NEW MODEL ARMY: Interview mit Justin Sullivan


Als einziger Überlebender der Ur-Besetzung ist Justin Sullivan längst Synonym und Aushängeschild der britischen Rockband New Model Army. In regelmäßigen Abständen zieht der charismatische Sänger und Gitarrist jedoch solo durch die Lande – um Abstand von der längst zu einem Selbstläufer avancierten Band zu bekommen?

Justin: „Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber vielleicht stimmt das ja. Die laufende Tournee ist eine sehr kreative Geschichte. Genaugenommen ist es aber schon so eine Art Akustik-Version von New Model Army und kein richtiges Soloprojekt. Nacht für Nacht entsteht eine sehr spezielle Verbindung zwischen uns und dem Publikum, was ich sehr schätze.“

Neben New Model Army und Justin Sullivan solo gibt es noch das Red Sky Coven-Ding, wo Du mit Deiner Lebensgefährtin Joolz und dem Songwriter Rev Hammer auf die Bühne steigst. Wo ziehst Du da den Trennstrich?

Justin: „Red Sky Coven ist eine Gemeinschaftssache von mir, Joolz und Rev Hammer. Wir sind seit 20 Jahren dicke Freunde, jeder von uns ist jedoch ein eigenständiger Künstler. Die gemeinsamen Shows basieren auf unserer langen Freundschaft. Das ist etwas anderes, denke ich. Auf der laufenden Tournee hingegen werden Lieder, die ich geschrieben habe, neu und anders interpretiert.“

Du bist auf Tour mit Michael Dean und Dean White, die beide auch bei New Model Army spielen. Ist das dann keine Mogelpackung, wenn drei Menschen von NMA auf der Bühne stehen, die Tour aber unter Deinem Namen läuft?

Justin: „Es startete als Soloprojekt, doch als Dean dazustieß, weil er ein sehr vielseitiger Musiker ist, wollte Mike ebenfalls mitmischen. Ein Soloprojekt ist es, was das Songwriting und die Geschichten angeht, die ich live erzähle.“

New Model Army starteten als Band in den frühen 80er Jahren. Über 20 Jahre später hast Du als einziges Gründungsmitglied überlebt. Ist so was in ruhigen Momenten nicht irgendwie seltsam?

Justin: „Nein, nicht wirklich. So sieht es aus, das ist mein Leben. Ich denke, alle kreativen Beziehungen haben gute Zeiten, stagnieren jedoch irgendwann. Zumindest ist das die Erfahrung, die ich mit vielen verschiedenen Menschen über all die Jahre bei New Model Army gemacht habe: Man arbeitet eine Zeit lang zusammen, und da ist Magie, doch wenn die Magie verschwindet, ist es für mich immer gut, neue Partner zu finden, mit denen ich zusammenarbeiten kann.“

New Model Army waren nie eine gewöhnliche Rockband. Da stand immer eine gewisse Protesthaltung dahinter, ein vielfältiges politischen und soziales Bewußtsein und Engagement. Ist Musik für Dich nur Unterhaltung oder versuchst Du, mit Deiner Musik zumindest einige kleine Dinge in der Welt zu verändern?

Justin: „Lieder ändern die Welt nicht. Was sie tun, ist, das Publikum zu verbinden. Die Fans sind unsicher, merken, daß da draußen vieles falsch läuft. Sie fühlen sich allein, kommen zu Konzerten und erleben, daß sie nicht alleine sind. Es ist eine Art Bestätigung, ein Kraftschöpfen, das sehr wichtig ist.“

Bist Du selbst politisch aktiv?

Justin: „Ja, klar. Vor allem in England, wo die Anti-Kriegs-Bewegung gerade ein großes Thema ist. Politik ist für mich Teil des Lebens – so, wie auch Religion, Liebe und Beziehungen Teile des Lebens sind. Über all diese verschiedenen Aspekte schreibe ich meine Texte.“

Seit Jahren gibt es eine Fanbewegung, die New Model Army auf ihren Tourneen hinterher reist und Nacht für Nacht vor der Bühne tanzt. Ist es für eine Band mitunter nicht schwierig, solch fanatische Fans zu haben?

Justin: „Oh, sie sind nicht fanatisch. Die Leute glauben immer, daß Menschen, die einer Band nachreisen und sich jedes Konzert einer Tournee ansehen, automatisch Fanatiker sind. Der Grund, warum sie es tun, ist recht einfach: Es ist eine großartige Möglichkeit, herumzureisen und sich die Welt anzusehen, viele Menschen aus unterschiedlichsten Ländern zu treffen, die zumindest die selbe Musik mögen und vielleicht auch noch einige Dinge mehr gemeinsam haben. Wir sind so etwas wie die Entschuldigung für diese Menschen, auf Reisen zu gehen und Abenteuer zu erleben. Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß sich diese Idee längst verselbstständigt hat. Das NMA-Gefolge existiert nach wie vor, es sind jedoch längst ganz andere Menschen mit dabei. Das ist etwas, was diese Menschen zwei oder drei Jahre in ihrem Leben machen, weil es interessant ist – sie folgen der Band ja nicht für den Rest ihres Lebens. Irgendwann haben auch sie Jobs und ein Zuhause und Kinder, vielleicht kommen sie noch mal, wenn wir in ihrer Gegend spielen. Auf unseren Konzerten finden sich heute im Publikum drei Generationen – von 16 bis 40. Das ist großartig!“

Denkst Du, ein Künstler trägt Verantwortung für sein Publikum?

Justin: „Nein. (Pause) Kurze Antwort auf Deine Frage, haha! Aber: Es gibt zwei Arten von Künstlern. Die einen gehen auf die Bühne, erschaffen Kunst und betrachten das Publikum als auserwählt, ihnen dabei zusehen zu dürfen. Das ist ihre Interpretation von Beziehung: Das Publikum sitzt oder steht und sieht ihnen zu, wie sie Kunst kreieren. Auf der anderen Seite gibt es Künstler, die mit ihrem Publikum kommunizieren wollen. Der Grund, warum sie auf die Bühne steigen, ist nicht, Kunst zu erschaffen, sondern mit den Menschen in Verbindung zu treten. Ich denke, wir zählen zu letzteren.“

Es gibt ein paar interessante NMA-Coverversionen. Die amerikanischen Avantgarde-Thrasher Anacrusis haben „I Love The World“ gecovert …

Justin: „Ja, aber das ist doch schon länger her. Zehn Jahre oder so.“

Stimmt. Du kennst den Song?

Justin: „Jaja.“

Und die Sepultura-Version von „The Hunt“?

Justin: „Klar.“

Was denkst Du?

Justin: „Großartig! It’s flattering for us that people want to cover us. Klasse Sache!“

Stell Dir vor, Du feierst eine Gartenparty und darfst drei Bands Deiner Wahl einladen, die für Dich und Deine Freunde aufspielen – Leichen willkommen! Wer zockt auf Justin Sullivans Gartenparty?

Justin: „Woah! Da kann ich unmöglich nur drei zurückbringen. Viel zu wenig! Da gibt es viel zu viele Helden …“

Schon klar. Es gibt aber auch nur diese eine Nacht …

Justin: „Mein Musikgeschmack ist sehr weit gefächert. Ich müßte Otis Reading und Aretha Franklin einladen, Killing Joke, Nirvana, Kate Bush, The Who, Queens Of The Stone Age, Jimi Hendrix … und natürlich Tubes From The White House! Reicht das?”

Aber ja! Queens Of The Stone Age sind Faves von Dir, habe ich im Internet gelesen…

Justin: „Yeah. Immer mal wieder taucht eine neue Band auf, die meinen Glauben an den Rock’n’Roll erneuert. Momentan liebe ich das Black Rebel Motor Cycle Club-Album!“

Du bist auch ein großer Kate Bush-Fan…

Justin: „Ja, klasse.“

Sag nur, Du hast sie mal live gesehen?

Justin: „Nein, sie tritt ja nicht mehr auf. Ich habe jedoch gehört, dass sie an einem neuen Album arbeitet.“

Europa rückt mehr und mehr zusammen, England hingegen bleibt Insel und hat noch immer sein Pfund. Wie denkst Du über den Euro?

Justin: „Ach, typisch England. (lacht) Ich zahle mit dem Euro, er hat mein Leben einfacher gemacht. England ist seltsam. Wir sind und bleiben Inselaffen – das Klischee stimmt.“

Wo siehst Du New Model Army heute stehen?

Justin: „Wir haben uns unseren Status als Outsiders nie ausgesucht, aber so ist das von Anfang an gelaufen. Etwas bei New Model Army will einfach nicht in die Mainstream-Musikindustrie oder auch in die Medienlandschaft passen. Du wirst NMA nicht auf MTV oder in allzu vielen Radiosendern finden. Wir sind eine Band, die ihr Ding durchzieht, unsere Fans kommen aus allen Ecken des Lebens. Wir sind nicht Teil einer bestimmten Subkultur oder eines speziellen Musikkults. Herausragend bei New Model Army ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass wir uns nie wiederholt haben. Wir nehmen nicht ständig die gleiche Platte auf, sondern arbeiten hart an uns, kein Lied zweimal zu schreiben. Und darauf bin ich heute sehr stolz: 150 Songs veröffentlicht zu haben, die alle unterschiedlich sind.“

INTERVIEW: gnadiator, April 2002