IMPERIAL STATE ELECTRIC, Factory Brains (25. Februar 2017, Würzburg B-Hof)

Imperial State Electric Nicke Anderson Konzertfoto

„Manchmal wundere ich mich schon, wie es bei unseren Konzerten abgeht“, sagte Nicke Andersson vor dem IMPERIAL STATE ELECTRIC-Auftritt in Würzburg.  Überraschend heftig ging’s dann später auch  im B-Hof zu.  „Sah so aus, als hättet ihr ne richtig gute Zeit gehabt“, meinte er hinterher – danke der Nachfrage, die hatten wir!

Wer geht eigentlich zu einem Konzert von IMPERIAL STATE ELECTRIC? Mit Metal hat Mützenträger Nike Andersson ja seit einiger Zeit nicht mehr so viel an derselbigen.  ENTOMBED wirken aber bis heute nach und auch die HELLACOPTERS haben ihre Fans bei den Metallern – im B-Hof rockten an diesem Abend dann auch zum Großteil Leute, die Anderssons Schaffen wohl schon seit mehr als 25 Jahren verfolgen.  

Bevor IMPERIAL STATE ELECTRIC für knapp zwei Stunden das gelobte Land des Rock ’n‘ Roll in den alten Gewölbekeller verlegten, machten FACTORY BRAINS den Anheizer – und glühten gut vor.

Die jungen Stockholmer haben offenbar ordentlich Nachhilfe in Sachen Stageacting genommen – und erteilten dem Publikum eine Lektion, wie das damals war, als CHUCK BERRY mit „Johnny B-Goode“ und den ersten Rockstar-Posen sein Publikum zum Ausrasten brachten.  Gitarre und Bass vor den Körper gestreckt, runter in die einbeinige Kniebeuge und über die Bühne gehüpft – sah gut aus, was Gitarrist und Sänger Niclas Edhenholm und Bassist Samuel Söderberg da veranstalteten  und machte allen Spaß.


Auf Platte sind die Songs vom aktuellen Album „Hard Labor“ viel blusiger, live gab’s ne gute Portion Rock, Dreck und Schweiß obendrauf. Das kam an, und der Schritt vom wohlwollenden Mitnicken und Füßewippen  zum Mittanzen und dem Griff zur Luftgitarre vor der Bühne war schnell gemacht.


Schlagzeuger Ludwig Näsvall war die Action im Publikum sogar ein paar Fotos mit dem Smartphone wert, die er neben seinen  Backingvocals, unglaublich vielen Grimassen  und Druming mal eben lässig zwischendurch knipste.

ZU DEN KONZERTFOTOS VON FACTORY BRAINS 

Und dann war‘ so weit – das Hemd gerade so weit aufgeknüpft, dass die auf dem Brusthaar gebetteten fetten Silberketten zur Geltung kommen, sagte Nicke Andersson und kurz „Hi“ und legte mit „It’s Ain’t What You Think (It’s What You Do)“ los – gleich zu Beginn mit großen Posen, den ganz großen Posen.

Dieser Mann hat einen eigenen Style,  Hemd mit Polka-Dots, enge Weste, abgeschrappte Stiefelspitzen, Admiralsmütze und raumfüllendes Charisma. Pech für seine Mitmusiker Bassist Dolf de Borst, Gitarrist Tobias Egge und Schlagzeuger Tomas Erikson – sie verschwinden einfach hinter der Ausstrahlung des Schweden.

 

Dabei muss er gar nicht immer im Mittelpunkt stehen: Später räumt er die Bühne für Dolf de Borst  – der stellt seinen abgegriffenen Bass zur Seite und übernimmt zum von ihm geschriebenen Track „No Sleeping“ das Mikro. Und zeigt dass auch ihn ihm eine coole Rampensau steckt.  Er macht seine Sache gut – und man stellt fest, dass IMPERIAL STATE ELECTRIC doch nicht nur eine Soloveranstaltung Anderssons ist.

Zuvor gibt es aber mit „Deja Vu“ ein erstes Highlight – jetzt ging das kollektives Mitgröhlen, enthemmtes Getanze und freundliches Gerempel im Publikum los. Am Ende des Abends gab’s in den ersten Reihen blaue und blutige Knie, doch Rock ’n‘ Roll muss man schließlich fühlen! Direkt danach die Übernummer „Anywhere Loud“. „It’s my thing and it’s loud – I’m the player and I am the crowd – You can’t take that away – It will never be overplayed“ singt Nicke mit seiner Band – und die Vier meinen es genau so. Der Sound war übrigens bombig – bei Bedarf auch vom Meister nochmals fein am Gitarren-Effektboard nachjustiert.


Die Setlist ein Ritt durch die fünf Alben „Imperial State Electric“, Pop War“, „Reptile Brain Music„, „Honk Machine“ und „All Through The Night“ , und wo auf Platte noch unterschiedlichste Nummer nebeneinander stehen, wird live plötzlich alles zu einer Einheit, zum einem großen Fest, einer Hommage an das, was Rock ’n’Roll ausmacht:  laute Musik mit eingängigen Hooks und mitreißenden Rhythmen, große Gesten mit hingebungsvollen Soli, die vorgereckte Gitarre als Fanal einer guten, schweißtreibenden Zeit. Die Posen wirken nie einstudiert, nie aufgesetzt – diese Band liebt und lebt, was sie da tut.

„Reptile Brain Music“ am Ende des regulären Sets war nochmals die Definition dessen, was IMPERIAL STATE ELECTRIC ausmacht: Musik, die sofort in die Beine und in den Teil des Hirns geht, der für unsere Instinkte zuständig ist: Scheiß‘ auf verschwitze Klamotten, auf kleine Blessuren, auf das Klingeln im Ohr – hier gibt’s die Chance auf einen verdammt guten Abends, die man hier, jetzt, sofort und in vollen Zügen genießen sollte.

Der Aufforderung, noch ein bisschen weiterzuspielen kam die Band dann auch prompt nach. Als Bonus gab’s eine Coverversion von CREEDENCE CLEARWATER REVIVALS „Fortunate Son“ und „Let Me Throw My Life Away“. Da waren wohl noch  ein, zwei Songs, doch die Einzelheiten habe ich nicht mehr im Kopf – denn das „Reptile Brain“ hatte gewonnen!  

 

IMPERIAL STATE ELECTRIC – Würzburg – 25.02.2017

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andrea

Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin…