OVERKILL im Hirsch, Nürnberg, am 14. Februar 2010

OVERKILL im Hirsch, Nürnberg, am 14. Februar 2010

OVERKILL sind in der Stadt, und so oder so ist es ein besonderer Konzertabend. Denn Sänger Bobby Blitz Ellsworth hat in Franken, genauer gesagt im Nürnberger Hirsch, noch eine Rechnung offen …

Zuletzt stand der Fünfer aus New York City 2002 auf der Bühne des Musikclubs in der Vogelweiherstraße. Nicht von ungefähr gelten OVERKILL als eine der besten Livebands ihres Genres, und auch im Sommer jenen Jahres war die Luft am brennen und der Mob am toben. Doch nach sechs Songs fasste sich Bobby Blitz plötzlich an die Brust, stolperte rückwärts und segelte bewusstlos die Treppe Richtung Backstage hinunter. Ein Schlaganfall – mitten auf der Bühne. Dieser drahtige, vor Kraft und Vitalität strotzende Hüne – gefällt wie ein Baum. Das Konzert wurde abgebrochen, der Rest der Tour abgesagt.

Doch manchmal kommen sie wieder. Thrash Metal alter Schule erlebt ja eh gerade einen zweiten Frühling. All die alten Helden (TESTAMENT, EXODUS, HEATHEN, DEATH ANGEL) haben sich mit großartigen Platten zurückgemeldet, und auch OVERKILL haben mit Ironbound die beste Scheibe seit langem (W.F.O.?) am Start. Pünktlich zum 25-jährigen Bandjubiläum heißt es Bring Me The Night! Der neongrüne Fledermaus-Schädel aus der Gosse des Molochs am Hudson River flattert wieder – heute durch die fränkische Nacht.

Vom üppigen Vorprogramm kriegen wir noch den neuesten Nucel Bla-Hype
SUICIDAL ANGELS mit, dessen auf alte Schule gebürsteten Rumpelthrash kein Mensch braucht. Verdammte Axt, beim Killfest USA waren unter anderem VADER und GOD DETHRONED im Aufgebot. Und hier? Zweite Liga Griechenland.

Egal. Nach längerer Umbaupause ist glücklich Abfahrt angesagt. Nürnberg empfängt OVERKILL wie den verlorenen Sohn, und die Buben lassen auch zum 25-Jährigen nix anbrennen. Wieselflink preschen die New Yorker in die Nacht hinein, vorneweg wie immer D.D. Vernis wild galopierender Bass. Im Saal ist es jetzt gesteckt voll, es bleibt kaum Platz zum Headbangen, was echt nervt.

Mag das Songwriting der nimmermüden Truppe heute verkopfter und weitaus ausgefeilter sein – OVERKILL haben sich viel von ihrer kühnen Unschuld bewahrt, die das Debüt (hier und heute vertreten mit vier Beiträgen) 1985 atmete. Jener nie wieder gehörte Bastard aus Speed, Thrash, Punk und Power Metal begeistert bis heute ungebrochen, doch schon auf dem Zweitling Taking Over klang die Truppe zumindest für meine Ohren ja schon ein ganzes Stück anders.

Auch ein Vierteljahrhundert später wird es ein rundum schelmischer Abend, keine Frage. Jedes Mal, wenn Blitz die Bühne verlässt, ist man kurz erschrocken, doch diesmal kehrt der Obersympath immer wieder zurück – und divt ganz am Ende sogar noch kurz in die Menge.

Dennoch hat TheWill2Kill in der Feinanalyse hinterher am Tresen Recht: Die setlist haben wir so in der Art auch schon erlebt. Wie ihre Vorbilder MOTÖRHEAD erweisen sich auch Blitz, Verni & Co. als wenig spontan, um nicht zu sagen als nachgerade faul, was das Durchmischen ihres Live-Programms angeht. Dabei schlummert doch gerade auf dem fulminanten Frühwerk der Formation (remember Bobby Gustafson?) so manche Perle, die zu heben mal echt ein Verdienst wäre. OVERKILL sind auch so eine Band, von der man sich mal eine Skeletons In The Closet-Tour à la GAMMA RAY und IRON MAIDEN wünscht. Mit derart statischen Setlists wird das Ganze jedoch immer ein wenig den Anstrich eines Produkts haben.

Allerdings habe ich für meinen Teil OVERKILL lange nicht gesehen und war entsprechend angetan von Ostküsten-Evergreens wie Feel The Fire und Gasoline Dream, und auch der erste Teil der Overkill-Saga ist in diesem Leben live bislang noch nie an mein Ohr gedrungen. Elimination ist der Song, den ich in dieser Nacht neu entdecke und der mich durch die nächste Woche trägt. Ansonsten gefällt bei OVERKILL 2010 noch mehr als früher dieser punkrockige Einschlag bei Nummern wie Fuck You, Old School, Sonic Reducer und Bring Me The Night.

setlist OVERKILL
(14. Februar 2010 – Hirsch, Nürnberg)

1. The Green And Black
2. Rotten To The Core
3. Wrecking Crew
4. Battle
5. Hello From The Gutter
6. Overkill
7. Ironbound
8. In Union We Stand
9. Bare Bones
10. Feel The Fire
11. Gasoline Dream
12. Bring Me The Night
13. Elimination

14. Necroshine
15. Old School
16. Fuck You/Sonic Reducer