A DECADE OF PROGRESSIVE DEATH METAL mit OBSCURA, DARK FORTRESS, ILLEGIMITATION, HOKUM: Landshut, Alte Kaserne, 15.12.2012

A DECADE OF PROGRESSIVE DEATH METAL mit OBSCURA, DARK FORTRESS, ILLEGIMITATION, HOKUM: Landshut, Alte Kaserne, 15.12.2012

Es ist ein kalter Dezemberabend, die Straßen nass, der Boden matschig. Es ist einer dieser Abende, an denen man am liebsten keinen Fuß vor die Tür setzen möchte. Wir tun es trotzdem, denn für einen Mann ist heute kein gewöhnlicher Tag. Seit zehn Jahren steht Steffen Kummerer mit seiner Band OBSCURA auf der Bühne. Zehn Jahre lang hat er als einziges verbleibendes Gründungsmitglied mit dieser Formation alles mitgemacht – von den ersten Schritten über den Kraftakt des DIY-Handwerks bis hin zur ausladenden Welttournee in Folge des kometenhaften Aufstiegs seiner Formation innerhalb der letzten drei Jahre. Und genau diese zehn Jahre gilt es heute zu würdigen, zu feiern, unvergesslich zu machen. Dafür hat Steffen alle Register gezogen, ein Konzert-Line-Up zusammengestellt, das großartige Momente verspricht und gleichzeitig eine enge Verbindung zu OBSCURA bewahrt: Die Progressive Thrash Metal-Band HOKUM ist die langjährige Heimat des ehemaligen OBSCURA-Bassisten Jonas Fischer, die Black Metal-Avantgarde DARK FORTRESS kommt nicht nur aus derselben Ecke wie Kummerer, sondern hat mit V. Santura auch den Haus- und Hofproduzenten des Headliners in ihren Reihen, und mit ILLEGIMITATION, der eigens reformierten Urbesetzung OBSCURAs, hat dieses Jubiläum ein ganz besonderes Schmankerl im Gepäck.

So schlüssig sich das Rahmenprogramm zueinander fügt, so konsequent ist auch die Wahl des Ortes. Nicht Tokio, nicht New York oder München, sondern die Heimatstadt Landshut beherbergt das Spektakel. Und das, obwohl die Hauptstadt Niederbayerns traditionell als schweres Pflaster für den extremen Metal gilt: OBSCURA und DARK FORTRESS sind diesbezüglich fast wie die Propheten im eigenen Land – das größte Exportgut, das der Musikmarkt im Umkreis zu bieten hat, doch vor der eigenen Haustür quasi verkannt. Bezeichnend für den Stellenwert dieses Konzerts ist also, dass bis zum Ende des Abends knapp 400 Besucher den Konzertsaal der Alten Kaserne bevölkern. Eine so große Metal-Show gab es hier noch nie!, lässt Steffen Kummerer seiner Freude freien Lauf. Doch vor dem Resümee liegt erst einmal das Werk, das im Verbund über die Bühne gebracht werden will.

HOKUM

(c)
Setlist: 1. Creation Of Pain, 2. Collapsing Synapses, 3. Live To Suffer, 4. Impetus, 5. Inexorable, 6. Eroded

Als wir die geräumige Konzerthalle um kurz nach Acht betreten, stehen HOKUM bereits seit gut zwei Minuten auf den Brettern. Die Lücken in den vorderen Reihen vermögen wir zu so früher Stunde allein zwar auch nicht zu schließen, der Spielfreude des Quintetts tut dies aber keinen Abbruch. Dass HOKUMs Instrumentalkollektiv bereits seit vielen Jahren zusammenspielt, ist beim eröffnenden Gespann aus Creation Of Pain und Collapsing Synapses deutlich zu hören, das mächtige Live To Suffer drückt den Kopf anschließend tief zwischen die Schultern. Das kommt nicht von ungefähr – der von progressiven Strukturen durchzogene Thrash Metal schallt glasklar aus den Boxen, verschluckt kein Detail. Die idealen Voraussetzungen nutzen die Oberbayern, um mit Impetus einen neuen Song vorzustellen, der überraschenderweise vom typischen HOKUM-Riffing abweicht, ohne die Handschrift von Lead-Gitarrist Michael Vogl zu verwischen. Dass sich trotz der engagierten Leistung das Landshuter Publikum kaum zu Bewegung hinreißen lässt, ist ein Phänomen, das sich mit Abstrichen durch den gesamten Abend ziehen soll und eigentlich nur mit den eisigen Temperaturen vor der Halle zu erklären ist. Eine erfahrene Live-Band wie HOKUM beeindruckt das aber nur unwesentlich, sie beugt unterkühlten Halswirbeln lieber mit dem heute ungewohnt akzentuierten Inexorable vor, und siehe da, die Behandlung schlägt an, die ersten Köpfe setzen sich in Bewegung. Nicht im großen Stil, doch mit Überzeugung. Als Opener kann man damit zufrieden sein – das meinen wir und das sehen HOKUM sichtlich genauso.

Während der folgenden Umbaupause bleibt erstmal Zeit, die Bar zu besuchen und sich mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen. Während sich die Kaserne immer besser füllt, entwickelt sich der eine oder andere nette Plausch unter Konzertbesuchern. Hauptgesprächsthema des Abends: Steffen Kummerer, oder vielmehr seine Haarpracht, die er augenscheinlich abgelegt hat. Und tatsächlich, der schlicht gekleidete Kerl dort auf der Bühne ist kaum wiederzuerkennen, als er mit seinen alten Kollegen die Wiederauferstehung des OBSCURA-Urvaters in die Bahnen leitet.

ILLEGIMITATION

(c)
Setlist: 1. …And All Will Come To An End, 2. Crucified, 3. Fear, 4. Immanent Desaster, 5. Nothing, 6. Exit Life

Knappe 20 Minuten später – erfreulicherweise bleiben die Umbaupausen zwischen den Bands angenehm kurz – beginnt die von vielen ersehnte Zeitreise. Und es ist ein Trip in die Vergangenheit in gleich zweifacher Hinsicht. Zum einen steht hier eine Gruppe auf der Bühne, die in dieser Zusammensetzung tatsächlich seit vielen Jahren nicht mehr existiert und zum anderen legen ILLEGIMITATION in deutlicher Weise dar, welche gewaltige Entwicklung innerhalb einer Dekade stattfinden kann. Zieht man den Vergleich zu den heutigen OBSCURA, dann ist der Death Metal der Jungs – obwohl weitgehend sauber gespielt – ganz schön rumpelig. Klar, der verwaschene Sound in der Kaserne trägt seinen Teil dazu bei, von den filigranen Arrangements der Gegenwart ist das Material aber weit entfernt. In solchen Bahnen denken die anwesenden Landshuter jedoch nicht – ihre Begeisterung ist in der wohlig-nostalgischen Duftmarke dieser Show begründet. Aber auch der motivierte Auftritt des Quartetts trägt sein Übriges dazu bei. Besonders Bassist und Sänger Martin Ketzer grinst über beide Ohren, treibt sich bei Immanent Desaster selbst nach vorne, während Drummer Jonas Baumgartl im Hintergrund den Kasten zusammenhält, später sogar mit kurzer Instrumentaleinlage am Cello überrascht. Die Brücke zu OBSCURA schlagen ILLEGIMITATION schließlich in Form von Nothing und Exit Life vom Retribution-Album, die selbstverständlich mit Enthusiasmus aufgenommen werden. So wie für uns dieser Ausflug ein augenöffnendes Zeitzeugnis darstellt, sind diese 30 Minuten für Gitarrist Steffen Kummerer mehr als nur ein Warmspielen. Sie sind eine Herzensangelegenheit, ein Zurückblicken auf die Anfänge dieses Projekts. Es sind bedeutende Minuten, für den Bandkopf noch mehr als für die angereisten Fans der ersten Stunde – und das spüren wir in jedem Moment.

DARK FORTRESS

(c)
Setlist: 1. Iconoclasm Omega, 2. Self-Mutilation, 3. Osiris, 4. The Valley, 5. Poltergeist, 6. Hirudineans, 7. Baphomet, 8. Antiversum

Anders als es die steigenden Temperaturen im Club vermuten lassen, wird es musikalisch jetzt eisig. Iconoclasm Omega lautet der Auftakt des abwechslungsreichen Sets, das DARK FORTRESS mitunter fast schon zeremoniell zelebrieren. Klischeehaft sind aber bestenfalls die dramatischen Posen von Sänger Morean, dessen Auftreten in Verbindung mit seiner unheilvollen Untertonstimme aber gleichzeitig ungemein charismatisch und hypnotisierend wirkt. Addiert man noch die ghoulartigen Verrenkungen von Keyboarder Paymon hinzu, so formt sich ein grotesk-morbides wie faszinierendes Spektakel. Mit diesem rituellen Charakter im Rücken ist es für DARK FORTRESS ein Leichtes, ihr Material auch visuell so atmosphärisch zu untermalen, wie es ihnen in musikalischer Gestalt auf dem letzten Album Ylem gelungen ist. Dessen Titeltrack fehlt heute leider, das doomige The Valley sowie das einmal mehr grandiose Osiris entschädigen dafür mehrfach. Auch die älteren Stücke wie Self-Mutilation profitieren von der stimmungsvollen Lichtshow, während DARK FORTRESS ihren Hit Baphomet mit infernalischen Farbtönen feiern. Dass der Ton gerade zu Beginn undifferenziert durch die Halle jagt, ist schnell vergessen, als Morean mittels des erwähnten Untertongesangs die Studioversion von Poltergeist ganz schön alt aussehen lässt. Zwischen anspruchsvollen Soli und dem beeindruckenden Drumming von Seraph erhebt sich alsbald die Erkenntnis, warum DARK FORTRESS anders sind als andere Black Metal-Bands. Die Bühne ist kein Altar, um sich selbst zu huldigen, sondern um ihren vielgestaltigen Songs Leben einzuhauchen. Beendet wird das heutige Beschwörungsritual durch das unglaublich intensive Antiversum, das uns zunächst auf links dreht und uns dann zwischen Blastbeats, okkulten Gitarren und einem erhabenen Refrain unsere Einzelteile selbst wieder an den richtigen Platz setzen lässt – selbstverständlich nur im Kopf, aber das reicht für die antikosmische Vollbedienung.

OBSCURA

(c)
Bestens aufeinander eingespielt: Linus Klausenitzer (v.l.) und Steffen Kummerer.

So hochklassig das Programm bis zu diesem Punkt gewesen ist, es führt doch nur geschlossen zu einem Ereignis hin. Das Hauptargument für die Anreise ist für den Großteil der Konzertgänger selbstredend der Jubiläumsauftritt OBSCURAs, weshalb es verständlich ist, dass die Spannung jetzt von Sekunde zu Sekunde steigt. Nichts wäre für Steffen Kummerer und seine Mannen leichter, als diese Erwartungshaltung auszuschlachten, doch die Wartezeit bleibt erfreulich kurz; die Daumenschrauben bleiben zu Hause, weil später ohnehin kein Stein mehr auf dem anderen bleiben wird. Das Intro verstreicht daher unaufgeregt, erst die einsetzende Einführung von Septuagint lässt mit einem Mal alle Ohren gen Bühne wandern. Was folgt, ist eine technische Death Metal Show aus dem Bilderbuch. Die Gitarristen in der Menge starren ungläubig auf Christian Münzners Griffbrett, die Bassspieler haben schon jetzt Visionen feuchter Träume und die Hobby-Drummer schwitzen angesichts Hannes Grossmanns komplexen Patterns schon vom Zusehen, während allen Anwesenden gemein der Kortex gegen die Schädeldecke geprügelt wird. Ja, der Sound ist anfangs zu laut, die Doublebass übertönt viele Details in Vortex Omnivium und dem walzenden Ocean Gateways. Doch das ist eine Randnotiz in einem Set, das an der spieltechnischen Perfektion kratzt und so bedacht arrangiert wurde, dass jede Verschnaufpause im Aufgebot die Dynamik noch stärker kanalisiert. Vor allem das Instrumentalstück Orbital Elements, das dem umjubelt aufgenommenen Incarnated folgt, sowie das wahnsinnige Schlagzeugsolo von Grossmann stellen zwei Facetten gesondert heraus: Die Magie einer bestens aufeinander eingespielten Formation, genauso wie individuelle technische Brillanz.

(c)
Steffen Kummerer (links, mit Christian Münzner) stand an diesem Abend gleich zweimal auf der Bühne.

Bandkopf Steffen hat seine Heimatstadt fest im Griff, es findet sich kaum ein Moment zwischen den Songs, wo ihm nicht ein verschmitztes Grinsen durchs Gesicht fährt. Statt dem stereotypen unnahbaren Bad Guy steht ein sympathischer Frontmann vor uns, der es augenscheinlich genießt, die Früchte der harten Arbeit OBSCURAs zusammen mit seinen Kollegen nun auch in der Heimat zu ernten. Vielleicht bekommen wir auch deshalb ein besonderes Geschenk: Das monumentale Aevum beschließt den regulären Teil der Show – ein Song, den OBSCURA heute erst zum zweiten Mal live aufführen, so Kummerer. Die Deutschlandpremiere gelingt und so verabschiedet sich die Band, ein bisschen geplant, vorzeitig von der Bühne. Warum wir das wissen? Klare Sache, der Death Metal-Hit The Anticosmic Overload fehlt noch, den hat sich die Band für die Zugabe aufgespart. Und weil es mit Aevum allein noch nicht der Überraschungen genug gewesen ist, eröffnet uns Steffen vor dem gigantischen Ende mit The Centric Flow, dass die heutige Show für eine potenzielle Live-CD mit dem Arbeitstitel A Decade Of Progressive Death Metal mitgeschnitten wird. Welche Stadt sie sich dafür ausgesucht haben? Genau, nicht Tokio, nicht New York oder München, sondern Landshut. So motiviert gibt die Alte Kaserne noch einmal alles, bevor sie die fünf Jubilare – sichtlich erschöpft, aber glücklich – endlich entlässt.

Die anstehende Aftershowparty schenken wir uns mit der Gewissheit, dass man einen Geburtstag nicht schöner feiern kann, als es OBSCURA gerade getan haben. Wir nehmen an, dass uns da ein ganz bestimmter kurzhaariger Musiker aus Landshut beipflichten wird.

Weiter Bilder in der vampster-Fotogalerie.

Setlist OBSCURA:
01. Septuagint
02. Vortex Omnivium
03. Ocean Gateways
04. Universe Momentum
05. Incarnated
06. Orbital Elements
07. Drum Solo
08. Aevum
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09. The Anticosmic Overload
10. The Centric Flow

Flyer © OBSCURA.
Alle Fotos © Tatjana Braun (http://www.tati-net.de).