KATHAARSYS: Das Leben an sich ist paradox

kathaarsis interview 2018

KATHAARSYS haben 2017 ihr siebtes Album “Describing the paradox Vol. II” veröffentlicht und damit ein weiteres Mal ihren Status als melancholische Ausnahmeband bestätigt. Das galizische Duo setzt auf Minimalismus, Leidenschaft und episches Songwriting – mehr als Grund genug, mit Sänger und Gitarrist José Kontakt aufzunehmen und mehr über die Hintergründe zu „Describing the paradox Vol. II“ zu erfahren.

Danke für euer neues Album „Describing the paradox vol. II“. Die erste Frage muss natürlich etwas mit Zahlen zu tun haben: Wird es einen dritten Teil geben?

José: Der Grund dafür, dass es ein „Describing the paradox vol. I“ und „Describing the paradox vol. II“ gibt ist, dass wir schlicht und ergreifend eine epische musikalische Idee hatten, die zu lange gewesen wäre für ein einzelnes Album. Wer Weiss… vielleicht wird es einen dritten “Paradox”-Teil geben. Davon abgesehen ist es so, dass jedes Paradoxon immer zwei Seiten hat. Die zwei Teile reflektieren genau diese Idee – es gibt immer zwei Seiten zu einem Paradox.

Da nicht alle Hörer von euch Galizisch verstehen, gibt es ein übergreifendes Konzept, das „Describing the paradox vol. I“ und „Describing the paradox vol. II“ verbindet?

Die Hauptverbindung zwischen den beiden Teilen sind die Lyrics. KATHAARSYS benutzen die galizische Sprache, um den inneren Teil des Paradoxons zu betonen, der, unserer Meinung nach, brutalste und körperloseste. Wir leben in Finis Terrae, am Ende der Welt, sowohl zeitlich wie auch geographisch. Europa endet ihren Nonsens hier auf eine metaphorische Art und Weise, mit einem Temperament, das sowohl grauenhaft wie auch apathisch ist.

Galizisch als Sprache hat mittlerweile sämtliche Signifikanz verloren, also haben wir uns entschieden, eine modernisierte Variante davon zu benutzen, um der tiefen Sorge einer Seele Ausdruck zu verleihen. Denn eine Seele kann nicht mit einer allseits beliebten Computer-basierten Sprache verändert, erneuert oder erweitert werden, selbst wenn man das wollte.

Das aktuelle Jahrzehnt wird oftmals als schnell und oberflächlich beschrieben. Denkst Du, dass es in einer solchen Zeit noch Konzeptalben braucht?

Nun, gehetzte und oberflächliche Leute brauchen keine Konzeptalben, aber das ist kein Problem für uns. Wir kreieren einfach, was wir kreieren wollen und das fällt genau damit zusammen, was wir kreieren müssen, egal ob die Leute es mögen oder nicht. Oder ob sie es am Ende mögen – es ist irrelevant für uns. Ich weiss, so ein Statement ist schockierend und viele Leute benutzen und missbrauchen solche Statements, um Profit zu machen – du weisst schon, der Wutbonus und diese Null Bock-Marketinglüge. Aber – glaub es oder nicht – es gibt auch noch andere Gründe für diese Einstellung.

Natürlich herrscht allgemeine Verwirrung dazu, denn die meisten denken, dass es gar keine anderen Gründe mehr gibt als Marketing-spezifische. Aber der Punkt ist, dass es nur zwei Seiten für jedes Paradox gibt: In der einen Hand hast Du das realistische, schnelle und oberflächliche Leben, in der anderen hast Du das Leben, das noch so ist, wie Du es ursprünglich bekommen hast, das echte, reale Leben. Heutzutage ist der zweite Typ Leben revolutionär, weil die Revolution der Vergangenheit der Status Quo der Gegenwart geworden ist. Das Traurige ist, dass die Söhne und Töchter Europas keine Ahnung davon haben, wovon ich spreche, aber sehr wohl die Konsequenzen davon bezahlen werden müssen.

Hast Du ein Lieblingsparadox?

Das Leben selbst, denn das Leben macht Sinn, wenn du begreifst, dass diese Welt und unsere Interaktion mit ihr an sich paradox ist. Es gibt einen Krieg zwischen „ein echtes Leben haben“ und „ein realistisches Leben haben“, aber das ist ein Krieg, den Du nicht sehen kannst, ausser Du visualisierst das Paradox und siehst es so ein.

In „De Filii Europae Tribulatione“ webt ihr Musik KATHAARSYS` zusammen mit Beethovens erstem Satz der Mondschein-Sonate. Was bedeutet euch dieses Stück?

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Nun, es ist offensichtlich, dass Beethoven den Mond als Symbol und Konzept verstanden hat. Der einfache Fakt, dass er diese Idee hatte, ist interessant, denn er lebte zu einer Zeit, in der geschichtlich die Hässlichkeit der Modernisierung einen ersten Höhepunkt erlebte. Gleichzeitig war er unfähig dazu, hässliche Musik zu komponieren. Dieser Teil der Sonate spricht laut und deutlich über die Folter, die diese Welt auf einem tiefgreifenden Level aus uns ausübt – die Seele, der Mond, die Musen, die Musik – alle werden sie davon drangsaliert.

Somit war es eine Herausforderung, die Hässlichkeit vom rohem Metal inklusive verrückter Vocals mit der Schönheit dieser Musik zu – wie Du es nennst – verweben. Aber es war notwendig, weil zurzeit eine Polarität in Europa herrscht. Wenn Du an das Bürokratiemonster namens EU denkst, dann siehst Du, dass sie Beethovens Musik gebraucht und missbraucht haben, um etwas auszusagen, was an sich betrügerisch ist in Ursprung und Essenz. Also hast Du, auf eine Art, ein dunkles, kaltes und schreckliches Ding, das die Essenz des echten Lebens, wie wir es vorher genannt haben, übernimmt.

Dann gibt es jedoch im Song eine Veränderung, das heisst, wir spielen nicht einfach die Beethovenkomposition und das war es, sondern wir harmonisieren die Wut, die aus den Fehlern der Moderne kommt und auf die EU-Familien überschwappt, und, auf der anderen Seite, die unausweichbare Reflektion darüber, warum dieses Monster und seine Hässlichkeit überhaupt kreiert wurde. Das Endresultat ist, dass es notwendig ist, darüber nachzudenken, was hier passiert ist, aber nicht nur sentimental (politisch, moralisch), sondern tiefgreifender. Schliesslich erreichen wir zurzeit, wie zu jener Zeit damals, einen neuen Höhepunkt der Modernität, aber die Hoffnungslosigkeit, die sie produziert, ist exponentiell gewachsen.

Gibt es andere klassische Komponisten, deren Musik ihr bewundert?

kathaarsys interview 2018 - 02Wir bewundern keine Komponisten oder Musiker, weil wir denken, dass Musik nicht mit einem Individuum (sogar noch weniger mit einer Gruppe von Menschen) verbunden ist. Wir bewundern einfach die Musik, die von tief drinnen kommt. Chopin und auch Bach haben etwas Tiefgreifendes mitzuteilen. In anderen Sinnen gibt es viele Komponisten, die in ihrer Essenz ebenfalls dasselbe ausdrücken, aber aus einer anderen Sichtweise. Beispiele hierfür wären Liszt, Albeniz, Strauss oder Rodrigo.

Da ihr zwischen verschiedenen Sprachen hin- und her wechselt, stellt sich die Frage, welcher Aspekt euch am meisten beeinflusst, wenn ihr euch für eine Sprache entscheidet.

 Unser Hauptfokus liegt auf der Musik und die Lyrics befassen sich damit, was die Musik sagt. Die Sprache ist sekundär, aber manchmal ist die Verwendung einer Sprache verbunden mit interessanten Konnotationen, die wir komplementär und als Quelle weiterer Interpretationen benutzen.

Inwiefern bezieht sich das angsterfüllende Cover von „Describing the paradox vol. II“ auf die Musik und wer erschuf das Artwork?

Wir haben das Coverartwork für „Describing the paradox, vol. I” und “Describing the paradox, vol. II” beide selber gemacht. Das angsterfüllende Cover von “Describing the paradox, vol. II” bezieht sich auf das “realistische” Leben, welches wir vorher erwähnt hatten. Für uns ist dieser „realistische“ Aspekt der Welt, die Modernität selbst, diese diabolische Figure. Gleichzeitig ist es ein Türklopfer, die ganze Sache hängt davon ab, dass man weiss, was es ist und was es nicht ist.

Unser letztes Interview war 2009 nach der Veröffentlichung von „Anonymous Ballad“. Damals wart ihr noch ein Trio. Wie macht ihr es mit den Drums, seit Adrian weg ist?

Es ist sehr leicht jetzt. Wir haben Jahre gebraucht, um herauszufinden, was Drums eigentlich in ihrer Essenz sind. Mittlerweile verstehen wir, dass Musik keine Frage der Reizstimulation ist, keine Frage des „Sounds“ wie die Menschen das sagen. Das heisst, es ist nicht relevant, welches Instrument du benutzt, sondern es gibt etwas Subtiles, das in der Musik present ist und das einzige, was du machen musst, ist, dieses Gefühl nicht zu töten, sondern es geschehen zu lassen. Das kann mit 20 Leuten auf der Bühne sein oder nur mit einer Person, das kann mit 20 Instrumenten sein oder nur mit einem.

Abgesehen vom Line Up-Wechsel – was ist Deiner Meinung nach die grösste Veränderung, die sich im Metal Underground abgespielt hat in den letzten acht Jahren?

Um ehrlich zu sein, haben wir uns komplett abgenabelt vom Underground. Wir haben keine Ahnung, was sich verändert haben könnte. Aber persönliche Erfahrungen zeigen uns, dass der Metal Underground nicht anders funktioniert als irgendein anderes musikalisches Genres, so wir können nur vermuten, welche Veränderungen stattgefunden haben…

Hat KATHAARSYS für 2018 Live-Pläne?

Ja, nach einer ziemlich langen Zeit haben wir wieder einen Gig an einem Open Air, das „Resurrection Fest“ (Wiederauferstehung) heisst. Irgendwie lustig, denn für uns ist es auch eine Art Wiederauferstehung.

Fotos: KATHAARSYS