DOOM IN BLOOM, 7. April 2018 – Konzertbericht

Fünf sehr unterschiedliche Bands zeigten, wie abwechslungsreich Doom Metal sein kann

Es war einer der ersten richtig warmen und sonnigen Frühlingstage, und trotzdem machten sich viele Doom-Jünger am 7. April auf nach Esslingen zum DOOM IN BLOOM VI. Und es hat sich gelohnt, denn sie erwartete ein rumum gelungener Konzertabend, mit perfekter Organisation, tollen Bands und richtig guter, familiärer Stimmung. Bericht: Andrea und WosFrank, Bilder: Markus.

FROM YUGGOTH: eher unkuscheliger Sound

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Dröhnender Drone von FROM YUGGOTH eröffnete das DOOM IN BLOOM

Nach 18 Uhr betreten die Dresdener FROM YUGGOTH vor noch überschaubarem Publikum die Bühne und eröffnen das DOOM IN BLOOM schlichtweg klassisch dröhnig zäh. Doom im eigentlichen Sinne macht sich breit, dargeboten mit einer guten Portion Drone-Dreck. Rumreiten auf einem Riff, wo sich „normale“ Metalheads fragen, wann die Band denn mal auf den Punkt kommt, der traditionelle Doomer hingegen entrückt denkt „ach lasst euch nur Zeit“. Da ist man gar überrascht, wenn ein Song fast abrupt nach nur zwei Wiederholungen endet statt den erwarteten vier bis vierzig.

Ein eher schüchterner Knabe an der Gitarre, der halt die klassischen Riffs abliefert, die wir alle von BLACK SABBATH, SAINT VITUS und Co. kennen und lieben. Ein Freak an den Drums, der mit teils jazzigem Drumming zeigt, dass er bei BILL WARD gern genauer hingehört hat. Der Basser bewegt sich sogar ab und zu mal und setzt mit eher sparsamen, verzweifelt bis wütend keifenden Vocals Akzente – im sonst je nach Geschmack zu zähen oder halt herrlich traditionellen Sound. Schöner Gesang geht anders, aber er macht den eh unkuscheligen Sound des Trios noch fieser. Die Gitarre wird gern mal durch Hall und Wah aufgeblasen, und einen Rickenbacker so tief zu stimmen – entweder ist man irre oder will es genauso oder wahrscheinlich beides. Das kann nicht schön klingen, soll es wohl auch nicht. So verfolgen die langsam nachrückenden Zuschauer den Gig interessiert, aber einigen zieht sich hier doch vieles zu sehr in die Länge. Mir jedenfalls hat es Spaß gemacht, „Thy Serpent Eyes“ auf dem Rücken der Begleitung mitzuspielen, ohne es zu merken. Will meinen, dass es hier nichts Neues zu entdecken gab, FROM YUGGOTH haben aber ordentlich abgeliefert und zumindest die Fraktion der Oldschool-Doomer fett bedient. Dabei hatten sie passende Unterstützung vom wirklich guten und fetten Sound, den das Team in das KOMMA gezaubert hat. Die grau-düsteren Projektionen auf der Bühnenwand haben das passend abgerundet. (Wosfrank)

BEES MADE HONEY IN THE VAIN TREE: optisch jung, musikalisch eher alt

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BEES MADE HONEY IN THE VAIN TREE sorgten für den ersten Flow beim entzückten Publikum

Dann ist es Zeit für die Stuttgarter BEES MADE HONEY IN THE VEIN TREE. Optisch recht jung, musikalisch ganz alt. Nicht nur die nun recht hippiesken Farbspiele an der Bühnenwand deuten darauf hin, dass das Team vom DIB hier seine Begeisterung für psychedelische Klänge ausleben will. Auf dem Album klingen die Schwaben sehr psychedelisch mit lauten Elementen. Hier live auf der Bühne ändert sich das Klangbild jedoch gewaltig. Die Band drückt herrlich heavy und kraftvoll. Dass eine Band, die ihren Namen so geschmackvoll an einem Albumtitel von EARTH orientiert, nicht nur zum Blümchen pflücken kommt, ist klar. Immer wieder gibt es eben die lauten Ausbrüche, die live noch mehr als auf dem Album nach SAINT VITUS-Riffs klingen. Vor allem wenn zur Sethälfte mal eben die Instrumente noch tiefer gestimmt werden. Denn auch die Stuttgarter gewinnen mit dem fetten Gesamtsound und bauen nicht nur in den kraftvollen Momenten eine Intensität auf, die man ihnen vom Album her so nicht zugetraut hätte. So räumen BEES MADE HONEY IN THE VEIN TREE schlichtweg ab und versetzen das sichtlich entzückte Publikum in einen packenden Flow, nicht nur in den vorderen Reihen wird fleißig getanzt.

Der noch nicht immer so sichere Gesang, mal vom Drummer, mal vom Lead-Gitarristen, wirkt teils sehr sphärisch, bleibt angenehm sparsam nur ein Farbklecks im bunten Gesamtsound. Ausgedehnte psychedelische Parts ziehen einen immer wieder zurück, immer wieder tauchen mittlere PINK FLOYD auf. Vor allem natürlich bei den ausufernden Soloeinlagen. Und wenn zum Ende hin kurz richtig Gas gegeben wird sieht man, dass der Großteil der Zuschauer voll drin ist im packenden Flow, den die vier Jungs aufbauen. Gerade wenn sie es so krachen lassen, kommen wieder SAINT VITUS in den Sinn. Wenn es dann doch zart psychedelisch zu Ende geht und man in die beeindruckten Gesichter vieler Zuschauer schaut, weiß man, dass BEES MADE HONEY IN THE VEIN TREE heute reichlich Fans gewonnen haben und B.S.T. schon ordentlich abliefern müssen. (Wosfrank)

B.S.T.: fetter, maskuliner Sound mit reichlich Metal und etwas Sludge

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B.S.T. überzeugtem mit fettem, kraft- und emotionsvollem Doom

Aber die Hamburger Jungs geben sich wie gewohnt berechtigt selbstbewusst. B.S.T. wissen was sie können, und das belegen sie auch heute wieder. „Stimmen“ vom aktuellen Album „Unter Deck“ walzt drückend von der Bühne. Ist man Fan der Band, dann ist man sofort in anderen Dimensionen unterwegs. So langsam zieht es auch wieder die Leute rein, die draußen nach BEES MADE HONEY IN THE VEIN TREE die Reste der tollen Frühlingssonne genossen haben. Erinnerungen ans DOOM SHALL RISE werden wach, welches ja auch oft mit tollem Wetter gesegnet war. Doom und Frühlingsgefühle passen halt einfach zusammen!

Natürlich prollen B.S.T. ordentlich, ohne dabei überheblich zu wirken. Ihr Sound ist kraftvoll und heavy, passt also! Wie zu erwarten, gibt es danach fette Gänsehaut. Mit „Aufgabe“ rühren sie tief in mir wie schon auf dem Album. Jetzt cool bleiben, sind die Jungs da oben ja auch. Schaut man sich um, sieht man, das B.S.T. ihre Stärke erfolgreich ausspielen. Ihr fetter, maskuliner Sound mit reichlich Metal und etwas Sludge zeigt Wirkung. Auch wer mit dieser Art von Doom nichts anfangen kann, fängt an, sich im zähen Groove zu bewegen. Wenn der Song ausbricht ist überall Doomdancing angesagt, schön zu sehen! Witzig, welche Diskussion so eine Flying V auf der Bühne auslösen kann, nicht nur im vampster-Team. Hallo? In fast jeder Doom METAL Band wird sie gespielt! Zeit, das eigene Baby mal wieder auszupacken! „Brenne“ spielen sie selten, toll diesen Song auch mal live zu hören. Man fühlt sich plötzlich sehr einsam unter all diesen Menschen.

Mit „Die Moral“ gibt es einen Oldie vom Debütalbum „Die Illusion“, fies und zäh. Die Interpretation von CHRISTY MOORE´s „Ride On“ kommt souverän wie immer, englisch können sie halt auch. Ultra heavy beendet „Die Hoffnung“, ebenfalls vom Debüt, geschmückt mit seinem schönen FLOYDigen Solo eine Show, die sichtlich mehr Leute begeistert, als diese selbst anfangs wohl vermutet haben. Sicher, nicht jeder mag es, wie B.S.T. sich präsentieren. Aber wer so fetten, kraft- und emotionsvollen Doom zelebriert, der kann nicht rumstehen, als wenn er den Enten auf der Binnenalster beim Federputzen zuschaut. Auch der kratzig-herbe deutsche Gesang von Heiko ist nicht jedermanns Sache. Aber genau so passt er zum Sound von B.S.T. Ok, dass er am Vorabend nach dem Gig im osthessischen Lauterbach nicht gleich ins Bett gegangen ist, dass hört man heute doch deutlich. Egal wie souverän die Kollegen abgesehen von ein paar Minipatzern ihren Job machen, das disziplinierte und Punktgenaue Drumming von Jan Galinski bietet der Band ein fantastisches Fundament. Ihm zuzuhören macht sogar einem Doom-Gitarristen richtig Spaß! Wie der komplette Gig der Hamburger. Ja ja, wie versprochen, wie sehen uns jetzt öfters! (Wosfrank)

MESSA: spooky Piano-Klänge plus umwerfende Sängerin

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MESSA-Sängerin Sara stahl ihren Bandkollegen die Show

MESSA sagen über sich selbst, dass sie keine herkömmlichen Doom Metal-Tracks schreiben. Ihr Geheimnis: ein Fender Rhodes Piano – Fans von Twin Peaks kennen dieses Instrument! Die Italiener hatten außerdem ihr neues Album „Feast For Water“ im Gepäck und spielten es in voller Länge – und dafür interessierten sich offenbar ziemlich viele, denn vor der Bühne wurde es voll. MESSA haben aber nicht nur spooky Piano-Klänge im Repertoire, sie haben mit Sängerin Sara auch eine ungewöhnliche Frontfrau in ihren Reihen. Anfangs versteckte sich die zierliche Lady noch etwas hinter ihrer roten Lockenmähne, wurde aber von Minute zu Minute sicherer und baute Kontakt zum Publikum auf, das förmlich an ihren Lippen hing – denn ihre Stimme ist ebenso außergewöhnlich wie die Songs, die sanft irgendwo zwischen Drone a la SUNN O))), Doom und Klangcollagen pendeln.

Saras Gesang erinnert mich an ANNEKE VAN GIERSBERGEN (THE GATHERING, VUUR)  – obwohl die Niederländerin komplett andere Musik macht. Aber: Beide haben eine glockenhelle, klare und kräftige Stimme und singen ohne Opern-Trallala oder andere erzwungene Effekte. „Wir spielen Doom mit Jazz-Vibes, Frauengesang und einer verrauchten Atmosphäre. Songs, um unterzugehen und wieder aufzutauchen“, so kündigten MESSA ihren Auftritt beim DOOM IN BLOOM vorab an – und sie erfüllten die Erwartungen: Auch wenn die neuen Songs weitaus sperriger wirken als die Tracks vom 2016er Album „Belfry“ schaffte es die Band live, das Komma in ein Paralleluniversum mit psychedelischen Farben, Formen und Klängen zu verwandeln. Mittendrin und vornedran Sängerin Sara, die ihren Kollegen mit ihrer unprätentiösen und ehrlichen Art schlicht die Show stahl. Und so versank man gemeinsam in den Wogen des JazzDoomDrone von MESSA, ließ sich treiben, schnappte nach Luft und ließ sich von den Soundwogen davontreiben.

CARDINALS FOLLY:  lauter, rockiger, cooler als die andern

 

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CARDINALS FOLLY haben ihr Logo in Holzscheiben gebrannt und tragen es um den Hals

CARDINALS FOLLY konnten zumindest gut zwei Drittel der sanft entschwebten Doomer im Komma wieder aufwecken und baten zum Doom Dancing statt selbstvergessenem Taumel. Das finnische Trio war für HANGMAN’S CHAIR eingesprungen, die kurzfristig absagen mussten. Und auch die Reisestrapazen (Flughafen-Transfer verpasst, Instrument verloren gegangen) brachten die Retro-Doomer nicht aus der Ruhe – die „Deranged Pagan Sons“ spielen klassischen Doom, bei dem es auch mal flotter und rock’n’rolliger zur Sache geht.

Die Gitarren hängen eins tiefer (Gitarrist Juho Kilpelä trinkt auch mal eins mehr), der Verstärker ist eins lauter, die Riffs sind eins mächtiger. Drummer Joni thront hinterm Drumkit und spielt das Ride-Backen mit weit ausgestrecktem Arm, formt mit seinen Drumsticks in den Pausen umgedrehte Kreuze und lässt sich mit unbewegtem Gesicht feiern. Seine verspiegelte Sonnenbrille und das, was nur nach verdammter Coolness aussieht, hat einen Grund: Der Mann ist blind.

CARNINALS FOLLY boten nicht nur mitreißende Doom-Hymnen, sondern überraschten auch mit Band-Merch der anderen Art: Jeder der drei Musiker hatte sich mit einem Lederband eine Holzscheibe mit dem Bandlogo um den Hals gehängt. Trotz später Stunde zeigten CARDINALS FOLLY vollen Einsatz und schonten weder sich noch das Publikum: Der Schweiß floss über die nackten Oberkörper, es wurde nach mehr Bier verlangt, Gitarrist Juho legte sich gar irgendwann auf die Bretter und spielte im Liegen weiter. Und alles in allem was das ein sehr spaßiger Abschluss eines tollen Konzertabends mit sehr, sehr unterschiedlichen Bands.

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...