LETZTE INSTANZ: Das ist wie im Pfadfinderlager! Das ist einfach schön!

LETZTE INSTANZ: Das ist wie im Pfadfinderlager! Das ist einfach schön!

Anlässlich des 10-jährigen Bandjubiläums kommt mit Das Weisse Lied am 14. Dezember ein Akustik-Album der LETZTEN INSTANZ in die Plattenläden, dazu steht der zweite Teil der Ihr Seid Gold-Tour an. Kurzum: Die LETZTE INSTANZ hat sich scheinbar wieder lieb und konzentriert sich nach Streitereien und diversen Besetzungswechseln auf die wichtigen Dinge im Leben: die Musik zum Beispiel. Elisa Reznicek sprach mit Holly-D über die Aussöhnung mit der Vergangenheit, die deutsche Medienlandschaft und den guten alten Rock ´n´ Roll.




Wir Sind Gold ist von der Gesamtstimmung nachdenklicher und ruhiger als der Vorgänger Ins Licht. In wie weit war dieser Effekt geplant oder vielleicht sogar ein bewusster Prozess der Weiterentwicklung?

[nachdenkliche Pause] Hmmh, das ist eine gute Frage. Ich glaube, das war weder geplant noch bewusst. Bei Ins Licht haben wir nach einer langen Pause die Band wieder aufgebaut und sind mit einem neuen Sänger an den Start gegangen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt unheimlich gespannt darauf, wie das funktioniert bzw. ob das funktioniert. Und es hat funktioniert! Insofern waren wir bei Wir Sind Gold sehr frei und haben eigentlich gemacht, was wir wollten. Das Album spiegelt genau das wider, was die Band nun ist, nachdem sie sich wieder gefunden hat. Wir haben unseren Ideen und Gefühlen einfach freien Lauf gelassen. Das wird beim nächsten Album wahrscheinlich wieder anders werden, aber in diesem Fall war uns gerade dieser Aspekt wichtig.

Eure Musik nimmt starken Bezug auf die Klassik. Die Streicher sind sehr exponiert, dazu kommt in Titeln wie Maskenball und Meine Innere Stimme der klare Sopran von Christiane Karg. Andererseits spielen auch die Gitarren eine tragende Rolle. Wie gelingt es euch, diesen individuellen und sehr fragilen Sound in eine Live-Atmosphäre zu transportieren?

Ach, das geht schon. Zunächst einmal machen wir das ja auch nicht erst seit heute. Die Band gibt es seit zehn Jahren. Da sammelt man einfach viele Erfahrungen – was funktioniert und was eben nicht. Wir haben früher musikalisch viel mehr experimentiert. Mittlerweile machen wir auf den Platten nur noch das, was wir auch live umsetzen können. Es ist natürlich live alles ein wenig energiegeladener. Im Studio handelt es sich eher um eine Situation, in der man sich noch mehr in den Song reinfühlt und nicht ganz so viel auf Rock ´n´ Roll setzt.

Eure Texte und eure Musik strahlen sehr viel Intimität aus, sind großteils eher introvertiert und nachdenklich. Wie gelingt es, dieses Gefühl bei Konzerten umsetzen? Immerhin habt ihr im Sommer große Festivals wie das WACKEN gespielt. Das stelle ich mir gerade unter dem Aspekt schwierig vor…

Nicht unbedingt. Man geht ja immer ein Stück weit auf die Situation, das Konzert und das Publikum ein. Schon allein bei der Songsauswahl: Auf dem WACKEN haben wir natürlich hauptsächlich Songs gespielt, die nach vorne gehen. Da braucht man nicht mit irgendwelchen zerbrechlichen Balladen anzukommen. Bei unseren Solokonzerten ist das anders. Da muss man sich die Stimmung einfach schaffen, in die das reinpasst. Durch das Licht, durch Ansagen, durch eine gewisse Dramaturgie. Hier lautet die Frage: Wie baut man ein Konzert auf, damit man die Leute auch wirklich mit auf eine Reise nimmt, die im Alltag jedes Einzelnen beginnt und am Ende ein schönes Gemeinschaftsgefühl hervorruft. Damit die Zuschauer am Ende des Konzert sagen können: Boah, das war heute richtig gut! Das hat mich ein Stück weitergebracht.

Du hast im letzten Vampster-Interview vor gut eineinhalb Jahren gesagt, euer Sänger Holly sei auf der Bühne kein Rockstar-Typ, sondern ein sehr freundlicher und sensibler Mensch, der phasenweise sehr unsicher mit ungewohnten Situationen bzw. negativen Publikumsreaktionen umgeht.

[halb erstaunter, halb belustigter Einwurf] Was, das hab ich gesagt?!?

Ja, hast du tatsächlich. Das kannst du auch gern nachlesen bei uns auf Vampster [lacht]. Wie sieht es denn mittlerweile aus? Hat sich daran etwas durch das ausgiebige Touren geändert? Die Gesamtsituation war sicherlich durch den Übergang Neuer Sänger – alte Fans am Anfang etwas schwierig.

Das hat sich grundlegend geändert. Der Typ ist ne Rampensau geworden! Ist ja auch klar: er hat mittlerweile 60, 70 Konzerte mit uns gespielt. So etwas hinterlässt natürlich Spuren. Da kommt eine ganz andere Sicherheit auf! Und aus dieser Sicherheit heraus lässt sich dann auch agieren.

Worauf freut ihr euch am meisten bei dieser Clubtour, die nun ansteht?

Wir treten jetzt in Städten auf, in denen wir im Frühjahr noch nicht waren. Und wir freuen uns darauf, das eine oder andere ruhigere Stück, das in ein Festivalprogramm eben nicht reinpasst, spielen zu können, d.h. einfach auch mal ein paar Songs rauszuholen, die wir eher selten spielen. Wir werden versuchen, den Leuten wieder zwei schöne Stunden zu bereiten.

Sind denn während der ersten Tourphase oder in der Tourpause schon wieder neue Songs entstanden, die man vielleicht demnächst im Konzert hören kann?

Es sind nicht nur neue Songs entstanden. Am 14. Dezember erscheint ja schon wieder ein neues Album. Es heißt Das Weisse Lied und ist ein Akustik-Album, auf dem acht alte Stücke, vier neue und eine Coverversion enthalten sind. Allerdings werden wir diese Songs erst auf der Akustik-Tour 2008 spielen. Aber die Rockversionen dieser Titel sind ja im Konzert zu hören. Wir haben also in letzter Zeit an der Umsetzung des Akustik-Albums gearbeitet. Es gibt andererseits auch schon ein paar Songs für das darauf folgende Album. Aber da sammeln wir im Moment noch, weil wir gerne wieder ein etwas geschlosseneres Album hinlegen wollen. Wir wollen erst einmal schauen, in welche Richtung das geht.

Wie entstand die Idee zu einem Akustik-Album, also abgesehen von der Tatsache, dass ihr euer 10-jähriges Bandjubiläum feiern wolltet?

Naja, das 10-jährige war schon ein sehr starkes Argument. Wir sind eine Band, die sich in den zehn Jahren ihres Bestehens unglaublich umformiert hat. Wir haben jetzt in dieser Besetzung das dritte Album aufgenommen, vorher haben wir bei jedem Album quasi einmal komplett durchgewechselt. Bei so einer bewegten Geschichte ist es natürlich schwer, ein Jubiläumsprogramm oder ein Best-of zu machen. Diese Unplugged-Situation hat uns schon lange gereizt, denn der Ansatz zum Klassischen war, wie du ja vorhin auch schon richtig angemerkt hast, schon immer in unserer Musik enthalten. Wir wollten das einfach noch ein wenig ausweiten und unsere eigene Sichtweise dabei finden. Wir haben sehr lange überlegt, was unsere ganz persönliche Interpretation ist. Was dabei rausgekommen ist, unterscheidet sich von unserem restlichen Werk. Das Ergebnis ist sehr kammermusikalisch, teilweise sogar jazzig.

DasIst es schwierig, sich mit den alten Songs für ein solches Album noch einmal stärker auseinander zu setzen? Ihr seid ja nicht mit allen ehemaligen Bandmitgliedern unbedingt im Gutem auseinander gegangen.

Nein, schwierig ist es eigentlich nicht. Wir haben die Genehmigung der alten Bandmitglieder, dass wir die Stücke verändern durften. Auch ist der Jubiläumsplatte so eine Art Aussöhnung vorangegangen. Ich denke, die alten Bandmitglieder werden bei dem einen oder anderen Konzert auch dabei sein. Also, als Zuschauer! Auf der Bühne wollten wir das nicht machen, denn das würde einfach zu chaotisch, zumal wir auch 3 Gäste dabei haben – Anna von SCHANDMAUL, Frau Schmitt von SUBWAY TO SALLY und LEANDRA. Wir haben mit der Vergangenheit mittlerweile unseren Frieden gemacht und schauen nun nach vorn. Insofern war es eher schön, sich mit den alten Song noch einmal auseinander zu setzen.

Wie schon auf Wir Sind Gold wird auch auf Das Weisse Lied wieder eine Coverversion zu hören sein. Dieses Mal handelt es sich um den BOWIE-Track Heroes. Wer war dafür die treibende Kraft und warum wurde genau dieser Titel ausgewählt?

Die treibende Kraft war primär OIi, unser Gitarrist, der das Akustikalbum auch komplett arrangiert hat. Er wollte den Song schon lange covern – er sollte eigentlich sogar schon auf Wir Sind Gold erscheinen. Das haben wir dann nicht gemacht, weil uns die Rockversion nicht so passend erschien. Wir finden, dass der Song im Akustikgewand ziemlich gut rüberkommt, denn der Text ist ja doch eher bedrückend. Wir wollten diese Stimmung vermitteln, aber ohne E-Gitarren, denn etwas Brachiales entspricht dem Song überhaupt nicht. Dass der Track auch zu uns als Band passt, leuchtete uns von Anfang an ein. David Bowie hat ihn in seiner Westberliner Zeit geschrieben. Es ist der einzige Song, den er je selbst auf Deutsch getextet hat. Der Song spielt in Zeiten, die zum Glück längst vorbei sind und steht gewissermaßen auch für uns als Band: wir sind drei Sachsen, drei Bayern und ein Berliner. Wir sind sozusagen ein gutes Beispiel für eine gelungene Wiedervereinigung! Daher fanden wir, dass der Song einfach zu uns passt.

Eine ganz grundlegende Frage: Wie kommt es denn dazu, dass ich so viel Output in so wenig Zeit habt? Das Weisse Lied ist immerhin schon das dritte Album in weniger als zwei Jahren.

Ich weiß nicht, vielleicht haben wir eine sehr effektive Art zu arbeiten. [lacht] Die Sachen entstehen ja, wenn man so will, quasi zwischen Tür und Angel, weil wir uns doch sehr selten sehen. Wir wohnen regional sehr weit voneinander entfernt. Holly, unser Sänger, ist vor einem halben Jahr nach Istanbul gezogen. Da passiert einfach viel über das Internet. Jeder frickelt an seinem Studiorechner zuhause rum. Das Mastermind in der Mitte ist Oli, unser Gitarrist. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen.

Und ihr seid auch sehr häufig auf Tour.

Naja, so häufig nun auch wieder nicht. Wir haben im Frühjahr 14 Tage gespielt. Das ist mittlerweile schon wieder so lange her, dass ich mich gar nicht großartig dran erinnern kann! Und im Sommer haben wir rund 20 Festivals gespielt und jetzt spielen wir noch mal 20 Tage im Dezember. Im Jahr 55 Konzerte oder so – das ist nicht viel. Ich meine, wir verstehen uns ja auch als Musiker. Das Auftreten macht uns wirklich Spaß. Gerade wenn man 20 Tage mehr oder weniger ohne Pause auftritt, kommt man ja auch immer besser rein in die Geschichte. Man wird von Abend zu Abend besser, kann an den Songs weiter arbeiten. Und man verbringt ne Menge Zeit miteinander. Das ist wie im Pfadfinderlager! Das ist einfach schön!

Habt ihr denn auch schon mal in Istanbul gespielt, jetzt wo Holly dort wohnt?

Wir arbeiten daran, sind in der Planung. Mal schauen, was dabei rauskommt. Im Moment ist Holly noch etwas vorsichtig, die Einflüsse, die er da aufnimmt, in unsere Arbeit einfließen zu lassen.

Promobild

Ein ganz anderes Thema: In der ZDF-Showreihe Unsere Besten werden die 50 besten deutschen Bands, Solokünstler und Komponisten – zwischen Klassik, Volksmusik und Rock – gesucht. Diese werden am 23. November bekannt gegeben. Auch die LETZTEN INSTANZ trat zur Wahl an. Was hat euch bewogen, bei einer solchen Aktion mitzumachen?

Gar nix. In die Liste konnte jede Band eingetragen werden. Das haben wir noch nicht einmal selber gemacht, das waren Fans von uns. Wir haben das irgendwann gecheckt und haben den Link zur Aktion dann bei uns auf die Seite gestellt. Aber ich glaube generell nicht an Votings, weil ich denke, dass ohnehin vorher feststeht, wer da hinfährt und wer nicht. Ich vermute mal ganz stark, dass wir in dieser ZDF-Sendung wieder die üblichen Verdächtigen sehen werden, die uns seit Hunderten von Jahren im deutschen Fernsehen mit ihrer Präsenz quälen. Und generell ist das ohnehin nicht unsere Bühne. Wir standen zum Glück noch nie vor der Entscheidung, Playback zu spielen; diese Fernsehnummer zu machen, bei der man sich irgendwo hinstellt, einer auf Play drückt und man so tut, als ob man tierisch rumrockt! Unsere Bretter sind die Livebühnen und das Studio – und ich glaube, das ist auch gut so.

Dann sieht man euch wohl nicht in dieser ZDF-Sendung. Wäre ja mal ganz unterhaltsam gewesen.

Ich glaube, wir werden kurz vorher auf die Homepage schreiben Bitte Sendung nicht gucken, wir wurden nicht eingeladen! [lacht]

Interview: Elisa Reznicek
Fotos: PR (Drakkar Entertainment GmbH)

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