wie die Schweden ihr Thrash-Fundament mit progressiven Stilmitteln verjüngten, war seinerzeit einzigartig; die Vorgehensweise nicht zuletzt dank eines überragenden Peter Dolving zeitlos. Nach dem lauen „Versus“ also nun mit „Unseen“ eine Rückbesinnung auf das Meisterstück? Nicht ganz, denn wie der Vorgänger kocht auch das neue Album das Rezept von „The Dead Eye“ in fast schon routinierter Weise auf, versetzt den Schwerpunkt nur diesmal stärker in Richtung der melodischen Aspekte und vor allem Dolvings markanter Stimme.

„Unseen“ balanciert auf einem schmalen Grat

„Unseen“ klingt durch diese Maßnahme deutlich experimenteller und variabler, erkauft sich dies jedoch durch das Risiko, der Fangemeinschaft endgültig vor den Kopf zu stoßen. Thrashlastige Wutbrocken gibt es anno 2011 kaum noch, am ehesten dürften das groovende „Them“ sowie „The City“ noch die Geschmäcker der traditionellen Anhängerschaft befriedigen. Eingängiges Material wie „No Ghost“, der Titeltrack und „Never Better“ hingegen stellt nicht nur den Großteil von „Unseen“, sondern balanciert auf einem schmalen Grad zwischen Klasse und bemühter Ideenlosigkeit. Zwischen den ungewöhnlichen Stücken vom Schlage eines „Disappear“ und dem am Nu Metal angelehnten „Catch 22“ geschieht oftmals für geraume Zeit kaum Nennenswertes. Das Material bleibt zwar auch in den schwächeren Phasen überdurchschnittlich und doch lässt das wenig kreativ heruntergespielte „Motionless“ die Frage aufkommen, wie diese Band je einen Jahrhundertsong wie „The Fallout“ schreiben konnte.

THE HAUNTED verlieren ihre zähneknirschende Entschlossenheit

Wo „Versus“ unter teils uninspirierter Riffware zu leiden hatte, verhält es sich bei „Unseen“ genau anders herum: Treibende Thrash-Songs treten zu weit hinter das experimentelle Korsett zurück und verantworten so ein Ungleichgewicht zugunsten des Letzteren mit der Folge, dass THE HAUNTED diesmal nicht allein die großen Momente abgeben, sondern auch die zähneknirschende Entschlossenheit, welche den Hörer, einmal damit konfrontiert, bedingungslos vor die Anlage fesselt. „Unseen“ aber läuft relativ unscheinbar durch; stört nicht, unterhält ganz gut, ist allerdings danach auch wieder vergessen. Wo ist sie, die bittere THE HAUNTED-Wahrheit, die dich wie ein Vorschlaghammer ins Gesicht trifft und dein Weltbild langsam auf den Kopf stellt, während sich dein Mund mit Blut füllt und du dich an deinen eigenen Zähnen verschluckst? Sie ist auf „Unseen“ genauso wenig zu sehen wie die zwingenden Hits der Vergangenheit.

Vielleicht ist ein klarer Schnitt nötig

Trotz vieler guter Ideen, einem gewohnt überragenden Peter Dolving und dem sensationellen Beweis, dass Tue Madsen-Produktionen auch mal warm und originell klingen können, bleiben THE HAUNTED mit „Unseen“ deutlich unter ihren Möglichkeiten. Die Ansätze sind gut, die Umsetzung alles andere als schlecht, verglichen mit dem Opus magnum „The Dead Eye“ aber doch nur ein weiterer vergeblicher Versuch, an dieses heranzukommen. Vielleicht wäre ein klarer Schnitt nötig, ein radikalerer Stilbruch, als es „Unseen“ versucht zu sein, um sich in Zukunft von diesem alles überragenden Schatten der eigenen Vergangenheit zu emanzipieren. „Unseen“ ist an und für sich ein gutes Album, aufgrund seiner ähnlichen Herangehensweise ist die Nähe zum großen Bruder jedoch viel zu deutlich, um einen Vergleich vermeiden, geschweige denn gewinnen zu können. Schon wieder.

Veröffentlichungstermin: 18.03.2011

Spielzeit: 42:29 Min.

Line-Up:
Peter Dolving – Vocals
Anders Björler – Guitar
Jensen – Guitar
Jonas Björler – Bass
Per Möller Jensen – Drums

Produziert von Tue Madsen
Label: Century Media

Homepage: http://www.the-haunted.com

THE HAUNTED „Unseen“ Tracklist

01. Never Better
02. No Ghost
03. Catch 22
04. Disappear
05. Motionless
06. Unseen
07. The Skull
08. Ocean Park
09. The City
10. Them
11. All Ends Well
12. Done

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.