AC/DC, VOLBEAT, BOON am 22. Juni 2010 im Olympiastadion in Berlin

AC/DC, VOLBEAT, BOON am 22. Juni 2010 im Olympiastadion in Berlin

Gigantisch, gewaltig, unsterblich – mit diesen Superlativen lässt sich nicht nur der Mammut-Bau des Berliner Olympiastadion beschreiben, sondern auch die dort gastierenden Legenden von AC/DC. Neben IRON MAIDEN sind sie mit Sicherheit die ältesten und besonders aktivsten Vertreter des Genres. Doch gerade das Ableben von RONNIE JAMES DIO kürzlich hat gezeigt, dass auch für die vermeidlich Unsterblichen früher oder später einmal die Zeit kommt. Und gerade bei einer Dienstzeit über 35 Jahre mag man nicht so recht abschätzen können, welches Konzert, welche Tour, welches Album nun das letzte sein könnte. Angus Young & Co waren bisher jedoch über jeden Zweifel erhaben. Album und Tour machten den Eindruck eines zweiten Frühlings. Auch dieses Jahr wollten sie wieder zeigen, dass bei ihnen noch lange nicht an Ruhestand und Rheumadecke zu denken ist. Mit im Gepäck: die Alternativ-Metaller BOON und Überflieger VOLBEAT. Alles in allem also beste Voraussetzungen für einen unvergesslichen und denkwürdigen Abend.

Dieser begann für mich leider später als erwartet. Auf dem Highway vor Berlin ging es leider weniger gen Hölle – um genau zu sein ging es eine ganze Weile nirgendwohin. Auch in der Nähe des Olympiastadions ließ sich nicht viel Zeit rausholen. Ein scheinbar fehlendes Parksystem sorgte für Chaos in einigen Seitenstraßen und lange Fußmärsche. Das bedeutete für mich vor allem, dass ich BOON komplett verpasst habe und von VOLBEAT lediglich das letzte Lied „Still Counting“ sehen konnte. Allerdings musste ich auch erst mal den Anblick des bis unters Dach gefüllten Stadions verdauen. Ein Eindruck den man so schnell auf jeden Fall nicht vergisst! Eine über 70.000 Mann starke, bestens gelaunte Kulisse, mit der auch VOLBEAT ihren Spaß gehabt zu haben schienen. Allerdings wurde gleich deutlich: Der Sound ist für die Größe des Areals doch sehr verhalten.

Statt nerviger Vuvuzelas gab es, wie es sich auf einem Konzert der australischen Urgesteine auch gehört, rote Blinkhörner überall im Stadion verteilt. Das einzige was hier an den Fußball erinnerte war die minutenlang anhaltender Laola-Welle auf den Rängen. Weniger gut zu bestaunen war allerdings die Bühne. Sicherlich dürften sich auch einige Fans in den ersten Reihen über den leicht überdimensionalisierten Steg in die Stadion-Mitte geärgert haben. Meine Sichtprobleme waren dann wohl doch eher der verspäteten Anreise zu zuschreiben. Doch glücklicherweise gibt es dafür ja die vier großen Leinwände auf und neben der Bühne. Zum ersten Mal wusste ich diese Idee auch wirklich zu schätzen. Den die Personen auf der Bühne waren dann doch mit dem menschlichen Auge nicht wahrnehmbar. Und ich stand in der Mitte des Innenraumes. Aber egal, für AC/DC nimmt man auch mal ein Public Viewing in Kauf.

Pünktlich um 21Uhr legte dann der Rock`n`Roll Train per Animationsfilm ab, und nahm Fahrt auf um sich 2 Stunden lang durch die Musik-Geschichte zu pflügen. Ähnlich ihrer 2009er Setliste lieferten sie erneut einen guten Mix aus unsterblichen Evergreens und Black Ice-Songs. Allerdings vermisste man auch so einige Überraschungen.

1)Rock´n´Roll Train
2)Hell ain´t a bad place to be
3)Back in Black
4)Big Jack
5)Dirty Deeds Done Dirt Cheap
6)Shot down in Flames
7)Thunderstruck
8)Black Ice
9)The Jack
10)Hell´s Bells
11)Shoot to Thrill
12)War Machine
13)High Voltage
14)You shook me all Night long
15)T.N.T.
16)Whole Lotta Rosie
17)Let there be rock
18)Highway to Hell
19)For those about to rock (We salute you)

Ein Set das kaum Wünsche offen ließ. Die Altherren ließen keinen Zweifel aufkommen und haben 120 Minuten lang wirklich alles gegeben. Allen voran natürlich Angus himself der sich auf der Bühne noch immer einen Wolf rennt. Sein ganzes Auftreten gleich immer noch dem vor gut 20 Jahren. Auch bei seiner unendlichen Solo-Einlage bei Let there be rock zeigt er nicht nur, dass er weiß wo auf seinem Griffbrett die Töne liegen. Neben dieser traditionellen Frickel-Orgie haben AC/DC vor allem eins zu bieten: puren rotzigen Rock´n´Roll. Sie lassen sich nicht von den Möglichkeiten einer solchen Kulisse hinreißen und fackeln eine Inszenierungs-Maschinerie ala RAMMSTEIN ab. Nein, bei ihnen ist es dann doch überraschend bodenständig ausgefallen. Wie im Vorjahr posiert wieder eine Dampflok auf der Bühne, die dann von der aufgeblasenen Whole Lotta Rosie bestiegen wird. Außerdem lässt es sich Brian Johnson natürlich nicht nehmen sich wieder an die Hells Bells zu schwingen. Nackte Haut gab es zuvor während The Jack, als einige eingeblendete Frauen spontan ihre Hells Bells dem dankbaren Publikum präsentierten. Abgeschlossen wurde die Geschichtsstunde dann von den üblichen Salut-Schüssen und einem großen Feuerwerk über dem Stadiondach.

Eine solide Show, bei der die Hauptakteure nicht einen Moment geschwächelt haben, aber auch leider wenig bis gar nicht vom gewohnten Standardprogramm abgewichen sind. Ich weiß nicht, vielleicht ging es ja auch nur mir so, aber irgendwie habe ich noch dieses gewisse Etwas vermisst, dass den Abend wirklich auf ewig in mein Gedächtnis brennt. An ihrem Legenden-Status möchte ich in keinster Weise zweifeln, allerdings ist es doch recht überschaubar, was man von solch einem Ereignis mitnimmt. Und dabei meine ich nicht das überteuerte Tour-Merchandise…

Gastreview von Stephan Gebhardt