DISILLUSION: Die drei Neuronen Könige

DISILLUSION: Die drei Neuronen Könige

Mit Three Neuron Kings haben die Leipziger DISILLUSION eine herausragende Eigenproduktion veröffentlicht, an der kein Freund vielseitiger emotionaler und doch auch aggressiver Klänge vorbeikommt. Da ist es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass sich die Band gegen über 100 Konkurrenten durchgesetzt hat und den „Support The Underground“ Bandcontest im Legacy gewonnen hat und auch sonst mit positiven Reaktionen überhäuft wird. Grund genug, Rajk (Gitarre) und Andy (Gitarre und Gesang) ein paar Fragen zu stellen. Doch lest selbst, was es mit den drei Neuronen Königen auf sich hat…

Ihr beschreibt eure Musik als „Melodic Death Metal somewhere in between ANATHEMA, OPETH; SOILWORK and EMPEROR“. Ich sehe ein, dass es notwendig ist, seine Musik irgendwie zu beschreiben – ganz besonders wenn, wie im Fall von DISILLUSION, die Musik nicht so ohne weiteres kategorisierbar ist. Dennoch ist wäre es interessant zu erfahren, warum ihr euch gerade auf diese Bands bezieht.

Andy: Nun, wir arbeiten eben bei DISILLUSION nahezu jeden Stil, jeden Einfluss auf, der uns irgendwann einmal begegnet ist. Ergebnis sind Songs, die immer ein neues, ein überraschendes Element in sich tragen, und teilweise stilistisch weit voneinander entfernt sind. Da war es schon für uns schwierig, eine klare Kategorisierung vorzunehmen. Die Bands, die wir nennen, sind eben grandiose Bands, und ich denke, wir liegen irgendwo dazwischen – und es gibt noch eine Menge anderer großartiger Bands, die uns beeinflusst haben, zum Beispiel MESHUGGAH. Wenn man sich ein Viereck vorstellt, dessen Eckpunkte die vier genannten Bands sind, dann stehen wir irgendwo mittendrin. Wir haben von ANATHEMA die emotionale Tiefe, EMPEROR steht für die Komplexität, OPETH liegt ja, wenn man so will, auch schon zwischen diesen beiden Bands und SOILWORK rockt ohne Ende! Wir meinen aber vielmehr das Spannungsfeld, dass sich zwischen den vier Bands auftut – in diesem Riesenbereich bewegen wir uns eben.

Rajk: Obwohl, wir beim Erschaffen der Songs, nicht vordergründig daran gedacht haben, möglichst eigenständig zu klingen, sind wir mittlerweile richtig stolz darauf, dass uns gerade diese Eigenständigkeit oft zu Gute gehalten wird. Es ist schon erhebend zu spüren, dass man auf einem eigenen Weg wandelt, der zwar Metal heißt und von großartigen Kapellen beeinflusst ist, aber eben nur durch uns beschritten wird.

Andy: Wir haben uns aber schon Gedanken gemacht, an Stellen, an denen Ähnlichkeiten zu offensichtlich waren. So wurden auch schon mal komplette Teile wieder aus Songs gekickt, einfach weil sie unserer Meinung nach zu sehr an andere Bands erinnern. Manchmal bleiben sie aber auch drin, als Hommage …

DISILLUSION existiert seit 7 Jahren, die ausführliche Geschichte der Band kann man unter www.disillusion.de nachlesen. Dennoch ist es etwas verwunderlich, wie reif Three Neuron Kings klingt, denn in der aktuellen Besetzung spielt ihr ja noch nicht so lange zusammen.

Andy: In der aktuellen Besetzung spielen wir erst seit einem Jahr. In diesen 12 Monaten haben wir die EP aufgenommen und unseren eigenen Stil in dieser Zeit entwickelt. Unabhängig davon war es schon wichtig, dass wir nicht mehr die Jüngsten sind und zuvor schon in einigen anderen Bands gespielt haben – anders wäre eine solche Zusammenarbeit auch nicht möglich gewesen. Im Grunde ist THREE NEURON KINGS so etwas wie ein logisches Resultat aus uns Dreien, soll heißen, die EP verkörpert uns. Wir haben beim Schreiben der Songs nicht wirklich viel experimentiert, da ziemlich klar war, wo wir als Einzelne stehen, und wie sich das zusammenfügen würde. Viel schwieriger war es, so schnell eine gemeinsame Sprache zu finden.

Wie waren eure Erwartungen an die EP und haben euch die durchweg positiven Rückmeldungen nicht doch etwas überrascht?

Andy: Klar wollten wir ein gutes Erstwerk abliefern – aber dass es so kommt, hätten wir wirklich nicht erwartet. Wir haben so lange an den Songs gearbeitet, sie zerrissen und wieder zusammengefügt…

Rajk: Unser Lieblingsspruch zum Thema Erwartungen war „Bälle untenhalten…“. Wir haben zwar immer versucht uns zurückzuhalten, trotzdem hat sicher im Hinterkopf jeder für sich auf eine gewisse Anerkennung gehofft. Als dann langsam klar wurde, wie gut die Reaktionen auf die EP sind und auch weiter sein werden, schlug das schon ein, weil selbst diese heimlichen Erwartungen übertroffen wurden.

Andy: Das hat jetzt auch nichts mit Arroganz zu tun, wir sind einfach stolz.

Rajk: Und es freut uns! Es ist schon schön, wenn das, was man beabsichtigt hat, auch erkannt wird. Das allererste Review war allerdings ein völliger Veriss – zu komplex, kein Konzept, zu zerhackstückt war der Tenor. Als wir das gelesen hatten, haben wir uns schon Gedanken gemacht. Es blieb allerdings die einzige negative Reaktion.

Andy: Als wir im Studio die EP fertig hatten, standen wir da und stellten fest, dass uns die Musik natürlich gut gefällt, dass wir stolz auf die Songs sind. Aber der Zweifel, ob die Musik auch das ausdrückt, was wir wollen, ob sie den Bauch erreicht, der war auch da. Sind die emotionalen Passagen wirklich emotional und so weiter… so Gedanken macht man sich schon, von technischen Dingen ganz zu schweigen. Und, zugegebenermaßen, ein bisschen „ungewöhnlich“ klangen die Songs selbst in unseren Ohren. Das bereitete uns schon Sorgen…

Und wie soll es jetzt weitergehen? Versprecht ihr euch jetzt einen Vertrag bei einem Label? Wollt ihr das überhaupt?

Rajk: Eine ganze Weile hatten wir daran gar nicht gedacht, sondern uns nur auf die EP konzentriert. Es gab dann sehr überraschend und sehr schnell, ohne dass wir uns groß darum gekümmert haben, ein Angebot. Plötzlich waren wir mit der Entscheidung konfrontiert, ob wir nun einen Vertrag unterschreiben wollen. Erst dann haben wir uns damit beschäftigt, was es bedeuten würde, mit einem Label zusammenzuarbeiten. Das Angebot hat sich aber schließlich zerschlagen, von daher ist der Druck, sich entscheiden zu müssen, erst mal wieder von uns genommen worden. Aber wir haben angefangen, darüber nachzudenken, ob wir selbst weiter im Underground wursteln sollen – was mir persönlich im Moment am sympathischsten wäre, da man alles selbst in der Hand hat. Es braucht eine ganze Menge Glück, an Leute zu geraten, die schätzen was man macht, insofern ist es wohl wirklich nicht einfach, einen vernünftigen Vertrag zu finden. Das Problem ist aber auch, dass wir mit unserem geplanten Album wahrscheinlich alleine nicht mehr zu Rande kommen werden, geldmäßig. Da werden wir wohl schon jemanden brauchen, der uns bei den Aufnahmen und/oder bei der Promotion unterstützt. Wenn wir alle Reserven zusammenkratzen und Nachtschichten fahren, könnten wir es vielleicht alleine schaffen, das Geld für eine vernünftige Produktion zusammenzubekommen – aber dann wären wir völlig pleite. Da wäre noch nicht mal mehr das Portogeld für Promotion da… aus diesem Grund suchen wir im Moment schon nach einem Partner.

Aber ist es nicht ärgerlich und frustrierend, wenn ihr seht, dass andere Bands mit viel einfacherer Musik mehr „Erfolg“ haben – vorausgesetzt, man kann Erfolg an einem Labeldeal messen?

Andy: Nun, ich neige dazu, das positiv zu sehen. Vorsichtshalber. Es gibt ja auch immer noch genügend Bands, die Wert auf ihre Musik legen und trotzdem Platten verkaufen. Es geht – aber es ist wahnsinnig schwer. Der erste Schritt muss aber der sein, das zu tun, was uns wichtig ist: Unser Konzept auszuleben und nicht auf Massenkompatibilität zu achten.

Ihr zeigt auch, dass man auch aus eigener Kraft eine ganze Menge erreichen kann: Ihr habt zusammen mit ASTERIUS eine kleine Tour organisiert, die Ende März/Anfang April stattfinden wird. Habt ihr an PROLOGUES TO INFINIY, so habt ihr die Tour überschrieben, spezielle Erwartungen?

Rajk: Nun, wir erwarten, dass uns diese Tour richtig viel Freude und eine Menge neuer Erfahrung bringt! Schließlich ist es ja die erste Unternehmung dieser Art. Wir hoffen schon, dass ein paar Leute kommen und sich für uns interessieren – aber wir erwarten keine vollen Venues, 50 bis 100 Mann, wobei 100 schon wieder genial wäre. Die Idee zu der Prologues To Infinity-Tour kam bei unserem ersten offiziellen Auftritt mit der neuen Besetzung in Leipzig auf, zu dem wir Asterius eingeladen hatten, weil wir von ihrer Musik begeistert sind. Es stellte sich heraus, dass wir auch menschlich gut zusammenpassen. So haben wir gemeinsam den Plan ausgebrütet, ohne eigentlich genau zu wissen, was da auf uns zukommt. Letztendlich hat aber jeder seinen Teil zur Vorbereitung beigetragen – Grüße und Dank gehen hier vor allem an Andrash (Sänger von Asterius) – und so werden wir, mit gutem Gefühl in die Tour starten.

Was bedeutet es für euch live zu spielen? Ist das sehr wichtig für euch oder seht ihr eure Songs eher als Musik für zu Hause, durch die man sich erst mal durchbeißen muss ?

Rajk: Live spielen ist absolut wichtig, genauso wichtig wie eine CD. Als die EP fertig war, war die Spannung noch nicht beendet, denn dann haben wir uns auf unser erstes Konzert in Leipzig vorbereitet – und erst danach war alles abgeschlossen. Der Auftritt war sehr, sehr ordentlich und es war auch spannend zu sehen, wie die Musik, die wir ein ganzes Jahr im Proberaum gebaut haben, wirkt. Die Energie und Aggressivität in der Musik funktioniert live sehr gut.

Andy: der große Unterschied zwischen Platte und Live Präsentation der Kapelle ist, dass wir live viel mehr Wert auf Energie legen. Parallel wollen wir die Songs natürlich so detailgetreu wie möglich über die Bühne bringen. Da wir ja immer noch nur zu dritt sind, gibt es da keine Sekunde Zeit zum Ausruhen, sich fallen lassen – das strengt an. Trotzdem, wir verstehen uns live nicht als Künstler; egal wie komplex die Musik ist, es ist immer noch Metal und wir präsentieren sie auch so.

Wie schreibt ihr euere Songs? Es ist sicher nicht mit zwei, drei Proben getan… Und wie und wann kommen die Texte, die ja sehr eng mit der Musik verbunden sind, ins Spiel? Ist das Songwriting mehr Kopfarbeit oder passiert da viel aus dem Gefühl heraus?

Rajk: Wenn wir in den Proberaum gehen, um einen neuen Song zu machen, dann gibt es schon ein Konzept. Die Kernelemente sind bevor wir uns treffen meistens klar und geben eine ziemlich klare Richtung an, in die der Titel gehen wird. Meistens hat Andy eine Vorstellung – er und ich setzen uns dann bevor wir unserem Schlagzeuger Jens den Song präsentieren, noch mal hin und entwickeln einen Plan. Das ist die Kopfarbeit. Im Proberaum probieren wir dann Schlagzeuglinien aus, und dabei geht es eher um ein Gefühl. Wir vergleichen dann unsere Vorstellung und den tatsächlichen Klang des Songs. Wir bauen sehr lange an einem Song, achten aber auch sehr darauf, dass der Song fließt – was man erst im gemeinsamen Spiel herausbekommt. Andy arbeitet dann parallel dazu an den Texten.

Andy: Ich würde auf jeden Fall sagen, dass unsere Musik aus dem Bauch kommt, auch wenn das erst mal einen anderen Anschein hat. Im Kern und am Anfang kommt alles auf dem Bauch. Stundenlange Jam Sessions mit dem Drumcomputer, erste Gesangslinien. Dann erst beginnt die Kopfarbeit, wenn alles zusammengefügt wird. Die Texte entstehen folgendermaßen: Genau dasselbe Gefühl, das bei Riffmachen entsteht, wird am Ende genau das sein, was der Text ausdrückt, was der gesamte Song ausdrückt, was der Gesang ausdrückt. Schlüssige Textkonzepte entstehen nicht in zwei Minuten, das braucht genauso viel Zeit wie der Song. Es ist wahnsinnig wichtig, dass hinterher alles passt – deshalb muss alles im Gleichklang geschehen.

Ihr sprecht davon, Song zu bauen und einen Plan zu entwickeln – das klingt für mich eher wie ein Widerspruch.

Andy: Klar, Plan klingt zu technisch, Plan heißt nicht, dass ein Teil X und ein Teil Y auf den Reißbrett aneinandergesetzt werden, sondern die Teile ergeben sich ja auch aufgrund von Wechselwirkungen. Daraus entsteht dann irgendwann ein Plan, wobei Plan für etwas anderes steht: Was ist der Song für uns, was wollen wir ausdrücken, es geht dabei eher um emotionale Pläne, obwohl das wohl noch absurder ist.

Nun, die Gefahr bei komplexer Musik ist, dass man das Feeling aus den Augen verlieren kann. Eine Gefahr, die ihr offensichtlich erkannt und verbannt habt.

Andy: Danke schön! Wir hatten nie geplant, technisch zu klingen! Es war zwar irgendwann abzusehen, dass immer mehr technische Finessen Einzug halten würden, aber das Wichtigste ist immer noch der Bauch! Als wir THREE NEURON KINGS aufnahmen, wurden viele dieser Finessen wieder gekickt, da sie teilweise song-undienlich waren, einige andere wurden eingefügt, dann aber, um alles durchsichtiger, grooviger zu gestalten. Es ist im Nachhinein natürlich wahnsinnig spannend, sich selbst anzuhören und zu überlegen, wie das ganze ursprünglich geplant war, und die Entwicklung zu rekonstruieren. Gerade, wenn man die Voraufnahmen mit der richtigen Platte vergleicht.

DISILLUSION bieten mehr als nur Musik, auf eurer Homepage finden sich neben Infos zur Band und zur Musik auch die Rubriken Fotographie und Literatur. Warum? Musik als allumfassende Gesamtkunst?

Andy: Es geht darum, dass wir mit DISILLUSION sehr emotionale Musik machen. Literatur und Kunst kann die gleichen, wenn nicht sogar tiefere Emotionen und Gedankengänge hervorrufen. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, Literatur und Fotographie im Gleichklang mit der Musik zu präsentieren. Leider haben wir recht wenig Zeit dafür, deshalb ist das ganze auch ein wenig in den Hintergrund getreten. Im Grunde geht es darum, das Konzept von DISILLUSION auf andere Art zu präsentieren. Es ist ja auch nicht irgendwelche Literatur, die dort präsentiert wird. Es geht auch gar nicht unbedingt um qualitative Standards, das Wesentliche ist, dass die Kunst mit unseren Konzept konform geht, dass sich der Macher im Werk tief mit sich auseinandersetzt.

Rajk: Die Literaturseite wird von Markus, einem langjährigen Freund von Andy, betreut, der dort auch die meisten Texte beisteuert. Die anderen Literaten und Fotografen haben wir über ´s Netz kennengelernt. Sie haben die Rubriken gesehen und fühlten sich angesprochen mitzumachen.

Three Neuron Kings habt ihr im eigenen Studio aufgenommen. Seid ihr im Nachhinein damit zufrieden, oder würdet ihr auch gerne mit einem Produzenten zusammenarbeiten? Schließlich hättet ihr dann noch mal Rückmeldung von einer unabhängigen Person.

Andy: Also wir sind im Grunde völlig zufrieden mit dieser Situation, sonst hätten wir es ja nicht so gemacht. Wir wollen das Studio jetzt auch weiter auszubauen, denn um weitere Ideen umsetzen zu können, brauchen wir mehr Technik. Was das Thema Produzent angeht, so gibt es die antwort „Ja“ und die Antwort „Nein“. Das heißt, es ist sehr, sehr wichtig vorher zu wissen, wohin dich ein Produzent treiben will. Wir brauchen sozusagen ein viertes Bandmitglied, das wäre ideal. Er muss wissen, was wir machen wollen und sagen können, das etwas nicht so rüberkommt, wir es wollen. Das wäre der beste Produzent für uns, haha, für den Markt wäre es der schlechteste. Wir suchen auch gar nicht nach einem Produzenten – Das eigene Studio gibt Dir schließlich die Möglichkeit, die Platte selbst zu produzieren, was manchmal nicht mehr heißt, als sich von dem Song zu lösen, und ihn als das zu hören, was er ist. Bei THREE NEURON KINGS hatte ich bei den Gesangslinien unseren alten Sänger Tobias für zwei Tage ins Studio geholt, um erste Meinungen zu hören. Bei den Gesangsaufnahmen selbst hat Alex von Tam-Recordings wahnsinnig viel beigetragen. Gerade bei THE LONG WAY DOWN TO EDEN haben wir ewig gebastelt. Ich will sagen, Meinungen von außen, gerade im Entstehungsprozess sind uns wahnsinnig wichtig. Jens nimmt auch jede Aufnahme mit zu seinem langjährigen Drummer-Kollegen, dem er vertraut – und Vertrauen ist eben das Stichwort. Erst mit Vertrauen und Respekt könnte ich mit einem Produzenten zusammenarbeiten.

Viertes Bandmitglied ist ein gutes Stichwort, wie sieht es denn mit dem leeren Bassisten-Posten bei euch aus?

Rajk: Tausende haben vorgespielt und wurden abgelehnt … nein, im Ernst: Es sieht schlecht aus.

Andy: Wir spielen auch live ohne Basser. Allerdings haben DISILLUSION seit sechs Jahren keinen Basser, das heißt auch dass die ganzen Riffs schon so angelegt werden, dass man nicht unbedingt einen braucht, dass sie alleine stehen können. Irgendwie scheinen wir es zu schaffen, den fehlenden Basser zu kompensieren, deshalb funktionieren die Songs auch live. Langfristig, mittelfristig, kurzfristig müsste ein Basser auftauchen – am besten morgen. Mit Bass beim Songschreiben stehen natürlich wahnsinnig mehr Möglichkeiten offen, die wir jetzt nicht haben, bzw. nicht umsetzen können.

Soll der Albumtitel Three Neuron Kings bestimmte Erwartungen wecken? Was ist ein Neuron King eigentlich?

Andy: Die drei Könige stehen exemplarisch für eine unüberschaubare Anzahl von Gedanken, Sichtweisen auf die Dinge, Entscheidungsmöglichkeiten, die jeder von uns tagtäglich vor sich hat. Für eine entscheidet man sich – mehr oder weniger spontan, dieser Gedanke gewinnt also für einen winzigen Moment die Oberhand über alle anderen, gewinnt sozusagen den Kampf, der nie zu Ende sein wird. Drei sind es einfach deswegen, weil dadurch ein schönes Spannungsdreieck begründet wird, in diesem Falle durch den Stürmischen, den alten Weisen und den sozusagen hinterlistigen Beobachter, den Aasgeier, den Abstauber ohne eigenes Credo, wenn man so will. Nun, der Held der Minigeschichte wird sich also an einem Lagerfeuer bewusst, dass so seine Gedankenwelt abläuft und funktioniert, im Kopf eben – und deswegen Neuronen, der ständige Kampf mit sich selbst. Die drei Neuronen Könige symbolisieren also den ständigen Kampf in dir und repräsentieren die Konzepte DISILLUSIONs recht gut.

Auf der DISILLUSION Page hast Du die Texte in Deutsche übertragen – warum?

Andy: Weil mir das wahnsinnig wichtig war. Ich denke, dass hier in Deutschland nicht alle des Englischen mächtig sind. Ich habe sie auch nicht wirklich übertragen, sondern parallel geschrieben – übertragen ist übrigens gut, denn es sind ja keine Übersetzungen.

Das heißt auch, dass du erwartest, dass sich der Hörer mit den Texten beschäftigt?

Andy: Ja, das wäre schön. Aber das ist wohl eher selten der Fall… Aber die 5 Mann, die bevor sie die deutschen Übersetzungen gelesen haben, keinen Schimmer hatten worum es eigentlich geht, die sind es schon Wert …

Gibt es denn Bands, die im laufe der Geschichte von DISILLUSION einen besonderen Einfluss hatten? Als Vorbilder, Idole oder negative Beispiele?

Rajk: (lacht) Negative Beispiele – da fällen mir zwar jetzt schon ein paar ein – aber, da ich mich mit denen aber nie wirklich beschäftigt habe, können sie auch kaum als Einflüsse gelten. Es gibt aber schon einige Bands, die wichtig für uns waren – über einige haben wir ja schon gesprochen. Ganz wichtig sind jetzt EMPEROR für uns geworden. OPETH kenne ich erst seit ich Andy kenne – und diese Ausnahmeband ist für mich somit eng mit DISILLUSION verbunden. Von unserem Schlagzeuger Jens kommen dann eher ein paar jazzige Einflüsse, was sich dann in den eher frickeligen Elementen niederschlägt. MY DYING BRIDE zum Beispiel sind auch sehr wichtig, ihre Musik strahlt eine große emotionale Tiefe aus… Diese Bands sind schon eine Art Vorbild – man will das geniale Element dieser Bands in seiner Musik haben und gleichzeitig verschiedene Dinge verknüpfen und Eigenes mit einbringen.

Andy: Mir ist noch sehr wichtig auch andere Bands zu erwähnen, die nie genannt werden, da wir nur „Momentan-Infos“ geben und sagen, welche Kapellen heute für uns wichtig sind. Der Ausschlag, Musik zu machen, kam von ganz anderen Bands, die mich dann auch viele Jahre begleitet haben. Eigentlich nicht zu überhören sind PANTERA und MACHINE HEAD – es hat mich auch gewundert, dass das keiner bemerkt hat. Mid-Neunziger-Neo-Thrash spielt bei DISILLUSION sicher auch eine Rolle, auf jeden Fall in der Rhythmus Sektion. Außerdem ganz wichtig sind Soundgarden.

Nun, eine gewisse Modernität ist euch nicht abzusprechen, das stimmt. MACHINE HEAD und PANTERA hätte ich aber nie mit DISILLUSION verbunden, was aber auch daran liegen mag, dass ich beide Bands nicht besonders mag.

Andy. Klar, ist ja auch eine ganz andere musikalische Ecke. Aber die Coolness von beiden Bands im Sound ist unübertrefflich – es gibt sicherlich andere Bands, die das genauso gut machen, ich will da niemanden auf den Schlips treten, aber für mich waren und sind diese beiden Bands schon wichtig. Das treffen sich Jens und ich, und hier liegt auch die Basis des gesamt rhythmischen Aspekts von Disillusion.

Rajk hatte vorher MY DYING BRIDE angesprochen, ich schätze an der Band besonders, die Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit, mit der diese Band Emotionen in Musik packt – ist bei Disillusion ähnlich. Ich frage mich, ob es manchmal nicht schwer ist, sich dritten zu offenbaren und sich so offen zu zeigen.

Andy: Es ist einfach so wie es ist. Ich glaube keiner von uns kann über seinen Schatten springen, wir machen das, was wir machen, schreiben die Texte, reden darüber, ohne Masken. Während des Entstehungsprozesses machen wir uns keine Gedanken, schwierig wird es erst, wenn die Songs und die Musik auseinandergenommen wird, wenn man darüber reden soll.

Soweit erst mal das Interview, hier nun noch unser Vampster-Fragebogen:

Was waren die drei letzten Alben, die euch gut gefallen haben?

Rajk: MY DYING BRIDE – The Light At The End Of The World – als sei rausgekommen ist, hat mich diese Platte total umgehauen. Dann habe ich sie eine Weile weggelegt, aber mittlerweile läuft sie wieder rauf und runter. Emperor – Prometeus – Unübertroffen und einzigartig, wie auch die drei letzten Alben. OPETH – Blackwater Park – große Vorbilder, große Helden. Mich fasziniert an Opeth die Weite der Musik und das Spiel mit Gegensätzen, da ist alles sehr groß, sehr weit angelegt, alles fließt organisch ineinander.

ANDY: hätte ich bloß als erster geantwortet… jetzt wird es schwierig. Seit Jahren fasziniert mich Ulvers „The marriage of heaven and hell“, das ist kein Album, das ist Kunst. Ominous – The spectral manifest – eine der unterbewertesten Techno-Thrash Bands, Emperor – Prometeus. Jetzt muss ich etwas ausholen: ich habe noch nie bei einer Scheibe beim ersten Durchgang weinen müssen. Da war es dann so weit. Ein unglaubliches Album, ja, das größte Metal Album aller Zeiten.

Wen würdet ihr gerne mal treffen?

Andy: Da fällt mir überhaupt niemand ein. Notlösung wäre William Blake

Rajk: Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Ich finde da auch auf die Schnelle keine Antwort und sage nichts dazu. Andy: ich habe jetzt noch eine hypothetische Antwort: die Person, die ich gerne treffen würde, ist die Person, von der ich nicht weiß, dass ich sie gern treffen würde – da ich sie ja noch nicht getroffen habe….

Interview: vampiria

Fotos: Alle Bilder sind von der Disillusion-Homepage entnommen, das Copyright liegt bei den dort aufgeführten Personen.

Interviewgestaltung: boxhamster

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