GHOST: Wir wollen ein Papa-Mobil

GHOST: Wir wollen ein Papa-Mobil
 
 
Von den einen als Sklaven des visuellen Effekts verabscheut, von den anderen für ihre Musik geschätzt – GHOST polarisieren, und das ändert sich auch mit ihrem gelungenen dritten Album Meliora nicht. GHOST zu ergründen, das kann in einem zwanzigminütigen Telefoninterview natürlich nicht geschehen. Zu kurz ist die Zeit mit dem anonymen, aber sympathischen Nameless Ghoul, der pünktlich um 11:20 Uhr morgens(!) anruft und einen frischen, motivierten Eindruck macht an diesem Montag.

Zuerst muss ich dir eine Frage stellen, die von meinem vierjährigen Kind – ein Fan von euch – kommt. Magst du Pferde?
Pferde? Ja. Pferde sind schön. Ich habe ein bisschen Angst vor ihnen, da sie so, sagen wir mal, unsicher beziehungsweise riskant wirken. Aber ja. Ich mag sie. 
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Sehr schön. Dann kommen wir mal zu den musikalischen Fragen. GHOST sind eine Band, die polarisiert. Die Leute hassen oder lieben euch, und ihr habt Erfolg. Denkst du, dass diese Polarisierung notwendig ist für euch, um erfolgreich zu sein?
Für uns hat es sich als sehr wichtig herausgestellt. Wir haben GHOST natürlich nicht gegründet, damit Leute uns hassen. Aber irgendwann haben wir realisiert, dass uns diese Polarisierung in die Hände spielt. Wir orchestrieren nicht jede News-Meldung, die von GHOST handelt. Wenn also zum Beispiel Blabbermouth etwas über uns schreiben, das völlig aus dem Kontext gerissen worden ist, dann gibt es eine Debatte. Es ist so unsexy, darüber zu reden, aber die Online-Presse ist extrem wichtig. Wenn also auf Blabbermouth die Debatte so richtig in Fahrt kommt und die üble Nachrede, die Haters und alle anderen die Meldung kommentieren, dann bleiben wir im Gespräch. GHOST provoziert eine Reaktion. Das kommt uns am Ende zugute.
Und mal ehrlich: Man kann nie allen gefallen. Es ist ein Teil des Rock`n´Rolls, nicht gemocht zu werden. Du musst Gegner haben, das macht dich Metal. Das macht dich rebellisch. Rock`n Roll wurde als Gegenbewegung zur puritanischen Gesellschaft kreiert. Wenn Metal ansteht, gehen die Puritaner in Angriffsstellung. Viele Metaller haben altmodisch-konservative Ansichten – daran ist nichts falsch, aber es ist schon lustig, dass eine Band wie GHOST dann so einen negativen Effekt hat. Aber eben – es ist eine Reaktion. 
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Dann gibt es natürlich den Vorwurf, dass bei GHOST die Show und das Image wichtiger sind als die Musik. Um die bekannte Ei-Huhn-Frage zu stellen, was war bei euch zuerst da: die Idee zum Image oder die Musik?
Ursprünglich waren es einfach ein paar Songs. Ich schrieb spontan ein paar Lieder, um Freunden eine Freude zu machen. Nichts mehr. Einige dieser Ur-Songs sind auf Opus Eponymous, wir haben dann einfach noch mehr Lieder geschrieben. Den ersten GHOST-Song, den ich für meine Freunde schrieb, hatte noch einen schwedischen Titel: Satans Natt. Der Refrain war dann Det är Satans natt (fängt an zu singen). Daraus wurde später It´s the night of the witch. Wie gesagt, den Song hatte ich für ein paar Freunde geschrieben und ich erklärte ihnen dann, dass es in Satans natt eben um ein engel-dämonenhaftes Wesen ging. Da meinte mein (kleines) Publikum: Das klingt wie von einer Band. Und so wurde daraus ein Projekt…

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… aber leider ohne schwedische Lyrics.
Ja, ich weiß nicht, warum das so kam. Die Inspiration für den zweiten Song kam schon auf Englisch, und so haben wir komplett ins Englische gewechselt und das Schwedische weggelassen. Englisch ist sozusagen meine zweite Sprache, also war es kein Problem. Englisch zu singen ist kein Hindernis. Einige Leute waren daran interessiert, an diesem Projekt mitzumachen. Mir wurde klar, dass es eine Horror Rock Show sein sollte. Es musste einfach wie eine mysteriöse Show sein. Aber die Musik kam schon zuerst. Wir luden die Demos auch auf Myspace rauf damals und es gab kein Bandfoto. Es gab überhaupt kein Bandfoto bis zu unserem Debüt anno 2010. Also hat uns die Musik dorthin gebracht, wo wir sind, nicht das Image. Ich bin kein Idiot und weiss, dass das Image wichtig ist. Aber GHOST wäre nicht so weit gekommen, wenn die Musik nicht stimmen würde.
Weit seid ihr ja wirklich schon gekommen. Wenn ihr Stadion-Band-Status erreicht, gibt es Pläne für die GHOST-Variante eines Papa-Mobils?
Haha, ja. Was auch immer die katholische Kirche oder der Papst je als Idee durchgebracht haben, haben wir schon für GHOST diskutiert. Über das Papa-Mobil machen wir seit Jahren Witze. Eigentlich ist es ja nur ein Golfwagen mit Plexiglas.

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Schutzglas braucht ihr ja nicht, euch will niemand erschießen.
Genau, haha. Auf jeden Fall sind wir schon nahe daran, das zu tun. Wir wollen ein Papa-Mobil. Ich denke, es gibt mehrere auf der Welt. Sicher eins in den USA, eins hier in Europa – der Papst reist ja um die Welt. Und ehrlich gesagt ist es wirklich nur ein abgeänderter Golfwagen. Du kannst jemanden reintun, zum Beispiel Obama oder den Papst, der gesehen aber auch geschützt werden muss. Wir haben mal versucht, ein Papa-Mobil zu mieten, aber irgendwie klappte das dann nicht. Wahrscheinlich war es zu teuer. Wir denken aber auch darüber nach, uns einen Golfwagen zu kaufen und es mit Plexiglas zu machen. Wir haben viele Pläne für die Zukunft, wenn wir dorthin gelangen, wo wir hinkommen möchten. 
Wenn wir gerade schon vom System der katholischen Kirche sprechen: Regiert der Papa GHOST oder ist es der Klerus, der die echte Macht hat?
Ganz klar der Klerus. Papa ist wie ein gewählter CEO. Er kommt herein und er ist der Erzähler, der Toastmaster, sozusagen. Er wird aufgrund seiner Fähigkeiten gewählt, also seinen Skills bezüglich Tanzen, Singen und Flirten. Er muss eine attraktive Figur sein. Aber er kommt und er geht. Er kann das Ambiente der Show diktieren, wenn wir in der Show sind. Seine Herrschaft ist ein Zyklus, sie beginnt und sie endet. Alles beginnt und endet. Jeder und jede. Alles endet irgendwann. Das darf man nicht vergessen.
Satanismus ist ja oftmals einfach die Inversion des Christentums. Im Englischen wird der Terminus Emeritus sowohl für Frauen wie auch für Männer benutzt. Seid ihr so radikal, dass es – ganz im Sinne der satanischen Umkehrung – auch eine weibliche Führungsfigur geben könnte? Also Mama Emeritus IV.?
Wow, ich liebe diese Idee. Absolut. Daran hätte ich nichts auszusetzen. Es gibt die Möglichkeit für eine Mama Emeritus, auf jeden Fall.
Es scheint, dass Papa Emeritus III auf Meliora weniger präsent ist als sein Vorgänger auf Infestissumam. War das eine natürliche Entwicklung oder war es seine Wahl?

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Meliora wurde mit der Erfahrung von Opus Eponymous und Infestissumam geschrieben. Bei diesen beiden Alben war der Vocals-Part dominanter, ja. Wir wollten selbstverständlich, dass Papa Emeritus III. besser als jemals zuvor singt, aber eben – sorgfältig geplant. So gibt es viele Momente, wo die Nameless Ghouls zeigen können, was sie drauf haben. So kann der Song auch mehr atmen als auf Infestissumam.
Gleichzeitig spielte unsere Live-Erfahrung bei der Verteilung der Gesangsparts auf Meliora eine Rolle. Wenn man auf Tour ein Set spielen kann, das eine Stunde und 40 Minuten dauert, dann kann der Sänger nicht die ganze Zeit singen. Also ändern wir die Musik ein bisschen und sie wird dadurch sogar noch praktischer und live-tauglicher. Ich als Gitarrist wollte eh mehr machen, und nach 200 GHOST-Shows realisierte ich, dass es dafür einfach zu viele Gesangsparts auf Infestissumam hatte.
Mir ist auf Meliora auch das Drumming aufgefallen – das kann nicht derselbe Drummer sein wie vorher…
Der größte Unterschied von Meliora zu den zwei anderen Alben ist definitiv das Drumming. Und bezüglich Drummer… sagen wir mal, der Nameless Ghoul wurde kürzer und Rechtshänder. Zu einem gewissen Grad war das bisherige Drumming auch ein bisschen mein Fehler. Ich habe auf dem Computer beim Songwriting halt nicht so spannende Demo-Drumsounds kreiert. Irgendwie waren meine Demoversionen mit etwas steifem Drumming versehen. Aber das hat sich jetzt geändert. Jetzt ist es nicht mehr so cut-and-paste, sondern es ist ein richtig cooler Drumtrack.
Aber es ist nicht Dave Grohl (NIRVANAFOO FIGHTERS), der auf Meliora spielt, oder?
Nein. Es ist nicht Dave Grohl. Es ist Matthew Grohl.
 
Live-Fotos: Markus Huguenin Dumittan 
Bilder: Mikael Eriksson / Plattenfirma
Layout: Dr. Arlette Huguenin Dumittan 

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