THEATER DER HÄRTEREN KLANGART: 01011001, Kurhalle, Nonnweiler, 22.05.2016

THEATER DER HÄRTEREN KLANGART: 01011001, Kurhalle, Nonnweiler, 22.05.2016

Mit einer ordentlichen Portion Skepsis machte ich mich vergangenen Sonntag auf den Weg in die saarländische Pampa. Ein Amateur-Theaterverein hatte zu seiner Inszenierung des AYREON-Konzeptalbums 01011001 geladen. Die gleiche Truppe hatte zwei Jahre zuvor bereits The Human Equation erfolgreich auf die Bühne gebracht. Die Verantwortlichen dürften also gewusst haben, worauf sie sich einlassen. Dennoch: Die opulenten Stücke des Albums mit den Nullen und Einsen hatte bei mir bis dato immer nur Kopfschütteln der Headbanging-freien Sorte ausgelöst. Tolle Sängerinnen und Sänger verknoten sich in unübersichtlichen Handlungs- und Melodiefäden. Dazu dann noch Außerirdische, Kometen und (natürlich) das Ende der Welt.

Um es vorweg zu nehmen: Das Unwahrscheinliche gelang! Aus dem sperrigen Konzeptalbum wurde eine kurzweilige Rockoper, die glänzend in Szene gesetzt wurde. Doch nun der Reihe nach.

An die 300 Interessierte, viele davon schwarz gekleidet, tummelten sich in der Nonnweiler Kurhalle, als um 17 Uhr das Saallicht ausging und die ersten Stimmen von der Bühne Zero beziehungsweise One sprachen. Als Rahmen gab es zur Musik teils ausführlichere Szenen in deutscher Sprache, welche die in den Texten angedeutete Handlung aufgriffen. Los ging es mit acht Außerirdischen, die vor langer Zeit den Weg in Richtung Unsterblichkeit einschlugen. Schon hier wurde deutlich, dass die Bühnenfassung dem Originalalbum überlegen war. Denn aus den körperlosen Stimmen wurden plötzlich greifbare Figuren, Charaktere mit individuellen Ecken und Kanten. Und starke Gesangstimmen hatten sie natürlich auch, da zur Besetzung zahlreiche Mitglieder lokaler Metal-Bands gehörten.

Musikalisch gab es praktisch keine Kompromisse: Neben Gitarren, Bass, Keyboards und Schlagzeug gab es noch Streicher und Querflöte. Auch die folkigen Stücke kamen dadurch schön dynamisch zur Geltung. Obwohl über ein Dutzend verschiedener Sängerinnen und Sänger – teilweise gleichzeitig – auf der Bühne standen, war der Gesamtsound sehr gut abgemischt. Alle Stücke des Albums wurden in voller Länge zelebriert. Dass die Instrumentalisten auch als Aliens geschminkt waren, unterstrich nicht nur die Atmosphäre der ersten Hälfte. Es bot auch die perfekte Begründung dafür, nicht wild moshend über die Bühne zu fegen, sondern – gerade bei den Maschinen-bezogenen Stücken – gezwungen starr und nüchtern zu agieren.

Abgerundet wurde das ganze Spektakel durch eine stimmige Lichtshow mit gezielten Videoeinspielungen. Insgesamt bewegte sich die Produktion freilich nicht immer auf höchstem Niveau. Atemberaubende Spezialeffekte, Pyros, Hebebühnen – all das fehlte. Wobei es eigentlich nicht fehlte. Schließlich wurden die Zuschauer auch so in den Bann der Geschichte gezogen.

Nach der Pause (und dem etwas verlorenen Einstieg mit Web Of Lies) kam die Handlung dann richtig in Schwung. Dass sie zugleich (noch) wirrer wurde, war dem Originalmaterial geschuldet. Was das Theater der härteren Klangart unter der Regie von Yannik Trampert aus der Vorlage gemacht hatte, blieb trotz Telepathie und Kometenreise weitgehend schlüssig. Und wenn es inhaltlich zu holpern anfing, rettete die leidenschaftliche Performance der Bühnenakteure mühelos die Stimmung. Zudem steckte in den neu hinzugekommenen Zwischenteilen eine beeindruckende Kreativität. Für AYREON-Fans gab es als Insider-Witz dabei die eingestreute Nachrichtenmeldung aus dem Jahr 2069 über den ersten Mann auf dem Mars: Ed Warby.

Aliens und Apokalypse gepaart mit progressiv angehauchtem Metal waren freilich keine leichte Kost. So richtig euphorisch wurde der Beifall auch erst am Ende nach dem dramatischen Finale. Ich würde eigentlich gerne Einzelleistungen hervorheben, doch die Aufführung lebte von so vielen Details und Momenten, dass ich auch gleich die ganze Besetzungsliste kopieren könnte. Deshalb möchte ich am Schluss dieses Berichts stattdessen nochmals die enorme Leistung des gesamten Ensembles hervorheben und den Hut ziehen vor dem Mut und der Ausdauer, die nötig war, um so ein Ereignis auf die Beine beziehungsweise auf die Bühne zu stellen. Vielen Dank für zweieinhalb fesselnde Stunden schauspielerischer und musikalischer Kunst!

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