ANTICHRISIS: Perfume

ANTICHRISIS: Perfume

Das ist die Meldung des Jahres, zumindest für Menschen, die den Werdegang von ANTICHRISIS aufmerksam verfolgt haben – Sid ist verheiratet! Glücklich! Und er macht TROTZDEM noch Musik.

Zur Erklärung: Auf den beiden Vorgängeralben, „Cantara Anachoreta“ und „A Legacy Of Love“, hat Mastermind Moonshadow/Sid sein Innenleben ausgebreitet wie selten ein Seelenexhibitionist vor ihm. Herrscharen von Musikfreunden waren erschüttert über seine unglückliche Liebe zu einem Menschenwesen namens Eva; gespannt wie sonst nur bei der obligatorischen Lektüre der Frauenzeitschriften beim Zahnarzt verfolgten sie in Interviews sämtliche Details der traurigen Liebesgeschichte, die ihren Höhepunkt in der Meldung, Moonshadow habe Selbstmord begangen, erreichte. Tja, dem war nicht so, nur sein Pseudonym hatte sich um die Ecke gebracht – das war aber nicht schlimm, denn „A Legacy Of Love“ bot unter neuem Pseudonym (Sid) immer noch die selbe Liebesgeschichte und dem geneigten Romantiker weiter Grund zum Schmachten. Das musikalische Gerüst dazu bestand auf „Cantara Anachoreta“ aus Gothic (Metal), und auf „A Legacy Of Love“ aus poppigem Irish Folk Rock mit leichten Gothic/Metal-Einflüssen.

Doch nun ist alles anders: Sid hat die Liebe seines Lebens gefunden, eine Frau namens „Dragonfly“, das dritte Album ist draußen (mit IHR als Sängerin, denn sie kann singen), und die Texte handeln nun nicht mehr von Liebe, sondern von Liebe. Gut, worüber sollte Sid auch sonst schreiben, immerhin liefert er mit „Hole In My Head“ und „Goodbye To Jane“ (Neuaufnahme des alten Songs) Versuche der Gesellschaftskritik ab, aber im Großen und Ganzen bleibt es bei Liebe – glücklicher Liebe wohlgemerkt, und das hört man. Jeder Fan der oben benannten Gattung wird sich die Augen ausheulen beim herrlich poppigen „Like The Stars“, das die Geschichte des Kennenlernens von Sid und Dragonfly erzählt – seinen Hang zum Seelenexhibitionismus hat der gute Mann also nicht verloren. Wohl aber (zum Teil) seine Liebe zum Irish Folk, denn von dem ist nur noch wenig zu hören. Klar, Näx’ prägnantes Dudelsackspiel ist immer noch vorhanden, aber es tritt nicht mehr in den Vordergrund, und vor allem wird es von den neuen elektronischen Beats, dem teilweise richtig aggressiven Sprechgesang und den ebenso aggressiven Gitarrenriffs übertönt – ja, richtig gelesen, ANTICHRISIS arbeiten anno 2001 mit Elektronik, härteren Gitarren und Sprechgesang. Daraus resultierend wird die Atmosphäre der Musik deutlich moderner, poppiger. Und das steht der Band erstaunlich gut zu Gesicht, wenn man erstmal seine Trauer über den Verlust der schönen Folk Songs verdaut hat. Denn Songs wie „Wasteland“ oder eben das wunderschöne „Like The Stars“ sind Ohrwürmer par excellence, „We Are The Witches“ kombiniert ein 70er-Jahre Riff mit der Moderne, und es gibt sogar eine superpoppige Version von „Baleios“, hier „Carry Me Down“ betitelt, das, man glaubt es kaum, mit starken Trip Hop-Elementen kokettiert. Man kann sagen, was man will: ANTICHRISIS sind unberechenbar – und das ist gut so. Schade nur, daß Sid immer noch nicht weiß, wann ein Song besser zu Ende sein sollte. Jeder einzelne Song nämlich ist länger als nötig (acht Minuten nach dem Strophe-Refrain-Strophe-Prinzip wirken auf die Dauer ermüdend); außerdem sind mit „Gates Of Paradise“ und „Whole Lotta Love“ (ja, Coverversion!) zwei recht überflüssige, weil mittelmäßige Songs enthalten. Der Rest jedoch weiß wie gewohnt zu überzeugen – wenn man offen ist für neues. „A Legacy Of Love“ können ANTICHRISIS allerdings mit Sicherheit niemals übertrumpfen, dafür war das Album einfach zu gut. „Perfume“ ist jedoch, für sich betrachtet, ein wunderschönes Pop-Album, das durch seine Vielfalt (von Folk bis Trip Hop alles drin) zu überzeugen weiß. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt und freue mich schon auf die nächste Runde Seelenstriptease à la ANTICHRISIS.

VÖ: 09.04.2001

Spielzeit: 66:43 Min.

Line-Up:
Dragonfly – vocals, keyboards, percussions

Sid – vocals, keyboards, bass, guitars

Alexander “Näx” May – Uillean Pipes, Low-, Tin- & Wood Whistles

Jens “Gnu” Bachmann – guitars

Tilo „Waran“ Rockstroh – keyboards & drum-loops

Kugator – drums

Produziert von Jens Bachmann & Sid
Label: Black Rose/Napalm

Homepage: http://www.antichrisis.de

Email: mail@antichrisis.de

Tracklist:
1. Hole In My Head

2. Carry Me Down

3. We Are The Witches

4. Wasteland

5. Like The Stars

6. Gates Of Paradise

7. Something Inside

8. Dragonflies

9. Goodbye To Jane

10. Whole Lotta Love

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.