CANNIBAL CORPSE: Wohlerzogene Kannibalen

CANNIBAL CORPSE: Wohlerzogene Kannibalen

Es gibt Bands, die ihre Fahne nach dem Wind drehen, indem sie spielen, was gerade angesagt ist. Es gibt auch Bands, die felsenfest zu ihrer Musikrichtung stehen, bereits mit dem ersten Album ihren entgültigen Stil festlegen und keinen Millimeter von ihrer Richtung abweichen. Und es gibt solche, zu denen CANNIBAL CORPSE zählen: Sie sind von Beginn an dem heftigsten Death Metal zuzuordnen und haben sich ihre Vision über die Jahre hinweg erhalten. Sie wurden bessere und bessere Musiker, lernten dazu und ließen die neu gewonnenen Fähigkeiten in ihren Stil einfließen. Dieser Tage erscheint ein neues Manifest dessen, was Sie so bekannt gemacht hat: Das achte Studioalbum „Gore Obsessed“ glänzt wieder mit brutalem Death Metal und bluttriefenden Texten. Zeit, den Verantwortlichen mal auf den Zahn zu fühlen.

An einen Sonntag Mittag, kurz nach dem Genuss eines letzen Blutwurstbrotes klingelte dann pünktlichst der gut gelaunte CANNIBAL CORPSE-Drummer Paul Mazurkiewicz um einige Neuigkeiten loszuwerden.

Hallo Paul, zunächst: Herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album „Gore Obsessed“, das meiner Meinung nach eurer bisher Stärkstes ist.

Vielen Dank für das Kompliment. Wir sind auch mehr als zufrieden mit „Gore Obsessed“.

Was hat sich alles seit „Bloodthirst“, bzw. „Live Cannibalism“ getan?

Es gab nicht wirklich viele oder wichtige Veränderungen und auch keine Besetzungswechsel. Wir wollten einfach ein weiteres Kapitel in der Geschichte von CANNIBAL CORPSE schreiben. Wir haben nach „Bloodthirst“ und „Live Cannibalism“ sehr viel getourt und uns schließlich 2001 ans schreiben von „Gore Obsessed“ gemacht.

Euere Besetzung ist ziemlich stabil. Habt ihr das Line-Up eurer Träume gefunden?

Ja, definitv. Wir sind nun in seit drei Alben in einer Besetzung. Seit Pat (Gitarrist) in der Band ist, hat sich das Line-Up nun gefestigt. Wir sind in darin gewachsen und wurden und werden immer besser. Es macht auch den Sound um einiges vielschichtiger, wenn man 3 Songwriter in einer Band hat. Wir sind variabler als früher.

Gore Obsessed hat den bisher besten Sound der Band-Geschichte. Schuld dafür trägt unzweifelhaft Neil Kernon…

Neil`s Produktion ist fantastisch. Colin Richardson hat auf „Bloodthirst“ und „Live Cannibalism“ wirklich tolle Arbeit geleistet, aber mit Neil konnten wir noch eine Stufe weiter nach oben steigen. Ich glaube, dass wir seine Fähigkeiten auch wirklich genutzt haben. Außerdem brauchten wir jemanden, der auch wirklich ein Cannibal Corpse-Album produzieren wollte. Neil hatte gerade Zeit dazu und war wegen der Herausforderung, die sich damit an ihn stellte, auch sofort zu „Gore Obsessed“ bereit.

Wie seid ihr mit ihm in Kontakt gekommen?

Wir haben ihn einfach angerufen. Eigentlich hätte wieder Colin Richardson hinter den Reglern sitzen sollen, aber er war leider bereits vergeben. Auf der Liste unserer Traumproduzenten stand Neil Kernon ganz oben, der sich dann auch spontan zu Gore Obsessed bereit erklärte. Wir hatten wirklich Glück, dass er gerade Zeit hatte.

Zu zweiten Mal habt ihr im Sonic Ranch-Studio aufgenommen. Keine Lust mehr auf das Morrissound-Studio? Andere Bands würden ihre Großmütter verkaufen, um im Morrissound aufnehmen zu können.

Nachdem wir jahrelang im Morrissound aufgenommen haben war es mal an der Zeit etwas neues auszuprobieren. Es ist schon ein wenig so, dass wir vom Morrissound gelangweilt waren. Das war der Grund, warum wir „Bloodthirst“ mit Colin aufgenommen haben. Auch das Studio ist toll, wir hatten viel Spaß und konnten uns prima auf unsere Arbeit konzentrieren. Es ist spitze dort aufzunehmen und man ist einfach mal weg vom Trott zu Hause. Die Resultate zu „Bloodthirst“ waren so gut, dass wir uns entschieden wieder dort aufzunehmen.

Wie geht ihr an einen Song heran? Denkt sich einer zuhause die Riffs aus und baut daraus einen Song, oder ist der Proberaum für euch Inspiration?

Jeder Song wurde mehr oder weniger von einem einzelnen Mitglied geschrieben. Alex (Webster, Bassist), Pat (O´Brien, Gitarrist) oder Jack (Owen, Gitarrist) schreiben zu Hause die Riffs und bringen dann meist ein Tape mit, auf dem auch schon ein Drumcomputer enthalten ist. Es gibt aber immer noch Stücke, die auf traditionelle Art und Weise geschrieben wurden. Alex und Jack zum Beispiel, haben das Grundgerüst von „Savage Butchery“ (Opener von „Gore Obsessed“) in 45 Minuten erstellt. Aber dies passiert nicht mehr sehr oft.

Ihr habt auf diesem Album die abwechslungsreichsten und aufwendigsten Songs, wie „Hatchet to the Head“, ever.

Die vertrackten, technischen Stücke auf diesem Album sind Pat´s Schuld. Er spielt sehr viel technischer als Jack und Alex. Pat liefert das ganze verrückte Zeug für Cannibal Corpse, während die anderen eher die „simplen“ Songs schreiben. Aber genau das ist das tolle an CANNIBAL CORPSE: Wir haben sehr viel Abwechslung in unseren Liedern, komplexe Songs wie „Dead Human Collection“ oder „Hatchet to the Head“ und catchy Songs wie „The Spine Splitter“ oder eben „Savage Butchery“.

Wie lange hat es gedauert „Gore Obsessed“ zu schreiben?

Wir haben, wie immer, circa sechs Monate gebraucht. Das ist für uns die normale Zeit, um ein Album zu schreiben. Dann können wir direkt ins Studio. Die Musik ist dann zu 99,9% fertig und wir können einfach aufnehmen. Manchmal kann es sein, dass Kleinigkeiten noch verändert werden oder ein Text geschrieben wird, mehr aber auch nicht.

Was denkst Du über die unzähligen Kopierer eures Stils? Sind sie überflüssig, oder nötig? Hast Du darunter auch einen Liebling?

Sie sind wichtig, denn es ist als Band wichtig eine eigene Identität zu finden, und dazu braucht man einfach Vorbilder, die den Weg aufzeigen. Es ist nur bedenklich, wenn sie keinen eigenen Stil finden und daran haften bleiben. Ich kenne leider nicht genügend Bands, die genau wie wir klingen, höchstens SEVERE TOURTURE, die ich sehr mag.

Das ist für Dich das wichtigste / beste / schlechteste Cannibal Corpse-Album?

Schwer zu sagen… Am liebsten mag ich die neuen Alben. Aber das ist ja meistens so. Das Wichtigste hingegen war wahrscheinlich „Eaten Back to Life“ (Debüt von 1990), denn es war das erste Album überhaupt, das wir aufnahmen. Der erste Plattenvertrag, dann zum ersten Mal ins Studio, zum ersten Mal auf Tour… Das ist die aufregendste Zeit deines Lebens.

Mit „Butchered at Birth“ (1991) und „Tomb of the Mutilated“ (1992) bin ich persönlich nicht so sehr zufrieden. Das hat auch einiges mit den Vocals zu tun. Für damals waren sie genau richtig, weil sie einfach anders waren. Das wollten wir auch, wir waren jung und wollten extrem und kontrovers sein. Darauf kommt es uns aber nicht mehr an. Außerdem klingen einige Songs, als würden sie nicht zu Ende geschrieben worden sein.

Textlich ist auch wie immer alles beim alten, langweilen euch diese Themen nicht inzwischen?

Nein, überhaupt nicht, denn darum geht es bei CANNIBAL CORPSE. Wir schreiben seit unserer Gründung über Horror- und Gorethemen und werden es auch weiterhin tun. Selbst wenn es schwierig erscheint originell zu bleiben. Wir haben aber auch einige Songs, bei denen es keine Gore- oder Horrortexte gibt. „When Death Replaces Life“ von „Gore Obsessed“, dessen Lyrics sich gegen Religionen richten, wäre ein aktuelles Beispiel. Doch zu 99% wollen wir über unsere typischen Themen schreiben, das ist was wir tun möchten und tun werden. Außerdem denke ich, dass sich niemand uns gänzlich ohne Splatter-Lyrics vorstellen kann.

Versuchst Du immer blutigere, immer extremere Texte zu schreiben?

Darauf kommt es eigentlich nicht an, wir versuchen nur interessante Geschichten zu schreiben. Es hängt eher davon ab, was der Song verlangt. Dieser gibt in seiner Grundstimmung eigentlich schon das Thema vor. Horror muss auch nicht gleichbedeutend mit Gore sein, es können auch weniger brutale Phrasen einen intensiven Song perfekt untermalen. Manche Songs sind eben kranker als andere, aber es kommt wie es kommt.

Wo findest Du die Inspiration für eure Texte?

Mich inspiriert meine Phantasie. Meistens habe ich einen Titel und ein Thema im Hinterkopf und schreibe dazu eine kleine Geschichte dazu. Wir müssen uns keine Horrorfilme dazu anschauen. Manchmal bin ich auch von mir selbst überrascht, wie krank die Texte teilweise sind. Ich schreibe ernste Geschichten um die Leute zu schocken. Wenn manch einer darüber lacht, läuft meiner Meinung nach etwas in seinem Leben falsch.

Was allerdings wichtig ist: Auch wenn die Lyrics ernst geschrieben sind sollte man sie nicht ernst nehmen.

Bei all dem Leid, Krieg usw. das man über all die Jahre in seinem Leben mitbekommt, scheint es manchmal, als wären eure Texte Wirklichkeit geworden…

Dem kann ich nicht ganz zustimmen. Sicherlich gibt es einige Gemeinsamkeiten mit tatsächlich passierten Ereignissen, aber die sind nicht beabsichtigt. Für uns sind die Texte reine Fiktion.

Themawechsel: was macht ihr im realen Leben, oder könnt ihr inzwischen von der Musik leben?

Wir sind eine der wenigen Death Metals-Bands, die das Glück hat von der Musik leben zu können. Wir verdienen nicht allzu viel, aber es reicht um alle Rechnungen zu bezahlen. Daher haben wir Zeit, die wir im Proberaum verbringen können. Abgesehen davon hat jedes Bandmitglied sein eigenes Leben. Jeder geht natürlich auch noch außermusikalischen Interessen nach. Ich zum Beispiel spiele für mein Leben gerne Eishockey.

Wie? In Florida?

Die Szene begann unglaublich zu wachsen. Als wir vor zehn Jahren aus New York hergezogen sind interessierte sich niemand hier in Florida für Eishockey. Nachdem sich dieser Sport immer mehr und mehr in den Staaten etablierte, kamen mit der Zeit mehr und mehr Leute auf den Geschmack, und es gibt nun sogar einige kleine Vereine in Miami und Umgebung.

Habt ihr Familien?

Verheiratet sind George (Corpsegrinder – Sänger) und Alex. Aber Kinder hat noch niemand von uns.

Was denken ihre Frauen von eurer Musik?

Was deren Frauen von CANNIBAL CORPSE halten weiß ich leider nicht, aber ich bin mir sicher, sie unterstützen sie nach Leibeskräften.

Wie sieht es mit Deiner Familienplanung aus? Willst Du mal Frau und Kinder haben?

Auf jeden Fall, aber es muss alles in richtigen Bahnen verlaufen. Ich möchte zuerst eine Partnerin finden, mit der ich mir vorstellen kann ein Leben lang zusammen zu sein. Wenn ich die gefunden habe, würde ich es sehr begrüßen Kinder zu haben. Ich bin da etwas altmodisch.

Würdet ihr eure Kinder, wissen lassen, über was ihr singt? Wenn ja, wie würdet ihr ihnen erklären nicht gewalttätig zu werden, obwohl Gewalt das Hauptthema eurer Texte ist?

Ganz einfach: Ich würde ihnen unsere CDs erst vorspielen, wenn sie älter sind. Man spielt Kindern keine Sachen vor, die nicht für Kinder gedacht sind. CANNIBAL CORPSE (und auch andere Death Metal Bands!) machen keine Musik für Kinder. Ich möchte auch meine Kids nicht dazu zwingen Metal zu hören. Sie sollen ihre eigene Identität und die eigenen Vorlieben für sich selbst entdecken.

Welche Splatterfilme kannst Du eigentlich empfehlen?

Eigentlich nur die Klassiker aus den 70ern und 80ern. Also „Evil Dead“, „Freitag, der 13te“ und so weiter. Ich bin nicht so auf dem Laufenden, was gerade aktuell ist. Die Peter Jackson Filme sind auch klasse.

Apropos Jackson: Was denkst Du über „Der Herr der Ringe“? Hat Peter Jackson den Horrorfilm verraten?

Auf keinen Fall! „Der Herr der Ringe“ ist ein großartiger Film, zwar nicht das, was man von Jackson erwartet, besonders, wenn man ihn mit „Bad Taste“ (Peter Jacksons Erstling, von 1987) vergleicht, ist es lustig (lacht). Aber es ist ein toller, unglaublich bildgewaltiger Film.

Welche Musik hörst Du privat?

Ich höre eher Classic Rock, wie Grandfunk Railroad. Rock ´n Roll, 70ies Rock…

Letzte Platten, die ihr euch besorgt habt?

Das waren DIOs ELF-Alben. Kennst Du die noch? Die sind großartig!

Was hältst Du eigentlich von SIX FEET UNDER (neue Band von Ex-CANNIBAL CORPSE Sänger Chris Barnes)?

Not my cup of tea. Die Death Metal-Vocals passen einfach nicht zu dieser langsamen Rock´n Roll Musik. Ist halt Geschmackssache.

Eure Live-Präsenz für 2002? Wo kann man euch erleben?

Wir haben uns einiges vorgenommen für dieses Jahr, das Metal Mania-Festival in Polen steht im März an, Ende März wird dann unsere US-Tour starten, dann geht´s wieder nach Europa, um auf dem With Full Force und dem Graspop-Festivals zu spielen. Auch auf Wacken werden wir die Bühne zu Einsturz bringen. Ende September wird dann unsere Europa-Tournee starten. Wir sind ganz gut beschäftigt, denke ich.

Sichwort Touren: Jedes Jahr seid ihr Headliner bei Festival Touren, auf denen immer 7-8 Bands spielen. Überlastung der Kapazitäten oder „Value for Money“?

Für die Fans ist es sicherlich insofern cool, dass sie lange Shows für relativ wenig Geld erleben. Wenn es dann eine gute Zusammenstellung gibt, ist es doppelt gut. Für die Bands kann es aber ziemlich anstrengend sein, ewig zu warten. Außerdem können sich manche Bands etwas abgefertigt, wie eine unter vielen vorkommen. Manche Fans halten es für zuviel, weil irgendwann natürlich die Konzentration nachlässt oder es ihnen zu lange dauert. Aber manchen Kids, noch voller Enthusiasmus und Ausdauer, reicht die Menge an Bands noch lange nicht. Sie wollen immer mehr und mehr (lacht). Ich persönlich denke trotzdem, dass es zuviel ist.

Letzte Worte an die Leser?

Wir möchten uns bei den deutschen Fans herzlich für die Unterstützung bedanken und dass sie immer zu uns gehalten haben. Dass sie es verstehen, dass wir einige Songs nicht spielen dürfen. Außerdem freuen wir uns darauf, euch auf Tour zu sehen und hoffen, dass euch „Gore Obesessed“ gefällt.

Vielen Dank für das Interview und noch viel Erfolg mit dem neuen Album und auf Tour.

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