ULRIKE SEROWY: An einem ruhigen, dunklen Ort

ULRIKE SEROWY: An einem ruhigen, dunklen Ort
 
Wenn Black Metal zur Prosa wird – ULRIKE SEROWY hat sich mit ihrer Erzählung Skogtatt genau an dieses Unterfangen gewagt. Können Worte so rau sein wie eine verzerrte Gitarre? Kann eine Erzählung die Verzweiflung eines hingabevollen Schwarzmetall-Kreischers einfangen? Zeit also, die Autorin zum Gelingen von Skogtatt zu befragen und einer glücklichen Leseratte mit der Skogtatt-Verlosung eine garantiert abkühlende Sommerlektüre zu bescheren… 
 
Skogtatt fällt zuerst durch seine Rauheit auf – der Umschlag fühlt sich rau an, die schwarz-weißen Bilder im Innern sind ebenfalls rau und ungezähmt. Wie wichtig war für dich die grafische Ummantelung deiner Geschichte? Inwiefern warst du in den visuellen Gestaltungsprozess involviert?
 
Die Gestaltung des Buches war mir sehr wichtig – und ich hatte großes Glück, im Hablizel-Verlag einen Verlag zu finden, der bereit war, Skogtatt auf diese Art zu veröffentlichen: Als ganz eigenes und eigenständiges, störrisches Stück Literatur, das sich nirgendwo einpassen muss. Ich konnte Vorschläge machen und wurde bei keiner Entscheidung übergangen, aber im Grunde kamen die meisten Ideen für die konkrete grafische und haptische Umsetzung von Markus Hablizel, dem Verleger selber, der ein riesengroßes Gespür für Gestaltung hat.
SEROWY_winterlandschaft_(c)hablizelverlag 
Skogtatt kommt in deutscher und englischer Sprache daher – beide Versionen sind im gleichen Buch. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen? Ist der deutsche Sprachraum nicht groß genug?
 
Der deutsche Sprachraum ist definitiv groß, aber auch Black Metal ist ein Phänomen, das sich nicht an Landesgrenzen hält – und die Inspiration für Skogtatt ist ja ganz eindeutig norwegisch.
Die ursprüngliche Version ist auf Deutsch geschrieben worden. Welches ist dein Lieblingswort der deutschen Sprache und warum?
 
Das ist eine schwierige Frage, denn im Deutschen gibt es viele wunderschöne Wörter, aber auch viele unangenehme. Mir gefallen Wörter dann besonders gut, wenn sie in mir durch ihren Klang eine spürbare Empfindung über den Informationsgehalt hinaus wecken – es gibt einige Wörter, die ich nicht nur höre, sondern auch fühle oder farbig wahrnehme – das reicht von Kaulquappe bis Unterholz und kann die verschiedensten Schattierungen annehmen. Weil mir Sprache und Wörter so viel geben, auf die eine oder andere Weise, unterhalte ich mich unglaublich gerne mit Menschen, die Wörter abseits des Alltagsrepertoires benutzen – für mich ist das eine Bereicherung auf mehreren Ebenen.
Gab es etwas, womit die englische Übersetzung die Geschichte von Skogtatt bereichert? Hat die englische Sprache etwas – mal abgesehen von ihrem Lingua Franca-Status – das die deutsche Sprache nicht hat?
Im Englischen lässt sich vieles gewandter ausdrücken – was im Deutschen umständlich und getragen daherkommt, ist im Englischen oft leichtfüßiger und zugespitzer. Aber auch das Englische kann seine ganz eigene Art von Erhabenheit entfalten. 
 
Die Übersetzung von Skogtatt zu lesen war etwas sehr Besonderes, gerade unter dem Gesichtspunkt, was die andere Sprache mit der Geschichte macht. Wenn man beide Versionen nebeneinander hält wird deutlich, dass zwar der gleiche Inhalt transportiert wird, dass aber die Stimmungen jeweils anders nuanciert sind – zum Teil gibt es Stellen, die mir im Englischen besser gefallen als im Deutschen, weil z.B. die Geschwindigkeit im Ausdruck in der Übersetzung besser transportiert wird. Auf der anderen Seite gibt es Stellen, bei denen es gerade die Schwere des Deutschen ist, die viel ausmacht und wo in meinen Augen das Original besser funktioniert. Aber da darf jeder sein eigenes Urteil bilden. 
 
UlrikeSerowy_(c)alfredjansen_hablizelverlag 
Gleichzeitig ziehst du für den Titel das Norwegische heran – nicht nur sprachlich, sondern auch musikalisch, da sie Skogtatt an ULVERs Bergtatt anlehnt. Warum?
 
Kurz gesagt: Das Wort war einfach da. Und was bietet sich besser an – ein künstliches norwegisches Wort als Titel für eine Geschichte, die vielleicht in Norwegen spielt, vielleicht auch nicht, die sich auf eine Musik beruft, ohne sie beim Namen zu nennen? Ich habe oft überlegt, ob ich den Titel so lasse, wie er ist, aber dann habe ich mich sehr bewusst dafür entschieden. Allerdings war es mir wichtig, dass er sich auch für Muttersprachler nicht bescheuert anhört. Letztes Jahr habe ich Satyr getroffen und ihm Skogtatt gezeigt und gefragt, ob das Wort für ihn einen Sinn ergibt. Er sagte, ja, als ein Wort, dass nach Märchen und Verwunschenheit klingt, funktioniert es auch für Norweger. Außerdem gefielen ihm die Illustrationen von Faith Coloccia sehr – ihn haben sie sehr an die Werke von Theodor Kittelsen erinnert.
 
Stichwort: Norwegen. Dein erster Gedanke bei Norwegen ist…
 
…der an einen bestimmten, sehr gewaltigen, sehr verregneten Fjord, zu dem ich gern einmal wieder fahren will.
 
Musikalisch ist Black Metal klar umrissen mit entsprechend verzerrten Gitarren und dem klassischen Kreischgesang. Was macht Black Metal sprachlich für dich aus?
Das habe ich in Skogtatt versucht, zum Ausdruck zu bringen: Zwingende Präzision, atmosphärische Dichte, Wiederholungen und Variationen des selben Themas, klare Kontraste und insgesamt viel Dunkelheit. Dies ist die Kurzfassung – Black Metal hat viele Gesichter und ließe sich auch ganz verschieden sprachlich darstellen.
 
Die Skogtatt-Geschichte erinnert an den tragischen Tod von WINDIR-Mastermind Valfar. Hat dich sein Tod beim Schreiben beeinflusst?
Ich habe versucht, mich nicht zu sehr beeinflussen zu lassen – ich habe tatsächlich erst von der Parallele erfahren, als die Idee, die im Black Metal beschworene Unerbittlichkeit der Natur – und besonders des Winters – sprachlich umzusetzen, schon da war. Es geht in Skogtatt aber ganz und gar nicht um ihn, deswegen habe ich mich so gut es ging davon ferngehalten, mir die genauen Umstände seines Todes anzuschauen, um so wenig Ähnlichkeiten wie möglich darin zu haben.
Es geht in Skogtatt um etwas ganz Allgemeines, nicht um eine bestimmte Person. Direkt inspiriert haben mich da andere Menschen – in ihrer Art, eine Idee verkörpern zu wollen.
 
Sprachlich fallen die Tempuswechsel zwischen Präteritum und Präsens auf. Was ist der Grund für diese scheinbar willkürlich gewählten Wechsel?
Tempuswechsel innerhalb längerer Prosatexte sind mir selber während meines Skandinavistik-Studiums begegnet – in den isländischen Sagas sind sie ein gängiges Stilmittel, und da ich die isländische Literaturtradition sehr schätze, wollte ich damit Tribut zollen und das Stilmittel in Skogtatt ebenfalls einsetzen; und zwar ganz bewusst: Die Textstellen, in denen ich ins Präsens gewechselt habe, sollten den Leser noch dichter an das Geschehen bringen. Die Passagen im Präteritum sind dagegen eher jene, in denen Überlegungen und Rückblenden stattfinden und aus der Vogelperspektive erzählt wird.
 
Die Reaktionen der Leser auf diese Stellen sind sehr unterschiedlich, was ich ziemlich spannend finde: Manchen fällt es gar nicht auf, andere sind irritiert, wieder andere können genau das nachempfinden, was ich mit diesen Tempuswechseln beabsichtigt habe – spannend ist daran für mich, welche objektiven und welche subjektiv empfundenen Wirkungen Sprache haben kann. Da ist es wohl so ähnlich wie mit Musik: Was in Musik transportiert werden soll, kommt schließlich auch nicht bei jedem Menschen gleichermaßen leicht an.
 
Drei namenlose junge Männer in einer namenlosen Black Metal-Band. Hätte die Skogtatt-Geschichte auch mit weiblichen Protagonistinnen passieren können? Wenn nicht, warum nicht?
 
Darüber hatte ich auch nachgedacht, mich aber im Grunde von vornherein dagegen entschieden. Tatsächlich hätte ich die Geschichte auch mit einer weiblichen Hauptperson schreiben können, denn meiner Meinung nach ist das Sehnen, das den Hauptcharakter durch den Winterwald treibt, nicht an ein Geschlecht gebunden. Aber ich wollte Skogtatt vor zwei Dingen bewahren: Erstens davor, dass es als autobiographische Geschichte gelesen wird, denn das ist es nicht. Zweitens ging es mir wie oben angedeutet darum, einer großen Frage nachzugehen: Der nach der Trauer um die Abgetrenntheit von der Welt und der Sehnsucht nach Einheit und Aufgehen in einem überwältigenden Ganzen, und dem Versuch, diese verlorene Verbindung durch künstlerischen Ausdruck wiederherzustellen; dann danach, wie sich dieser Wunsch in einer Kunstform wie Black Metal manifestiert und zu einer Pose wird. All das wollte ich nicht von einer Diskussion über Frauen in der Metalszene überdeckt sehen. 
 
Frauen sind ja vor allem in der aktiven Black Metal-Szene weniger häufig beteiligt als Männer. Als Schreiberin von Black Metal-Fiktion bist du allein auf weiter Flur. Inwiefern hat es bei deiner Entscheidung fürs Schreiben eine Rolle gespielt, dass das literarische Prosa-Feld weniger männlich dominiert als es das Band-Feld ist im Black Metal-Bereich?
Ich habe mich nicht dafür entschieden, über Black Metal zu schreiben anstatt selber welchen zu machen. Ich würde niemals auf die Idee kommen so etwas zu sagen wie Oh, dieses Feld ist schon von Männern besetzt, dann mache ich mal lieber was anderes. Solche Ideen regen mich eher auf. Es ist zum Verrücktwerden, dass Frauen im Metal immer noch oder immer wieder zum Thema gemacht werden, und zwar auf eine Weise, die die Berechtigung von Frauen, sich überhaupt aus eigenem Antrieb mit Metal beschäftigen zu können oder zu wollen, grundsätzlich in Frage gestellt wird. 
Welche Band hat dich zum Black Metal gebracht und ist sie noch immer relevant für dich?
 
SATYRICON. Relevant in Sachen Black Metal sind sie nicht mehr, weil das, was sie heute machen, nicht die Art von Black Metal ist, die mich fasziniert. Aber ich verfolge sie nach wie vor sehr interessiert und habe Respekt vor der Entscheidung, sich nicht nach den Wünschen der Fans zu richten, sondern die eigenen Ideen umzusetzen.
Wenn Skogtatt verfilmt würde – wer müsste für dich in der Besetzung sein? Und wer sollte für den Soundtrack verantwortlich zeichnen?
 
Die erste Frage kann ich nicht beantworten, zumindest kann ich dir keinen Namen nennen. Es müsste jemand sein, der die Offenheit besitzt, eine so fordernde und formende Idee umzusetzen und darin quasi zu verschwinden. Ein Soundtrack für Skogtatt ist tatsächlich etwas, das ich mir wünsche: Es wäre sehr schön, wenn ein Musiker oder eine Band sich von Skogtatt zu eigener Musik inspiriert fühlen und den Text in Klang rückübersetzen würde.
Serowy_skogtatt_(c)hablizelverlag 
Stichwort Gegenwartsliteratur. Welche AutorInnen findest du zurzeit am spannendsten und warum?
Wegen der Farbigkeit, Bildhaftigkeit und Unerbittlichkeit ihrer Beschreibungen: Sofi Oksanen.
Wegen der elegant-dekadenten Opulenz und der gebildeten wie symbolistisch-absurden Präzision: Michel Tournier.
Stichwort tote AutorInnen: Wer sind hier deine Favoriten und warum?
Shakespeare, weil er einerseits genial, andererseits wahnsinnig chaotisch ist. 
Halldór Laxness, weil seine Bücher die wunderbare Entrücktheit Islands widerspiegeln.
 
Welches Buch liegt zurzeit auf deinem Nachttisch?
Da stapelt es sich, weil ich immer an mehreren Büchern gleichzeitig lese. Im Moment sind das unter anderem Zwillingsterne von Michel Tournier und ein wissenschaftliches Buch zur englischen Romantik von Rolf Breuer.
 
Können nur Black Metaller Skogtatt verstehen oder würdest du dein Werk auch Nicht-Szenemitgliedern empfehlen?
Auch Menschen ohne die leiseste Ahnung von Black Metal können Skogtatt verstehen – die Sehnsucht, auf die eine oder andere Art zur Natur zurückzufinden, treibt ja nicht nur Black Metaller um. Von einigen Lesern habe ich zum Beispiel auch gehört, dass Menschen, die vor der Musik selber zurückschrecken, durch das Buch verstehen können, was Black Metal eigentlich will – ein Reviewer schrieb mir, dass er es seiner Frau zu lesen geben wolle, und hoffe, dass sie durch Skogtatt vielleicht seine Faszination für diese oberflächlich so hässliche und abstoßende Musik begreifen könnte.
 
Wo sollte man Skogtatt am besten lesen?
An einem ruhigen, dunklen Ort und mit der passenden Musik im Hintergrund…
Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Ich habe immer viele Pläne und viele Ideen – im Moment bin ich aber sehr glücklich mit meinem Leben und hoffe, dass die allerwichtigsten Dinge sich weiter so entwickeln wie bisher. Ansonsten: Mein neues Buch fertig schreiben! 
 
Verlosung: Gewinne ein von ULRIKE SEROWY signiertes Skogtatt-Buch inklusive Poster und Button, gesponsert vom Hablizel Verlag!
 
Zur Teilnahme an der Verlosung des Skogtatt-Buches inklusive Poster und Button genügt ein Mail über unser Kontaktformular. Wähle als Betreff Skogtatt-Verlosung. Bitte gib unbedingt deinen vollständigen Namen und eine gültige E-Mail-Adresse an, damit wir dich im Falle des Gewinnes benachrichtigen können! Zu den Teilnahmebedingungen:

Teilnahmebedingungen: 

Der Gewinner wird per Los ermittelt und per E-Mail benachrichtigt; das signierte Exemplar wird dir per Post zugestellt. 
Die Namen der Gewinner werden bei vampster veröffentlicht. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, eine Barauszahlung des Gewinnes ist nicht möglich. Selbstverständlich achten wir den Datenschutz und geben deine Daten nicht weiter.

Einsendeschluss ist am 8. August 2014 um 0 Uhr.  
 
Layout und Titelbild: Arlette Huguenin Dumittan 
Portraitfoto: Alfred Jansen, (c) Hablizel Verlag
Skogtatt-Logo: Aaron Turner, (c) Hablizel Verlag
Bilder: Faith Coloccia, (c) Hablizel Verlag
Lesungsbild: Hablizel Verlag 

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