DIABLO SWING ORCHESTRA: Ich habe eine Allergie gegen englische Balladen

DIABLO SWING ORCHESTRA: Ich habe eine Allergie gegen englische Balladen

Die These, nach der Stockholm eine vorzügliche Petrischale für interessante Mucke ist, wird mit der Erscheinung des DIABLO SWING ORCHESTRA erneut um ein stichhaltiges Argument reicher. Die Schweden swingen auf ihrem aktuellen Werk The Butcher`s Ballroom locker von Genre zu Genre, mischen Metal mit Mariachi, orientalische Klänge mit Operngesang und garnieren das Ganze mit bizarren Titeln und Texten. Ganz so schwerverdaulich wie die griechischen Querdenker TRANSCENDING BIZARRE? ist das teuflische Swing-Orchester zwar nicht, aber wenn sich Sänger und Gitarrist Daniel als Reiseleiter in diese verschrobene Welt anbietet, kommt man schneller ans Ziel als mit dem eigenen Interpretationskompass und nimmt das Angebot gerne an.

Erst einmal Gratulation zu eurem aktuellen Album The Butcher`s Ballroom, das mir sehr gefällt. Nun vermischt ihr darauf verschiedene Genres und Elemente, welche man gemeinhin nicht in demselben Song gemeinsam zu hören bekommt. Ich habe das Gefühl, dass man diesem mutigen Unterfangen nur auf zwei Weisen begegnen kann: Entweder man liebt es, oder man hasst es. Polarisiert euer Werk tatsächlich und wie seid ihr mit den bisherigen Reaktionen zufrieden?

Du hast schon Recht mit der Einschätzung zu den Reaktionen – entweder man ist für das Album oder dagegen. Aber wir sind irgendwie zufrieden damit, dass unser Output die Emotionen in Wallung bringt, statt nur ein Schulterzucken hervorzurufen. Wir machen keine Musik für Jedermann und uns gefällt das so.

Nun hattet ihr ja zum Zeitpunkt, als ihr bei CANDLELIGHT RECORDS einen Vertrag unterschrieben habt, gerade mal eine selber produzierte EP – Borderline Hymns – im Gepäck. Wieso habt ihr dieses Label gewählt und wie seid ihr mit der Arbeit von CANDLELIGHT zufrieden?

Wir unterschrieben bei CANDLELIGHT RECORDS, weil sie uns ein gutes Angebot machten. Außerdem schienen es nette Leute zu sein. Bis jetzt haben sie uns optimal unterstützt und wir sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit.

DIABLO SWING ORCHESTRA wurde ja erst 2003 gegründet und die verschiedenen Elemente in eurem Sound legen die Vermutung nahe, dass ihr euch vielleicht außerhalb der Metalszene gefunden habt…

Die genaue Entstehensgeschichte kann man auf unserer Homepage nachlesen. Auf jeden Fall nahm alles in einem Musikgeschäft in Stockholm seinen Anfang und wir alle teilen eine Leidenschaft für andere Musikstile außerhalb der Metalwelt.

Erstreckt sich diese Leidenschaft auch auf Aktivitäten in anderen Formationen?

Diablo
Cellist Johannes spielt in einem Duo namens 60/40 Cello und Kontrabas.

Unser Cellist Johannes spielt in einem Duo mit Cello und Kontrabass, das sich 60/40 nennt. Andy, unser Bassist, hat ein Lounge-Projekt mit dem Namen PLEDGE.

Wenn man sich The Butcher`s Ballroom anhört, kann man jazzige Elemente, mexikanisch-anmutende Parts (Poetic Pitbull Revolution) und orientalische Harmonien wie in Gunpowder Chants ausmachen. Da diese Mixtur ziemlich wild ausfällt: Welche Inspirationsquellen habt ihr? Und gibt es junge Bands aus Stockholm, die du empfehlen kannst?

Ehrlich gesagt hören wir uns nicht so oft Musik aus Stockholm an heutzutage. Aber wenn es um das Jazzige geht, muss eindeutig der Soundtrack zum Film Les Triplets de Belleville als Inspirationsquelle genannt werden. Das ist einfach großartige Musik!

Danke für den Tipp! Was an The Butcher`s Ballroom ebenfalls positiv auffällt, ist die Produktion. Wo und mit wem habt ihr aufgenommen?

Wir sind auch sehr zufrieden mit dem Sound des Albums. Aufgenommen wurde es im Studio Underground im schwedischen Västerås. Als Produzent amtete Pelle Saether. Wir haben einige andere Studios auch noch angeschaut. Unsere Wahl fiel auf das Studio Underground, da wir uns gut mit Pelle verstanden und wir seine früheren Arbeiten mochten.

Wenn man sich euer Bandfoto anschaut, fällt auf, dass ihr in barocken Kostümen posiert. Gibt es da einen tieferen Sinn dahinter? Und wie wichtig ist euch als Avantgarde-Band die visuelle Komponente?

Der visuelle Aspekt ist wichtig für die Band.

Kommen wir zu eurem aktuellen Album. Die merkwürdigen Songtitel fallen genau so auf, wie euer Gebrauch der lateinischen, italienischen und vor allem englischen Sprache. Welche Rolle spielt die Sprachwahl hierbei?

Die Musik kommt bei uns immer zuerst. Also müssen sich die Texte der Stimmung des Songs anpassen. Ich selber habe quasi eine Allergie gegen Balladen auf Englisch und ich denke, dass Italienisch eine viel leidenschaftlichere Sprache ist. Das erklärt die Sprachwahl beim Song D`angelo. Die lateinischen Lyrics für Balrog Boogie rühren daher, dass es sehr schwierig war, etwas auf Englisch zu schreiben, das zur Stimmung des Songs passte.

Poetic Pitbull Revolutions fällt sowohl vom textlichen, als auch vom musikalischen Aspekt her auf. Da das Wort Pitbull nur im Titel vorkommt – obwohl man die Phrase A Kiss That Bruises als Hinweis auf die Beissqualitäten dieser Hunde deuten könnte – um was geht es in diesem Text?

Normalerweise reflektieren die Songtitel bei DIABLO SWING ORCHESTRA das gesamte Gefühl des Songs und nicht die Lyrics. In diesem Fall wollte ich etwas, das spanisch und unerbittlich klang und dachte mir, dass der Titel Poetic Pitbull Revolutions genau das ausdrücken könnte. Im Text an sich geht es eher um Gewalt, sowohl physische als auch psychische. Die Phrase A kiss that bruises bezieht sich auf die Situation, wenn Liebe mehr weh als gut tut.

Gewalt, Pitbulls – und im Song Wedding March For A Bullet auch Kugeln. Trotz Quentin Tarantinos Kill Bill assoziiert man Munition kaum mit Hochzeiten. Geht es in den Zeilen I Loathe What You Made Of Me Bullet Blind Eventually / All Those Aching Hours With Abusive Powers um einen Killer, der sozusagen ein Mordinstrument seines Auftraggebers ist? Oder welche Story steckt hinter diesen Lyrics?

In diesem Song geht es auch um Missbrauch. Die von dir genannten Zeilen handeln von jemandem, der Angst hat vor dem Leben, wegen des Missbrauchs, den er oder sie erlebt hat.

Diablo
Bassist Andy hat neben DSO ein Lounge-Projekt mit dem Namen PLEDGE.

Religion scheint kein dominantes Thema in euren Lyrics zu sein. Trotzdem sprecht ihr in Pink Noise Waltz von einem well-paid Jesus und erwähnt Holy Water, She`s Breaking Those Waves. Geht es hier wirklich um religiöse oder spirituelle Thematiken?

Dieser Song ist der älteste auf dem Album und das gilt auch für die Lyrics. Die Idee hinter dem Text war ursprünglich, dass der Geist des Hörers einen traumähnlichen Zustand erreichen sollte. Außerdem sollte der Text poetisch klingen.

In den Songs Zodiac Virtues und Pink Noise Waltz kommt auch eine Querflöte zum Zug. Warum nur in diesem zwei Songs?

Die Flöte verleiht den Songs einen verträumte Atmosphäre. Allerdings hat sie nur zu diesen zwei Liedern gepasst, obwohl wir auch versuchten, sie in den anderen Tracks ebenfalls einzubinden. Aber am Schluss war es nur bei diesen beiden stimmig.

The Butcher`s Ballroom ist in Akt I und II unterteilt. Gibt es ein übergreifendes Konzept, welches alle Texte, die zumeist eher vage und postmodern wirken, verbindet?

Eigentlich wollten wir ursprünglich noch mehr Elemente in unseren Sound einbinden, um der Hörerschaft das Gefühl zu geben, einer Show beizuwohnen. Allerdings konnten wir nicht alles so realisieren, wie wir es geplant hatten, weil wir zu wenig Zeit hatten. Auf zukünftigen Alben werden wir es jedoch nochmals versuchen und diese Möglichkeiten weiter erkunden…

Eure Songs sind ja sowieso schon recht komplex. Wie muss man sich den Songwriting-Prozess bei euch vorstellen? Sind alle sechs Bandmitglieder gleichermaßen daran beteiligt?

Für dieses Album habe ich die meisten Songs geschrieben. Aber bei den zukünftigen Alben wollen wir mehr zusammenarbeiten, damit jedes Mitglied seine Ideen einbringen kann. So wird die Musik am Ende noch abwechslungs- und variantenreicher.

Eure Sängerin Ann-Louice Lögdlund spielt eine große Rolle in eurer Musik. Ihre Art zu singen erinnert mich an die TARJA TURUNEN-Tage von NIGHTWISH. Wird sie in Zukunft auch den Löwenanteil des Gesangs übernehmen oder wirst du vermehrt in Erscheinung treten, wie du das bereits in Pink Noise Waltz gemacht hast?

Diablo
Sängerin Ann-Louice und Gitarrist Daniel teilen sich den Gesang beim DIABLO SWING ORCHESTRA – wer was übernimmt, hängt vom Song ab.

Wir haben noch keinen Plan, wer den Großteil des Gesangs übernehmen wird. Es hängt alles vom Song ab. Ann-Louice sollte eigentlich alle Parts auf The Butcher`s Ballroom singen. Im Studio haben wir aber gemerkt, dass einige Passagen zu tief für sie waren – und diese habe ich dann übernommen.

The Butcher`s Ballroom erschien ja am 28. September. Ist eine Tour geplant, um das Album zu promoten?

Letzte Woche haben wir zwei Shows in Deutschland gespielt, eine in München und eine in Berlin. Wir planen, für die Festivalsaison 2008 nach Deutschland zurückzukehren. Außerdem haben wir einige Gigs in Belgien diesen November und nächsten März geht es nach England.

Obwohl The Butcher`s Ballroom noch ganz frisch ist: Habt ihr schon Material für euer nächstes Album geschrieben?

Ja, wir haben etwa sieben oder acht Songs bereit für unser nächstes Werk. Ich hoffe, dass wir diese Kreationen bald live performen können. Wir werden wieder mit den gleichen Elementen arbeiten wie auf The Butcher`s Ballroom, aber wir werden auch Tango, Gospel und russische Volksmusik miteinbinden. Vorerst haben wir nur Arbeitstitel für zwei Songs: The Vodka Inferno und Stratosphere Serenades…

Das hört sich schon mal interessant an. Vielen Dank für das Interview!

Danke ebenfalls! Cheers!

Bilder: Band

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Markus
"Kümmere mich um die Technik und die Weiterentwicklung von vampster, schreibe ab und zu Reviews und schieße bei Festivals und Konzerten Fotos für vampster. Habe das Magazin 1999 mit gegründet."