MESHUGGAH: Destroy Erase Improve

Wie es wohl klingen mag, wenn Einstein, Hawkins und Heisenberg mit einem Haufen Jazzmusiker an Bord ungebremst auf eine Betonwand knallen?

Die Pädagogikfachwelt ist nach wie vor ratlos, was den Umgang mit hochbegabten, hyperaktiven Kindern angeht. Ein Lösungsvorschlag von Prof. Dr. Rachendrachen: Gebt den Kiddies Instrumente in die Finger, beschäftigt sie nebenbei mit komplexer Mathematik, und herauskommen wird über kurz oder lang ein Album wie MESHUGGAHs Destroy Erase Improve, jede Wette. Was die schwedischen Krummtaktfetischisten auf ihrem Meisterwerk an brachialer Kompliziertheit vom Stapel lassen, kann man am besten wohl als Paarungsakt von Nuklearphysik, Jazzstudium und der Angriffslust eines wirklich angepissten Löwenrudels beschreiben. Alleine schon der Opener Future Breed Machine wälzt nach ein paar schrägen Eingangstönen mit wüsten Stakkatoriffs und Jens Kidmans brachialem Gesang alles nieder. Dabei legen die Krachmacher jedoch eine unglaubliche, einzigartige Präzision und Vertracktheit an den Tag, die so manchem Meisterchirurgen seine gelungenen Herztransplantationen wie ungenaues, hingeschludertes Pfuschwerk erscheinen lassen dürften.

Und exakt an dem Punkt, an dem der erstmalige Hörer meint, dass ihm nun bald sämtliche Gehirnwindungen durchknallen werden, schwingt der Song um in einen flashigen Akustikteil, der von einem Fusionsolo gekrönt wird, bevor der Härtegrad wieder perfekt bis hin zum Schlußinferno graduell gesteigert wird. Auch in der Folge besticht jeder Song durch ein ganz eigenes Gesicht, ohne dabei eines der vielen Qualitätsmerkmale der Band zu vernachlässigen. Bedingungslose Härte, scheinbar grenzenlose Kreativität und fast spielerisch wirkende Progressivität auf höchstem Niveau finden sich in jedem der Stücke zuhauf wieder, sei es ein eher schleppender Track wie Soulburn, die Raserei von Terminal Illusions oder die vordergründige Gradlinigkeit von Suffer In Truth, die erst beim genauen Hinhören die vielen kleinen Details offenbart, die so manchen Nachwuchsmusiker dazu brachte, gefrustet sein Instrument in der Ecke verstauben zu lassen.

MESHUGGAH erreichen auf ” Destroy Erase Improve” ersmals höchstes musikalisches Niveau

War das Debüt Contradictions Collapse bei aller Faszination noch mit dem Makel fehlender Prägnanz behaftet – da die Jungs zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz im Klaren darüber gewesen zu sein schienen, was sie mit ihren überbordenden Fähigkeiten und Ideen anfangen sollten – so stellte die MCD None mit Songs à la Humiliative, Gods Of Rapture oder auch dem intensiven Ritual die Weichen für die Krönung in Gestalt von Destroy Erase Improve, wo die Bedeutung von höchstes musikalisches Niveau eine klare Wandlung erfuhr. In der Folge konnte noch das Soloprojekt von Gitarrist Fredrik Thordendal, FREDRIK THORDENDAL´S SPECIAL DEFECTS, mit dem etwa 40-minütigen Song Sol Niger Within zumindest in den ersten 20 Minuten an die grandiose Gottgleichheit von Destroy Erase Improve anknüpfen, während Chaosphere von vielen Fans als Enttäuschung empfunden wurde, da es die Band auf diesem Album versäumte, die durchgängige mörderische Härte wie zuvor mit den unverwechselbaren Fusionparts und der bei aller Komplexität zuvor stets gegebenen Eingängigkeit zu koppeln und lediglich eine Lehrstunde in Sachen Brachialität und rhythmische Fähigkeiten darstellte.

Der Einfluss von “Destroy Erase Improve” dürfte Legion sein

Während nun die Musikwelt auf das überfällige, schon seit einiger Zeit angekündigte neue Album der Verrückten wartet, bleibt unbestritten, dass Destroy Erase Improve eine vielen bis heute nicht klargewordene Hauptrolle in vielen Bereichen heftiger Musik spielte und nach wie vor innehat. Die Zahl der Acts – angefangen bei Nu Metal-Lärmern über Thrashbands bis hin zu vielen Progbands, für die dieses Album Inspiration und Einfluss war und ist, dürfte Legion sein. Zurecht, denn MESHUGGAH haben in all diesen Bereichen bedeutende neue Maßstäbe gesetzt, die bis heute in dieser Intensität und allumfassenden Perfektion nicht wieder von anderen Acts erreicht worden ist, auf Platte wie auch live, wo die Schweden im Anschluss an den Release von Destroy Erase Improve ihre überaus schwierig zu spielenden Stücke nicht nur präzise und tight ohne Ende ins oft nur staunend dastehende und gebannt lauschende Publikum knallten, sondern auch mit extremer Bewegungsfreude auftrumpften.

Gitarrist Fredrik Thordendal schaffte es beim Konzert in Stuttgart sogar noch, während er ungerührt seine 7/4-, 19/4- und 12761234976/16-Takte runterholzte, den damals mit HYPOCRISY für MESHUGGAH eröffnenden Peter Tägtgren zu verfolgen und sich mit einem Fußtritt für dessen Lausbubenaktion, Fredrik onstage die Hosen runterzuziehen, zu revanchieren…

VÖ-Datum: 25. Juli 1995

Tracklist:
Future Breed Machin
Beneath
Soulburn
Catatonic Transfixion
Vanished
Acrid Placidity
Inside What´s Within Behind
Terminal Illusions
Suffer In Truth
Sublevels

Line-Up:
Jens Kidman – Gesang
Fredrik Thordendal – Gitarre
Marten Hagström – Gitarre
Tomas Haake – Schlagzeug
Peter Nordin – Bass

Spielzeit: ~47:00 min.

Label: Nuclear Blast Records

http://www.meshuggah.net

Produziert von MESHUGGAH