NEVERMORE: Eat shit, smile and ask for more

NEVERMORE: Eat shit, smile and ask for more

Es ist schon eine seltsame Situation gewesen… Interviewpartner Jim Shepard wollte erst noch was aus dem Bus holen bevor es zum Interview ging, als plötzlich ein Kombi mit der Aufschrift Taubenabwehr vorfährt. In Deutsch fragt er mich, ob ich zur Rockfabrik gehöre, er solle einen Bus wegen den Läusen einsprühen….während ich noch verdutzt drein schaue kommt der Busfahrer angesprintet, der kein Deutsch versteht oder spricht und fragt den Fahrer des Wagens der weder Englisch spricht oder versteht, ob er der Kammerjäger wäre. Als ich ihm erkläre, dass er wegen der Läuse da wäre schreit dieser nur entsetzt auf, dass es sich nur um Käfer handeln würde, machte aber einen sichtbar erfreuten Eindruck. Der Rest der Geschichte ist inzwischen bekannt und ich war beruhigt dass ich unbeschadet aus dem Interview heraus gehen könnte. *G*

Ursprünglich hatten wir ja versprochen, den verloren gegangen zweiten Interviewteil (hier geht’s zum ersten) mit Warrel Dane auf Tour nachzuholen, was so auch geplant und bestätigt war. Unglücklicherweise erwischten wir aber ausgerechnet wieder den Tag der Tour, an dem Warrel auf ärztliches Raten hin seine Stimme schonen musste und deshalb alle Interviewtermine absagte. Stattdessen erklärte sich aber Jim Sheppard kurzfristig zum Gespräch bereit, wenngleich das Fragekonzept wieder einmal über den Haufen geworfen werden musst und Improvisation gefragt war. Freund Jutze hatte mich zum Glück im Vorfeld aber bereits mit ein paar obskuren Fragen ausgestattet und was entstand war ein kleiner, lockerer und ungezwungener Plausch, worüber vor allem Jim selbst ziemlich froh war. So machte er schon vor dem eigentlichen Interview deutlich, dass er über ein paar weniger ernsthafte Fragen ganz froh wäre, während er gleichzeitig mit Wasser im Mund den Bandkollegen zusehen musste, wie diese gerade ihr Essen an ihm vorbeitrugen…..

Das Album ist nun ein paar Tage draußen, ihr seid auf Tour, ihr habt Kontakte zu den Fans – wie sieht deine persönliche Zusammenfassung seit der Veröffentlichung von Enemies of Reality aus?

Nun, Enemies of Reality ist mein bisheriger Favorit. Das Album führt mich zurück in die Zeit als Politics of Ecstasy entstand, es gibt einen stärkeren politischen Bezug in den Lyrics, die Musik ist aggressiver,…

Ich habe von so vielen Leuten gehört dass die Produktion nicht gut wäre. Ich persönlich höre als erstes Mal auf die Musik und die Produktion kommt erst an zweiter Stelle. Natürlich ist sie nicht so brillant und klar wie bei Dead Heart in a Dead World. Aber wir waren in einer Situation, in der wir einfach nicht so viel Geld zur Verfügung hatten und deshalb mussten wir im Grunde eine Art Kellerproduktion fahren. Es war eine gute und lustige Erfahrung aber die Produktion hat natürlich darunter gelitten. Aber ein guter Song ist ein guter Song.

Du bist es aber vermutlich leid, ständig darauf angesprochen zu werden, oder?

Ja, schon. Die Leute die die Produktion nicht mögen sollen zu unseren Konzerten kommen.

Auf Tour habt ihr ja nun den direkten Kontakt mit den Fans. Wie haben sie auf das neue Album reagiert?

Sehr positiv! Die meisten Fragen zur Produktion bekomm ich eigentlich nur in Interviews gestellt. Die Fans lieben die Songs und singen jeden Ton mit. Von daher ist es schon irgendwie seltsam.

Die Pressearbeit und alles gehört natürlich zu dem Job als Musiker und auch die Sache mit den Labels. Nach vielen Jahren im Musikbusiness: wie sieht es da für dich mit deinem persönlichen Enthusiasmus aus, verglichen mit den Anfängen?

Nun, ich liebe die Musik. Alles was mit dem Leben als Musiker zu tun hat – auf Tour zu gehen, Alben einzuspielen, die Fans zu treffen, usw. Ich werde nicht müde. Es ist erstaunlich, ich meine es passiert oft, dass eine Band einen Plattenvertrag bekommt, nicht den großen Durchbruch hat und dann aufgibt. Wir sind immer noch da und der Grund warum wir erfolgreich sind ist unsere Leidenschaft für die Musik. Wir vier sind uns total nahe und kämpfen zusammen wie Brüder. Es ist dieses starke Gefühl der Leidenschaft das uns weiter machen lässt. Wir sind über die Jahre gewachsen und allmählich in einer Situation, ab der man mit der Musik Geld verdienen kann.

Ich weiß nicht wie das für dich ist, ich persönlich bin noch nicht allzu lange in diesem Musikzirkus aktiv und dennoch stelle ich fest, dass ich in diesen vier oder fünf Jahren viel an Enthusiasmus verloren habe, vor allem durch die Einblicke, die man hinter den Vorhang bekommt. Als Musiker erhältst du nicht nur Einblick sondern steckst mitten im Geschehen. Hat sich für dich dadurch nichts verändert?

Nein, für mich ist es ja auch viel einfacher. Ich kann mich auf eine Band konzentrieren, du musst dich auf viele konzentrieren. Du hörst dir ein Album nach dem anderen an und schreibst darüber und das wäre tatsächlich etwas, das mir den Enthusiasmus nehmen würde. Ich käme mit dieser Sinnesüberflutung nicht zurecht, ich hör mir nur einige wenige Bands an, meine Favoriten eben. Auf mich trifft dies also überhaupt nicht zu. Wir haben nie davon genug, live zu spielen oder Musik zu machen.

Und wenn es darum geht, die Ideale vergangener Zeiten zu verlieren?

Nun, diese Businessangelegenheiten sind Teil des ganzen und nur so kann man überleben. Ich habe das immer gehasst aber wir haben nun einen Manager und ich habe nicht mehr so viel damit zu tun. Du frisst Scheiße, lächelst und bittest um mehr – das war das, was uns Dave Mustaine gesagt hat, als wir mit SANCTUARY angefangen haben. Ihr wollt in diesem Geschäft erfolgreich sein? Eat shit, smile and ask for more! Haha…

Wie verbunden fühlst du dich heutzutage mit euren Fans, denkst du dass du weißt, was die Fans von euch wollen?

Nunja. Ich denke nicht, dass wir jemals unsere Fans fallen gelassen haben. Und deshalb gehst du auch auf Tour – um die Verbindung zu halten. Die Tour in den USA war sehr erfolgreich und wir hatten dort sehr viel Kontakt mit unseren Fans. Wir sind langsam gewachsen und wenn du dir z.B. den ersten Song vom neuen Album anhörst, dann klingt dieser sehr nach NEVERMORE, der letzte dagegen ist recht experimentell um eine Tür aufzuhalten.

(Es folgt ein kurzes Gespräch, in dem Jim zum Ausdruck bringt, dass es ruhig derart locker bleiben darf…) Okay, ich hab da noch ein paar ganz andere Fragen auf Lager. Stell dir vor, ihr hättet die Chance ein Jahr lang mit METALLICA auf Tour zu gehen. Ihr bekommt alles bezahlt – die besten Voraussetzungen. Bedingung: entweder Haare schneiden oder kein Alkohol. Welches der beiden Übel würdest du auf dich nehmen?

Keines. Ich kann meine Haare genauso wenig schneiden wie ich auf Alkohol verzichten kann, also müsste ich wohl auf die METALLICA-Tour verzichten.

Stell dir vor die Band wäre auf einer einsamen Insel gestrandet. Wen aus der Band würdest du als erstes essen?

Uaaah…keinen von ihnen. Sie sind alle faul. Du solltest mal in unseren Tourbus kommen…ich würde ihnen wahrscheinlich vorschlagen mich zu essen…

Tragt ihr beim Proben Schuhe oder probt ihr barfüßig?

Ich lass meine Schuhe und Socken immer an! Warrel hat sie auf der Bühne das ein oder andere Mal ausgezogen. Aber ich…immer Schuhe und Socken….vor allem im Proberaum wäre das doch eklig…

Erzähl mal, wie der NEVERMORE-Proberaum so aussieht…

Unser neuer ist mit Ausnahme des dreckigen Teppichs wirklich hübsch. Er ist von der Beleuchtung und Atmosphäre her sehr stimmungsvoll. Chris Broderick kam mal zu uns zum Proben und wir fragten, wie es denn in Denver aussehen würde. Er meinte nur, wir hätten hier allein in diesem Proberaum eine größere Musikszene als bei ihm in der ganzen Umgebung.

Ich dachte ja ursprünglich dass er euch hierher begleiten würde…

JAG PANZER touren momentan in Amerika. Zum Glück hatte Steve (Smyth – TESTAMENT) dann Zeit.

Wie läuft es denn mit ihm?

Sehr gut, total locker. Er kommt aus San Francisco, wir aus Seattle was sehr nahe zusammen liegt, was mit den anderen Leuten nie der Fall war. Ich glaub er ist uns von der Mentalität her ähnlicher.

In den USA seid ihr ja sehr oft mit europäischen Bands unterwegs, mit vielen Death-Metal-Acts usw. Fühlt ihr euch dieser Szene mehr verbunden als der amerikanischen?

Ja…ich kann nicht wirklich Bands nennen die einen ähnlichen Sound machen und bei denen ich sagen könnte, dass diese die Szene bilden in der wir uns bewegen. Wir sind auch zu melodiös für Fans heftiger Musik und zu heftig für Fans melodiöser Musik. Wir scheinen zu den Fans des heftigeren Sounds aber eine besseren Draht zu haben – DIMMU BORGIR, DEATH, aber auch die ICED EARTH-Tour lief ziemlich gut. Anonsten: ja, wir funktionieren ganz gut zusammen mit skandinavischen Bands.

Stichwort ICED EARTH – der neue Sänger ist ja der ehemalige Sänger von JUDAS PRIEST und damit haben wir den Bogen zu diesem ganzen Reunion-Wahn geschlagen. Mal ehrlich: wie oft habt ihr das Angebot für eine SANCTUARY-Reunion-Show auf einem europäischen Festival bekommen?

Ich glaube ein mal für Wacken aber warum sollten wir eine Reunion-Show machen? Wegen Geld? Falscher Grund.

Wie oft duscht du während einer Tour?

Auf dieser Tour bisher tatsächlich fast täglich. Es gab den ein oder anderen Day-Off an dem wir keine Dusche hatten, aber nach den Shows eigentlich immer.

Letzte Woche habe ich in einem Interview mit einer anderen Band gelesen dass die Busse und die Backstageräume in Deutschland im Vergleich zu Amerika so furchtbar wären. Siehst du das auch so?

Nein, aber das kommt glaub ich auch echt auf den Level an, auf dem du tourst. Für große Bands mag das sicher zutreffen aber beim kleineren Venues sind die Gegebenheiten hier in Deutschland um einiges besser. Die Szene in Amerika hat sich wieder etwas gebessert. Wir spielen inzwischen wieder in etwas größeren Venues, aber die kleinen sind echte Dreckslöcher – wenn ich mir so anschaue wo wir in den letzten 10 Jahren überall so aufgetreten sind… Aber wie gesagt, die letzten 6 Monate oder so hat sich das wieder verändert…

Wie wohl fühlst du dich, Teil einer Szene zu sein?

Es ist mir egal….

Wie sieht es mit Metal-Klischees aus?

Nun, jeder hat seine Meinung. Ich mag sie wenn es um andere Bands geht. Wenn es um uns geht – da hab ich schon meine Schwierigkeiten, wenn uns z.B. jemand als Powermetal-Band bezeichnet. Es gibt ein paar Bands in Europa, von denen man immer gleich hört das ist kein True Metal! Für sie ist das anscheinend dieser Happy Metal oder so was. Ich mag Klischees nicht, wenn es darum geht, dass man jemand in Kategorien einteilt. Was sollen wir denn sein? Black Metal, Death Metal, Power Metal, Speed Metal….was sollen wir sein?

Und damit sind wir wieder bei diesem Thema angelangt, weshalb ich vorhin gesagt habe, dass mich gewisse Dinge in der Metalszene inzwischen langweilen. Es gibt genug Bands, denen es genügt, Teil eines Klischees zu sein und wie jemand anderer zu klingen…

Ja. Es gibt immer Trendsetter und solche die nur folgen. Es ist in Amerika genau dasselbe. da wird eine Grunge-Band groß und plötzlich möchte jeder Grunge machen….

Okay, eine letzte frage, dann will ich dich essen lassen: was waren die letzten drei CDs, die du dir gekauft hast?

Ich hab mir von CANDLEMASS Nightfall gekauft. QUEENS OF THE STONE AGE – Go with the Flow und Rated R. Ja und dann noch…eine CONCRETE BLONDE-Scheibe, Bloodletting – sehr gothic-lasting. Das wars eigentlich. Ich hab lange keine CDs in Läden gekauft, ich bekomme oft CDs von Plattenlfirmen, aber bei CANDLEMASS bin ich darauf zugelaufen und hab sie gesehen und gesagt oh Gott, was für eine brillante CD, die hab ich seit Ewigkeiten nicht gehört. Dann hab ich gelesen Remastered – Bonus DVD und hab sie mitgenommen. Da hab ich mir aber auch noch MY DYING BRIDE gekauft.

Eben alles Trendsetter.

Viele Leute vergessen dass CANDLEMASS im Grunde genommen eine der ursprünglichen Gründer einer gewissen Art von Black Metal-Sounds waren…gemeinsam mit MERCYFUL FATE natürlich.