FARMER BOYS: Man muss ja Uli Hoeneß nicht gleich heiraten…..

FARMER BOYS: Man muss ja Uli Hoeneß nicht gleich heiraten…..

Schon bei der CD-Präsentation gaben sich die FARMER BOYS alle Mühe, sich stilsicher mit Frischmilch, Süßmost und Selbstgebranntem auf einem Bauernhof darzustellen. Ebenso stilgerecht und konsequent klingen sie auf The Other Side, dem aktuellen Album der Bauernlümmel. Frank und Rachendrachen erkundigten sich bei Sänger Matthias Sayer und Neuzugang Toni Ieva [Bass] nach dem Stand der Ernte, der Kindheit auf dem Lande und eventuellen Parallelen zum Höhenflug des VfB Stuttgart.

Zunächst einmal müsst ihr mir mal erklären, was Frischmilch mit Heavy Metal zu tun hat.

Matthias: Da kann ich auf einen guten Film von Stanley Kubrick verweisen, Clockwork Orange. Da trinken sie gerne ein bißchen Brutalis in dieser Milchbar.

Toni: Ich verbinde Milch mit Sperma, Sperma mit einem Orgasmus, und einen Orgasmus mit geiler Heavy Metal-Musik.

Wieviel Frischmilch wurde denn bei der Produktion eurer neuen Platte konsumiert?

Toni: Von uns keine, von unseren Freundinnen hingegen literweise…

Wo seht ihr selbst die größten Fortschritte und Veränderungen in eurem Sound?

align=leftMatthias: Das neue Album ist ein Schritt, der ganz klar in die Richtung geht, was deutlicher zu zeichnen. Ich denke, das neue Album ist unser klarstes Album bislang und auf jeden Fall eins, das ganz konkret zeigt, was wir machen. Es ist natürlich immer noch eine Platte, bei der jeder selbst entscheiden muss, ob sie ihm gefällt oder nicht. Direkt kann ich nicht sagen, was sich verbessert hat, das sieht jeder anders. Wir hatten diesmal andere Vorgaben und andere Möglichkeiten, was für das Ergebnis ein Stück weit entscheidend war.

Toni: Ich finde es ein direkteres Album, viel deutlicher. In den Momenten, wo es poppiger, melodiöser ist, ist es um Klassen melodiöser als bislang, und in den Momenten, wo es härter ist, knallt es gleich richtig.

Was sind denn diese anderen, neuen Möglichkeiten?

Matthias: Vor allem das eigene Studio, das wir nun seit einiger Zeit besitzen. Dort konnten wir einfach anders arbeiten. Wir hatten dort die Möglichkeit, mehr Ideen auszuarbeiten, auch mehr Ideen wieder zu verwerfen…Diesmal haben wir außerdem in einem gewissen Zyklus gearbeitet. Manchmal saßen nur Schlagzeug, Bass und Gitarre zusammen zum Aufnehmen. Zu diesen Sachen haben dann unser Keyboarder und ich unsere Parts draufgepackt. Die Songs entstanden nicht mehr alle direkt im Proberaum, wobei wir auch da gejammt haben, sondern manchmal an verschiedenen Orten zugleich. Das Songwriting war auch vielschichtiger. Das brachte viel Frische rein und ließ die Sachen lebendiger klingen.

Toni: Die Bandbreite wurde dadurch größer. Wir können genauso eine Ballade spielen als auch einen thrashigen Song, und es klingt immer nach FARMER BOYS.

Matthias: Wir haben uns unsere Stärken vorgenommen, eben die harten Songs einerseits, Streicherarrangements, Synthies und Programmings andererseits. Die haben wir im eigenen Studio mehr ausfeilen und dadurch auch besser beurteilen können. Früher als Proberaumband mussten wir im Lärmpegel arbeiten, wo man schlechter differenzieren kann. Das war diesmal einfacher. Wobei man sich bei unserem Studio kein Großraumstudio vorstellen darf, das ist nur so ein kleines Ding, wo wir aber professionelles Equipment drinstehen haben. Die Technik erlaubt heutzutage enorm viel, deshalb hat sich auch auf dem neuen Album viel geändert.

Toni: Wir machen alle schon lange Musik, da weiß jeder von uns, wie die FARMER BOYS zu klingen haben. Da kann man dann ganz entspannt an die Sache herangehen. Jeder weiß, was möglich ist, wodurch es auch richtig Spaß gemacht hat.

Was genau machen denn die FARMER BOYS aus eurer Meinung nach?

Matthias: Die Mischung. Wir sind eine Band, die einerseits diese harte Komponente haben, die wir auch immer offen gezeigt haben. Bei unseren Konzerten sieht man viele langhaarige Metalfans, aber auch einen Teil aus der düsteren Ecke, DEPECHE MODE-Fans, und ein Großteil der Leute, die uns einfach live sehen wollen. Uns macht die Mischung aus, zum einen dieser düstere Popanteil, wir sind da gerade von den älteren britischen Geschichten inspiriert, NEW ORDER zum Beispiel, zum anderen die moderneren, aggressiveren Metalsounds – die gesunden, geilen Sounds wie PANTERA, nicht die konservativen oder dieser ganz neue Scheiß, sondern einfach die moderneren Helden des Thrashmetals, also weniger EXODUS und diese Bay Area-Schiene, sondern eher so MACHINE HEAD und PANTERA.

Wenn wir schon grad beim Thema Metal sind: Once and for All dürfte schon das extremste Lied sein, das ihr je geschrieben habt, oder?

Matthias: Ja, schon, der geht direkt auf´s Maul. Das war ein Lied, das Alex [Gitarre] geschrieben hat. Wir hatten ein Riesenrepertoire an Songs zur Verfügung, und Alex hatte diesen Song schon vor einiger Zeit geschrieben. Er meinte, dieser Track müsse diesmal unbedingt stattfinden. Wir hatten ihn bis dahin noch nicht mal komplett geprobt, ich kannte ihn kaum, als er aufgenommen wurde zum Beispiel. Das war ganz interessant, ich habe kurz vor Schluss meine Lyrics dazu geschrieben und den Song eingesungen, und es ist megageil geworden! Auch von der Arbeitsweise war der Song anders für mich. Normalerweise schreibe ich meine Melodielinien vorher am Klavier oder so, hier war es aber eher ein natürlicher Prozess, der direkt beim Einsingen ablief. Der Song kommt von einer ganz anderen Richtung, passte aber prima in den Gesamtkontext rein. Es gab wiederum auch Songs, an denen Dennis [Keyboards] und ich alleine gearbeitet haben, die schon fast wie so alte Franzosenschlager geklungen haben. Wir haben jeden arbeiten lassen an seinen Ideen und dann mit den fertigen Ideen die Songs ausgeklügelt.

Toni: Daher kommt die Platte auch viel frischer daher, nicht so überproduziert, sondern direkt.

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Matthias: Wir hatten ganz ehrlich nach dem dritten Album die Problematik, dass wir alle zusammen Songs geschrieben haben, mit denen wir nicht so zufrieden waren. Es gab deswegen keinen Stress, aber wir hatten das Gefühl, dass das, was wir da gerade machten, nicht so ganz das Wahre war. Vieles klang wie das Album davor. Also überlegten wir uns Möglichkeiten, neue Wege zu finden. Ganz automatisch kam da die Idee auf, in mehreren Sektionen zu arbeiten, einerseits die Bandfraktion, also Gitarre, Drums und Bass, und andererseits die Melodiefanatiker-Serge-Gainsbourg-Fraktion mit Dennis und mir. Klar kam es dabei vor, dass Alex mal zu unseren Ideen meinte, dass zwar der Refrain cool sei, dass der Rest aber scheiße wäre, da würde er mal lieber ein Riff reinbauen. Diesmal war es aber witziger und einfacher, weil wir uns schon fertige Produkte gegenseitig servieren konnten, bei denen die Richtung deutlicher wurde. Wir hatten nicht mehr diese Angst, wie das neue Material angenommen wird, nachdem die letzte Platte gut ankam, wir uns etablieren konnten und viele Leute echt auf das neue Album warten. Wir hatten unsere 10.000er-Grenze mit den ersten zwei Alben, was auch cool war als Außenseiter. Beim letzten Mal schafften wir 40.000, 50.000, was unglaublich war. Wir waren lange in den Charts, haben einen Viva-Award gewonnen und solche Geschichten. All das war das Zeichen, dass auf einmal was geht, auch bei den Gigs, wo die Leute die Songs mitsangen. Das gab uns mehr Sicherheit und Selbstverständnis beim Arbeiten.

Du meintest gerade, dass ihr etliche Songs in petto hattet. Nach welchen Kriterien habt ihr die elf Songs für The Other Side letztlich ausgewählt aus diesem Fundus?

Matthias: Im Endeffekt war es so, dass wir bei dem ein oder anderen Song, der rausgeflogen ist, nicht sagen würden, dass der nicht noch mal irgendwann irgendwo mal auftaucht. Irgendwann muss man allerdings halt den schwarzen Stift zücken und die Liste zusammenstreichen. Wir hatten ursprünglich sogar ein Doppelalbum geplant, gerade ich hätte die Idee sehr geil gefunden. Bei der Art von Musik hätte das aber nicht allzu gut gepasst. So eine Menge überfordert einen auch leicht. Wir saßen halt mit Bär, unserem Manager, im Studio zusammen und haben ihm alles vorgespielt, unter anderem auch einen supergeilen Song, den wir auf die nächste Platte machen wollen, ein STING-mäßiges Stück ist das. Aber irgendwann muss man halt mit dem Streichen anfangen. Jeder hat dann seine Favoriten auf eine Liste gesetzt.

Toni: Es gab einzelne Songs, die der eine oder andere gut fand von den 25 Songs, die wir zur Verfügung hatten, aber letztlich sind die Songs auf dem Album gelandet, die jeder von uns geil fand.

Aus 25 Stücken auswählen zu können ist doch auch eine gewisse Art von Luxus, oder?

Toni: Klar! Allerdings waren jetzt nicht alle perfekt eingeprobt.

Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, aber kann es sein, dass ihr eure Instrumente noch tiefer gestimmt habt?

Toni: Nein, die Stimmung ist eigentlich gleich geblieben, gleich tief. Manchmal ändert sich das von Lied zu Lied, aber das war vorher eigentlich schon genauso. Der Bass ist diesmal irgendwie brutaler, er hat weniger Mitten, ist fetter. Liegt also an der Produktion.

Dann würde mich mal die Hintergrundgeschichte des doch etwas auffälligen, leicht missverständlichen Titels Where the Sun Never Shines interessieren.

Matthias: (Lacht) Also, wir in der Band sind eigentlich alle schwul. Wir mögen einfach Schwänze und Analverkehr und so…hehe, nein, Quatsch! Ich habe lang über den Titel nachgedacht. Von der übersetzten Aussage her ist es eigentlich eine ganz klare Sache – ein Ort, an dem die Sonne nie scheint. Klar kann man da vom Slang her rangehen und sagen im Arsch, aber so ist es eigentlich nicht gemeint. Ich habe mir da wie gesagt lange einen Kopf drüber gemacht, ob der Titel sinnvoll ist oder vielleicht doch ein Stück weit zu prollig. Aber die Aussage des Textes ist eigentlich klar, es ist einfach ein purer dunkler Orgasmus dessen, was man in den dunkelsten Momenten seines Lebens erlebt. Es ist jetzt keine Aufforderung zum Selbstmord, ich will auch nicht damit sagen, dass man über sein Leben nur negativ nachdenken soll, sondern einfach nur eine Art Film über schlechte Momente im Leben, eine Collage über alles, was dunkel ist. Ich bin ein großer Twin Peaks-Fan und liebe David Lynch und Kubrick. Wenn ich Songs schreibe, hab´ ich immer Bilder vor meinen Augen. Bei diesem Song waren dies Bilder von Hieronymus Bosch, diese Abgründe der Hölle. Dantes Inferno habe ich auch mal gelesen, es war sehr schwierig zu lesen – auch als Deutsch-LKler (lacht) – aber wenn man sich einliest, ist es dann doch was. Da sieht man Momente, die völlig extrem, völlig kaputt sind. Und das eigene Leben bietet ebenfalls solche finsteren Momente. Es ist weniger eine Aussage, sondern mehr ein Auszug aus Eindrücken vom und Ideen über´s Leben, wenn alles schwarz ist, wenn es einem nicht gut geht, die ich über die Zeit hinweg hatte. Manchmal denkt man halt, dass man sich nur noch im Kreis dreht – Momente, die jeder kennt ein Stück weit. Das habe ich mit dieser Twin Peaks-Atmosphäre beschrieben. Es fiel mir leicht, die Lyrics zu schreiben, über einen Mörder, der eine Frau umbringt und sich dann mit ihr lebendig begräbt zum Beispiel [äh…das sind Momente, die jeder kennt??? Jetzt hab´ ich Angst, hehe – Anm. d. Verf.]. Wir sind aber nicht die Band, die das als Image aufzieht, sondern sehen uns eher wie Ami-Bands wie die DEFTONES zum Beispiel, wir kennen die Bands ja auch ganz gut. Das sind so Bands, die ein ähnliches Feeling verbreiten. Bands, die witzig sind, die auch mal viel kiffen und viel saufen. Wir sind VfB Stuttgart-Fans…

Toni: …die DEFTONES auch, die wissen´s nur noch nicht (lacht)!

Matthias: Wir leben gerne und haben Spaß im Leben. Nur kann ich halt nicht über irgendwelche Feelgood-Weibergeschichten singen zu unserer Musik. Und diese düsteren Sachen mag ich generell. Bei Computerspielen zock´ ich auch lieber Operation Flashpoint als Grand Car irgendwas.

Toni: Ihm geht´s halt um Kopfschüsse statt um Bestzeitrunden…

Matthias: Genau (lacht). Das ist wie die Frage, ob Du als Kind lieber Lego, Playmobil oder mit Big Jim-Puppen gespielt hast. Ich hab´ halt gern mit kleinen Soldaten und Panzern gespielt (lacht).

Toni: Ich hab´ auch Big Jim-Puppen gehabt. Die habe ich immer Barbie vergewaltigen lassen (lacht).

Matthias: Ich hatte diesen Big Jim-Jeep mit den ausklappbaren MGs!

Toni: Geil…

Matthias: …äh, o.k., nächste Frage (alle lachen)!

äh, ja. Euch fehlt jetzt zum Glück eigentlich nur noch der Auftrag zur neuen VfB-Hymne, so wie ich das einschätze…

Matthias: Nun, wir hatten mal ein Erlebnis mit dem VfB. Ich muss auch sagen, dass ich der einzige in der Band bin, der so extremer VfB-Fan ist. Wir hatten mal mit dem Metal Hammer zusammen eine Geschichte mit dem VfB gemacht, Schattenseiten hieß die Serie, glaub´ ich. Seitdem muss ich sagen, dass ich zwar riesengroßer Fan bin, ich bin auch offizielles VfB-Mitglied, ich hab´ meine Dauerkarte, dem Verein gehört mein Herz, wenn ich im Urlaub bin, will ich wissen, wie er gespielt hat, ich geb´ da viel Geld aus für Telefonate. Ich bin auch kein blöder Fan, der abgeht, wenn sie mal verlieren. Aber bei dieser Aktion war ich so frustriert von der Art und Weise des Umgangs dort, von den Strukturen, vom Pressesprecher, von dem Trainer…ich fand das echt schlimm, echt abartig. Wie da auch Spieler verschoben wurden, wie die drauf sind…das war furchtbar ernüchternd.

Wann war das denn? Momentan ist die Atmosphäre dort doch recht gut…

Das war noch zu Ralf Rangnicks Zeiten. Ich hab´ mir da gesagt, ich will gar nicht wissen, was da intern abgeht, und bleibe einfach normaler Fan, was momentan ja durchaus auch geil ist, es geht nach oben. Ich glaube, als Fan von uns will man uns persönlich auch nicht unbedingt kennen lernen. Man erwartet da oft was ganz anderes.

Wie sieht das eigentlich mit FC Bayern-Fans aus, dürfen die eure Musik überhaupt hören, hehe? Auf dem Summer Breeze habt ihr ja Anti-Bayern-Sprechchöre initiiert.

Ja, wir sind ja zunächst einmal von Grund auf deutsche Fußballfans. Wenn der FC Bayern in Lyon spielt, bin ich auch für München. Ich bin gegen Oliver Kahn, aber das ist noch mal eine ganz andere Geschichte, das ist [mit Ekel in der Stimme] ein Karlsruher (lacht). Aber eine gewisse Rivalität ist ja schon da, als Jugendlicher habe ich Bayern wirklich gehasst. Ich hatte eine VfB-Kutte mit einem Bayern verrecke-Sticker drauf, aber man muss ja nicht gleich Uli Hoeneß morgen heiraten oder so. Unsere Musik kann man als Fan jeder Couleur hören. Trotzdem wär´s mir lieber, wenn gerade die Bayern-Fans im schwäbischen Umland sich langsam mal umorientieren würden und sich bewusst werden, wo sie herkommen. Diese Ausrede Bayern ist halt so erfolgreich sollen sie sich nicht mehr getrauen. Aber bald werden ja dafür viele von woanders VfB-Fans (lacht). Neulich war ich bei meiner Freundin in Osnabrück, und dort war ein Typ, der voll der VfB-Fan war…seit dem Manchester United-Spiel…

Interview: Rachendrachen

Interviewlayout: Andonis Dragassias (exhorder)