WARREL DANE: Musik als Therapie

WARREL DANE: Musik als Therapie

Mit Praises To The War Machine veröffentlicht der NEVERMORE und Ex-SANCTUARY-Sänger WARREL DANE dieser Tage sein erstes Soloalbum, auf dem er neben den üblichen, auch schon von NEVERMORE bekannten und geschätzen sozialkritischen Lyrics, einige seiner bisher persönlichsten Texte verfasst hat. Was den inzwischen braun gefärbten Sänger persönlich so bewegt und wieso SANCTUARY-Fans schon mal die Tourdaten gegen Ende des Jahres im Auge behalten sollten, erfahrt ihr weiter unten.

Hi Warrel, wie geht’s dir?

Gut, ich sitze hier in der schönen Dortmunder Innenstadt.

Wann und wieso hattest du die Idee, ein Solo-Album aufzunehmen?

Das wollt ich schon lange Zeit machen. Das erste Mal habe ich darüber nachgedacht, als wir mit NEVERMORE zu Dead Heart In A Dead World getourt haben. Da habe ich dann die Jungs von SOILWORK und somit auch Peter Wichers zum ersten Mal getroffen. Wir haben damals auf Tour zusammen rum gehangen und darüber gesprochen, irgendwann mal ein Projekt zusammen zu machen. Jahre später habe ich ihn dann angerufen und gesagt, dass ich denke, dass es jetzt an der Zeit wäre, das zu tun. Und auch das ist schon wieder einige Jahre her. Als NEVERMORE mit den Aufnahmen zu This Godless Endeavor fertig waren, war ich immer noch in Songwriting-Laune und wollte einfach nicht aufhören. Ich hatte so viel Spaß und es ging mir wirklich gut. Ich brauchte unbedingt etwas zu tun, also habe ich Peter angerufen und ihm gesagt, dass ich gerne etwas Eigenes machen und mit ihm zusammen Songs schreiben würde. Dann sind wir mit NEVERMORE allerdings Ewigkeiten für This Godless Endeavor auf Tour gewesen und ich konnte mit Peter nur mp3s über das Internet hin und her schicken und habe hinten im Tourbus an meinem Laptop gesessen und etwas Produktives getan, anstatt meine Hirnzellen zu töten, wie es so viele andere Musiker tun. So ging die ganze Sache los. Es ist wirklich cool für mich, ein Solo-Album zu machen, da NEVERMORE eine sehr gitarrenorientierte Band sind. Die Gitarren sind immer im Vordergrund. Ich weiß, dass viele Leute auch mich mit dem Sound von NEVERMORE assoziieren, aber mit diesem Projekt hatte ich die Möglichkeit, Songs zu schreiben, bei denen der Fokus wirklich auf dem Gesang liegt, und wirklich hart an starken Melodien und Harmonien zu arbeiten. Bei NEVERMORE ist es manchmal wirklich schwierig, zu dieser Musik melodisch zu singen. Und das ist es, was ich an NEVERMORE liebe, weil es eine Herausforderung ist.


Das Songwriting für dein Soloalbum ging also nach dem Release von This Godless Endeavor los.

Ja, so ziemlich.

Des Weiteren hast du mit Matt Wicklund (Ex-HIMSA) zusammen gearbeitet. Ich nehme an, ihr kennt euch, weil er wie du aus Seattle stammt?

Ja, ich kenne ihn schon seit langer Zeit, schon bevor er bei HIMSA war. Er hat eine kurze Zeit mit mir in dieser beschissenen kleinen Bar gearbeitet. Es war schön, dort zu arbeiten, weil es nah bei meinem Haus lag und ich nach Hause stolpern konnte. Aber ich bin froh, dass ich nicht mehr dieser Typ bin, der auf der Arbeit rumhängt und unter den Bar-Tischen fegt. Ich habe jetzt wirklich bessere Dinge, auf die ich mich konzentrieren kann. Ich kenne Matt schon lange und habe dann einige Sachen gehört, an denen er gearbeitet hat, und fand, dass es ziemlich cool klang. Ich dachte, dass es eine gute Idee wäre, mit ihm zusammen zu arbeiten und ein paar Songs mit ihm zu schreiben, weil ich auch wusste, dass ich jemanden brauche, um Live-Shows zu spielen – Peter möchte nicht mehr touren, weil er ein geregeltes Leben führen möchte.

Als ich gehört habe, mit wem du an dem Album arbeitest, habe ich eine Art Modern Metal-Album mit NEVERMORE-Gesang erwartet. Nun, das Album ist zwar durchaus recht modern ausgefallen, aber lange nicht so hart, wie ich erwartet habe. Was waren deine Einflüsse beim Schreiben sowohl der Musik, als auch der Texte?

Mein hauptsächliches Ziel war es, Songs zu schreiben, die dem Gesang wirklich Platz lassen, sich zu entfalten. Dazu müsstest du natürlich auch Peter fragen, woher er seine Inspiration genommen hat. Ich denke, er hat einfach Songs geschrieben, von denen er dachte, dass sie gut zu meiner Stimme passen. Bei den Texten war es eine etwas andere Sache wie bei NEVERMORE. NEVERMORE spielen wirklich wütende und bösartige Musik, die natürlich zu wütenden und bösartigen Texten und Gesang führt. Ich wollte für dieses Album Texte, die etwas schwermütiger, düsterer und vielleicht auch melancholischer sind.

Ich schätze also mal, dass die Texte vor der Musik entstanden sind.

Einige ja, aber nicht alle. Es gibt verschiedene Wege, Songs zu schreiben. Manchmal kommen die Texte und Gesangmelodien zuerst, manchmal kommen sie erst, wenn man einige Songideen gehört und an einigen Sachen gearbeitet hat. Manchmal ist es einfacher, erst die Texte zu schreiben, wenn du die Musik schon gehört hast. Ich hatte aber keine Vorgaben, wie die Songs geschrieben werden sollten.

Hast du je überlegt, Jeff oder jemand anderen aus der Band als Songwriter mit ins Boot zu holen?

Nicht als Songwriter, weil das Album eine eigenständige Sache sein sollte. Aber natürlich hat Jeff auch ein Solo beim zweiten Song auf dem Album gespielt. Er wäre sicherlich sauer gewesen, wenn ich ihn nicht gefragt hätte. Er arbeitet momentan an seinem Instrumental-Album. Das wird pures, gemeines Gitarrenshredding.

Wie weit waren Peter und Matt am Songwriting beteiligt?

 

Ich habe mit beiden für das gesamte Album zusammen gearbeitet, sie waren also sehr stark involviert. Das war eine fifty/fifty-Sache. Was die Arbeitsaufteilung angeht, ist das der beste Weg, mit jemandem zusammen zu arbeiten.

Obey erinnert mich irgendwie an TOOL. In wie weit war die Band ein Einfluss beim Schreiben dieses Songs?

Ich kann verstehen, dass die Drum-Patterns zum Teil an TOOL erinnern. Ich könnte nicht behaupten, dass sie ein Einfluss beim Schreiben waren, aber dieser Song hatte halt diesen speziellen, dunklen Vibe, den auch TOOL haben. Die ganze Platte hat diesen dunklen, melancholischen Vibe, der wirklich wichtig für mich war.

Die Texte auf Praises To The War Machine sind eine Mischung aus allgemeinen, gesellschaftskritischen Texten sowie auch sehr persönlichen Lyrics. Hast du hier persönlichere Texte geschrieben als für NEVERMORE?

Ich denke schon, ja. Diese Art von Musik benötigt das einfach. Wie ich schon gesagt habe: NEVERMORE können sehr wütend und bösartig sein, was nicht gerade nach tiefgehenden, introvertierten Themen verlangt. Für dieses Album war das aber auf jeden Fall nötig.

WARREL

Es ist wie eine Katharsis diesen Stoff loszuwerden – WARREL hat auf Praises To The War Machine einige sehr persönliche Texte verfasst.


Fällt es dir schwer, dein Innerstes nach außen zu kehren? Hat das Schreiben
sehr persönlicher Texte auch eine Art reinigende Wirkung für dich?

Es mag wie ein Klischee klingen, aber es stimmt, es hat wirklich eine reinigende Wirkung. Es ist wie eine Katharsis, diesen Stoff loszuwerden. Es ist einfach zu schreiben, aber manchmal ist es schwer zu realisieren, dass man seine Seele Leuten geöffnet hat, die wirklich genau analysieren, was du sagst. Aber ich denke, wenn du ehrliche Texte wie diese schreibst, können sich die Leute damit auch identifizieren, weil vielleicht jemand anders durch dieselben persönlichen Probleme geht, von denen du erzählst. Und vielleicht hilft es einigen Leuten dabei, sich besser zu fühlen, wenn sie wissen, dass es jemanden gibt, der dieselben Dinge durchmacht. Es haben mir schon Leute gesagt, dass sie einen Song immer und immer wieder gehört haben und er ihnen dabei geholfen hat, mit Problemen fertig zu werden. Es ist eine großartige Sache von anderen Leuten zu hören, wie deine Musik sie berührt hat.

Ich hatte leider die Texte nicht vorliegen, aber du erwähntest ja schon, dass sie sehr düster ausgefallen sind. In wie weit spiegeln diese Texte deine Sicht der Welt, wie sie jetzt ist, wider?

Die persönlichen Sachen unterscheiden sich etwas vom Rest, aber bei vielen Sachen geht es auch um die Dinge, die momentan in der Welt geschehen. Das findet sich immer in meine Texten wieder, auch bei NEVERMORE. Wir leben in ziemlich beschissenen Zeiten. Der Titel Praises To The War Machine bezieht sich darauf, dass es Geschäftsleute und Politiker gibt, die von Leiden und Krieg profitieren. Die Leute aus den unteren Schichten gehen in den Krieg und sterben, und die Leute aus den oberen Schichten machen Geld damit. Diese Menschen beten die Kriegsmaschine an, weil sie ihnen Geld bringt, was ich wirklich krank finde, wenn man Geld aus dem Leid in der Welt macht. Das war schon immer so und wird sich wohl auch nie ändern, aber es ist witzig, wie die Leute dir während der Wahlen erzählen, dass sie die Dinge ändern möchten und dir Sachen versprechen, die ganz offensichtlich nur leere Worte sind. Denn alles, was diese Leute wollen, ist gewählt zu werden, und deswegen erzählen sie dir, was du hören willst, und nach der Wahl erzählen Sie dir dann, warum es nicht möglich ist, das zu tun, was sie dir versprochen haben, bevor sie gewählt wurden.

Das ist ja in den USA gerade sehr aktuell. Wer denkst du wird das Rennen machen?

Ich habe keine Ahnung, das ist alle so knapp, man kann nicht sagen, wer vorne liegt, wer gewinnt. Es ist interessant, dass wir eine Frau und einen Afro-Amerikaner haben, von denen sehr wahrscheinlich einer das mächtigste Amt der Welt übernehmen wird. Das ist Geschichte in ihrer Entstehung, etwas, worüber geschrieben werden wird und worauf die Leute als sehr wichtigen Moment in der Politik zurückblicken werden. Es ist merkwürdig und aufregend, aber ich habe keine Ahnung, wer den besseren Job machen würde.

Der Text des Openers When We Pray klingt sehr pessimistisch. Du fragst don´t you feel betrayed when nothing ever changes when we pray.

Ja, ich denke, dass viele Leute frustriert werden durch die Tatsache, dass ihnen ihr Glaube sagt, dass alles besser wird, wenn sie nur beten. Aber wenn sich nichts bessert, dann ist es Gottes Plan. Aber er hört dir zu, er hört deine Gebete! Sicher tut er das… Das ist doch alles ein Haufen Scheiße. Ich denke, dass viele Leute davon angewidert sind, dass sich dadurch nichts ändert. Jemand hat mir vor kurzem etwas Lustiges erzählt. Er meinte, dass Gott alte Leute hassen muss, weil er sie umbringt. Sei also ein Freund Gottes und bring ein paar alte Leute um. Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob der Kerl zuhört. Denn wenn er es tut, scheint er ziemlich viele Leute zu ignorieren.

Ja, das habe ich vor zehn Minuten auch gedacht. Ich habe gelesen, dass sich in einer Gegend in Wales in den letzten anderthalb Jahren 16 junge Menschen umgebracht haben. Das sind doch Ereignisse, bei denen man sich fragt, wie Gott so etwas geschehen lassen konnte.

Vielleicht weil er nicht existiert. Ich habe da so ein leises Gefühl, ha ha ha.

Der Song Your Own Misery scheint sich um Drogensucht zu drehen. Zumindest lässt mich die Zeile Injection of your own misery darauf schließen. Geht es hier um dieselbe Person, über die du schon auf Enemies Of Reality gesungen hast?

Nein. Ich kenne eine Menge Leute mit Problemen dieser Art. Ich wurde zu diesem Song durch eine andere Person inspiriert, die sich mit ihrer selbstzerstörerischen Art dermaßen kaputt gemacht hat, dass ich mich gefragt habe, was zum Teufel dieser Mensch entkommen wollte. Denn wenn man am nächsten Morgen aufwacht, sind die Probleme nicht weg. Im Gegenteil, sie sind sogar schlimmer geworden. Normalerweise wird durch derartiges Suchtverhalten jedes Problem, dem du dadurch zu entfliehen versuchst, nur noch schlimmer. Das ist etwas, das ich nie wirklich verstanden habe, denn es gibt wirklich keine stärkere Droge als die Wirklichkeit. Das sollte doch für die meisten Leute okay sein, verdammt noch mal.

Der Song hieß kurz vorher noch Feel Failure (Hail Yesterday). Warum hast du dich entschlossen, ihn umzubenennen?

Wenn ich Songs schreibe, spiele ich mit verschiedenen Titeln und ändere die Texte immer wieder ab, bevor ich sie dann im Studio einsinge. Manchmal denke ich einfach: Vielleicht kann ich für diesen Song einen besseren Titel finden, etwas Stärkeres.

WARREL

Wir leben in beschissenen Zeiten – WARREL DANE

Der Song The Day The Rats Went To War hieß ursprünglich Praises To The War Machine. Jetzt gibt es also keinen Titeltrack, aber ein Song mit dem Namen The Day The Rats Went To War geisterte schon vor Jahren herum. Handelt es sich immer noch um denselben?

Ich hatte diese Lyrics schon eine ganze Zeit im Hinterkopf. Ursprünglich hatte ich nur diese eine Zeile geschrieben und ein etwas anderes Konzept im Hinterkopf. Aber es hat zu keinem NEVERMORE-Song gepasst. Jetzt hatte ich die Möglichkeit darauf zurück zu kommen und diese Zeile zu benutzen. Ursprünglich hieß der Song Praises To The War Machine, aber als er dann fertig war, habe ich festgestellt, dass diese Hookline wirklich stark ist, wenn die Zeile The Day The Rats Went To War ganz am Ende kommt. Daher fand ich, dass dieser Titel besser passt, weil diese Zeile am Ende ziemlich dramatisch ist.

Hast du noch weitere Songs oder Teile von Songs verwandt, die eigentlich für NEVERMORE vorgesehen waren?

Nein, definitiv nicht. Die Stimmung dieser Musik ist eine völlig andere und daher musste ich auch andere Texte schreiben. Einige Texte würden vielleicht auf eine NEVERMORE-Scheibe passen. Einige Leute haben mir erzählt, dass einige Momente, nicht ganze Songs, durchaus musikalisch und textlich auf ein NEVERMORE-Album gepasst hätten.

Ja, ich finde, dass der Song Equilibrium mit einer anderen Produktion vom Musikalischen her durchaus auf ein NEVERMORE-Album gepasst hätte.

Richtig. Und dieser Song hat einen Text, der auch am ehesten zu dem passt, was ich für NEVERMORE schreibe. Das ist einer der Songs, den ich mit Matt geschrieben habe. Er hat einen etwas anderen Stil als Peter – sein Stil ist etwas näher an NEVERMORE. Es wäre also ziemlich einfach gewesen, eine ganze Platte mit Songs zu schreiben, die ziemlich nach NEVERMORE klingen. Ich hätte es tun können, wenn ich gewollt hätte, aber das hätte den Sinn eines Solo-Albums zunichte gemacht. Außerdem hätte es wohl einige Leute irritiert. Die Leute sind jetzt schon irritiert und fragen mich, ob NEVERMORE jetzt erledigt wären, weil ich ein Solo-Album veröffentliche. Natürlich sind NEVERMORE nicht erledigt. Wir spielen immer noch Konzerte zusammen, wir schreiben immer noch Musik. Wir sind nur noch nicht an dem Punkt, dass wir genug starkes Material zusammen haben, um ins Studio zu gehen und aufzunehmen, was hoffentlich gegen Ende des Jahres der Fall sein wird. Jeff muss noch seine Shred-Scheibe fertig machen und unser Drummer hat auch ein Nebenprojekt. Wir sind also alle ziemlich beschäftigt. Außerdem wollen wir auch endlich die DVD fertig machen. Ich bin jetzt auch gerade in Deutschland, um sicherzustellen, dass die ganze Nachbearbeitung endlich gemacht wird. Es ist wirklich eine lange, merkwürdige und anstrengende Reise, diese verdammte DVD fertig zu stellen. Auch für die Band ist es zu einer Art Witz geworden. Die Leute machen im Internet schon Witze, dass dieses Teil gar nicht existiert, die Show nicht stattgefunden hat, nicht gefilmt wurde oder dass das Ganze eine Verarschung ist, wie schon die Mondlandung.

Da kann ich dir auch was zu erzählen. Wir wollten bei der Show in Bochum dabei sein. Ein Kumpel von mir ist am selben Nachmittag noch mit dem Zug aus Bayern zurückgekommen und wir sind direkt nach Bochum durch gefahren, wobei ich so ziemlich jedes Tempolimit gebrochen habe, das man brechen konnte, um noch rechtzeitig da zu sein. Und dann sind wir da und die Show fällt aus. Also wollten wir zum zweiten Termin, haben vergessen, uns rechtzeitig Karten zu besorgen, und ich ruf am selben Tag noch in der Zeche an, um zu hören, dass ausverkauft ist.

Tut mir leid, dass ihr solches Pech gehabt habt, ha ha ha. Es war wirklich enttäuschend, dass wir die erste Show absagen mussten, aber ich bin so verdammt krank geworden. Das war echt schrecklich. Die Ärzte in Dortmund haben mir gesagt, dass ich mir durch die ganzen Flüge, die wir in der Zeit vor der Show hatten, etwas ziemlich Übles gefangen habe. Wenn du so lange fliegst, ist die Luft da drin echt ziemlich schlecht und da zirkulieren alle möglichen Viren und sonst was durch die Gegend, von all den Leuten, die um dich herum sitzen. Da möchte man fast einen auf Michael Jackson machen und sich jedes Mal eine Sauerstoffmaske anziehen, wenn man fliegt. Aber wenigstens ging es mir später besser und ich war in der Lage, die DVD zu machen.

Mit Patterns (PAUL SIMON) und Lucretia My Reflection (SISTERS OF MERCY) hast du gleich zwei Coversongs auf dem Album. Wieso hast du ausgerechnet diese beiden Songs ausgewählt und was bedeuten sie dir persönlich sowohl lyrisch als auch musikalisch?

Es ist ja kein großes Geheimnis, dass ich ein ziemlich großer SIMON AND GARFUNKEL-Fan bin, speziell was die Texte angeht. Ich liebe die alten Sachen von SIMON AND GARFUNKEL. Ich habe diesen Song gewählt, weil ihn kaum jemand kennt. Es ist kein berühmter Song, eher eine der obskuren Sachen, da er nie ein Hit war. Aber der Text ist verdammt großartig. Natürlich ist er das, er ist von Paul Simon. Dieser Text bedeutet mir sehr viel und er passt auch gut zum Feeling der anderen Texte auf meinem Album. Manchmal frage ich mich, ob Paul Simon es sich anhört, wenn andere Leute seine Songs covern. Denn er weiß definitiv davon oder zumindest jemand aus seinem Umfeld. Er bekommt schließlich Royalty-Zahlungen dafür, wenn andere Künstler seine Songs covern, aber ich frage mich, ob er sich die Sachen auch anhört.

Hast du ihm eine Kopie geschickt?

Nein, ich hatte zuviel Angst. Vielleicht würde er Patterns etwas mehr mögen als The Sound Of Silence, denn NEVERMORE haben letzteres wirklich vergewaltigt. Er wäre wahrscheinlich entsetzt, wenn er DAS hören würde.

Einer der besten Cover-Songs, die ich je gehört habe!

Das liegt wahrscheinlich daran, dass es sich überhaupt nicht nach dem Original anhört.

WARREL

Ich hatte zuviel Angst – WARREL hat Paul Simon sein Cover von Patterns nicht zukommen lassen.

 

Vielleicht sind das auch die besten Cover-Songs.

Natürlich, das ist der beste Weg an so etwas heran zu gehen. Du kannst einen Song nicht einfach nachspielen, das machen zu viele Bands. Es klingt einfach so, als würde eine andere Band den Song eines anderen Künstlers spielen und das finde ich einfach nur langweilig. Lucretia My Reflection wiederum ist ein Song, den ich musikalisch einfach sehr gerne mag. Als ich noch jung war, habe ich natürlich Metal gehört, aber meine Freunde und ich haben auch den ganzen Old School-Goth gehört. Damals als Goth noch wirklich Goth war, als es noch darum ging, düster und introvertiert zu sein, und nicht darum, ein Poser zu sein und Pop-Musik zu spielen. Das Album Floodlands ist eine dieser Scheiben wie Master Of Puppets – auch wenn man diese Alben musikalisch natürlich überhaupt nicht vergleichen kann. Es ist eines dieser alten Alben, bei denen man noch genau weiß, wo man war, mit wem und was man getan hat, was gerade in deinem Leben passiert ist, als man diese Scheibe zum ersten Mal gehört hat. Und wenn ich mir dieses Album anhöre, bringt es normalerweise eine Menge guter Erinnerungen zurück. Viele Leute haben bestimmte Alben, die einen in eine bestimmte Zeit zurück nehmen und einem ein gutes Gefühl geben, und dieser Song kommt von einer solchen Platte für mich. Und ich dachte mir, dass dieser Song einen wirklich coolen Metal-Song abgeben würde. Man kann irgendwie hören, dass der Song mit Gitarren wirklich cool wäre.

Ist der Text zu Brother autobiographisch?

Ja, komplett. Das ist wohl der schonungslos ehrlichste und persönlichste Text, den ich je geschrieben habe. Es war ziemlich schwer. Ich hatte diese Worte geschrieben und als ich die Musik von Peter gehört habe, hab ich Gänsehaut bekommen, denn ich konnte die Worte direkt hören, als ich die Musik gehört habe. Das war einer der Song, bei denen ich den Text und die Melodie im Kopf hatte, und als ich die Musik gehört habe, war es wie Magie. Es passte perfekt zusammen. Es ist schwierig, mit so persönlichen Themen umzugehen. Ich habe ein wirklich schlechtes Verhältnis zu meinem älteren Bruder. Na ja, man kann eigentlich nicht sagen schlecht, denn ich hatte eigentlich nie irgendein Verhältnis zu ihm. Ich habe mich als Kind immer gefragt, warum nicht, denn ich wollte immer einen großen Bruder haben. Aber das hat ihn wohl nie gekümmert und das war ein Weg für mich, diesen Ballast los zu werden, den ich eine ganze Zeit mit mir herum geschleppt habe. Man sagt, dass Musik eine Therapie für Musiker sein kann. Dieser Song ist wohl ein ziemlich gutes Beispiel dafür.

In This Old Man geht es nicht um deinen Vater oder?

Nein, es geht um einen alten Mann, der in der Nähe des Hauses meiner Familie gelebt hat und mit meiner Mutter befreundet war. Sie hat mich oft mit zu ihm genommen, denn er war sehr alt und alleine. Seine Frau war einige Monate zuvor gestorben und seine Kinder waren alle erwachsen und ausgezogen. Er war einfach alleine. Es war wirklich cool für mich, zu ihm zu gehen, denn er hat mir immer Geschichten erzählt und du weißt ja, wie sehr kleine Kinder Geschichten mögen. Er hat mir also alle möglichen Geschichten erzählt. Davon, was er erlebt hat, als er jünger war, wie sehr er seine Frau vermisst und auch seine Kinder, da diese ihn nicht oft besuchen. Das sind Sachen, die Kinder nicht vergessen – das ist eine sehr spezielle Erinnerung aus meiner Kindheit. Ich habe viel von diesem Mann gelernt. Ich denke, dass Kinder sehr viel von alten Leuten lernen können. Ich erinnere mich daran, dass er – auch wenn ich noch so jung war – mir vermittelte, wie wertvoll das Leben ist und dass man es schätzen sollte, weil man nicht weiß, wann es einem genommen wird. Das kann jederzeit passieren, manche Leute fallen einfach tot um, während sie die Straße überqueren, andere Leute fahren ein paar hundert Meter zum Supermarkt und sterben bei einem Autounfall. So etwas kann jederzeit passieren und deswegen sollte man, solange man hier ist, schätzen, was man hat. Das ist es, was ich von diesem alten Mann gelernt habe. Das ist auch einer meiner Lieblingssong auf dem Album. Er ist sehr melancholisch, aber er erzählt eine Geschichte, und ich mag es, in die Rolle eines Geschichtenerzählers zu schlüpfen, wenn ich Songs schreibe.

Wirst du dein Solomaterial auch live präsentieren?

Ja. Ich will diesen Sommer einige ausgewählte Festivals spielen und vielleicht gegen Ende des Jahres, wenn die Festival-Saison beendet ist, eine kleine Club-Tour. Wenn das Interesse entsprechend ist… die Scheibe kommt Ende nächsten Monats raus. Das Album ist bei den Leuten, die es gehört haben, bisher ziemlich gut angekommen. Die ganze Pressearbeit kann ganz schön hart sein. Ich bin seit neun Uhr heute Morgen hier und immer noch nicht fertig (Anm. des Verf.: das Interview wurde um 20:00 geführt). Aber ich war am ersten Tag wirklich überwältigt von der Resonanz. Ich warte noch darauf, dass mir jemand sagt, dass die Scheibe ganz nett ist, aber eigentlich irgendwie nervt. Das würde ich echt gerne wenigstens einmal hören, denn es würde alles Mal ins rechte Licht rücken. Ich bin ziemlich glücklich mit den Reaktionen bisher. Ich meine, ich kann mich wirklich nicht beschweren, bisher hat mir noch niemand gesagt, dass er das Album nicht mag. Aber andererseits würde mich jemand, dem die Scheibe nicht gefällt, wohl auch nicht interviewen.

Wirst du bei diesen Auftritten auch Songs von NEVERMORE oder – ich fürchte mich ja fast zu fragen – SANCTUARY spielen?

Hab keine Angst zu fragen, denn es könnte wirklich sein, dass ich ein paar alte SANCTUARY-Songs spiele. Es ist aus irgendeinem Grund immer ziemlich schwierig, die Jungs von NEVERMORE dazu zu kriegen, diese Songs zu spielen, aber mit diesem Projekt kann ich das definitiv machen, da es andere Leute sind. SANCTUARY sind ein Teil meiner Vergangenheit, den ich niemals vergessen werde, und diese Tour wird mir die Gelegenheit geben, diese Songs wieder mal zu spielen. Weißt du, Songs sind wie Kinder – wenn man sie eine zeitlang nicht sieht, vermisst man sie und es ist schön, wenn sie einen hier und da mal besuchen kommen. Ich weiß nicht, ob wir NEVERMORE-Songs spielen werden. Ich schätze, die Leute erwarten das, aber ich habe mich noch nicht wirklich entschieden. Das Album ist nun mal nur 45 Minuten lang, ich werde also die Songs entweder wirklich arg in die Länge ziehen müssen oder ein paar andere Songs dazu nehmen.

Euer ehemaliger zweiter Gitarrist Chris Broderick (ex-JAG PANZER) steht ja seit kurzem im Dienste von MEGADETH. Habt ihr schon einen neuen Mann für die zweite Klampfe bei NEVERMORE?

Nein. Wir haben in Griechenland letztes Wochenende zu viert gespielt und haben dieselben Publikumsreaktionen bekommen wie sonst auch. Wir haben das ja früher auch schon gemacht. Zu Beginn, vor dem ersten Album, als wir mit NEVERMORE in Clubs in der Gegend um Seattle gespielt haben, hatten wir keinen zweiten Gitarristen. Ich glaube es war, als das erste NEVERMORE-Album veröffentlicht wurde. Da hat Jeff entschieden, dass wir einen zweite Gitarristen brauchen, um den Sound zu füllen. Aber scheint es nicht so, dass wir da einen Fluch am Hals haben? Das ist die zweite Sache, über die die Leute Witze reißen – der Zweiter-Gitarrist-bei-NEVERMORE-Fluch.

Das ist ein bisschen wie bei SPINAL TAP und den Schlagzeugern.

Ja, unsere Gitarristen scheinen auch alle spontan in Flammen aufzugehen oder was auch immer. Wir haben keine Ahnung, was da vor sich geht.

Ist es nicht frustrierend, alle paar Jahre nach einem neuen Sidekick für Jeff zu suchen?

Natürlich, es wird mit der Zeit wirklich nervig. Aber wir haben einfach kein Glück. Ich dachte, dass Chris länger bleibt, aber ich mache ihm keinen Vorwurf. Ich freue mich für ihn, denn MEGADETH können ihm natürlich deutlich mehr zahlen als wir und daher nehme ich es ihm nicht übel, dass er den Job angenommen hat. Es ist schwer, als Musiker Geld zu verdienen, und wenn man die Gelegenheit bekommt, sollte man sie nutzen. Ich glaube er dachte, dass ich wirklich wütend werden würde, wenn er es mir erzählt, aber ich war kein bisschen wütend, sondern verständnisvoll. Was würde es auch für einen Sinn machen, wütend zu sein – er ist wirklich ein cooler Typ. Er arbeitet wirklich hart und verdient es. Aber mal sehen, wie lange das mit MEGADETH hält, denn die wechseln ja ihre Bandmitglieder ziemlich regelmäßig.

Danke für das Interview. Letzte Worte?

Ich danke dir! Na ja, es war ein langer Tag und ich bin ziemlich ausgebrannt. Aber ich hoffe, dass ich dir gute Antworten gegeben habe. Es war schön, mit dir zu reden.

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