MINDNAPPING: Ein Medium, das viel zu bieten hat.

MINDNAPPING: Ein Medium, das viel zu bieten hat.

Patrick Holtheuers kleines Indie-Hörspiellabel AUDIONARCHIE ist immer noch ein Geheimtipp, dabei ist die dort beheimatete Reihe MINDNAPPING das vermutlich Beste, das Hörspielfreunde im (Psycho-)Bereich finden können. Mittlerweile gibt es sechzehn Folgen, die nicht nur originelle Spannung mit Köpfchen bieten, sondern sich auch vor den großen Meistern der Spannung wie John Carpenter (Das Geschwür), David Lynch (Montana oder eine seltsame Schleife) und den Cohen Brüdern (Insel-Menschen) verneigen. Die jüngste Folge Vier Köpfe ist nicht nur eine der stärksten der MINDNAPPING-Reihe, sondern auch eine gelungene Hommage an Alfred Hitchcocks brillante Thriller. Grund genug, Patrick Holtheuer ein paar Fragen zu stellen.

Wenn ich Leuten erzähle, dass ich Hörspiele liebe, sagen Sie meistens, dass sie höchstens dazu einschlafen würden. Was kannst Du dagegen halten, warum soll man die Glotze auslassen und dafür die Anlage aufdrehen?

Auslassen muss man ja nichts, genau da geht es ja schon los. Warum immer nur das eine oder das andere? Man kann beides haben, ich sehe da keine Probleme und ich gebe da auch keine Empfehlungen. Man muss auch niemanden bekehren. Es sollte sich aber jeder darüber im Klaren sein, dass er was verpasst. Hörspiele können mindestens genauso gut unterhalten wie ein packender Film oder eine TV-Serie, man muss sich einfach nur darauf einlassen. Hörspiel bedeutet nicht automatisch DIE DREI ??? oder BENJAMIN BLÜMCHEN. Man denke da nur an die Zeit der Straßenfeger, da hingen die Leute alle gebannt vor dem Radio. Das Medium Hörspiel hat reichlich zu bieten!

Wie suchst du dir Skripte aus? Schreiben die Autoren ihre Bücher exklusiv für dich? Oder haben Leute wie Simon X. Rost Ideen in der Hinterhand, die sie anderweitig nicht unterbringen konnten?

Die beiden Fragen fassen wir mal zusammen, denn das Eine resultiert aus dem Anderen. Ich suche nichts aus, denn es liegt ja nichts fertig in der Schublade, die Skripte werden alle exklusiv für MINDNAPPING geschrieben und ich lasse mir Exposés schreiben. Dazu sagt man dann Ja, passt, aber… oder Machen wir so, schreib mal! That´s it.

MINDNAPPING hat einige Crossover gemacht, einmal mit DARKSIDE PARK, einmal mit OFFENBARUNG 23, einmal mit LEON KRAMER. Konnte deine Serie davon profitieren?

Sagen wir mal so, die Folgen haben sich insgesamt schon besser verkauft als die normalen, mit Ausnahme der LEON KRAMER-Folge. Das Prequel zu OFFENBARUNG 23 hat sich bisher mit der ersten Folge zusammen am besten verkauft. So gesehen hat es schon was gebracht, aber unterm Strich macht die Reihe leider weiter Verlust, so dass man nicht von Profit reden kann, im Gegenteil. Da muss noch mehr passieren.

Mir kommt es so vor, als würde jede Folge einem gewissen Stil von Thrillern folgen. So scheint Vier Köpfe nicht nur wegen der Referenz an Der unsichtbare Dritte an Hitchcocks Thriller der sechziger Jahre zu erinnern. War das beabsichtigt? Deine Verneigung vor dem Großmeister des Suspense, beziehungsweise der jeweiligen Inspiration?

Absolut, so soll es ja auch sein. Der eine sagt Da wird aber mal wieder nachgeäfft und geklaut!, aber das ist Quatsch. Ich verneige und verbeuge mich gerne vor den diversen Meistern ihres Fachs, und das gilt ja auch für die Autoren. Das erkennst Du in Bezug auf Vier Köpfe ganz richtig. So wie sich Simon X. Rost und meine Wenigkeit vor Alfred Hitchcock und Der unsichtbare Dritte verneigen, so tut dies auch Marcel Schweder in Richtung Bernard Herrmann.

Marcel Schweders Soundtrack zu Vier Köpfe wurde bedrohlich und bombastisch gehalten und zeigt den Stellenwert der Musik im Hörspiel. Wie viel Wert legst Du auf die musikalische Untermalung? Ist sie gleichwertig wie Story und Sprecher?

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Der neueste Streich aus der Reihe MINDNAPPING: Die großartige Hitchcock-Hommage Vier Köpfe.

Selbstverständlich, denn ohne das eine bringt das andere auch nichts. Es muss in allen Bereichen passen, da darf nichts abfallen. Bei Marcel wusste ich sofort, dass er verschiedene Stile beherrscht. Und da man schon in Richtung Der unsichtbare Dritte schielte, wollte ich auch den passenden Sound haben, ohne dass das Hörspiel in den 60ern spielt. Kannst Du Bernard Herrmann? war die Frage, so wie es auch schon die Frage Kannst Du Carpenter? an Marcel war, als es um Das Geschwür ging. Der Mann hat es einfach drauf und der Bereich Sound und Musik sind auf jeden Fall auf einem Level mit der Story, den Sprechern, der Regie et cetera.

Hast Du die Stimmen gleich im Kopf, wenn Du das Skript liest, und kannst Dir deine jeweilige Wunschbesetzung auch erfüllen? Oder gibt es Sprecher, die zu teuer sind? Hast Du Kandidaten, die mal bei MINDNAPPING zu hören sein müssten und auch schon Ideen für die Rollen dazu?

Meistens ja oder sie fallen mir schnell ein. Wenn ich Auftragsarbeiten für HIGHSCORE MUSIC mache und mir Sprecher zur Verfügung stehen, besetze ich auch meistens so, dass ich sie für MINDNAPPING verwenden darf, aber sie müssen natürlich auch zu den Rollen passen. Sicher gibt es manchmal auch Wünsche, die nicht immer zu erfüllen sind, es scheitert aber nicht immer am Geld. Meistens eher an Zeitmangel. Aber ich habe auch schon Aufnahmen für spätere Folgen gemacht, aber ob man die Folgen auch mal zu hören bekommen wird, steht auf einem anderen Blatt. Ich sage nur Daniela Hoffmann, Volker Brandt, Thomas Schmuckert, Manfred Lehmann, Jürgen Thormann, Norbert Langer und einige mehr.

Einige Stimmen kommen bei deinen Produktionen immer wieder vor. Gordon Piedesack (der unter anderem als Officer Decker die vermutlich einzige, öfter auftauchende Figur in der Reihe ist und ansonsten in beinahe jeder Folge zu hören ist), Sascha Rotermund, Douglas Welbat, Peter Weis und Kerstin Draeger fallen mir da ein. Sind das bewährte Sprecher, mit denen man gut arbeiten kann, oder ist da sogar eine gewisse Freundschaft entstanden?

Officer August war auch schon zweimal zu hören, Stephan Chrzescinski sprach ihn. Ansonsten… sowohl als auch. Man arbeitet mit bestimmten Sprecherinnen und Sprechern einfach sehr gerne zusammen, da stimmt es halt und man versteht sich. Man weiß auch stets, was man bekommt.

Wie konkret muss die Vorstellung von einer Szene, wie zwingend muss das Drehbuch sein, wenn man die Stimmen separat aufnimmt? Bleibt dem Sprecher da noch die Möglichkeit, sich selbst auszudrücken? Gibt es nicht die Gefahr, dass das Hörspiel dadurch zerrissen wirkt?

Das kommt drauf an, wenn das Skript Freiräume lässt, dann nimmt der eine oder andere Sprecher das auch gerne an. Aber da achte ich schon genau drauf, dass es nicht Überhand gewinnt, wenn eine bestimmte Intention verfolgt wird. Zerrissen werden kann da nichts, wenn man das im Blick hat. Dafür sitze ich ja als Regisseur da, damit auf ein bestimmtes Ziel hin gearbeitet wird, das ich im Kopf habe. Ich achte darauf, dass die Anschlüsse stimmen, damit es auch so klingt, dass die Sprecher miteinander reden. Man sollte also schon eine sehr konkrete Vorstellung haben.

Wie lange arbeitest Du an einer Folge, wie lange dauern Aufnahmen, Mix und so weiter? Nimmst Du alle Stimmen selbst auf oder machen das die Sprecher teilweise selbst zu Hause?

Selbst zu Hause? Nein, ganz bestimmt nicht, das ist ja keine Freizeit- und Hobbyveranstaltung, was ich hier mache. Die Sprecherinnen und Sprecher kommen alle ins Studio und es wird unter absolut professionellen Bedingungen gearbeitet. Wie lange an einer Folge gearbeitet wird, kann man pauschal nicht sagen, aber wenn es flott geht sind es schon so zwei bis drei Monate.

Neben MINDNAPPING hast Du eine Menge anderer Eisen im Feuer, vor allem mit HIGHSCORE MUSIC und Sebastian Pobot arbeitest Du viel zusammen. Hilft dir das, um über die Runden zu kommen?

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Ein weiteres Serienhighlight: Das Geschwür – eine finstere Vorneigung vor John Carpenter.

Die Eisen habe ich ja nicht im Feuer, sondern HIGHSCORE MUSIC, und es sind dann Auftragsarbeiten, die ich erledige. Wobei ich natürlich auch das eine oder andere Eisen im Feuer habe, aber da möchte ich noch nicht drüber sprechen, erst wenn es mehr darüber zu verraten gibt. Die Auftragsarbeiten helfen nicht nur, sie sind der Grund, warum ich über die Runden komme. Von MINDNAPPING kann man nicht leben, im Gegenteil.

Finanziell ist es mit Hörspielen ja so eine Sache. Durch Piraterie und die enorme Konkurrenz sind viele Hörspiel-Serien gefährdet. MINDNAPPING liefert viel Qualität, schreibt aber rote Zahlen, wie du mir mal verraten hast. Wieso machst du weiter?

Welche Konkurrenz? Spaß. Aber Konkurrenz ist kein Grund für rote Zahlen, sondern eher Motivation, um es besser zu machen und das qualitative Niveau hoch zu halten. Momentan mache ich nicht weiter, die Reihe pausiert, da ich ganz offen und ehrlich gesagt kein Geld habe, um es weiter in die Reihe zu investieren. Warum ich weiter mache? Weil MINDNAPPING mein Baby ist, ganz einfach. Ich glaube weiterhin an die Reihe, denn an der Qualität an sich liegt es nicht.

Ist der Download-Markt ein Segen für die Hörspiel-Szene? Ich bin ja jemand, der am liebsten was in der Hand hält, aber gerade kleine Hörspiele-Labels haben durch Downloads größere Chancen, sehe ich das richtig?

Also ich verdiene durch CD-Verkäufe mehr, nur von Downloads könnte ich erst recht nicht leben. Segen würde ich definitiv auch nicht sagen, aber ein Fluch ist es ebenfalls nicht. So kann man für die Downloads noch was mitnehmen und es werden wenigstens nicht alle Folgen kostenlos als Download gezogen, wenn Du verstehst was ich meine.

Wann ist bei Hörspielen der Break-Even erreicht? Wie viele CDs müssen verkauft werden, damit du schwarze Zahlen schreibst?

Tut mir leid, die Frage möchte ich nicht beantworten, weil sich dadurch auch Rückschlüsse auf die Produktionskosten ziehen lassen könnten. Sagen wir mal so, ich hätte nichts gegen 500 – 1000 CDs mehr, die pro Folge verkauft werden würden, damit ließe sich was machen.

Vergleichen wir das Medium Hörspiel und das Medium Film. Sind Hörspielmacher limitierter oder können sie mehr erschaffen? Wenn ich beispielsweise an Das Geschwür aus deiner Serie denke, so würde ein Film eine enorme Menge Geld kosten, andere Serien (GABRIEL BURNS zum Beispiel) würden einen irren Einsatz an Tricktechnik verlangen, um einigermaßen optisch ansprechend zu wirken. Können Hörspiele für ein geringeres Budget unter Mithilfe der Fantasie Gleiches erzeugen?

So teuer wäre Das Geschwür gar nicht und ein John Carpenter bekäme das Geld sicherlich zusammen. Limitierter sind Hörspielmacher aber nicht, ganz im Gegenteil, ihnen stehen alle Möglichkeiten offen, wenn sie es verstehen, gekonnt zu erzählen. Dann geht alles! Die Fantasie der Hörerschaft ist natürlich auch immens wichtig, gar keine Frage. Leider habe ich das Gefühl, dass viele gar nicht mehr wissen, was Fantasie ist und wie man diese einsetzt, weil sie jedes noch so kleine Fitzelchen vorgekaut bekommen wollen. Das stimmt mich auch ziemlich traurig. Früher waren Hörspiele nicht so ausgereift und man musste noch viel mehr die Fantasie bemühen, und gerade dann entstand das beste Kopfkino. Heutzutage braucht man vermutlich eine App dafür!

Danke für Deine Zeit und Mühen. Wenn Du noch was loswerden willst, ist dies die Gelegenheit.

Kauft mehr MINDNAPPING, sonst… 😉 Im Ernst, die Reihe ist und bleibt der Hammer, das kann ich ganz selbstbewusst sagen und das Ende ist noch lange nicht erreicht, da geht noch einiges und ich habe noch ein paar starke Folgen in der Hinterhand. Wer sich MINDNAPPING entgehen lässt, dem scheint nicht viel am Medium zu liegen. Das hier ist Hörspiel pur, da steckt alles drin, die ganze Leidenschaft, die man für dieses Medium entwickeln kann. Diese Produktionen sind noch handgemacht und nicht von der Stange. Was will man mehr? Bleibt der AUDIONARCHIE, MINDNAPPING, HIGHSCORE MUSIC und Co. gewogen, man hört sich! Danke für das Interview!

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