Alice im Wunderland [Filmkritik Kino]

Alice im Wunderland [Filmkritik Kino]

Er kann einfach nicht aus seiner Haut. Stil-Ikone Tim Burton legt seine Lesart der Romane Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln vor. Das Ergebnis auf großer Leinwand ist exakt so geworden, wie man es sich erwartet hat…

Burton rollt den Klassiker gleichsam von hinten auf. Schon als kleines Mädchen wurde Alice Kingsley (tadellos: Mia Wasikowska) von den immergleichen Wunderland-Träumen geplagt. Jetzt ist sie 20 Jahre alt und auf dem Weg zu einem Fest, das sich als ihre Verlobungsfeier entpuppt. Doch die Kindfrau flüchtet kurzerhand vor der feinen Gesellschaft. Von einem majestätischen Soundtrack (Danny Elfman) vorwärtsgepeitscht, geht es kopfüber durch das Kaninchenloch zurück ins Land ihrer Träume. Doch auch dort ist nichts mehr so, wie es einst war…

Mit allem, was die moderne Tricktechnik hergibt, kreiert Burton das Wunderland neu. Vor allem die Detailfreude ist dabei unglaublich: Am Hof der roten Königin sind selbst die Glieder der Hundeketten in Herzform geschmiedet – was in der das Kinoabenteuer unterstützenden 3-D-Technik natürlich bestens zur Geltung kommt.

Leider bleibt bei diesem formvollendeten Augenschmaus die Geschichte auf der Strecke. Nach vielversprechendem Einstieg kippt „Alice im Wunderland” nach dem ersten Drittel in ein völlig voraussehbares Fantasy-Märchen Marke „Der Herr der Ringe light trifft auf Jeanne d’Arc”: Hol dir das mächtige Vorpal-Schwert und töte den bösen Drachen, auf dass der Märchenwald von der bösen Königin befreit werde!

Immer neue Figuren tauchen auf und werden durchgereicht, selbst ein schwer greifbarer Charakter wie die Grinsekatze mutiert flugs zum geselligen Kumpel im Kampf gegen das Böse. Der Kitschalarm schwillt minütlich an.

Obgleich es vorab hieß, dass sich Burton eng an die literarische Vorgabe gehalten habe, wirkt das Ergebnis halbgar, blutleer, zerfahren und mutlos. Viele liebgewonnene Szenen aus dem Buch fehlen, was verschmerzlich wäre – gäbe es denn adäquaten Ersatz. Doch Burton denkt nur noch mit dem Auge. Als Geschichtenerzähler noch nie sonderlich stark, punktet der Visionär allein dank computergenerierter Perfektion. Doch auch hier stellt sich die Frage: Muss ich noch mit lebenden Schauspielern arbeiten, wenn die Figuren auf der Leinwand ohnehin bis zur Unkenntlichkeit am Computer nachbearbeitet werden (Matt Lucas gespiegelt als Zwillingspaar Diedeldum & Diedeldei)?

 

 

alice

Hinzu kommt, dass Tim Burtons „Alice” erschreckend brav und gefällig geworden ist. Das Verrückte und Verdrehte bei Lewis Carroll, sein Humor, das Verstörende, die Halluzinationen und das Grausame der literarischen Vorlage werden bereitwillig dem uramerikanischen Credo „du musst nur deinem Herzen folgen, dann wird alles gut” geopfert. Willkommen zurück bei der blitzsauberen Familienunterhaltung Marke Disney, die gänzlich ohne Ecken und Kanten auskommt und von der man gedacht hatte, der Konzern hätte sie zumindest ein Stück weit hinter sich gelassen.

Burtons Lebensgefährtin Helena Bonham Carter als böse Herzkönigin ist vorzüglich und setzt neben Alice-Darstellerin Mia Wasikowska die Glanzlichter das Films. Johnny Depp als verrückter Hutmacher hingegen beschränkt sich völlig darauf, Johnny Depp zu sein und einen Aufguss seiner bekannten Rollen zu geben. Ach hier kommt nichts mehr Neues nach.

Nach „Planet der Affen”, „Charlie und die Schokoladenfabrik” und „Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street” verhebt sich Tim Burton erneut an einer großen Vorlage. Man soll Künstlern ihre Produktivität nicht vorwerfen, aber vielleicht wäre das einstige Ausnahmetalent gut beraten, einfach mal einen Gang zurück zu schalten. Und vor allem sein langsam ermüdendes Personal zu wechseln.

 

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