DØDSENGEL: Bab Al On

Eine okkulte Offenbarung: „Bab Al On“ zeigt DØDSENGEL als zeremonielle Meister auf den Spuren einer ganz großen Metal-Legende.

Ich gestehe: Als Kind musste ich oft in die Kirche, und jetzt, da ich selbst Kinder habe, merke ich auf einer weiteren Ebene, was das für ein Wahnsinn war. Die Zeremonien der katholischen Kirche sind nicht gerade menschen-, geschweige denn kindgerecht – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf Aufbau und Spannungsbögen. Eine Zeremonie sollte etwas Heiliges verströmen, uns an etwas anbinden, das größer ist als wir selbst. Stattdessen ist eine sogenannte heilige Messe nichts als tumbes Runterbeten von auswendig gelernten Befehlen. Kein Wunder, dass normale Kinder dort nach fünf Minuten anstrengend werden.

Dabei sehnen sich viele Menschen doch danach, angebunden zu sein zu etwas Höherem, das erfüllt das Sein mit Sinn. DØDSENGEL haben das begriffen und setzen dies auf ihrem fünften Album besser um, als je zuvor in ihrer Karriere. „Bab Al On“, eine Hommage an die gleichnamige Göttin, obwohl natürlich ein zutiefst okkultes Album, verströmt etwas Großes. Gleich vorweg: Es hat gefühlt ewig gedauert, bis ich in dieses Werk eintauchen konnte. Es ist komplex, groß, vielschichtig, sperrig, ausufernd, eben nicht für diejenigen, die Musik gerne nebenbei konsumieren. Und gerade gegen Ende des Jahres, wenn die Konsumenten wegen drohender AOTY-Listen mit ihrer eigenen FOMO kämpfen, ist die eingehende Beschäftigung mit so einem Album schwerer als sonst.

„Bab Al On“ verlangt Hingabe: DØDSENGELs Hommage an die thelemische Göttin ist komplex und überbordend.

Aber: Es lohnt sich. Und es lohnt sich, andere Musik liegen zu lassen und in diesen Kosmos einzutauchen. Denn „Bab Al On“ deckt ein riesiges Spektrum ab, das andere nicht so ohne Weiteres vermengen würden. Wie bereits angedeutet, DØDSENGEL sind eher Zeremonienmeister als nur eine einfache Band. Es ist vermutlich verfrüht das zu behaupten, aber „Bab Al On“ wirkt wie ein Bruder im Geiste zu „Monotheist“ von CELTIC FROST. Auch hier trifft das Rituelle, Mystische, Introvertierte auf extremen Metal. Und generell werden auch stilistisch immer wieder Erinnerungen an die Schweizer Pioniere bewusst.

Die beiden Bandmitglieder Kark und Malach Adonai haben für „Bab Al On“ eine klare Vision, und sie ist ganzheitlich in deren Kontrolle. Fünf Jahre nach dem starken „Interquinox“ gehen DØDSENGEL keine Kompromisse ein. Die Black Metal-Komponente der Musik biedert sich keiner aktuellen Strömung an, kalte Brutalität oder rohes Material bleibt außen vor, viel mehr setzt „Bab Al On“ auf relativ einfache, aber effektive Riffs und setzt eher Altbewährtes frisch um. Es verwundert somit nicht, dass „Ad Babalonis Amorem Do Dedico Omnia Nihilo“, „In The Beginning“ und „Hour Of Contempt“ sehr eingängig und energetisch sind und dennoch nicht als Hits herausstechen. „The Lamb Speaks“ und „In The Heart Of The World“ präsentieren eher die ausladende, epische und hypnotische Seite von „Bab Al On“, und die ist es, die auch am ehesten in Erinnerung bleibt, weil DØDSENGEL hier so unvergleichlich ihre Kraft bündeln.

Gerade die epische Seite von „Bab Al On“ beeindruckt – und doch haben DØDSENGEL auch ein Händchen für eingängiges Material.

Das wird verbunden durch die choralen Elemente in „Annihilation Mantra“, „Angus dei“ und „Dies Irae“. Diese dritte Seite des Albums nimmt überraschend viel Raum ein, auch wenn sich DØDSENGEL nur auf Atmosphäre und Gesang konzentrieren. Und hier zeigt sich auch ganz klar die Stärke von „Bab Al On“: Kark ist nicht nur ein talentierter Komponist in Bezug auf Riffs, seine Stimme ist wahnsinnig vielseitig, entsprechend scheut er sich nicht, viel auf Klargesang zu setzen und erzeugt so einige Gänsehautmomente. Im extremen Spektrum ist da alles von fiesem Geschrei hin zu tiefen Growls und Tom G. Warrior-Gebrüll, und DØDSENGEL binden intuitiv das ein, was der Song gerade braucht.

Somit ist es auch beeindruckend, sich in Gedächtnis zu rufen, dass hier nur zwei Musiker zu hören sind. „Bab Al On“ überrascht in allen elf Stücken, und das immer wieder aufs Neue. So vielschichtig und tief ist das Album komponiert und mit einer wirklich starken Dramaturgie ausgestattet. Und es ist wirklich sehr erschöpfend, durch die Länge und diese ganzen Facetten. Vielleicht ein wenig zu sehr, denn es kostet jedes Mal aufs Neue Überwindung und Mut, sich auf DØDSENGELs fünftes Album einzulassen und ihm zu folgen. Der theatralische Überbau, den das Duo zeremoniell darbietet, ist stellenweise vielleicht auch ein wenig zu viel des Guten und gegen Ende verlieren sich DØDSENGEL in ihrer eigenen Vision – aber dieses ganz subjektive Gefühl hatte ich bei „Monotheist“ zunächst auch.

Eine starke Dramaturgie und eine exzellente Gesangsperfomance zeichnet „Bab Al On“ aus.

Dennoch ist „Bab Al On“ ein mächtiges Album, das eine gänzlich andere Seite des okkulten Black Metal zeigt. Wem es in diesem Kontext nach mehr Aggression und Wildheit dürstet, hat mit „Gehinnom“ von GEVURAH jüngst das passende Gegenstück bekommen. Wer Zeit und Ausdauer mitbringt und ein Album sucht, das die Zeit anhält und es schafft musikalisch und visuell, einen ganz eigenen Raum zu entfalten, wird hier definitiv fündig.

Wertung: 8 von 11 Liturgien

VÖ: 16. Dezember 2022

Spielzeit: 72:11

Kark – Vocals, Guitars, Bass
Malach Adonai – Drums

Label: Debemur Morti Productions

DØDSENGEL „Bab Al On“ Tracklist:

1. Ad Babalonis Amorem Do Dedico Omnia Nihilo (Official Audio bei Youtube)
2. In The Beginning
3. Annihilation Mantra
4. Waters Of Unravelling
5. Bursting As Boils From The Backs Of Slaves
6. The Lamb Speaks
7. Agnus dei
8. Hour Of Contempt
9. In The Heart Of The World (Official Audio bei Youtube)
10. Dies Irae
11. Abomination Gate

Mehr im Netz:

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