TAU CROSS: Punk 4.0 – Tau Cross Interview mit Rob „The Baron“ Miller & Michel „Away“ Langevin

AU CROSS: Punk 4.0 - Interview 2017

Mit ihrem zweiten Album „Pillar Of Fire“ zeigen TAU CROSS eindrucksvoll, dass sie mehr sind als nur ein Musikerkollektiv. Ihre Songs sind so sperrig, so voller Ecken und Kanten, so ungewöhnlich und komplex und dabei so eingängig, dass sie in keine Schublade passen. Vor ihrem Konzert in Hamburg nahmen sich AMEBIX-Mastermind Rob „The Baron“ Miller und VOIVOD-Drummer Michel „Away“ Langevin in unserem Tau Cross Interview viel Zeit und erklärten unter anderem, wie sie mit den beiden Gitarristen Andy Lefton (WAR //PLAGUE) und Jon Misery (MISERY) Songs schreiben, ohne sich im Proberaum zu treffen, warum das Schmiden eines Schwertes magisch ist und  warum das Plattencover von einem Fremden und nicht von den bandeigenen Künstlern kommt..

Während sich andere Bands im Probraum treffen und mehr oder weniger gemeinsam an Songs arbeiten, entstanden die Tracks von „Pillar Of Fire“ auf ungewöhnliche Weise: Die Musiker nahmen jeder für sich Demos auf, die sie via DropBox teilten, überarbeiteten und wieder hochluden – denn Rob Miller wohnt auf Isle of Skye (Schottland), Michel Langevin in Kanada, Andy Lefton und Jon Misery in den USA.

„Den Nachteil dieser Art der Zusammenarbeit haben wir jetzt kennengelernt – man verliert die Spontanität“, erzählt Rob Miller. „Wir haben vor dieser Tour für ein paar Tage auf der Isle Of Sky geprobt und dabei festgestellt, dass es sich ganz anders anfühlt, wenn man als Band zusammenspielt. Es macht irgendwann einfach „Klick“ und die Dinge nehmen ihrem Lauf… Das Songwriting für „Pillar Of Fire“ war schwierig, aber es war nicht anders möglich. Wir hatten kein Geld, durch die Welt zu jetten und uns zu treffen. Und Away (er deutet auf Michel Langevin, der ihm gegenübersitzt) ist die ganze Zeit unterwegs. Wir hatten  keine Zeit, kein Budget und keinen Platz, um uns zu treffen. Aber wir haben es trotzdem geschafft, ein Album zu schreiben und aufzunehmen!“

TAU CROSS leben das Punkrock-Ethos

Die Songs des Debütalbums „Tau Cross“ waren mehr oder weniger für ein weiteres AMEBIX-Album gedacht – die britischen Crustpunker hatten nach ihrer Reunion 2008 vier Jahre später mit „Sonic Mass“ ein neues Studioalbum veröffentlicht – das letzte reguläre AMEBIX-Album „Monolith“ erschien 1987. „Sonic Mass“ hatte jedoch nie einen Nachfolger, die „Sonic Mass“-Besetzung um Drummer Roy Mayorga (u. a. NAUSEA,  STONE SOUR) , Rob „The Baron“ Miller und Gitarrist Stig C. Miller fand unter anderem aus Zeitgründen nicht mehr zusammen. Rob saß auf einigen sehr, sehr guten Songideen – aus ihren entstand „Tau Cross“.

„Unser erstes Album „Tau Cross“ war ein zusammengestückeltes, Do-It-Yourself-Ding – aber es hat funktioniert“, beschreibt Rob, „wir haben bewiesen, dass es geht, ein Album zu schreiben, ohne sich zu treffen – indem man moderne Technik nutzt und gleichzeitig das uralte Punk-Ethos berücksichtigt, das da heißt ‚was immer du zur Hand hast, nutze es und schau, was dabei rauskommt‘.“

TAU CROSS bestanden 2015 aus Michele Langevin, Andy Lefton, Jon Misery und Rob Miller, für „Pillar Of Fire“ kamen Bassist Tom Radio und Keyboarder James Adams dazu. Gemeinsames Jammen gab es auch in der neuen Besetzung nicht. Alle Songs entstanden auf dem virtuellen Weg – und zwar vom Songwriting bis hin zum Einspielen der einzelnen Instrumente: Aufgenommen wurde „Pillar Of Fire“ in Montreal, Minneapolis, Seattle und Isle Of Skye. Wer sich nicht im Proberaum trifft, muss sich nicht mit menschlichen Unzulänglichkeiten rumärgern – ein Vorteil?

Michel denkt kurz nach und sagt: „So habe ich das noch nie gesehen – aber da ist schon was dran, es kommt keiner zu spät, haha. Aber das Hauptproblem ist, dass man nicht zusammen an den Feinheiten arbeiten kann.  Es gibt jetzt ein paar Stellen, an denen das Timing nicht zu 100 Prozent passt – ich bin ein bisschen aus dem Takt, weil wir eben nicht gemeinsam im Studio waren, sondern einzelne Teile zusammengefügt haben. Ich höre das, den ich weiß, wie es eigentlich gedacht war. Das nächste Album will ich deshalb unbedingt zusammen mit allen im Studio aufnehmen.“

Interview mit zwei Legenden: Rob Miller (li.) und Michel Langevin (re.)

Interview mit zwei Legenden: Rob Miller (li.) und Michel Langevin (re.)

Rob ergänzt: Es ist ja alles noch viel komplizierter, wir leben in verschiedenen Zeitzonen – du kannst von Schottland aus nicht einfach in Kanada anrufen. Du kannst schon, die Frage ist aber, wen erreichst du und wobei störst du ihn! Away ist außerdem schrecklich viel mit VOIVOD auf Tour und kann sich nicht jeden Tag einloggen – wenn wir über Details eines Songs diskutieren, sammelt sich eine Menge Input in unserem Chat an, und da muss er sich dann durcharbeiten. Ehrlich gesagt, ist es ein Wunder, dass wir so tatsächlich schon zwei Alben veröffentlichen konnten. Und es wird alles noch viel besser werden: Während unserer Proben hat sich gezeigt, dass Jon Ideen ohne Ende hat – man wird noch viel von uns hören! Das wird sehr spannend, denn wir haben schon Songs geschrieben, indem Individuen ihre Ideen über das Internet zusammentragen. Was wird passieren, wenn wir uns gegenüberstehen und unsere Ideen plötzlich direkt austauschen können? Da ist so viel Potential. Es ist wie eine Miene, in der Schätze darauf warten gehoben zu werden. Michel, stell dir vor, wir können einfach über Songparts reden, anstatt mühsam mit Pausen dazwischen nur zu chatten…

Songwriting via facebook und DropBox

Gitarrist und Songschreiber Jon Misery (MISERY)

Gitarrist und Songschreiber Jon Misery (MISERY)

Die Band tauscht sich über eine Facebook-Gruppe aus – das macht unabhängig von Zeitzonen und Tourverpflichtungen, hat aber auch seine Tücken: „Es kam schon vor, dass unser Chat so vor sich hin dümpelte“, erzählt Michel. „Ich bin dann auf Tour gegangen und als ich zurückkam, hatten die Jungs zig ellenlange Postings verfasst, durch die ich mich erst einmal durcharbeiten musste. 90 Prozent schlechte Witze und zwischendrin was Wichtiges… Es gab dann den Versuch, zwei Chats zu führen, einen ernsthaften und einen Spaß-Chat. Hat aber auch nicht funktioniert – es bleibt mühsam.“

Und so funktioniert der Austausch: „Rob, Jon und Andy schicken mir Ideen ohne Drums als Soundfile“, erklärt Michel, „ich überlege mir, was dazu passt, nehme es auf und schicke das neue Demo zurück. Es entwickeln sich dann langsam Songs – aber alles basiert auf Demos mit Klicks. Ich versuche, meinen eigenen Drum-Stil einzubringen – es ist nicht das typische VOIVOD-Druming, aber es soll auch kein Durschnitts-Druming sein. “

TAU CROSS sind tanzbar – wie MOTÖRHEAD auch!

Auffallend ist der Groove, den Michel mit seinem eigenwilligen Schlagzeugspiel erzeugt – seine Erklärung dazu überrascht: „Es fühlt sich verdammt komisch an, das zu sagen, aber TAU CROSS macht auf gewisse Weise tanzbare Musik. “ Rob nickt zustimmend und erklärt, was TAU CROSS mit „tanzbar“ meinen: „Sogar MOTÖRHEAD sind tanzbar – es geht nicht um Schrittkombinationen und klassisches Tanzen, sondern darum, was die Musik mit dir macht: Sie animiert dich, dich im Rhythmus zu bewegen.“

Die Songs von „Pillar Of Fire“ sind von TAU CROSS geschrieben – so steht’s im Booklet. Bei „Tau Cross“ stand da noch „All Songs written by The Baron“ – was hat sich also geändert?

Rob erklärt: „Roy Mayorga und ich hatten nach „Sonic Mass“ das AMEBIX-Ding noch ein wenig weiterverfolgt, doch wir mussten schnell feststellen: Es war zu Ende. Wir haben noch drei Songs zusammen aufgenommen, in einem Studio in LA. Aber er war zu beschäftigt, es sind zu viele Dinge passiert, wir konnten nicht zusammenarbeiten. Ich habe trotzdem parallel weiter Songs geschrieben. (er überlegt und holt tief Luft) „Ich muss etwas ausholen, um das zu erklären: Manchmal trage ich eine Idee zu einem Text lange Zeit mit mir herum, bis mir Musik einfällt, die dazu passt. Das kann sechs Monate dauern. Wenn dann aber der Damm bricht, kommt alles auf einmal. Ich versuche, meine Ideen auf einfache Art auszudrücken, es geht nicht um Spieltechnik oder so etwas, das Gefühl muss passen. Vielleicht klangen die ersten TAU CROSS-Songs für mich deshalb erstmal nach AMEBIX. Bei „Tau Cross“ gab es zudem noch das Problem, dass ich nur eine wirklich schlecht aufgenommene Demo-Sammlung hatte, die ich an Michel schickte – und er musste sich da durchhören. Wahrscheinlich mit Kopfhörern und viel Geduld…“

Michel fällt ihm ins Wort: „Bei den Demos zum ersten Album gab es zum Teil schon Drums – und es ist unfassbar schwer, sich etwas ganz neues auszudenken, wenn man schon etwas im Ohr hat. Ich habe Rob deshalb gebeten, mir künftig Demos ohne Drums zu schicken – das und die zusätzlichen Ideen von Andy und Job haben das Songwriting für „Pillar Of Fire“ einfacher gemacht.“

Größter TAU CROSS-Fan der Welt: Drummer Michel Langevin

Michel und Rob kennen sich schon einige Jahre, und es war ein großer Wunsch von Michel, mit Rob zusammenzuarbeiten: „VOIVOD haben 2008 das Roadburn Festival in den Niederlanden kuratiert, Walter vom Roadburn-Team hat mir den Kontakt zu Rob vermittelt. Leider musste Rob absagen, AMEBIX waren damals noch nicht wieder aktiv. So mussten KILLING JOKE statt AMEBIX spielen. Aber Rob und ich blieben in Kontakt. Und ich habe ihn gefragt, ob er nicht Material habe, an dem wir gemeinsam arbeiten können. Tja, er hat mir vier Demos geschickt, darunter die Songs „Lazarus“ und  „Midsummer“ – die haben mich total weggeblasen. “ Er überlegt kurz und fährt fort: „Ich wollte wirklich so gerne mitmachen, aber es gab ja schon einen Drummer. Doch Rob hatte auch angedeutet, dass Roy ziemlich beschäftigt sei und dass es da eine Möglichkeit gäbe –die habe ich sofort ergriffen!“

„Darüber war ich sehr glücklich“, ergänzt Rob, „Michel sah in meinen Demos schon Songs, ich hatte sie auch an andere Leute geschickt, die meinten aber alle; och nö, das wird nichts.“

Michel fährt fort und seine Augen leuchten: „Ich war und bin ein Riesen-AMEBIX-Fan – und als ich die neuen Sachen von Rob gehört habe, dachte ich, wow – das sind die neuen AMEBIX! Das ist die Zukunft der Band – mit einem neuen Folk-Touch, irgendwas Keltisches war dabei. Das gefiel mir verdammt gut. Und als Rob dann noch erwähnte, dass Jon von MISERY auch mitmacht, wusste ich, dass ich bei dieser Band mitmachen muss! MISERY sind so eine tolle Band. Und ich war schon immer interessiert an Crossover-Musik – bei TAU CROSS trifft so viel aufeinander.“

TAU CROSS arbeiten schon am nächsten Album

Die TAU CROSS-Gleichung geht auf, die Alben verkaufen sich gut und zu den Konzerten kommen eine ganze Menge Leute, berichtet Michel und kündigt an, dass es ein drittes Album geben wird: „Diese Platte werden wir dann gemeinsam in einem Raum aufnehmen! “ Rob hat dazu auch schon einen Plan: „Ich zwinge einfach alle, nach Skye zu kommen. Wir haben jetzt für diese Tour ja ein paar Tage auf Skye geprobt, bei unserem Keyboarder James – er hat ein fantastisches Haus auf der Insel.“

Ihre Vergangenheit können und wollen TAU CROSS trotz aller Progressivität nicht verleugnen. „The Big House“ ist wahrscheinlich der altmodischste aller Songs auf „Pillar Of Fire“ – der trockene Crustpunk-Gitarrensound erinnert extrem an alte AMEBIX-Songs oder Stücke von Bands wie AXEGRINDER oder eben MISERY.

„The Big House“ ist von Jon, er hat ziemlich viele der Songs auf dem Album geschrieben. Er ist echt produktiv, er hat auch die Drop Box bis zum Rand mit Ideen gefüllt. Er kann sehr exzessiv an seinem Gitarrensound arbeiten, besonders bei „The Big House“ hat er viel Zeit reingesteckt. Er hat den ganzen Song geschrieben, mit Klicks. Michel musste sich die Drums dazu überlegen, meine Aufgabe war es, Texte und Gesangslinien zu finden.“

Auf „Pillar Of Fire“ gibt es viele markante Textstellen, die nicht nur dank Millers unverwechselbarem Gesangsstil sofort ins Ohr gehen – mit geschickt platzierten Wiederholungen vermeintlich simpler Textzeilen brennen sich die Worte geradezu ins Gedächtnis. Rob hat dafür eine einfache Erklärung: „Ich schreibe oft erst Texte und dann die Musik. Textzeilen kommen einfach zu mir, sie fallen mir in den unmöglichsten Situationen einfach zu. Blöd ist, wenn man keinen Stift und keinen Zettel dabei hatte. Ich hatte eine gute Idee im Auto auf dem Weg von Skye nach Glasgow, wo ich Michel, Jon und Andy für die Proben abgeholt habe. Da ich nichts zu schreiben hatte, musste ich sie immer und immer wieder wiederholen… Inspiration ist manchmal sehr spontan und überraschend. Es kann nur ein Satz sein, ein paar Wörter, eine Idee. Das ist die Inspiration, der spirituelle Teil des Songwritings.  Die Arbeit dahinter ist, das Drumherum zu finden und die ganze Geschichte zu erzählen.“

Für Michel, der aus dem französischsprachigen Teil Kanadas stammt, sind die einprägsamen und Zeilen wie „The Sun Turned Black“ aus „On The Water“ eine Orientierungshilfe bei Konzerten: „Rob schreibt sehr eingängige Texte. Das hilft mir, Englisch ist nicht meine Muttersprache und unsere Musik ist unkonventionell aufgebaut. Manche Refrains wiederholen sich nach drei Takten, dann erst wieder nach fünf Takten und dann wieder nach vier. Das ist nicht immer einfach zu spielen. Aber in Robs Texten kann ich mich gut orientierten, es gibt immer catchy Momente – so eine Art Schlüsselworte. Bei VOIVOD muss ich manche Texte und Strukturen echt richtig auswendig lernen – bei TAU CROSS fließt alles wie von selbst.“ Er hält kurz inne, grinst und sagt mit einem Blick zu Rob: „Außer bei „Hangman’s Hyll“ – der Song ist strange, schwer zu spielen und es hapert da manchmal mit dem Flow…

„Unsere Moral ist sehr, sehr zerbrechlich“

Im Text zu „On The Water“ geht es um eine Schiffsmannschaft, die in Seenot gerät – und um zu Überleben zum Äußersten geht. Rob erläutert: „Die Geschichte ist wirklich so passiert – ich habe sie als Kind zum ersten Mal gehört. In Großbritannien sprechen wir von „Custom Of The Sea“, also einem Seefahrer-Brauch: Gerät ein Schiff in Seenot, wird der Unwichtigste an Bord getötet und gegessen – um den anderen den Hungertod zu ersparen. Ich will damit zeigen, wie schwach unsere Moral ist. In einer Ausnahmesituation, wenn es ums Überleben geht, ist alle Moral ganz schnell vergessen. Ich habe das selbst erlebt, wir haben mit AMEBIX harte Zeiten erlebt. Wenn dir im Winter das Essen ausgeht und kein Penny mehr da ist, lernst du Menschen anders kennen. Die Zivilisation und alles, was dazugehört, ist nur eine ganz, ganz dünne Schicht – darunter brodelt es. Es ist schockierend, was alles passiert, wenn diese Schicht zerreißt, etwa wie im Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien.“

„Wir opfern uns einem technologischen Gott“

Das Artwork von „Pillar Of Fire“ und der Text des Titeltracks hingegen bewegen sich auf einer anderen Ebene, es geht nicht um konkrete Geschichten, sondern mehr um den Zustand der Gesellschaft – und das, was sie ehrt und schätzt. Im Booklet wird das Covermotiv fortgeführt, ein Maßband mit dem der Himmel vermessen wird, geht in einer Feuersäule auf – im Text des Songs heißt es: „they’re burning their Gods again, the sacred and the profane“ und später „All we built and knew is turned to dust“ – bedeutet das, dass sich der Mensch auf die falschen Dinge konzentriert? Zu viel Technikgläubigkeit und zu wenig Mystik? 

Tau Cross Booklet Interview 2017

(c) Tau Cross

„Wir distanzieren uns von altem, überliefertem Wissen. Obwohl wir alle etwas in uns tragen, das es uns ermöglicht, unsere Umwelt zu verstehen und uns überall heimisch zu fühlen, hören wir nicht mehr darauf“, erklärt Rob. “ Wir haben heute andere Idole, andere Götter. Er zitiert aus „The Lie“ vom ersten Album: „Sex. War. Science. Religion. Darum geht es heute – das sind die Götter, die wir anbeten. Und die Technik, die Wissenschaft spielt dabei eine sehr, sehr große Rolle und übernimmt langsam die Vorherrschaft. Das ist spooky – und das versuche ich auch im Song „RFID“ auszudrücken. Wo kommen wir denn hin, wenn sich Menschen freiwillig Chips unter die Haut pflanzen lassen? Es geht um Eitelkeit, darum als erste dabei zu sein, wenn etwas Neues möglich ist – aber die Konsequenzen beachtet keiner. Wir opfern uns einem technologischen Gott!“ Michel pflichtet ihm bei: „Und keiner denkt daran, was passiert, wenn man diesem Gott den Strom abdreht. “ Rob fährt fort: Überliefertes Wissen geht mehr und mehr verloren, wir geben nichts mehr an Kinder weiter. Es gibt viele Leute, die keine Bücher, ich meine die aus Papier, mehr besitzen. Und es fehlt an Basiswissen. Wer von uns würde in der Wildnis überleben? Wer kann schon jagen oder wer weiß, was man essen kann und was giftig ist? Wir können nur noch googlen. Wir sind wie Junkies, wir brauchen Google und die ganze Technik, um zu überleben.  Ich weiß noch, wie wir früher stapelweise Stadtpläne mit auf Tour genommen haben – heute kann kaum mehr jemand Karten lesen!“

Kunst braucht ein Ventil – und eine Botschaft

Rob und Michel sind beide nicht nur Musiker, Kunst und Kunsthandwerk bestimmt bei beiden das Leben und sichert ihren Lebensunterhalt. Michel arbeitet als Grafiker, Rob Miller hat sich einen weltweiten Ruf als Schmied erarbeitet und stellt auf der Isle Of Skye Schwerter und Schmuck her. Michel beschreibt, wie er damit umgeht, keinen gewöhnlichen 9-to-5-Job zu haben: „Wenn ich etwas male, folge ich einer Idee. Woher die kommt, kann ich gar nicht sagen – das nennt man wohl Inspiration. Ich sage immer, dass mir etwas vorgeschlagen wurde. Ich versuche, diesen Vorschlag so gut wie möglich umzusetzen, auf Papier zu bringen.“

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VOIVODs „Dimension Hartröss“. Aufgenommen im geteilten Berlin 1987-1988.

Kunst ist für ihn nicht nur Selbstzweck: „Meine Arbeiten haben immer eine Botschaft: Es ist eine Warnung – denn es steht nicht gut um unseren Planeten. Ich weiß nicht, woher dieses Gefühl kommt, aber ich habe es schon lange und ich nehme es ernst. Ich habe seit meiner Kindheit Angst vor Kriegen. In den 80ern habe ich den kanadischen Dokumentarfilm „If You Love This Planet“ gesehen, darin geht es um die Folgen eines Atomkrieges. Dieser Film hat mein Leben verändert – neben dem Punkrock. Ich habe entschieden, mit meiner Kunst der Verzweiflung, dem Krieg und Elend Ausdruck zu verleihen und die Warnung, die ich bekomme, weiterzugeben. Mit 16, 17 fing das an und es hält bis heute an. Ich habe versucht, es im Science Fiction-Stil einzufangen. Und so entstand auch das Konzept von VOIVOD.“

tau cross interview systemstörung cover von away

(c) Noise Records

Rob fragt ganz erstaunt dazwischen: „Du schreibst die VOIVOD-Texte?!“ Michel schüttelt den Kopf: „Nein, aber das Konzept ist vom mir. Ich habe es mit Snake für VOIVOD ausgearbeitet. Die Grundidee stand aber schon lange bevor es VOIVOD gab. Als ich dann auch noch Punk für mich entdeckte, schloss sich ein Kreis – ich konnte meiner Idee Ausdruck verleihen.“

Neben Plattencovern für Bands wie PROBOT oder DANKO JONES hat Michel erst vor kurzem eine andere Auftragsarbeit erledigt – das Cover des Buches „Systemstörung“, das die Geschichte des Plattenlabels Noise Records zusammenfasst. Michel beschreibt das Buchcover aus seiner Sicht: „Wir haben in den 80ern die Alben „Killing Technology“ und „Dimension Hatröss“ in Berlin aufgenommen. Mit dem Cover wollte ich die Stimmung an der Mauer einfangen. Es war damals so unglaublich deprimierend – in den Jahren 1986 bis 1988 empfand ich Berlin genau so wie auf dem Buchcover dargestellt. “

Castle Keep – Rob Miller verdient sein Geld mit selbstgeschmiedeten Schwertern

Rob Miller arbeitet seit 25 Jahren als Schmied und fertigt neben Schwertern auch Schmuck, sein Kunsthandwerk ist unter castlekeep.co.uk zu bewundern. Was inzwischen seinen Lebensunterhalt sichert, begann aus der Not heraus: „1991 hatte ich einen üblen Motorradunfall. Es war eine schlimme Zeit, ich war schwer verletzt, meine Beziehung ging in die Brüche, ich übernachtete bei Freunden auf dem Fußboden, denn mein Haus musste ich aufgeben“, erzählt er. „Ich landete auf Skye und hatte nichts, mein Bike war Schrott, mein einziger Besitz meine Klamotten. Ich war verzweifelt, aber es war ein Neuanfang. Ich konnte tun, was immer ich wollte. Ich habe dann einen Experten für Mythologie kennengelernt, sein Spezialgebiet war King Arthur. Wir haben viel geredet und er hat mir eine kleine Schmiedewerkstatt zur Verfügung gestellt. Ich war besessen von der Idee, ein Schwert herzustellen. Ich wollte es einfach nur ausprobieren. Aber dazu musste ich viel lernen, wie macht man ein Messer, wie faltet man Damaszenerstahl und so weiter. Das habe ich alles ausprobiert, ohne Ziel und ohne die Absicht, jemals damit Geld zu verdienen. Aber die Dinge haben sich entwickelt – und ich wurde immer wieder gefragt, ob ich meine Werkstücke verkaufe. Nach drei Jahren musste ich eine Entscheidung treffen: Will ich damit mein Geld verdienen? Nach fünf Jahren konnte ich schon gut davon leben. Ich konnte ein Haus bauen, für mich und meine Frau! Und inzwischen habe ich einen guten Ruf. Ich liebe meine Arbeit, auch weil sie so vielseitig ist. Lederbearbeitung, Schmieden, Holzbearbeitung – man muss viele verschiedene Dinge tun. Es befriedigt das Bedürfnis, kreativ zu sein. Den kreativen Impuls kann man nicht unterdrücken.  Es gibt bei künstlerisch veranlagten Menschen immer Spannung, die sich entladen muss. Ob das nun über die Musik geschieht, oder über Malerei oder Schwertschmieden – sie findet ein Ventil! Als ich keine Musik gemacht habe, habe ich das Schmieden für mich entdeckt, die Psychologie, die Frage nach Symbolen und Archetypen. Wir haben mit AMEBIX schon angefangen, diese Themen zu behandeln, ich konnte das aber damals nicht in Worte fassen – ich hatte zu dieser Zeit nur sehr wenig gelesen. Es geht nicht ohne Kunst.

tau cross interview castle keep

(c) Castle Keep

Das Schmiedehandwerk ist für ihn mehr als ein Handwerk – es ist wie Zauberei, die bis heute wunderbar geblieben ist: „Die Arbeit des Schmieds ist magisch. Es ist der einzige Beruf, wo man unmittelbar mit allen Elementen arbeitet: Kohle steht für die Erde, im Feuer verändert sich das Material, die Luft in der Esse nährt das Feuer, Wasser braucht man zum Kühlen – all das hat viel mit der Kabbalah und Spiritualität zu tun. Der Schmied galt im Mittelalter als Magier, er konnte unglaubliche Dinge tun wie Schwerter reparieren, Metall schärfen und so weiter. In der Artussage und der nordischen Mythologie kommt dem Schmied eine ganz besondere Bedeutung zu, er ist etwas wie ein Zauberer – den er kann ein zerbrochenes Schwert wieder reparieren. Das überstieg damals die Vorstellungskraft der Menschen im Mittelalter, denn zerbrochen war für sie irreparabel zerstört. Und dann kommt der Schmied und vollbringt hinter verschlossenen Türen ein Wunder!“

amebix arise cover 2014Bei so viel künstlerischem Output verwundert es ein wenig, dass das Artwork von „Pillar Of Fire“ nicht von den Bandmitgliedern selbst, sondern vom rumänischen Künstler Costin Chioreanu stammt. Lediglich das Bandlogo wurde  von Gitarrist Andy Lefton entworfen, der übrigens auch das Coverartwork der 2014er Neuauflage des AMEBIX-Albums „Arise“ (im Original von 1987) überarbeitete. Für Michel war aber von vorneheiein klar, dass man für „Pillar Of Fire“ jemanden außerhalb der Band engagiert: „Obwohl Rob, Andy und ich uns auch mit Grafikdesign, mit Malerei und Gestaltung beschäftigen, war von Anfang an klar, dass wir es nicht selbst machen werden.“ Rob ergänzt: „Es wäre zu persönlich geworden – und es sollte ja auch nicht nach AMEBIX oder VOIVOD aussehen.“ Die Zusammenarbeit mit Costin Chioreanu hat sich schon in der Vergangenheit bewährt – Michel fasst zusammen: „Costin hat auch das ROADBURN-Plakat von 2008 für VOIVOD entworfen, ich kenne ihn von damals. Ich liebe seine Arbeit, er hat inzwischen einen sehr eigenen Stil und macht wirklich viel, zum Beispiel ist auch das Video zu NAPALM DEATHs“ Dear Slum Landlord“ von ihm.“ Rob ergänzt: „Er ist unglaublich fleißig, er veröffentlicht ständig neue Dinge auf seinem Facebook-Account. Er hat auch für THE LURKING FEAR; die neue Band um Tomas Lindberg, gearbeitet.“.

Warum der Dudelsack unglaublich nerven kann

TAU CROSS live in Hamburg 2017

Auch in musikalischer Hinsicht haben sich TAU CROSS Unterstützung geholt. Auf „Pillar Of Fire“ sind eine Drehleier und ein Dudelsack zu hören  – eingspielt von Freunden der Band. Rob erklärt: “ Es ist wichtig, neue Einflüsse aufzunehmen. Wir sitzen mit TAU CROSS nicht in einem abgeschlossenen Raum, im Gegenteil. Es geht darum, sich auszuprobieren und auch mal etwas ganze anderes zu tun. Traditionelle Instrumente wie ein Dudelsack oder eine Drehleier können eine unglaubliche Wirkung haben – aber man muss sie richtig einsetzen! Der Dudelsack ist für mich untrennbar mit The Isle Of Skye verbunden. Manche Leute hassen den Klang des Dudelsacks – was ich gut verstehen kann, denn wenn man zu viel damit rumdudelt, nervt das schnell. In Scotland sagen wir dazu auch „strangling the spider“ (er macht knarzige Geräusche und untermalt sie mit Würgebewegungen beider Hände). Deshalb hat Bridghe Chambuil, die übrigens erst 18 Jahre alt ist,  die Basstöne einfach weggelassen. Sie spielt den Dudelsack mehr wie eine Gitarre bei einem Solo – sie hat alles in zwei Takes eingespielt, das war unglaublich. Tanner Anderson, der die Drehleier spielt, habe ich in Minneapolis kennengelernt. Er arbeitet dort in der Hammerheart Brewery (hammerheartbrewing.com), die Austin Lunn gehört – der nebenbei bemerkt mit einer Band PANOPTICON unglaublich kreative Musik macht, er hat einen Punk-Background, macht jetzt aber so was wie Black Metal mit Hillbilly-Bluegras-Einflüssen.“

Für Michel begann Crossover schon in den frühen Siebzigern: „Das mag ich an der Post-Punk-Bewegung. Man konnte plötzlich auch unverzerrte Gitarren verwenden, im Punk undenkbar. Losgetreten haben diese Entwicklung die britische Band SWELL MAPS, die plötzlich auch Sounds von Kinderspielzeugen in ihrer Musik verarbeitet haben. Das ist doch bis heute unglaublich spannend!“

Auch NEW MODEL ARMY können in diesem Zusammanhang genannt werden – die Briten kombinieren seit Jahrzehnten traditionelle Folk-Elemente mit Rockmusik, und politischen Texten – durchaus ein Einfluss auch für MISERY, die „The Hunt“ gecovert haben und TAU CROSS, wie Michel zugibt: „Als mir Rob „We Control The Fear“ geschickt hatte, dachte ich sofort an NEW MODEL ARMY und ich kam darauf, eine Art Army-Beat dazu spielen, etwas sehr rhythmisches, Marsch-mäßiges auf der Snare. Die Idee dazu ist wirklich von NEW MODEL ARMY, die ich in den 80er in Montreal gesehen habe, woran ich mich bis heute sehr gut erinnere.“

Tau Cross Bandfoto (c) Meg Miller

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andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...