AXEGRINDER: Einmal Punk, immer Punk

Knapp 30 Jahre nach ihrem Debüt haben AXEGRINDER mit „Satori“ ihr zweites Album veröffentlicht. Im Interview erklären Sänger Trevor Speed und Gitarrist Steve Alton, warum „Satori“ im Gegensatz zu „Rise Of The Serpent Man“ eigentlich ein Hippie-Album ist und räumen mit Crustpunk-Mythen auf.

Der erste Trailer zu „Satori“ tauchte 2016 bei YouTube auf, trotzdem hat es noch zwei Jahre gedauert, bis das Album veröffentlicht wurde.

Trev: Als der Teaser rauskam, hatten wir den Plan, nur eine EP zu machen. Steve hatte schon zwei Jahre zuvor die Songideen zu ‚Satori‘. Dann wurden es mehr und mehr Songs, also haben wir uns entschieden, ein ganzes Album aufzunehmen.

„Fuck Austerity!“ – Ein Statement und konkrete Hilfe für Hinterbliebene

2017 habt ihr eine Neuaufnahme des Demotracks „Grind The Enemy“ (Original von 1987) bei bandcamp veröffentlicht – die Erlöse habt ihr an die Opfer der Brandkatastrophe im Londoner Greenfell Tower gespendet: Am 14. Juni 2017 brannte das Hochhaus mit Sozialwohnungen, 71 Menschen verloren ihr Leben.

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Das Cover der 2017er Single „Grind The Enemy“ hat eine klare Botschaft

Steve: Wir waren so verstört und wütend darüber, was passiert ist, dass wir etwas tun wollten. Wir haben dann ‚Grind The Enemy‘ neu aufgenommen, es ist der einzige Song, den wir vom kompletten Demo heute noch mögen. Der Text spiegelt exakt das wider, wie wir über die Leute denken, die verantwortlich sind für den Mord an den Armen und Vergessenen von Greenfell – mit den Einnahmen unterstützen wir eine Gruppe von Menschen, die dafür kämpfen, dass den Hinterbliebenen Gerechtigkeit widerfährt.

Auf dem Cover der Neuaufnahme steht groß „Fuck Austerity“.

Steve: Ja, das ist unsere Haltung zur Austeritätspolitik, also die Idee einer staatlichen Haushaltspolitik, die alles dransetzt, an allen Ecken und Enden zu sparen. Sie drückt Menschen in eine Ecke, in der sie keine Luft mehr bekommen!

Ihr seid also noch immer Punks?

Steve: ja, wir haben noch immer Ideale – auch wenn wir heute alt sind. Natürlich hinterfragt man irgendwann die Dinge, die man in seiner Jugend schätze. Wenn man jung ist, steckt man viel Energie in seine Wut – das fühlt sich großartig an, führt aber zu nichts. Im Alter ist man nicht weniger wütend, aber man kann seine Wut danke Lebenserfahrung besser kanalisieren. Sie verpufft nicht mehr – hätte Greenfell vor 30 Jahren gebrannt, hätten wir einen sehr, sehr wütenden Song darüber gemacht. Das haben wir auch heute getan, aber wir verfolgen damit jetzt ein Ziel: Egal, wie wenig dabei rumkommt, wir haben die Hoffnung, dass wir damit jemanden etwas Gutes tun. Politisch hat sich an unserer Haltung nicht viel verändert – heute will ich meine Ideals aber auch weitergeben, an meine Kinder, an Freunde, an Partner. Und – so traurig es ist – die Ideale der Punks sind heute noch aktuell, richtig und wichtig, in der Trump-Ära vielleicht sogar aktueller, richtiger und wichtiger denn je!

Die Renaissance des Crust Punk – viele Leute sind wieder wütend

AMEBIX haben vor sechs Jahren ein Comeback-Album aufgenommen, ANTISECT haben 2017 nach fast 35 Jahren mit „The Rising Of The Lights“ ein neues Album rausgebracht. Lee Dorrian pöbelt mit SEPTIC TANK herum – war ist los?

Steve: Es gab immer eine Szene. Aber inzwischen sind viele Leute wieder so richtig wütend. Es hat mit dem politischen Klima in den USA, in Großbritannien und vielen anderen Ländern zu tun. Viele sind frustriert und wütend. Musik und verschiedene Underground-Szenen sind ein Weg, auf dem man sich Luft verschaffen kann. Ich glaube nicht, dass es immer eine Punk-Bewegung geben wird – aber wenn die Dinge so schrecklich falsch laufen wie im Moment, kommt die Rebellion, der Protest und die Wut mit aller Macht zurück.

Trev: Nun, die Anarcho Punk-Szene gab es immer, wir haben uns aber zwischenzeitlich davon entfernt. Ich habe aber immer einige Bands verfolgt. Es ist wie überall: Die Jüngeren übernehmen und bringen Bewegungen weiter voran. Das heißt aber nicht, dass für uns alte Leute dort kein Platz mehr ist!

„Rise Of The Serpent Man“ – „Wir waren Anarcho-Punks, die Metal-Riffs geklaut haben!“

Euer 1989er Album „Rise Of The Serpent Man“ wurde über die Jahre zig mal neu veröffentlicht, es ist nie ganz verschwunden.

Trev: Wir haben über all die Jahre immer Reaktionen auf das Album bekommen, zum Beispiel über facebook. Das freut uns sehr! Als wir es aufgenommen haben, hatte im Studio keiner den Gedanken, dass es so lange Bestand hat. Wir waren damals nur vier kleine Punks. Heute sind wir vor allem auch Lee Dorrian und seinem Label Rise Above sehr dankbar für die Gelegenheit, nochmal etwas aufnehmen und veröffentlichen zu können. Offenbar haben es sich einige Leute gewünscht, wieder etwas von uns zu hören. Das ist ein sehr schönes Gefühl.

Das AXEGRINDER-Debüt wurde ein Jahr nach seinem Erscheinen auf einer Split neu veröffentlicht

Das Original-Cover des AXEGRINDER-Debüt „Rise Of The Serpent Men“ von 1989.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie 1989 ein Tape mit dem PROPHECY OF DOOM-Album „Acknowledge the Confusion Master“ auf dem Schulhof die Runde machte – das AXEGRINDER-Album „Rise Of The Serpent Men“ wurde als Bonus damals mitveröffentlicht – kein Mensch hat über PROPHECY OF DOOM gesprochen, AXEGRINDER hingegen war die Entdeckung der Stunde, denn es kombinierte Metal und Punk auf bis dato unerhörte Art und Weise.

Trev: Ja, wir kommen aus der Punk-Szene, haben uns aber zu dieser Zeit für Metal interessiert. Es gab Bands, die das vor uns gemacht haben – aber wir waren mit dem Punk-Metal-Crossover zur rechten Zeit am rechten Ort. Damals wurde man auch noch nicht so einsortiert wie heute, was zählte war die Musik. Bei unseren Konzerten Ende der Achziger war das Publikum bunt gemischt, viele Punks aber auch viele Metalheads und Hardcore-Fans. Wir waren natürlich Teil der Crust-Szene, das trage ich auch bis heute im Herzen.

Steve: Wir waren Anarcho-Punks, die Metal-Riffs geklaut haben. Ich war zu der Zeit kein Metal-Gitarrist, dazu war ich viel zu schlecht! Ich saß mit BLACK SABBATH-Platten in meinem Zimmer und habe mir dann einiges beigebracht. Trev hasst BLACK SABBATH, er wollte lieber bei METALLICA und SLAYER stehlen, aber das konnte ich alles nicht spielen zu dieser Zeit. Deshalb war der Doom-Einfluss größer – aber ich habe die Riffs anders gespielt, ich konnte es halt nicht besser. Das war im Nachhinein unser Glück, denn so gab es ein echtes Crossover-Album.

Originaldrummer Darryn ist wieder mit dabei

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Dieses Foto ist knapp 30 Jahre alt: AXEGRINDER im Jahr 1989

Genug in der Vergangenheit gewühlt – seit kurzem ist auch wieder Original-Drummer Darryn Garlinge bei AXEGRINDER, weitere Verstärkung kommt von Chris Rodgers, der mit euch zusammen bei der AXEGRINDER-Nachfolgeband WARTECH war.

Steve: ‚Satori‘ wurde nur von mir und Trev aufgenommen, live brauchen wir natürlich Unterstützung. Schlagzeuger sind schwer zu finden – und wir hatten zunächst nur einen sehr losen Kontakt zu Darryn. Er war nicht einfach zu finden, mit Facebook hatte er lange nichts am Hut. Seine Familie hat ihn dann wohl gezwungen, sich anzumelden – Steve hat ihn dort entdeckt und ihn angeschrieben. Es war nur logisch, ihn zu fragen, ob er wieder dabei sein wolle. Und er wollte. Ähnlich war es mit Chris – es ist wie ein Familientreffen!

Trev: Wir haben jetzt auch einen zweiten Gitarristen, Phil Legg – er kommt von einer Band namens SLUG, die in der Anarcho-Szene in London recht groß war. Er wurde uns von einem Freund empfohlen – und es passt! Es ist ein großer Vorteil, mit einer erfahrenen Mannschaft an den Start zu gehen – wenn sich eine Band erst finden muss, dauert das einfach seine Zeit. Wir können uns das sparen! Die erste Probe war cool.

„Es fühlt sich heute lebendiger und ehrlichen an, die Songs zu spielen, als vor 30 Jahren“

Ihr habt kurze Videos der Probe bei facebook veröffentlicht – wie war’s denn für euch, nach so vielen Jahren wieder zusammen im Proberaum zu stehen?

Steve: Es war seltsam, wir wussten erst nicht so recht, was zu tun sei. Wir haben beschlossen, einen Oldie zu spielen: „Hellstorm“. Und es war magisch – wir haben es fast perfekt hinbekommen beim ersten Mal. Wir haben uns angesehen und jeder war geflasht. Wir haben dann einfach den Rest des Albums drangehängt und alle Songs durchgezockt, es lief prima. Überraschend, wie schnell man nach Jahrzehnten wieder zusammenfinden kann. Trev und ich haben von Anfang an eines klar gestellt: Wenn wir uns im Proberaum müde und alt fühlen, oder wenn es sich anfühlt wie ein x-beliebiger Job, dann hören wir sofort wieder damit auf. Interessanterweise fühlt es sich heute lebendiger und ehrlichen an, die Songs zu spielen, als vor 30 Jahren! Vielleicht sind wir heute sogar in der Lage, den alten Songs eine neue Energie, einen Groove zu geben, den sie in den Achtzigern noch nicht hatten.

Trevor Speed und Steve Alton haben AXEGRINDER wiederbelebt – inzwischen ist auch der Original-Drummer wieder zur Band zurückgekehrt

Trev: Es gibt einen Riesenunterschied zu früher: Wenn du jung bist, konzentrierst du dich auf eine Sache und legst all deine Leidenschaft, all deine Energie dorthinein. Heute bin ich vielseitiger interessiert – der Horizont ist größer. Ich habe eine Familie, ich trage verantwortung für andere. Damals war AXEGRINDER für mich und Steve die Nummer 1 im Leben, danach kam lange nichts. Und wenn etwas schief ging, nahm man sich das extrem zu Herzen – das ist nicht gut für deinen Körper und deinen Geist. Heute ist das ganz anders – Dinge befruchten sich gegenseitig. AXEGRINDER ist wieder ein großer Teil meines Lebens geworden, worüber ich sehr glücklich bin. Aber die Band ist nicht mein einziger Lebensinhalt, ich bin viel unverkrampfter – die Balance stimmt jetzt.

Trotzdem, wie viel Druck spürt ihr jetzt?

Trev: Wir lieben die Band und alles drumherum, aber ich bin nicht nur auf sie fokussiert. Natürlich wollen wir unser Bestes geben, aber jeder von uns hat auch einen Ausgleich. Ehefrau, Kinder – ganz spießige Dinge!

Was erwartet die Fans bei euren Konzerten im Jahr 2018?

Steve: Oh, keine Ahnung! Wir wollen natürlich alle wegblasen. Es gibt nichts Schlimmeres, als Bands, die eigentlich nicht auf der Bühne stehen wollen – das Publikum merkt das sofort, wenn man nicht bei der Sache ist. Unsere Motivation ist, mehr als 100 Prozent zu geben.

Trev: Wir werden alles geben. Es gibt aber eine Unsicherheit: Wir wissen ja nicht, was uns erwartet, kommen 2 oder 200 Leute? Waren ja lange weg – das wird spannend.

Die Legende um das Londoner „Kardboard-House“

Habt ihr besondere Erinnerungen an Konzerte? Eine Legende ist der letzte AXEGRINDER-Gig in London mit ELECTRO HIPPIES – danach habt ihr euch getrennt. Ihr habt auch im Londoner „Kardboard-House“ gespielt – ein besetztes Gebäude, das damals zum Mittelpunkt der Crust-Szene wurde.

Steve: Wir haben 1989 in Bradford gespielt, bei einem Konzert mit vielen Peaceville-Bands, der „Peaceville Mischievous Night Party“ – das war vielleicht einer unserer intensivsten Gigs. Wir würden uns freuen, wenn wir das wiederholen können.

Trev: Wir werden immer wieder auf das Kardboard House angesprochen – es ist offenbar zu einer Crust-Legende geworden. Jeder, der nicht dabei war, weiß nicht, wie es war – aber alle reden davon. Wir sind nicht da, um eine Szene wiederzubeleben – sie ist noch da. Es wäre verdammt arrogant von uns, zu denken, dass nur wir alten Säcke wieder Leben in den Crust bringen könnten. Wir sind nur ein kleiner Teil davon.

Die Legende sagt auch, dass du vor dem Konzert deine Dreads abgeschnitten hast – Trev, was war damals los?

Trev: Oh, meine Haare habe ich am Morgen vor dem Gig abrasiert. Als ich vom Frisör nach Hause kam, wir wohnten damals alle zusammen, war Steve kurz sehr überrascht. Ich habe ihm gesagt, dass ich genug habe – und er antwortete: Ich bin froh, das zu hören, mir geht’s nämlich genauso. Von meinen Schultern fiel eine große Last. Das Konzert am Abend war unglaublich – es war der perfekte Abschluss. Was in dem Zusammenhang aber wichtig ist: Es gibt eine Menge Mythen, oder besser Geschichten, aus dieser Zeit – vieles davon ist über die Jahre gewachsen, jeder hat es ausgeschmückt. In Wirklichkeit war die Szene damals zu einer Parodie ihrer selbst verkommen: Es ging nur noch darum, wer die längsten Dreads hat, wer am schmutzigsten ist, wer am meisten Bier trinken kann. Die eigentliche Energie ging verloren. Wir haben uns nicht mehr wohlgefühlt.

Steve: Als ich Trev ohne Dreads sah und er mir sagte, er wolle AXEGRINDER verlassen, wurde mir klar, dass wir dasselbe fühlten. Ich hatte ja auch darüber nachgedacht, die Band zu verlassen – gleichzeitig haben wir neue Songs geschrieben und sogar schon einige Demos aufgenommen. Aber wir hatten unsere Richtung und unsere Leidenschaft verloren. Wir hatten den falschen Weg eingeschlagen. Die Erleichterung war grenzenlos, als wir es beendet haben. Der Gig war einer besten aus dieser Zeit – weil wir praktisch high waren, als wir auf die Bühne rausgingen. Wir wussten, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Hätten wir weitergemacht, hätten wir 30 Jahre später nie ein Album aufnehmen können – denn wir hätten uns gehasst.

Was ist mit den Songs von damals passiert? Sind sie auf „Satori“ zu hören? Oder landeten sie bei euren anderen Bands WARTECH oder FLESH?

Trev: „Return to Arcadia“ und „Requienthen“ sind die einzigen Songs, den es von damals noch gibt. und „Requienthen“ findest du auf dem Livealbum „Peaceville Mischievous Night Party“. Das Album wurde beim Konzert am 4. November 1989 in Bradford mitgeschnitten, vom gesamten Konzert gibt’s bei YouTube ein Bootleg, da ist auch „Return to Arcadia“ zu hören. Die Aufnahmen von damals sind verschollen – das ist gut so, denn im Studio hat nichts funktioniert.

„Satori“ – Das neue Album nach dreißig Jahren AXEGRINDER

Steve: Auf „Satori“ sind nur Sachen zu hören, die ich seit drei, vier Jahren mit mir herumtrage – nichts davon ist von unserem geplanten zweiten Album.

Das Albumcover ist ungewöhnlich. Der Albumtitel auch. Worum geht’s?

axegrinder-satori-coverSteve: Wir wollen nach AXEGRINDER klingen, das war unser Ziel. Gleichzeitig wollten wir auf gar keinen Fall einfach nur „Rise Of The Serpent Men“ kopieren. Dazu gehört auch, dass wir auf ein schwarz-weißes Klischee-Cover mit Schädeln oder Kriegsszenen verzichten müssen. Es ist nicht falsches daran, ein solches Cover zu verwenden, viele meiner Lieblingsbands tun das ständig. Aber für uns musste es etwas neues sein.
Es geht um so viel mehr auf diesem Album, es sind Protestsongs drauf, es geht aber auch um einen Ort in Norwegen, meine spirituelle Heimat. „Satori“, ein Wort aus dem Buddhismus, meint: Erleuchtung, Verständnis, Erweckung – es beschreibt, wo wir gerade stehen. Es geht um Gier, Macht, das alte Herrschaftsprinzip „Teile und Herrsche“ – es wird Hass gesät, weil das die Masse der Menschen schwächt. Liebe würde sie vereinen.

Soll das Album ein Weckruf sein?

Trev: Ja, irgendwie schon. Wir sind mit der zweiten Punkwelle groß geworden, wurden aus Bars geworfen, angespuckt und verachtet. Meinetwegen soll jeder leben wie er will – diese Intoleranz in unserer Welt ist unerträglich. Und sie wird immer schlimmer – gefördert von manchen Politkern. Ich denke, Hass ist nicht der richtige Weg. Vielleicht ist „Satori“ ein Hippie-Album – Steve sagte das neulichzu mir. Und er hat wohl recht, meine Lieblingsband CRASS war in gewisser Weise auch eine Hippieband.

Steve: sehr wütende Hippies!

Auf „Satori“ gibt es erstaunlich viele Melodien: „Satori“ „Under The Sun“ „Far From Home“ – da kann man ja fast mitpfeifen!

Trev: Wir haben das nicht bewusst gemacht, aber als wir die ersten Songs aufgenommen hatten, ruft mich Steve an und erzählte mir, dass er gerade unterwegs sei und einen der neuen Songs pfeife! Und mir gings genauso. Ich würde ja gerne hören, wie jemand versucht, eine Melodie von unserem ersten Album zu summen. Das geht nicht! 2018 funktioniert es.

Steve: Ich habe heute ein anderes Verständnis für Musik als der 20-Jährige, der 1986 daran interessiert war, möglichst schnell betrunken zu werden! Songwriting bedeutet für mich, dass ein guter Song eine Idee hat, die den Hörer einnimmt. Eine Hookline zum Beispiel. Viellicht kommen daher die Melodien.

Trev: Steve hat ein eigenes Studio. Das waren traumhafte Arbeitsbedingungen, denn wir hatten alle Zeit der Welt. Ich habe lange an den Texten gearbeitet – mindestens drei Monate, ich habe sie ein dutzend mal ungeschrieben und drei, viel Mal aufgenommen, bis die finale Albumversion stand.

„Satori“ ist ziemlich detailreich, in „Unthinkable“ gibt es ein Sample mit Gelächter, „Too Far From Home“ hat recht aufwändige Gesangsspuren…

Steve: Auch diese Details rühren daher, dass ich als Songwriter dazugelernt habe. Wenn du einen Song schreibst, versuchst du den Hörer auf eine Reise zu schicken – wie die Landschaft dort aussieht, bestimmst du. Dazu brauchst du Details, die Atmosphären aufbauen.

Trev: Meine Lieblingsalben funktionieren ähnlich, ANTISECTS „In Darkness There Is No Choise“ zum Beispiel. Da passiert viel, CRASS sind auch sehr detailverliebt. Fade-out-Vocals, Effekte und so weiter – ich mag das. Ich haben da ziemlich viel Arbeit reingelegt, weil wir etwas ähnliches erreichen wollten.

„Rain“ war die Vorab-Single, warum habt ihr euch für diesen Song entschieden?

Trev: Wir haben lange darüber nachgedacht, was der richtige Titel sein könnte. Eigentlich war „Unthinkable“ unsere erste Wahl. Aber dann wurde uns bewusst, dass unsere alten Fans wahrscheinlich lieber etwas hören wollen, dass mehr Ähnlichkeit mit den Songs von „Rise Of The Serpent Men“ hat. „Rain“ hat etwas von den alten und den neuen AXEGRINDER – also haben wir diesen Song genommen.

Steve: Wir lieben „Thinkable“, aber „Rain“ war die bessere Wahl.

Für Mich sind „Rain“ und „Halo“ die Verbindung zu eurem ersten Album. Die melodiösen Sachen sind neu – zusammengehalten wird aber alles auch von eurem unverkennbaren Sound.

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AXEGRINDER: Steve Alton und Trevor Speed

Steve: Jede Band sollte einen eigenen Sound definieren. Unser Sound lebt von Trevs Stimme und meinem Gitarrensound, den ich über Jahrzehnte kaum verändert habe. Das wollte ich auch beibehalten, als ich die neuen Songs geschrieben habe.

Trev: Ich werde nie ein großer Sänger sein, von daher war es für mich einfach. Auf „Satori“ sind vielleicht ein paar mehr Melodien, aber an meinem Gesang habe ich nichts verändert – das könnte ich auch gar nicht. Ich kenne meine Grenzen. Ich muss also bei AXEGRINDER bleiben.

Steve: Ich habe ja auch nach AXEGRINDER Musik gemacht, aber mein Sound war immer gleich. Chris Allen hat das Album als Sessiondrummer eingespielt, er ist verdammt gut. Wir hatten schnell einen guten Draht zueinander.

Trev: Es war einfach, Chris sagte uns, dass er KILLING JOKE liebt. Das sind die magischen Worte, mit denen man uns rumkriegt. KILLING JOKE sind fantastisch. Als wir das Album aufgenommen haben, haben wir keine anderen Bands angehört – wir wollten uns nicht ablenken oder beeinflussen lassen. Trotzdem bist du nie ganz frei, beim Aufnehmen fallen Sätze wie „lass uns den KILLINGJOKE-Part nochmal einbauen“ oder „Das klingt wie AMEBIX.“ Wir lieben AMEBIX, nebenbei bemerkt. Du hast also doch immer ein paar Parallelen, aber wir wollten so gut es geht frei im Kopf sein.

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...